Freitag, 4. November 2011

Lucian Freuds Bilder

Liebe Marlena
...
Ich habe kürzlich ein Bildband gekauft über Lucian Freud. Vielleicht
hast du von ihm gehört. Er ist ein Enkel des berühmten Sigmund Freud,
lebt in England, und hat sich einen Namen als Porträtmaler gemacht.
Und dabei macht er seinem Grossväterchen grosse Ehre. Er malt seine
Figuren so nackt, wie man sie kaum je gesehen hat. Das Fleisch springt
einem aus den Bildern derart entgegen, wie es bloss noch bei Sigmund
aus seiner Psychoanalyse geschehen ist. Die Gemälde haben etwas
Schockierendes an sich. Sie versetzen den Zuschauer in die Rolle des
vorwitzigen Voyeuristen, weil die Modelle derart offen daliegen.
Vielleicht ist es das erste Mal, dass auch Männer sich derart exponieren
und ihre Dinger zeigen, wie man das noch niemals auf Bildern gesehen
hat. Im ersten Moment wirkt es widerlich. Bei weiblichen Figuren sind
wir das mehr gewohnt, denn da führt die Malerei eine lange Tradition
fort. Aber das Männer derart die Beine spreizen, das ist unerhört,oder
besser unersehen (kein gängiges deutsches Wort). Ich glaube, zur Zeit
hat Freud eine grosse Ausstellung in der Tate in London. Und einen
Moment lang hatte ich mit dem Gedanken gespielt, nach London zu
fliegen, um das anzuschauen. Vielleicht findest Du im Internet ein
oder zwei Beispiele von diesem Maler.
Ist er nicht gerade 80 geworden?
*
Oktober 2002

S.O.S

Ämne: Re: S.O.S
Datum: den 31 oktober  20:24


Liebste Marelna
Ich könnte Deinen Schutz doch sehr gut brauchen. Ich bin wieder krank. Heute war ich beim Arzt. Er sagt, vor nächsten Montag soll ich auf keinen Fall anfangen zu arbeiten.
Ich habe etwas Frostfieber, Ohrenschmerzen, Husten wie eine Jagdhundemeute und Durst wie eine Herde Walliser Braunvieh.
Habe Geduld Wenn ich kann, schreibe ich wieder.
Mit einem lieben Gruss

Donnerstag, 3. November 2011

"Die Himmelstür zum Cyberspace"

Subject: Re: ne me quitte pas ...
Date: Sat, 30 Sep 2000 07:59:40 GMT

Liebe Marlena
Gerade war ich auf der Post und habe den Brief abgegeben, denn ich wusste nicht, mit welchem Wert ich ihn frankieren sollte. Wir können jetzt sehen, wie lange es dauert. Denn wenn ich mal in Not sein sollte, muss ich genau wissen, wie lange es dauern wird, bis ich Marlenas Hilfe anfordern könnte. ...
*
Ich habe gerade ein interessantes Buch gefunden, das zu lesen ich angefangen habe. Es heisst "Die Himmelstür zum Cyberspace" von einer amerikanischen Wissenschaftsjournalistin namens Margaret Wertheim. Ich bin noch nicht so weit in der Lektüre, aber man kann alles nachlesen, was wir beide schon diskutiert haben über Platonismus, den klassischen Dualismus von Körper und Geist, den Cyberspace als die RES COGITANS Descartes' und viele ähnliche Dinge, inklusive alles, was mit dem Symbol eines Turmes assoziiert sein könnte. Ich glaube, Marlena, wir haben unsere imaginären Bedingungen gar nicht so schlecht durchschaut. Und darüber können wir doch ein wenig stolz sein.
Solche Fragen der modernen Medien, und wie sie unser Weltbild verändern können, das interessiert mich mehr als die technischen Fragen des EDV-Systems. Doch natürlich muss ich zugeben, dass ich oft bei Diskussionen schweigen muss, und dass ich in vielen kleinen Situationen des Alltages ein wenig hilflos sein kann.
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Ich kenne Jacques Brel, doch ich habe keine CD von ihm. Ich höre diese Musik vor allem, wenn wir über Weihnachten die Wohnung P und M haben, dann kann ich sie stundenlang hören und mich den Gedanken hingeben. M hat viele von diesen alten Platten.Und ich liebe sie besonders dort in .., wo ja auch sonst die Atmosphäre ein wenig französischer ist als hier. Sie ist oft voller Poesie, wie Du sagst.

Ich wünsche dir und Deiner Familie ein schönes Wochenende. Hier ist es noch ziemlich mild. Doch der Himmel ist bedeckt. Und nächste Woche soll es kühler werden. Wir werden sehen. Dann können wir "wachen, lesen, lange Briefe schreiben, und (..) in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben". Aber nicht zu unruhig.
Mit einem schönen Kuss für Dich
...

eine Geliebte?

Pygmalion und andere Metamorphosen
Sat, 27 May 2000 20:48:39 GMT


Liebste blutrote Marlena
Die Farbe gefällt mir sehr. Da ist was dran, das glüht von innen. Da ist Substanz, auch Kraft und Wärme. Ich finde es ist wunderschön, blutrot, und wenn man dich als blonde Schwedin so anschaut, würde man es vielleicht nicht ahnen. Aber ein bisschen sieht man es schon. ...
*
Deine Frage, ob ich eine Geliebte hätte, hat mich noch den ganzen Tag begleitet. Die Frage hat mich gerührt, weil sie mir zeigt, dass du viele Gefühle für mich hast. Nur dann wird eine solche Frage fällig. Und ein bisschen musstest du dich auch überwinden, es zu fragen. Verstehe ich. Vielleicht auch aus Angst vor der Antwort? Und die Frage hat mich ganz nah zu dir gerückt. So etwas fragt mich nur meine Geliebte oder meine Frau. Was würde ich wohl sagen, wenn S. mich fragen würde. Sie merkt schon was, wenn ich auch in letzter Zeit etwas fröhlicher und aufgeräumter geworden bin zu Hause.
Aber die Frage hat mich noch in einem anderen Sinn beschäftigt. Und zwar so: ich selbst hätte dir niemals im Leben eine solche Frage gestellt. Wenn ich all die schönen Worte und die Liebesgedichte und deine gefühlvollen Sätze mir durch den Kopf gehen lasse, so denke ich, es ist einfach unmöglich, dass du einen Geliebten daneben hast. Und wenn du ihn hättest, so würdest du mir nicht auf diese Art schreiben.
Und so habe ich mir gedacht, wie kannst du denn an mir zweifeln? Meinst du denn, meine Worte sind nur gespielt? Denkst du, ich könne am nächsten Tag dieselben Wort zu einer anderen Frau sagen? Wirken denn meine Worte nicht echt, dass du daran zweifelst. Denkst du denn, ich würde so lange Mails schreiben einfach so dahin, vielleicht daneben noch für andere (ach, ich könnte sie ja kopieren und nur den Namen wechseln!). Ich verwende wirklich sehr viel Zeit, noch mehr als am Anfang, mit dir, meine Liebe. Und daneben habe ich einen Chefjob, wo man etwas mehr als bloss 8,5 Stunden arbeiten sollte. Und dann ist da noch eine Familie. Und ich habe knappe 24 Stunden pro Tag zur Verfügung. Wie stellst du dir vor, eine Geliebte daneben. Ich bin doch kein professionelller Dandy. Vielleicht ein Casanova, der sich nie satt bekommt. Ach, wie du unsicher sein kannst, ist so rührend und so erstaunlich in einem. Das hat mich echt ein bisschen erschüttert. Und ich habe es ins Kapitel Geschlechterrollen gelegt. Ich meine damit, bei den Männern hält man es für möglich, dass sie mehrere Geliebte haben können, bei den Frauen glaubt man das weniger. Und deshalb wolltest du vielleicht sicher gehen und einfach fragen. Oder vielleicht war deine Frage nur ein Zeichen unserer Intimität. Und wenn es eine solche Frage war, dann umarme ich dich, dass dir die Frage nie mehr aufkommen wird. Ich würde sogar weiter gehen, als bloss umarmen, meine Liebe. Ich würde dann wirklich untreu werden. Und ich stelle mir jetzt das blutrote Feuer dabei vor. Weißt du, meine Liebe, manchmal, wenn ich deine Mails lese, ...
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So weißt du nun, dass du meine einzige und grosse Geliebte bist. Und damit du sicher bleibst, schreib es irgendwo auf, vielleicht an die Decke? Oder auf die Hinterseite des Pragerbildes? Oder ganz einfach in dein Herz! Weshalb denkst du denn, wollte ich dich unbedingt sehen? Ich wollte bloss wissen, ob ich hier meine Gefühle nicht auf was Falsches verwende.
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Ich wünsche meiner blutroten Geliebten einen wunderfollen Muttertag, das wünsche ich ihr von Herzen
K
U
S
S
...

Mittwoch, 2. November 2011

romatisches Programm - Novalis

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Liebe Marlena
...

Gerade habe ich einen Artikel über Novalis gelesen. Ich würde wetten, dass Du ihn kennst. Der Exponent der Romantik und der Taufpate Deines eigenen Denkens. Es gibt ja auch dieses berühmte Abbild, wo er aussieht wie ein Mädchen, mit einem feinen Gesicht und süssen Lippen. Novalis, der in seinen "Hymnen an die Nacht" und dem unvollendeten Roman "Heinrich von Ofterdingen" die Romantik inkarniert hat. Romantik, das ist die erste Avantgardebewegung. Novalis ist der Dichter der Romantik schlechthin.
In seinen "Blütenstaub"-Fragmenten schreibt er, und da spricht er Marlena aus dem Herzen:

"Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft".

Ja ich finde in diesem ausgezeichneten Artikel von Bohrer sogar ein romantisches Programm, was ich in den letzten paar Jahren immer gesucht habe.

 "Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Anschein gebe so romantisiere ich es".

Das ist, kurz gesagt, Werbung. In den letzten Jahren hatte ich immer stärker den Eindruck, die Romantik sei eine besonders starke Bewegung der Moderne. Vor allem auch in der Psychologie spielt sie eine wichtige Rolle. Aber ich hatte darüber nur ein diffuses Gefühl, keine wirklichen Informationen. Nur da und dort, da ich etwas gelesen habe, hat sich mir die These erhärtet.

Bohrer ist Professor für deutsche Literatur und Spezialist für Romantik, soviel ich weiss. Ich habe zwei Bücher von ihm, aber ich habe etwas Mühe, sie zu lesen, denn sie sind ziemlich komplex.

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So, meine liebe Marlena, ich hoffe, dass Du meine Mails doch noch erhalten hast ...

Mit einem lieben Gruss
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Dienstag, 1. November 2011

Bosheit



Subject: Bosheit
Date: Mon, 03 Nov 2003 17:46:36 +0100

Lieber ...,

So bin ich nochmals bei dir. N. hat angerufen und ihre Telefongespräche werden manchmal sehr lang. Nun ja, sie muss mit jemanden sprechen über ihre jetzigen Probleme. Ihr Freund (Geliebter?) befindet sich im Moment in einer Saufperiode und sie hat Angst, dass es mit dem Tode enden kann. Und es ist ein Unbeschreibliches hin- und her, das ich dir ersparen möchte. Sie tut mir wirklich sehr leid.

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Ich bin eigentlich nicht sehr gut gelaunt. Glaube es hat damit zu tun, dass ich eine Weile neben unserem Direktor gesessen habe. (Barbies Ken, wie ich ihn sehe) Nicht, dass etwas gesagt oder passiert wäre, auf das man hinweisen könnte. Im Gegenteil habe ich mich gut mit der jungen Spanischlehrerin (eine junge dunkelhäutige Schönheit aus Südamerika) über den Mittwoch unterhalten, wo wir Gastgeber waren für die Sprachlehrer der Grundschulen der Region.( Mit Grundschule, meine ich hier die drei letzten Jahre vor dem Gymnasium, wo die Schüler 13 - 16 Jahre alt sind, und wo sie mit einer neuen Fremdsprache beginnen.) Wir haben uns gratuliert zu dem Tag, weil er gut ausgefallen ist und unsere Gäste ihn als sehr gut und wichtig bewertet haben. 9,5 auf einer Skala von 1-10.
Und warum ärgere ich mich dann so über diesen Direktor? Weil er ganz unmöglich dumm ist. Weil er sich über Dinge äussert, von denen er keine Ahnung hat ... Oh Gott, ich muss aufhören. Ich glaube du verstehst mich sowieso. G und A haben übrigens auch abgesagt, die Stunden von H zu übernehmen. Denk dir nur: H kommt am Mittwoch nachmittag und sagt zum Direktor, dass er nun 1½ Monate lang mehr mit Politik arbeiten wird und nicht seine Deutschstunden machen kann. Aber es kann dich nicht interessieren. Ich schreibe es ja auch nur um mich ein bisschen abzureagieren. Darf ich das an dir tun??? :-)
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Ich habe gestern noch das Programm über Georg Klein gesehen. Es war sehr persönlich und ich habe wieder daran gedacht, wie einfach sich die wirklich grossen Leute ausdrücken. Ich meine, es gibt viele halbgebildete, die immer mit Hilfe der Sprache ihr niedriges Niveau zu tarnen versuchen. Besonders im öffentlichen Leben findet man sie. Und man bemerkt dabei auch, wie sie ständig die neuesten Modewörter im Mund tragen. Klugscheisser, glaube ich nennst du sie.

Georg Klein arbeitet mit Forschung und wissenschaftlichen Dingen und als Gegenpol dazu liebt er Poesi und die Natur. Er sprach von seinen jungen Jahren als ungarischer Jude, der in Gefangenschaft geriet und als er einmal bei einem Marsch zur Arbeit fast am umfallen war, kamen ihm plötzlich ein paar Verse aus einem Rilkegedicht in den Sinn. Er zitierte sie auf deutsch.. Und durch diese Zeilen bekam er wieder Kraft weiterzugehen. Er glaubt nicht an Gott. Er ist überzeugter Atheist, der meint dass wir wieder in den Kreislauf eingehen werden, wie alle anderen biologischen Wesen. Manchmal denke ich wie er, aber ich hoffe doch dass ich mich irre.
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"Ondskan" ist der Titel des Buches und auch des Filmes von denen ich dir geschrieben habe. Bedeutet "die Bosheit". Auf Englisch "evil" . Hattest du was von einem schwedischen Schriftsteller gelesen? Ich glaube ich muss mir was von Lisa Marklund vornehmen. Sie hat nämlich die Leute oben in Norrland verärgert, indem sie gewisse Dinge bei Namen genannt hat. Das möchte ich gern sehen.

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Ich werde mir nun etwas zu essen machen und dann meine Stunden für morgen vorbereiten.
So sage ich dir guten Abend.. oder auch guten Morgen,
Mit einem lieben Gruss
Marlena

Blick durchs Fenster

"Die Blätter fallen ... "
.. nicht mehr