Dienstag, 17. Januar 2012

die Alpen - ein Reisegrund

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                                                                                   Foto: Chris

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Auf dem gegenüberliegenden Dach sind zwei Tauben. Die eine steht ziemlich still und schaut auf unsere geschäftigen Strassen herunter. Sie wirkt sehr gelassen und erhaben über all dem Getue. Und die andere Taube dreht sich, wippt mit dem Kopf auf und ab, macht einen echten Tanz zuoberst auf dem Dachgiebel, so dass einem Angst und Bange wird, sie könnte das Gleichgewicht verlieren und herunterfallen. Sie ist wirklich ständig in Bewegung, und man hat den Eindruck, sie sei wirklich ein bisschen in einem Wahn.
Natürlich, es muss der Liebeswahn sein. Und es ist auch nicht schwierig zu erraten, welches von beiden das Männchen und welches das Weibchen sei. Ich erinnere mich an die Antwort, die Anna gegeben hatte. Ist die Natur nicht komisch eingerichtet. Sie ist nicht nur grausam, sie ist auch urkomisch. Aber sie ist auch sehr schön, auf der anderen Seite. Und weil wir selbst auch teilhaben an dieser Natur, so finden wir das Naturschöne besonders schön und die hohen Berge besonders erhaben. Das war nicht immer so, noch im 17. Und 18. Jahrhundert wurden die Alpen als hässliche, formlose und Angst einflössende Gesteinsmassen wahrgenommen. Die Reisenden im 17. Jahrhundert wollten die Schweizer Alpen möglichst schnell hinter sich lassen. Der Reiseboom ins Gebirge kam erst im 18. Jahrhundert und Grund von Prozessen und Verschiebungen in der Wahrnehmung der Berge. Im Zeitalter der Aufklärung galten die Alpenlandschaften, dh. die als unberührt gesehene in der Höhe gelegene Natur, als Ort moralischer Reinheit. Damals brauchte es noch Pioniergeist, in die Alpen zu fahren, denn die Reiseumstände waren alles andere als kompfortabel. Goethe reiste 1779 zum zweiten Male durch die Schweiz. Es war nicht zuletzt auch eine Leistung der Maler, zB Turner oder Wolf, die Berge in Bildern dargestellt und so verewigt zu haben. Und später kamen die Engländer, allen voran Königin Viktoria, die die Schweiz als Reise und Bergsteigerland entdeckten. Die armen Schweizerbauern in den Bergen waren froh, eine kleine Nebenbeschäftigung zu haben, indem sie die Touristen auf ihren Kuhwagen in der Gegend herumführten. Siehst du, Marlena, sogar das könnte ein Reisegrund sein, die Schweiz mit ihren schönen Landschaften, mit ihren Bergen, mit Rilke und mit unseren Nationalhelden Frisch und Dürrenmatt. Du könntest das ganze ja geradezu als Studienreise begründen und von der Schule finanziern lassen. Wäre doch kein Problem. Und dann würden wir zusammen nach Solothurn zu Bichsel fahren und nach Tante Gunilla fragen.
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Montag, 16. Januar 2012

romantische Malerei

J.M.W. Turner - Die Teufelsbrücke St. Gotthard

Subject: Re: Nur drei Worte... (shorthand ?)


Liebste
Ein schönes Gute-Nacht-Mail hast du mir geschickt. Ich habe es jetzt gerade, zu meinem Morgenkaffee gelesen. Und es ist sehr lieb und schön, und ich hätte auf einem so süssen Kissen wunderbar geschlafen. In Wirklichkeit konnte ich nicht sonderlich gut einschlafen, bin nochmals aufgestanden und habe in einem Buch herumgeblättert: romantische Malerei in Deutschland, Dresdener Schule, Caspar Friedrich. Die phänomenale und einmanlige, fast einzelgängerische Malerei von Turner, der bekanntlich auch in den Schweizer Alpen schöne Sachen gemalt hat. Damals, anfang des 19. Jahrunderts haben die Engländer die Alpen entdeckt und haben angefangen, zu uns in die Ferien zu fahren und Bob Rennen zu veranstalten und Skifahren und so fort. Es waren die Engländer, die die Schweiz als Touristenland entdeckt haben. Vorher waren wir wohl mausarm und abgelegenste Provinz. Mit der Naturschönheit und der Erhabenheit sind neue Dimensionen in die Ästhetik gelangt. Das Schöne und das Erhabene, das einen kleinen ästhetischen Schauder erzeugt, sind die beiden Dimensionen. Wir haben auch einen schönen Schweizer Bergmaler der Romantik, das ist Wolf. Er malt die Berge mit soviel schöner Haltung und mit einer Leichtigkeit, dass man immer wieder erstaunt ist. So wie er möchte ich gerne malen könnte, obwohl das heute ja wohl nicht mehr ganz modern wäre.
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Sonntag, 15. Januar 2012

nicht Rom.. (dieser Pedant)

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Heute muss ich endlich meinen Artikel abschicken. Der Redaktor wird toben. Er wird mich vierteilen und in den Rhein werfen. Ich bin eine ganze Woche zu spät. Aber er ist selbst schuld, dieser fiese Pedant. Er wollte es nicht anders. Wenigstens hoffe ich, dass mein Text gut ankommt. Ich bekomme ja sonst nichts ausser die Ehre, ihn in diesem Bulletin veröffentlichen zu können. Aber ich habe schon einiges gelernt bei der Niederschrift. Es ist einfach doch gut, wenn man ein defintives Endprodukt produzieren muss, auf einen Punkt hin zu arbeiten, das bringt Vorteile. So weiss ich jetzt alles über Familie und ich weiss, dass Du Marlena, in einer Shuttle-Beziehung lebst und dass das nichts völlig Fremdes ist, sondern dass es so häufig vorkommt, so dass - wie gesagt - schon ein Name dafür besteht. Ich muss noch meine Zeichnungen platzieren. Und er will eine Legende unter die Zeichnungen, obwohl das ja nur Assoziationen sind, und nicht Tabellen oder informative Bilder. Er ist echt pedantisch. Er scheint mir ein blutarmer Wissenschafter, der kaum mehr hinter seinem Papier hervorsieht. Aber ich will jetzt nicht mehr länger herumtrödeln, heute Nachmittag werde ich eine Diskette erstellen und abschicken. So wahr mir Gott helfe! (es macht mich schon ganz müde, wenn ich daran denke).
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Samstag, 14. Januar 2012

nicht Rom ... (kleine Diplomatin)

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Siehst du, ich denke immer, Gymnasiasten sollten sich so spät wie möglich verlieben. Verliebtsein braucht soviel Energie und Zeit, die alle von den Studien und den Bildungsprozessen abgehen. Man sollte diese erotische Energie für das eigene Studium brauchen und nutzen können. Die Liebe ist eine enorme Ablenkung. B  macht es zwar nicht schlecht. Sie arbeitet hart für die Schule und teilt sich ihre Zeit gut ein, damit sie dann auch die Erlaubnis bekommt, abends ihren Freund zu sehen. Bei ihrem ersten Freund habe ich ihr einmal die Erlaubnis gegeben, ihn zu besuchen, "wenn es sie später zum Lernen beflügle". Und nun argumentiert sie immer, dass die Liebe sie zum Lernen beflügle. Sie hat mindestens diese Metalektion schnell gelernt, dh. sie hat rasch kapiert, welche Argumente man dem Vater unter die Nase reiben muss. Sie ist ziemlich schlau, unsere B. Wenn sie etwas will, dann merkt man das - falls man es denn merkt - lange voraus. Sie bereitet das Terrain vor. Sie erzählt dir all die schönen und guten Dinge, die du von einer Tochter hören möchtest. Sie erzählt, wie hart sie arbeite, wie gut die Noten sind, wie die Lehrer sie gelobt hätten und wie andere sie bedauerten, dass sie immer zuhause sitze und arbeite und sich selbst kein Vergnügen leiste. Und schliesslich kommt die entscheidende Frage, ob sie ihr Sackgeld haben könnte, ob sie abends weg dürfe oder was immer. Die B ist echt eine kleine Diplomatin. Die A ist anders, sie geht kopfvoran auf den Punkt los. So sind die Kinder verschieden.
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Heute muss ich endlich ...

Freitag, 13. Januar 2012

nicht Rom

Subject: lent et douleureux
Date: Mon, 29 May 2000 11:03:55 GMT

Liebe Marlena
Weißt du, Marlena, ein wenig bin ich schon erschrocken, als ich heute Morgen meine Ursuppe wieder durchgelesen habe. Es ist sehr tagebuchartig provisorisch vorbewusst, es ist traumähnlich, oder alles so rauschartig wie nach einer Flasche Dôle, die du mir ja nun nicht direkt verboten, aber doch moralisch kontigentiert hast, mein liebes Muttchen (so würde ungefähr Kästner zu seiner Mama sagen). Ich will mir Mühe geben, ein bisschen mehr Ordnung in meine Texte zu bringen, so dass man vielleicht einigermassen verstehen könnte. Es tut mir leid, ich fürchte, du verdirbst dir bei mir noch dein schönes Deutsch. Und das wäre nun wirklich sünd und schade.
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Du bist wohl im Moment schwer beschäftigt mit den Tests und den Schlussnoten und all den Dingen, die vor den grossen Ferien liegen. Und dann wirst du bald packen müssen für deine Sommerferien. Hast du mir schon gesagt, wohin ihr in Italien fahrt. Habe ich es vergessen? Das kann ich mir fast nicht vorstellen. Ich glaube, du hast nichts genaueres gesagt. Nur, dass es nicht Rom ist, das habe ich erleichtert mitbekommen.
Ich bin noch hin- und hergerissen. Eigentlich habe ich mich schon in die Bereitschaft gebracht, mich mit Rom zu beschäftigen. Ich habe schon die Bücher im Büro und könnte zwischendurch oder an Samstagen anfangen, mich damit zu beschäftigen. Aber dann denke ich, allein möchte ich nicht nach Rom fahren. Die Wirklichkeit an einem Traum zu messen, das kann für die Wirklichkeit nur schlimm herauskommen. Allein könnte ich vielleicht nach Amerika, nach Portugal, nach Pudapest. Ach, ich weiss noch nicht. Ich glaube, im Moment sollte ich mich ein bisschen auf Persien vorbereiten. Der Dumont liegt längst zuhause bereit. Und wenn ich nicht sosehr mit meiner Marlena beschäftigt wäre, hätte ich schon lange damit angefangen.
Siehst du, ich denke immer, Gymnasiasten sollten ...

Mittwoch, 11. Januar 2012

Liebesnacht

Ämne: Rilke (3)
Datum: den 7 februari 2004 14:49


Liebesnacht


...denn die Zeit ist eingestürzt.

Die Turmstube ist dunkel.
Aber sie leuchten sich ins Gesicht mit ihrem Lächeln. Sie tasten vor
sich her wie Blinde und finden den Andern wie eine Tür. Fast wie
Kinder, die sich vor der Nacht ängstigen, drängen sie sich in einander
ein. Und doch fürchten sie sich nicht. Da ist nichts, was gegen sie
wäre: kein Gestern, kein Morgen; denn die Zeit ist eingestürzt. Und
sie blühen aus ihren Trümmern.
Er fragt nicht: »Dein Gemahl?«
Sie fragt nicht: »Dein Namen?«
Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.
Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder
abnehmen, leise, wie man einen Ohrring abnimmt.

Aus der Dichtung «Cornet»

Here again ...

Ämne : Re: Here again and again
Datum : Mon, 07 Jan 2002 21:19:17 +0000

Lieber ...,

Ich wünsche es wäre again and again.. Ich weiss es ist dumm, denn ich suche ein mail von dir obwohl ich noch nicht geschrieben habe. Als ob du wissen könntest ...
Es ist lieb von dir dass du mir Mut zuredest. Und natürlich werde ich gern deine Ratschläge befolgen... musst mir nur etwas näher erklären wie ich das machen soll.

Ein Glück dass du mich nicht sehen kannst. Ich fühle mich im Moment wie unsere Issi aussieht. Sitze hier in eine dicke Decke gehüllt vor dem PC. Ich suche dauernd Wärme. Am liebsten würde ich dieses Badewannenjahr in der Badewanne verbringen. Dort fühle ich mich am wohlsten.

Heute war der erste Schultag und meine Montage sind lang und anstrengend. Vielleicht habe ich eine Erkältung erwischt. Sowas geht ja doch ziemlich schnell vorüber. Es ist wieder warm draussen für die Jahreszeit aber sehr glatt. Die Leute brechen sich Arme und Beine und die Kliniken sind vollbelegt.

Danke auch für den Artikel über Simone de B. Ein wenig habe ich schon davon verstanden aber einiges war wie chinesisch. Aber sie ist "auf der Tapete" wie wir sagen. Wahrscheinlich nach dem Film den man über sie gemacht hat und wo ihre nahen Verwandten von ihrem Leben erzählen.
Eigentlich finde ich nicht dass ihr Leben richtig zu ihrem Aussehen passt. Sie sieht doch wirklich irgendwie sehr prächtig aus... es fällt mir schwer sie mit einer grossen Leidenschaft zu verbinden. In dem Buch das ich lese duzt sie nicht Sartre. Ich nehme an es müssen die beiden sein. Es würde mich schon interessieren wie sie ihrem geliebten (?) Sartre geschrieben hat. Hast du es gelesen?
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Ich muss ins Bett damit ich wenigstens morgen ausgeschlafen bin.
Ich schreibe dir ein längeres mail nächstes Mal..

Lass es dir gut gehn,...!
Mit einem lieben Gruss
Marlena