subject: FreiMo
Liebe Malou
Ich glaube, bei uns ist jetzt der Sommer gekommen. Das muss man sagen,
nachdem er sich schon im April angekündigt hatte. Das Wetter ist zwar
ziemlich feucht. Es gibt Morgendunst. Aber die Tauben fliegen schon
ihre Runden über die Dächer der kleinen Stadt. Wahrscheinlich pfeifen
sie dazu die Internationale? Oder vielleicht doch eher irgend einen
alten Ohrenwurm von den ABBAs?
Im Strassencafè gegenüber sind die Tische schon frühmorgens bereit und
mit roten Tüchern bedeckt. Sie stehen bereit für die Kundschaft. Aber
natürlich sitzt noch niemand herum und schlürft Tee oder Latte
macchiato. Es ist doch noch etwas zu früh um 8h am Morgen. Vielleicht
um 9h werden die ersten Leute sich niederlassen. Ich sehe sie nicht
genau, weil die Bäume, die in einer Reihe vorne dran stehen, mir die
Sicht verhindern. Das ist vielleicht auch besser so, weil ich sonst ja
bloss die ganze Zeit dort unten die sozialen Verhältnisse von L
studieren würde.
Ja, es ist schön, dass du auch singst Malou. Ich finde, wenn man es
nicht spontanerweise tut, sollte man sich dazu ein bisschen
überwinden. Ich glaube, früher haben Menschen mehr Melodien gefpiffen
und gesungen. Man pflegte zu sagen, dass ein normaler Pariser
Austräger jede Menge Opernarien von Anfang bis Ende zu pfeifen vermag.
Vielleicht macht die moderne Pop-Musik die Menschen unmusikalisch, dh.
zu passiven Konsumenten. Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, ab und
zu zu singen. Das hatte ich mir schon vor 2 oder 3 Jahren gesagt. Es
ist ein gutes Mittel zur Entspannung. Und es hat etwas Autoerotisches
an sich, nicht?
Hast du auch eine solche Tracht, wie sie die schwedische Königin
trägt? Oder vielleicht eine, wie sie die Prinzessin hat? Ich muss ein
bisschen lachen bei dieser Frage. Als ich etwa 12 oder 13 Jahr, hatte
ich mal einen Mann sagen hören: Nichts kleidet eine Frau so gut wie
die Tracht! Das hat mich unendlich beeindruckt. 1. Die Formulierung
"kleidet". Ich hatte den Eindruck, dass doch nicht ES kleidet, sondern
die Frau kleidet sich selbst. 2. Dass eine Tracht das tun soll, das
habe ich überhaupt nicht verstanden. 3. Und dazu noch, dass Frauen
mehr oder weniger gut gekleidet sein können. War mir bisher kaum
aufgefallen. 4. Und last but not least, dass dieser Vater einer meiner
Feundinnen eine so konservative, altmodische Bemerkung machen konnte,
das fand ich doch sehr bemerkenswert. Deshalb meine Frage Malou, wo
hast du deine Tracht aufgehängt? Im Kleiderschrank oder im Estrich?
Trägst du am 6.6. eine spezielle Kleidung? Übrigens gibt es natürlich
auch in der Schweiz solche Trachten, sehr unterschiedliche je nach
Kanton. Und man sagt, sie seien sehr teuer. Sie werden von den Müttern
auf die Töchter vererbt. Und natürlich haben Mütter in der Regel
doppelten Umfang von dem ihrer Töchter. Im Wallis sind sie meist
schwarz. Sie unterscheiden sich von Tal zu Tal. Gemeinsam ist ihnen
vielleicht die Ähnlichkeit des Hütchens. Es schaut wie eine
Pralinen-Schachtel aus, eine steife Konstruktion mit vier seiten, oben
ein kleines Türmchen, wenn ich mich nicht irre. Ich schicke dir mal
ein Bild, wenn ich sowas im Internet finde.
Jetzt wünsche ich dir einen schönen, sonnigen Tag.
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