Mittwoch, 8. Juni 2011

meine Hochzeit in Teheran

Melancholia (Fortsetzung)
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Habe ich dir erzählt, dass wir musulmanisch geheiratet haben. Also, das muss ich dir zum Schluss noch rasch erzählen:
Ich weilte als junger Student in Persien. Und wir entschieden uns, zu heiraten, damit S. überhaupt nach Europa kommen konnte. Ich wollte eine ganz einfache Geschichte. Damals war die Zeit der 68er, der studentischen Formlosigkeiten. Ich hätte auf einer Parkbank heiraten können, oder in einer Waldlichtung. S's Eltern gaben aber zu bedenken, dass man schon ein paar Verwandte einladen sollte. Ich war mit "ein paar" einverstanden. Und dann begann die Schwiegermutter, eine Liste zu schreiben. Das dauerte mehrere Tage, kannst du dir vorstellen. Es waren schlussendlich mindestens 100 Personen, die sie einluden, zumindest für den zweiten Teil in einem Hotel Teherans. Zuhause war nur die nähere Familie zugelassen, doch das waren auch um die 50 Leute. Der Mullah, der persische Geistliche redete und redete, und ich sass da wie ein Zuschauer. Einzig ein deutscher Experte, der damals in der Uno in Teheran arbeitet, war mit seiner deutschen Frau dabei. Es waren die einzigen, denen ich in dieser orientalischen Atmosphäre zuzwinkern konnte. Ab und zu musste ich irgendwo unterschreiben. Der Mullah hat mich dann in Englisch kurz angesprochen. Und anschliessend haben die vielen Tanten und Kusinen von S. Reis über uns zerstreut, was uns Fruchtbarkeit bringen sollte, und haben mit vier Farben Garn in einem Tuch genäht, was den Mund der Schwiegermutter schliessen sollte, und haben zwei Zuckerstöcke aneinander gerieben, was unsere Ehe versüssen sollte, und alle haben gelacht und Spässe geäussert. Nur ich habe kaum ein Wort verstanden.
Das war meine Hochzeit. Ein Schwager Svon S., der Fotograf Faramars, hat unendlich viele Fotos geknipst und Videos gedreht. Und die persischen Frauen sind mit ihren tiefen Décoltées und ihren schwarzen Frisuren, dunkeln Augen mit langen Wimpern wie himmlische Wesen aus 1001 Nacht herumgeschwebt. Und wir mussten den Kuchen schneiden und meine Frau hat die Gabel in meinem Munde stecken lassen und alle haben sich amüsiert. Und ich stand da mit der Gabel im Mund.
Einige Tage musste ich zum Mohammedanismus übertreten. Aber ich habe das nur mit einem Bein gemacht. Auf jeden Fall habe ich mich nicht beschneiden lassen, das denn doch nicht. Soweit ist meine Liebe nicht gegangen. Der Übertritt war sehr einfach und sehr formlos, zuhause, bei einer prächtigen Wassermelone und in Anwesenheit eines Mullahs wiederum. Er hat mich gefragt, ob ich wirklich daran glaube, oder ob ich bloss so tue, damit ich heiraten könne. Und ich habe minutenlang mit S. diskutiert, was ich ihm denn sagen solle, denn eigentlich habe ich nicht daran geglaubt und wollte es ihm auch so sagen. Aber das wäre in Persien natürlich völlig deplaziert gewesen. So ehrlich sind die Perser nicht. Für sie ist die Realität immer interpretationsfähig. Sie hätten vielleicht gesagt "er ist auf dem guten Weg" oder vielleicht "im Moment steht er Allah sehr nahe", damit der Mullah die Version hätte annehmen können, die er hätte annehmen wollen. Aber all das habe ich damals noch nicht gewusst und war auf und dran, dem Mullah die nackte Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Damit, und mit der Entrüstung der Moslems, hätte ich glattweg die Revolution um ein paar Jahre vorverschieben können. So bin ich eigentlich im Jenseits Doppelbürger. Ich habe bei Allah ein Plätzchen und beim lieben Gott auch, sofern sie mir überhaupt eines reservieren. Ich bin sozusagen überversichert. Aus dem Wallis und vom Gymnasium her bin ich ja auch noch fast katholisch. Du siehst, Marlena, ich bin kein Weltenbummler, sondern ein Himmelsbummler, ein Vagabund in allen Glaubensrichtungen. Aber sicherlich kein besserer Mensch. Vielleicht ein schlimmerer?
So lasse ich Dich (das kommt vom französischen Abschied: je te laisse ...etwas colloquial, mein Bruder pflegt das zu sagen in Valais). Erzähl mir von deiner protestantischen Hochzeit, Marlena, und von deinem Grossvater mit den veilchenblauen Augen, und auch vom Onkel, dem Charmeur. Lebt er noch? Oder vielleicht lieber vom eichernen Schreibtisch? Oder von deinem Leben als Igel!!
Ich umarme dich, meine Schwester
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Dienstag, 7. Juni 2011

Melancholia

den 7 mars 2000 15:28
melancholia

Meine Liebe Maus-Freundin
Nein, ich fand die Bezeichnung Mailpartner nicht zu vertraulich, sondern im Gegenteil eben zu formal. Aber sie stimmt natürlich zu 100%, sie ist beängstigend genau, ich kann nichts dagegen sagen, meine liebe Mailpartnerin, du hast absolut und vollkommen Recht damit. Das reiht uns ein in die Serie der Geschäftspartner, der Tennispartner (im gemischten Doppel beispielsweise), der Lebenspartner, der Lebensabschnittpartner (gutes Wort, nicht wahr, existiert wirklich in Deutsch, ist aber wohl im Wörterbuch noch nicht zu finden) usw. Nun ist ein Mailpartner aber gewiss kein penfriend, sondern eher ein mouse-friend. Wir sind im Grunde genommen und bei Lichte betrachtet zwei Mausfreunde, Mausfreundin und Mausfreund. Das ist die korrekte Bezeichnung, da haben wir sie, hurrah!
***
"Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!" Das schreibst du, indem du die Fotos am Pinbrett über deinem PC anschaust und schon fast ins Träumen kommst. "Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!" Dieser kleine Säufzer zum Schluss hat mich berührt. Er macht dich zu meiner Schwester, denn ich fühle oft genau so. Es ist die Melancholie des fortgeschrittenen Alters, die da und dort und immer wieder aufkommt. Es ist die Traurigkeit des Abschieds (davon könnte Rimbaud ein Liedlein singen!!). Es ist - alles in allem - die süssbittere Erinnerung ans Paradies, das verlorene, woraus wir vertrieben worden sind. Wenn meine Töchter abends weg wollen und um Erlaubnis fragen, so will ich sie in meiner ersten, spontanen Reaktion immer gehen lassen. Sie sollen auch diese schönen jugendlichen und ungetrübten und endlosen Erlebnisse haben, die wir früher gehabt haben. Es ist das Schönste im Leben und sie sind eine gute Investition fürs ganze Leben. Und im zweiten Moment denke ich, nein, sie sind doch Mädchen, ich kann sie doch nicht einfach gehen lassen, so dass sie erst um morgens 4 Uhr heimkehren. Weiss Gott, was alles passieren kann? Und meine Frau, mit ihrer höchst konservativen persischen Erziehung (obwohl ihre Eltern in Persien vergleichsweise sehr liberal waren, und meine S. hat sehr und früh für ihre Freiheiten gekämpft), ist natürlich immer im Grunde der Meinung, es wäre doch am allerbesten, schon um halb 11 zuhause zu sein, oder noch besser, gar nicht auszugehen und den Abend im trauten Familienkreis zu verbringen. So kommen sie dann am Sonntagmorgen um 1 Uhr, um 2 Uhr, auch schon mal um 3 Uhr zurück. Für mich ist das nicht sonderlich schlimm. Als Jugendlicher bin ich oft schwer nach Mitternacht heimgekehrt. Und wenn meine Eltern die Haustüre geschlossen hatten, was selten genug vorkam, aber immerhin geschehen konnte, so musste ich - trotz der zahlreichen Gläser roten Weins, die ich genossen hatte - so musste ich über die Veranda in den 1. Stock steigen und durch die Balkontüre ins Haus gelangen. Ich habe mir in meinem Alkoholschleier immer vorgestellt, was passieren könnte, wenn ich bei dieser Fassadenkletterei fallen und etwa 3 m auf die steinerne Eingangstreppe hinuntersausen würde. Ich habe mir dies wirklich sehr plastisch und prächtig koloriert vorgestellt mit dem Effekt, dass mein Handgriff am Balkongeländer so kraftvoll und unauflöslich war, dass nie etwas geschehen konnte. So gönne ich meinen Töchtern von Herzen die schönen und aufregenden Stunden der Jugend. Früher habe ich ihnen immer gesagt: "Du sollst um 22h, oder um 23h, oder um 24h (je nach Alter damals) zuhause sein. Aber manchmal ist um 22, 23 oder 24h gerade so was von los, der smarteste Boy hat dir gerade zugezwinkert, oder die Gastgeber sind mit der Bowle aufgefahren, oder es ist sonstwie einfach so einmalig und cool, dass du unmöglich gleich heimgehen kannst. Das würde dir den ganzen Abend versauen. Also bleibst du länger, machst eine Ausnahme. Wenn du kannst, rufst du an, und alles ist in Ordnung. Unter aussergewöhnlichen Umständen muss man eine Ausnahme machen können und selbst entscheiden." Die Jüngere hat diesen Verhandlungsspielraum gelegentlich ausgenutzt. Sie war sich nicht zu gut, um Verlängerungen zu verhandeln. Ich habe sie schon ein paar Mal um 02 oder 03Uhr in der Frühe irgendwo geholt, die Kleine. Doch die Ältere hat sich ziemlich daran gehalten.
Du siehst Marlena, meine Schwester im Geiste, bei mir kommt eine ähnliche Erinnerung auf, und es macht mich gelegentlich schon melancholisch, wie doch die Zeit und das Leben rasant vergeht! Der tägliche Alltag kriecht voran wie eine Schnecke, aber diese grossen zeitlichen Räume fliehen dahin wie die Südwinde. Ist es nicht sonderbar und schmerzlich ?
Ganz klar ist Mailen lebensgefährlich. Wer zuviel mailt, der verpasst das Leben. Und das ist ziemlich gefährlich. Du tönst auch an, dass du abhängig werden könntest? Das glaube ich zwar nicht, denn du scheinst dich im allgemeinen sehr gut unter Kontrolle zu haben, darauf würde ich wetten. Doch wenn dem so sein sollte, wenn du wirklich abhängig würdest, den Haushalt vernachlässigt, deine Anna hungernd und verlumpt in einer Ecke dahin vegetierend, die Mahnungen und Zahlungsbefehle ins Haus flatternd, wenn der Gerichtsvollzieher unten vor der Türe steht, dann gibt es sicherlich eine Organisation wie die Anonymen Alkoholiker, die AA, wo du als AM (anonymer mailer) beitreten kannst und Zuspruch und Behandlung erhalten würdest. Doch es ist gefährlicher für Leute, die chatten. Der Chat ist die wirklich lebensbedrohliche Gefahr, da wirst du mir zustimmen. Vielleicht müssen wir zwei Mausfreunde zur Abwechslung wieder einmal chatten, nur so zum Spass, nur so um die gegenseitige Lebendigkeit etwas auszukosten, und der heillosen nackten Gefahr direkt ins Auge zu sehen.
Es gibt natürlich noch viele Rätsel, die dich umranken, meine liebe Marlena. Beispielsweise ist völlig unklar, wie du in den Swisstalk geraten konntest. Wie kommt eine Schwedin aus Stockholm in dieses robuste, schweizerische Netz? Ich konnte es damals gar nicht glauben, dass hier auch eine Schwedin herum spaziert. Irgendwie habe ich dies im "all" mitgehört. Und da habe ich mich mit einem zünftigen Hechtsprung, wie ich ihn höchstens alle 10 bis 15 Jahre einmal mache, habe ich mich auf diese Marlena gestürzt. Und siehe da, sie war eine Studienrätin! So kann das Leben einem spielen! Eine schwedische Studienrätin im ST zu treffen, das ist etwa so, wie wenn du Lady D im Zürcher Niederdorf triffst, oder in der Basler Rheingasse meinetwegen (die Rotlichtmilieus der beiden Städte). Das ist sowas von selten, als wie den Nobelpreis zu gewinnen, wenn du verstehst, was ich meine? Du bist sozusagen mein Nobelpreischen, meine geistige Schwester, meine Mausfreundin! Da komme ich ganz automatisch und ohne Anstrengung zu den Küsschen. Bei uns hat sich eingebürgert, oft zu küssen. Das kommt von der Romandie her, sagt man. Und in der Romandie sagt man, das kommt von Frankreich her. Und die Franzosen sagen, das kommt vom französischen Hof. Und der französische Hof gibt Auskunft und sagt, bei ihnen hatte man das Subventionsgesuch dem König ins rechte Ohr zu flüstern, und der König hat dann dem Gesuchsteller die Bewilligung ins rechte Ohr zurückgflüstert. Es sah aus wie Küsschen links und Küsschen rechts. Aber es war in Wirklichkeit nacktes Verhandeln und ein beinhartes Geschäft. Ihr Schweden treibt es nüchtern und ihr sagt "hej". Das klingt wie eine Volvo-Reklame!!! (mein Vater war früher ein überzeugter Volvo-Fahrer, er hat immer diese riesigen und robusten Dinger gekauft, in denen man sich von Blech beschützt so sicher fühlte wie in einem deutschen Leopard; und es gab doch mal - vielleicht in den 70er Jahren ? - eine Reklame, wo eine tiefe Vikingerstimme röhrte "Heja Volvo" nicht wahr?). Ihr begrüsst euch also in Schweden und macht gleichzeitig Volvo-Reklame? Das finde ich echt patriotisch und oekonomiebewusst. Ihr seid wirklich eine intelligente Nation. In der Schweiz sagten wir früher oft "salü", vom Französischen her, heute eher "halo" oder "hoy". Doch dieses hoy ist typisch für die Region von Basel hier. Ich kann mich erinnern, als ich als Junge bei meiner Grossmutter hier in den Ferien weilte, und die Jungen sagten ständig hoy, und hey und so fort, so habe ich das als sehr nordisch und fremdländisch empfunden. Im Wallis sagte man salue oder "tag wohl", was so viel wie "einen guten Tag" bedeuten könnte, oder auch "ciao", was vom Italienischen jenseits des Simplon stammt.
Diese Linien zieht mein PC, ich weiss gar nicht, was er damit meint. Ich drücke bloss drei *, und schon zieht er übereifrig diese Linie. Er ist manchmal wie ein kleines Kind, mein PC.
Also Marlena, du musst mir noch erklären, was besonderes es war, protestantisch zu heiraten. Was hättest du denn von der Familie her tun sollen? Protestantisch ist doch das Nüchternste, was es überhaupt gibt. Man kann froh sein, wenn der liebe Gott dort überhaupt eine Kravatte umbindet, so was von profan ist die protestantische Kirche.

Habe ich dir erzählt, dass wir musulmanisch geheiratet haben. Also, das muss ich dir zum Schluss noch rasch erzählen:
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Samstag, 4. Juni 2011

Mailpartner???

den 6 mars 2000 17:14
Mailpartner???

Lieber ...!

Was ist eigentlich falsch an dem Wort "Mailpartner"? Klingt es als eine zu nahe Relation dieses Wort Partner? Im Snail-mail hätten wir vielleicht Brieffreund gesagt :-) Aber du hast Recht: "lieber Brieffreund" wäre auch etwas komisch gewesen. Sorry!

Keine Angst, .., ich verstehe Spass. Du spielst mit Worten und Gedanken und ich freue mich darüber und lache herzlich. Nur muss ich sagen wenn du mich so "weiterbaust" wie du es im Moment tust dann kannst du mich bald in einem Museum ausstellen. ;-)

Ich bin doch ein moderner Mensch,  und kümmere mich eigentlich sehr wenig um Vorschriften und Regel die mir nicht gefallen. Gewiss, meine Erziehung war eher altertümlich aber von Verwöhnen war nie die Rede. Aber du hast Recht. Meine Tante wollte sicher eine kleine Prinzessin aus mir machen und war mächtig stolz wenn sich Leute umdrehten und das süsse Kind kommentierten. Trotz dieser Erziehung und vielleicht gerade deswegen mache ich heute meist was mir selbst passt und gefällt. Ich verstosse gern gegen Vorschriften. Das Schlimmste von allem ist wohl dass ich sogar protestantisch geheiratet habe.

Wir beiden, du und ich, hätten uns natürlich in einem französischen Salon kennenlernen müssen und nicht im Swisstalk (wie schrecklich eigentlich!!??) aber ich protestiere wild wenn du deine Mails als "Hamburger mit Ketchup und Zwiebeln" vergleichst. Nein, das sind sie auf keinen Fall. Trotz des Mediums (PC) sind es köstliche Mahlzeiten mit einem ausgezeichneten Wein dazu und sie werden in Ruhe an einem schönen Ort genossen. Immer gibt es auch ein leckeres süsses Dessert das den Genuss noch erhöht ..

Ob das Mailen kultiviert ist oder nicht, darüber möchte ich kaum diskutieren. Es liegt eben in der Zeit und ist sehr bequem und zeitsparend. Dagegen bin ich ziemlich überzeugt davon, dass es lebensgefährlich ist ... ;-)

Ich muss wieder an die Arbeit gehen. Man verlangt dass ich eine Budgetprognose für die nächsten drei Jahre morgen bereit habe. Voriges mal hat meine Schätzung (48.000 Kr./Jahr) ganz gut gestimmt aber mit dem neuen Gymnasium das diesen Herbst startet wissen wir noch nicht wie viele Schüler das Fach Deutsch wählen werden und deswegen ist es eben eine richtige Sisyphusarbeit.

Ob es den Handkuss bei uns noch gibt? Im Bekanntschaftskreis meiner Eltern gab es noch Männer die ihn ausübten (aber immer mit einem kleinen schelmischen Lächeln auf den Lippen). Ältere vornehme Damen küssen sich manchmal bei der Begrüssung auf die Wangen (sie machen es eben den Franzosen nach) das ist nämlich schick.. Sonst gibt man sich die Hand oder sagt nur "hej".

Und wie soll ich mich nun von dir verabschieden? So wie es sich gehört? Oder so wie ich es lieber tun möchte?

Ich überlasse es dir :-)
Lass bald wieder von dir hören (ich werde langsam mailsüchtig)
Marlena

Freitag, 3. Juni 2011

Re: "Der Schönsten"

den 6 mars 2000 14:05
Re: Narzissmen

Liebe Marlena
Ich danke dir für den lieben Brief. Ich bin froh, dass du meine Ironie verstehst und nicht alles ernst und 1:1 nimmst, was ich schreibe. Das gäbe nur böses Blut. Ich habe natürlich nicht mehr daran gedacht, dass ich dich gebeten hatte, mir eine hübsche, blauäugige und blonde Psychologin zu schicken. Doch wenn ich jemanden anstelle, muss ich mit mir immer sehr misstrauisch sein, ob ich das tue, weil die Person einfach sympathisch ist, oder weil sie wirklich gut und qualifiziert ist. Wenn ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen würde, so hätte ich wahrscheinlich nur weibliche Mitarbeiterinnen rund um mich herum. Das ist eigentlich sehr einseitig und falsch, denn auch weibliche Mitarbeiterinnen kochen nur mit Wasser und gelegentlich kann man sich tüchtig über sie ärgern, weil sie so stur oder so beschränkt sind. Da sieht man nur, wahrscheinlich bin ich eben selbst auch stur und beschränkt. Wir haben uns übrigens diesmal auf einen Mann geeinigt, und ich bin - wie nicht anders zu erwarten - nicht besonders glücklich. Es hätte durchaus eine junge, sympathische und aparte Psychologin gegeben, doch sie hat für unsere Aufgaben noch zuwenig Erfahrung. Ich bin wohl bei Männern noch viel kritischer als bei Frauen. Frauen verführen mich allzu leicht. Aber lassen wir das Thema, es ist ja bloss business as usual.
Unser Symbol für die Schweiz WAR der Igel, muss ich sagen. Das stammt aus dem 2. Weltkrieg, als das ganze Land, die französisch- und italienischsprechende noch mehr als die deutsche Schweiz, als alle Angst hatten vor einem Angriff der deutschen Wehrmacht. Damals hat unser General Guisan (ein Welscher=französisch-schweizerischer Compatriote, gottseidank) eine Verteidigungskonzeption entwickeln lassen. Und sie ist unter dem Stichwort "réduit" in die Geschichte eingegangen. Die Idee war, dass die Schweizerbevölkerung sich in die Berge zurückzieht, wenn die Deutschen einmarschieren. Das Mittelland und den Jura würde man dem Feind überlassen, Taktik der verbrannten Erde sozusagen. Das ist im Grunde genommen eine Igelfantasie, und sie hat uns vielleicht im 2. Weltkrieg das Leben gerettet, oder hat uns zumindest moralisch aufgerüstet. Heute gibt es konservative Politiker, die dieser Idee immer noch sehr anhängen. Es sind die Gegner des Beitritts der Schweiz zur EU. Und sie haben vielleicht immer noch mehr als 50% der Bevölkerung hinter sich. Die Schweiz hat in ihrer Geschichte seit 800 Jahren immer ihre Unabhängigkeit betont und ist dabei recht gut gefahren. Und so ist es heute für viele Menschen schwierig, die Konsequenzen der Globalisierung zu verstehen und zu kapieren, dass eine Integration der Schweiz in Europa eigentlich unausweichlich ist. Aber wir nehmen uns Zeit. Du kennst ja die Igel. Sie sind nicht nur defensiv, auf pure Verteidigung eingerichtet, sie sind auch sehr langsam (manchmal kann man zwar staunen, wie schnell sie sind, diese possierlichen Tierchen, nicht wahr?)

Deine Beschreibung deiner Fotos über dem PC hat mir echt gut gefallen. Das ist geschrieben wie in einem Roman des 19. Jahrhunderts. Am besten in Erinnerung ist mir das Foto mit deinen Zieheltern, wo du als kleines Mädchen im hübschen Röckchen mitten unter den Erwachsenen stehst. Das ist dort mit dem allerprächtigsten Weihnachtsbaum? Meine Fantasien über dich gingen immer etwas in die Richtung, dass du wie eine kleine Prinzessin gewesen sein musst. Ich meine das ohne kritischen Unterton, das muss ich als Schweizer sagen, denn wir sind keine Royalisten und zeigen im allgemeinen gegenüber Prizessinnen nicht besondere Verehrung. Ein Prinzessinnen-Kind ist Einzelkind, materiell eher verwöhnt, von Aufmerksamkeit der Eltern überschüttet, die ihm in ihrem fortgeschrittenen Alter alle Wünsche von den Lippen lesen, die ihr Kind über alles stellen, die alles für ihr Kind geben, die aber natürlich auch wollen, dass ihr Kind wohlerzogen und hübsch und adrett daherkommt, womöglich mit einer grossen Schleife im Haar. Ein Kind eben unter Erwachsenen. Ich weiss nicht genau, wie ich zu diesen Fantasien gekommen bin. Vielleicht stimmen sie nicht. Vielleicht hast du noch ganz andere Seiten.
Und daneben dein Onkel, der Charmeur! "Weiberheld", was du im Wörterbuch gefunden hast, klingt ein bisschen vulgär, würde ich nicht sagen, neben einer "Dame von Welt", wie du deine Tante früher bezeichnet hattest. Aber eine Dame von Welt und ein Charmeur, das passt sehr gut zusammen. Das ist im Grunde genommen die ideale, erfolgsversprechende Kombination. Wenn es sie in deinen Eltern nicht schon gegeben hätte, dann müsste man diese Paarung geradezu erfinden. Ich glaube, sie ergänzen sich aufs Beste. Und dazwischen eine kleine Tochter à la Ingrid Bergmann, das ist ein schönes Bild, das ist schon eine Ikone, ein Wunschtraum aller Menschen.
Ich bitte dich, deine Schilderungen nicht "Narzissmus" zu nennen. Das ist es ja nicht. Nun sind wir Psychologen natürlich die Narzissten par excellence. Wir sprechen von nichts anderem als von uns selbst. Psychologen machen ständig und andauernd in Exihibitionismus und in Outing und in Selbstdarstellung. Und das gilt in gesellschaftlichen Kreisen als sehr unkultiviert. Ist es auch! Es ist nicht sehr kultiviert, immer nur von sich zu reden, denn das ist im Grunde kein gemeinsames Thema. In der Gesellschaft redet man mit Vorteil vom Wetter, von den Börsenkursen, oder von den dummen Nachbarn, oder dann wieder von der Kriminalitätsrate, von den Fleischpreisen, vielleicht noch von den Affairen Clintons? Aber sicherlich nicht von sich selbst, von den letzten Ferienerlebnissen noch von eigenen Migräneanfällen. Also, meine liebe Marlena, sei bloss etwas narzisstisch. Das stört mich überhaupt nicht. Das ist der leichteste Weg, sich kennenzulernen. Das ist vielleicht nicht sehr kultiviert und gesellschaftsfähig, aber das sind diese modernen Kontakte via Mails ohnehin nicht. Eine Mail-Freundschaft ist eben in Gottes Namen nichts Kultiviertes. Ein Mail ist so kultiviert wie ein Hamburger mit Ketchup und Zwiebeln. Ich glaube, einen solchen Vergleich habe ich schon einmal irgendwo angestellt, oder?
Da kommt mir eine Szene in den Sinn: Meine Frau und ich haben uns erstmals im Hyde Park in London getroffen. Ich glaube, ich habe dir davon erzählt. Als wir dies hier in der Schweiz einem Onkel erzählten, einem wahren Gentleman mit Pfeife und Hut und guten Manieren, der über lange Jahre in England gelebt hatte, sagte dieser schweizerische Gentleman, indem er seine Gentleman-Augenbrauen leicht anhob und die Stirn kräuselte: "ach, on common grounds ?". Das hat uns sehr amüsiert. Es ist eben nicht sehr kultiviert, auf der Strasse eine Bekanntschaft zu machen. Das ist sicherlich in allen royalistischen Gesellschaften gleichermassen ein fauxpas, unter anderem auch in der persischen, die ja damals noch sehr royalistisch war. Man muss sich in Gesellschaft vorgestellt werden. Das ist die bürgerliche Art, sich kennenzulernen. Das ist eine ebenso gute und schöne und solide bürgerliche Sitte wie das altehrwürdige Duell. (ich hoffe, du verstehst meine Ausführungen, die heute immer wieder mit kleinen ironischen Klecksern durchsetzt sind, entschuldige, vielleicht wird es wirklich etwas unübersichtlich und vieldeutig dadurch?).
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Magst du die Einsamkeit? Warum denn das? Du sehnst dich nach Einsamkeit, wenn du in Gesellschaft bist? Und du träumst von Zweisamkeit, wenn du einsam bist? Ist das vielleicht so? Ich kann mich erinnern, wie du ziemlich heftig protestiert hast, als ich deine Single-Lebensweise als "trendy" bezeichnet habe. Ich bleibe natürlich bei meiner Analyse. Es ist trendy, was immer deine Gefühle und deine Einstellung dazu sind, es ist und bleibt trendy, da kannst du gar nichts gegen machen, meine Liebe. Vielleicht lebst du gegen deinen Willen so, aber es ist eben nun mal trendy. Du kannnst sagen, der Trend ist nicht der Grund, warum du so lebst. Du könntest auch sagen, du lebst so, obwohl es ein moderner Trend ist. Ach, ich quassele (umgangssprachlich für reden) zuviel. Entschuldigung meine Liebe. Langsam fange ich an, dich zu lieben. Pass auf Marlena. Platonisch natürlich, das haben wir ja so vertraglich abgesprochen, nicht wahr, obwohl ich mit meinen barocken Gefühlen das Platonische oft nur als "Knochen ohne Fleisch" empfinde. Doch das ist auch schon eher wieder ironisch. Vergib mir.
Ich muss arbeiten jetzt, es ist 0805, das Pult ist voller Papier und schaut mich an wie ein zerzauster, hungriger Löwe. Wenn ich in seine Nähe gehe, bin ich verloren. Er wird mich mit Haut und Haaren verschlucken, soweit ich ihn kenne. Ich werde bis abends nicht mehr loskommen. So ist das bei Löwen, bei hungerigen.
Ich wünsche dir eine gute Woche. Hat jetzt deine Arbeit wieder angefangen? Oder hast du immer noch Ferien, du Glückspilz? Wir Schweizer haben die längsten Arbeitstage in Europa, sagt man hier immer wieder. Und wenn es nicht wahr ist, so ist es mindestens gut erfunden! S'e non e vero e ben trovato, oder so ähnlich in italiensich.
Mit einem schönen Kuss (Handkuss natürlich, was in der Schweiz völlig unbekannt ist und hier sehr nach k&k und süsslich aussieht und worüber alle schmunzeln würden). Macht ihr das in Schweden, als alte Royalisten, den Handkuss? In der Schweiz gibt es bloss den Wangenkuss (beidseitig bitte sehr, oder sogar dreifach vor allem in der Romandie), den Lippenkuss (repräsentativ für die bürgerliche Liebe und sehr verräterisch wegen des vielbenutzten Lippenstiftes), den Zungenkuss (die bürgerliche Intensivvariante, sehr leidenschaftlich und tiefgehend und feucht) und den Negerkuss (wieder ironisch und auch kalorienreich). Letzteres ist eine Süssigkeit, eine mit dünner Schokoladenschicht überzogene weisse und klebrige Zuckermasse, die du sicherlich auch kennst, vielleicht einer der süssesten Küsse, die man auf der Welt applizieren kann, abgesehen vom Intimkuss vielleicht, auf den ich aber jetzt nicht näher eintrete. Also, meine Liebe, ich lass dich, sonst werde ich zu frivol.
Mit einem lieben Gruss von deinem Mailpartner
(klingt wie eine offizielle Funktionsbeschreibung zuhanden der Steuerbehörde. Hat mich sehr erstaunt, deine Anrede! Wie bist du dazu gekommen?)

Donnerstag, 2. Juni 2011

"Der Schönsten"


den 6 mars 2000 01:44
Re: "Der Schönsten"

Lieber Mailpartner!

Lachen ist gesund sagt man. Und so hast du zu meiner Genesung beigetragen.. denn ich habe herzlich über dein heutiges Mail gelacht.
Du bist selbst Schuld daran. Ich hätte Dir nie vorgeschlagen "die Schönste" zu wählen wenn du nicht selbst in einem Brief geschrieben hättest ich solle dir eine "hübsche, blonde und blauäugige Psychologin" schicken. Dies war der Grund warum ich glaubte dass ihre Schönheit das Wichtigste sei. ;-)
Vielleicht sollte ich es dir verschweigen? Aber warum? Denn sicher wird es dich freuen zu hören dass ich an diesem Wochenende mehrmals in meinem Hotmail nach Post von dir gesucht habe. Und als ich dann endlich deinen lieben kleinen Brief fand war ich sehr froh. Es war wie Alvedon oder Curadon (wie sie bei uns heissen, die schmerzstillenden Mittel).

Ich freue mich sehr wenn du sagst was für einen guten Einfluss ich auf dich und dein Wohlbefinden habe und ich werde daran denken wenn sich die Wolken um mich herum auftürmen (schon wieder ein Turm ;-).

Es ist schön wieder allein zu sein.. Hoffentlich findest du diesen Kommentar nicht böse, denn so ist es nicht gemeint. Ich brauche ganz einfach diese "Einsamkeit"...
Du hast mir so viel interessante Dinge geschrieben. Ich werde sehen ob ich die Bücher die du rezensiert hast finden kann. Anna hat "Sophies Welt" gelesen. Aber sie war von dem Ende des Buches enttäuscht und hat gemeint wenn sie das gewusst hätte dann hätte sie es nicht fertiggelesen. Nun, sie war erst 14 Jahre alt und vielleicht doch etwas zu jung dafür.
Oder war es eben die Absicht des Verfassers durch die beibehaltene Spannung den Leser dazu zu bewegen weiterzulesen. (Das war wohl ein bisschen zuviel "zu" ??)

Das was du über "Mailethik" sagst habe ich auch schon öfters gedacht. Manchmal fühle ich mich unhöflich wenn ich nicht reagiere auf irgendetwas das du geschrieben hast. Aber dass ich nicht sofort schriftlich reagiere bedeutet nicht dass ich deine Mails nicht genau lese und darüber nachdenke. Übrigens hat es mir sehr gefallen wie du deinen Montagmorgen beschrieben hast mit dem Vogelgezwitscher. Ich versuche immer den Gedanken von mir fernzuhalten dass dieser schöne Gesang etwas anderes als pure Freude ausdrücken könnte.
Hinter mir im Vogelbauer unterhalten sich unsere Wellensittiche leise miteinander.

Vor mir an der Wand über dem PC-Möbel hängt ein Rahmen mit fünf kleinen Fotos aus verschiedenen Perioden meines Lebens.
Das älteste ist zu Weihnachten aufgenommen. Ich bin vielleicht 10 Jahre alt. Wir sitzen an einem schön gedeckten Tisch. Ganz links mein Opa (morfar =Mutters Vater)). Er ist ein grosser, stattlicher Mann. Sein dunkles Haar ist schon etwas grau und leider kann man nicht die Farbe seiner intensiv veilchenblauen Augen sehen. Er ist die Person die ich am meisten geliebt habe von allen meinen Verwandten.
Neben ihm meine Tante, elegant wie immer in ihrer klassischen Schönheit. Neben ihr ihre beste Freundin und hinter ihr stehend mein Onkel, der grosse Charmeur und Frauen-liebhaber (im Wörteruch steht Weiberheld). Ich selbst stehe zwischen Opa und Tante, ganz hellblond in einem Kleid in dem ich mich immer besonders schön fühlte. Hinter uns der Weihnachtsbaum (niemand hatte so schön geschmückte Christbäume wie wir) :-)
Daneben ein Bild von meiner Studienzeit in Uppsala. Es ist bei einem Fest gemacht worden. Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!
Dann ein kleines Passfoto. Ich sehe ein bisschen aus wie Ingrid Bergman darauf. Auf dieses Bild bin ich ein wenig stolz, denn ich weigerte mich den Kopf so blöd zu verrenken wie es die Fotografen oft haben wollen und hielt ihn trotzig gerade aufgerichtet. :-)
Auf dem nächsten Bild sitze ich an meinem lieben alten Schreibtisch aus Eichenholz (der jetzt in der Wohnung meines Mannes steht)und studiere, wahrscheinlich Deutsch. Es war die erste Zeit in Uppsala und meine "Eltern" hatten noch kein passendes Haus gefunden. So wohnten wir derweilen in einer Mietwohnung mit unseren zwei Katzen. Manchmal wenn wir die Tür öffneten stank es sehr im Treppenhaus und wir dachten: Oh Gott, jetzt hat eine Katze dort verunreinigt.. aber es war nur jemand von den Nachbarn der "Surströmming" gegessen hatte. (Sauerheering ist eine schwedische Delikatesse die man meist in Nordschweden isst). Im Herbst wenn in Schweden Surströmmingszeit ist, kann man leicht riechen wo es "Immigranten" aus Norrland gibt. ;-)
Das letzte Bild ist von einem Strassenfotograf gemacht worden (ich bin 13 Jahre alt) auf der Kungsgatan (Königsstrasse) mitten in Stockholm. Meine Freundin und ich sind mit unseren Schultaschen unterwegs nach Hause. Das Zentrum war sozusagen unser Revier wo wir uns in den langen Pausen herumtrieben. Wenn wir einmal eine richtig lange Pause hatten nahmen wir sogar die Fähre nach Skansen (das grosse Freiluftsmuseum) in Stockholm. Hast du schon davon gehört?
Nun aber genug von Narzissmus sonst wird es dir langweilig ;-)

Der Igel ist also euer Symbol. Wie schön! Wir haben oft Igel in unserem Garten. Die bringen doch Glück, oder? Es gibt ein so schönes Gedicht von einem Igel auf schwedisch. Vielleicht bin ich auch einer. Mit Stacheln um meine Integrität zu schützen.. :-)

Heute war der Vasalauf in Schweden. 15.000 Teilnehmer glaube ich und ein Estländer hat gewonnen. Es freut mich denn diese kleine Nation braucht es. Ich bin schon zweimal dort gewesen. Einmal mit einer Gruppe von Kollegen und das nächste mal mit der Klasse in der ich für einige Schüler Mentor bin. Es ist interessant ein Land zu sehen das lange unter russischer Herrschaft gelebt hat.

Wie schnell die Zeit vergeht. Es ist schon spät und ich muss schliessen. Hoffentlich bist du jetzt wieder ganz gesund. Wenn es stimmt was du sagst so kannst du dir von nun an das Geld für Alkazyl einsparen. ;-)

Platonische Grüsse
Marlena

PS Als ich mit dem Brief fertig war, geschah was mit dem PC und grosse Teile des Mails verschwanden. So musste ich noch die Lücken ausfüllen (deshalb die späte Stunde) :-(

Mittwoch, 1. Juni 2011

direkte Demokratie

Und was die direkte Demokratie der Schweiz betrifft, da muss ich
schon sagen, du bist dezidiert dagegen. Das hast du schon mehrmals
gesagt. Und ich dagegen finde kein Ende, gegen die Monarchie zu
wettern, das gebe ich gerne zu. Aber wenn du die Glücksforschung
verfolgst Malou, so wirst du feststellen, dass die Schweizer
Bevölkerung die glücklichste der Welt ist. Ich glaube, sie kommt
von 10 möglichen Punkten auf 8.5, habe ich kürzlich gelesen.
(am Schluss sind die Moldavier mit 3 Pten) Ich glaube das zwar
nicht ganz. Aber man erklärt sich das Glück der Schweizer unter
anderem mit der Tatsache, dass sie das Gefühl haben dürfen, über
ihre eigenen Verhältnisse mitreden zu können und zu dürfen. Das
ist doch nachvollziehbar, nicht wahr?
Natürlich sind die Schweden auch nicht so unglückliche Menschen.
Aber 8.5, ich weiss nicht, ob ihr dass dort oben in der Kälte und mit
den kurzen Tagen, die ihr habt, schaffen könnt?? 8.5 Punkte - Malou -
das ist doch schon fast ein Climax!! ;-0

Aber wir haben eine Bewegung nach rechts in der Gesellschaft. Das
sieht man deutlich. Und darunter sind offenbar viele Junge. Auch in
meinem Club, von dem ich dir ab und zu erzähle, sind viele SVP
würde ich mal annehmen. Aber das habe ich übrigens vorausgesehen.
Ich musste vor vielleicht 15 Jahren einen Artikel schreiben über die
Globalisierung und Fragen, die im Zusammenhang damit entstehen,
und habe darin geahnt, dass sich als Gegenreaktion die Menschen
umso mehr an ihre Gegend, ihr Dorf, ihre Sprache, ihr Land krallen
werden. Ich hatte gesagt, jedes Dorf würde in ein paar Jahren sein
eigenes Heimatmuseum eröffnen. Ecco, da haben wir es heute!

in 15 Minuten

(ungekürzt)

Subject Re: :-)

Hallo Malou
Wo bleiben deine Mails? Du schreibst ein kurzes, und nimmst es gleich wieder zurück. Was soll das bedeuten? Sieht mir sehr nach mausfreundschaftlicher Vernachlässigung aus! Wenn nicht gleich Untreue!!
Da erinnere ich mich, dass du mal eine Zeitlang deine Mails zwar geschrieben, aber doch zurückbehalten hast, als ich krank war - so glaube ich. Nee, Malou, so geht das Spiel nicht.

Das stimuliert mich nicht gerade zu sprühenden Sätzen. Und das Wetter gleich nochmals nicht. Es regnet in Strähnen. Und das bleibt mir unverborgen, weil übers Wochenende unsere Putzfrau die Vorhänge zum Waschen mitgenommen hat. Ich sitze hier also so ähnlich, wie jene Damen des Rotlichtmilieus in Amsterdam hinter den grossen Fenstern. Mein Glück, dass ich im 2. Stock oben residiere. So läuft keine Kundin vor meiner Scheibe vorbei und zwinkert mir zu. Sie müsste fliegen. Und das tun - wie man weiss - Kundinnen doch eher selten.

Es ist nicht nur regnerisch. Es ist auch einigermassen frisch. Seit einigen Jahren ist die Gewohnheit entstanden, das Wetter mit statistischen Werten zu vergleichen. Und dann hört man Sätze wie: zu kalt für die Jahreszeit. Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn ich das höre. Und als konvertierter Katholik mit islamischen Einschlägen habe ich dann den Eindruck, sie wollten den lieben Gott kritisieren. Es gibt ja eine lustige Walliser Sage, die erzählt, weshalb die Walliser ihre Wiesen und Felder selbst bewässern, etwas, was ich dann auch wieder in den Bergen oberhalb Teheran gefunden habe. Petrus hatte die Walliser nämlich nach ihrer Unzufriedenheit befragt. Sie hatten nämlich reklamiert, wenn es regnete, weil daraus nur saurer Wein entstünde, und hatten ebenso reklamiert, wenn die Sonne brannte, weil dann die Wiesen und Felder eintrockneten. Petrus hat sie dann gefragt, wie sie es haben wollten. Der liebe Gott wolle es so gut wie möglich einrichten, er sei ja selbst praktisch ein Walliser. Als die guten Mannen das hörten, beschlossen sie, selbst zu wässern. Denn ein ausgewanderter Walliser könne das bestimmt nicht besser. Voilà, und seither müssen die guten Leute im Wallis jahraus-jahrein ihre Felder und Wiesen selbst wässern. Ich hatte einen Schulkollegen, der zeitweise die ganze Nacht unterwegs war wegen dieser Aufgabe. In den Dörfern gibt es eigentliche Stundenpläne. Und sie werden strikte eingehalten. Wer Wasser über die Zeiten hinaus auf sein Land leitet, ist ein Verbrecher und wird im ganzen Dorf geächtet. Das tut keiner, kann sich niemand leisten.

Und wenn ich dann aus dem trockenen Wallis jeweils bei meinem Grossmütterchen hier in ... in den Ferien weilte, war ich erstaunt, wie oft es regnen kann, wenn man den lieben Gott nur machen lässt. Regelmässig, wenn wir ins Städtchen einkaufen gingen, war der Asphalt nass. Auf den kleinen Wegen und in den Steinzwischenräumen wuchs echtes, weiches Moos. Die Strassen waren sauber und ohne Staub. Das fand ich doch alles ziemlich zivilisiert. Es war geradezu herrlich. Aber natürlich wurden die Ferienpläne auch oft unterbrochen oder verhindert durch schlechtes Wetter. Das war für mich neu und ungewohnt. Und dann gab es da noch diesen Unterschied, den ich wohl schon öfters beschrieben habe. Im Wallis war das Trinken eine wohlgeschätzte Sache. Jeder konnte das verstehen, wenn einer trank, auch wenn er ein bisschen zuviel trank. In der Hitze des Wetters war doch leicht möglich, dass einer ein paar Bier zu schnell schluckte. Und wenn er dann etwas laut und überschwänglich, lachten alle auf der Strasse und grüssten ihm vergnügt zu. Hier in ... würde ein Beschwipster auf der Strasse mit eiskalter Verachtung bestraft, dass ihm gleich der Schluckauf käme.

Und soeben höre ich im Kopierraum von meinen Mitarbeiterinnen, wie enttäuscht sie sind wegen des schlechten Wetters über die Tage von Auffahrt bis heute. Nicht mal ein kleines Barbecue könne man machen. Es sei eine wahre Schande. Ja, das Wallis hat es besser! Sie können dort jede Menge Barbecues machen. Und sie können mit dem lieben Gott hadern, weil er ihre Matten vertrocknen lässt.

Du meinst, es interessiere mich nicht, dass deine Gudrun umzieht. Na ja, erstens setzt du hinter 'beste Freundin' ein Fragezeichen. Allein daraus könntest du bestimmt ein Buch schreiben. Ist sie jetzt deine beste Freundin oder ist sie es nicht? Wirst du sie vermissen? Vielleicht kannst du sie in Stockholm jeweils besuchen und du hättest dort eine praktische Absteige? Ich bitte dich, es ist doch nicht einfach so, dass mich etwas interessiert oder nicht interessiert. Ach, was erkläre ich da. Das weisst du doch alles selbst.

Ich hatte mal in Zürich für kurze Zeit eine Freundin namens Gudrun. Na ja, Freundin ist vielleicht viel gesagt. Sie war eine Bekannte, die zeitlich befristet in Zürich weilte. Wir haben uns zwei oder dreimal getroffen. Ist ja wirklich nicht viel. Sie war sehr anständig. In ihrem ordentlich aufgeräumten Zimmer hatte sie eine grosse Schlale voller Zigarettenpäckchen HB. Und sie hatte einen persischen Freund, der im Iran lebte. Ich glaube, sie zeigte mir sein Foto. So platonisch war unsere Beziehung. Gudrun ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, weil sie mich, bevor sie dann nach einigen Monaten wieder nach Deutschland zurückging, nochmals anrief, um ein kleines Abschiedsessen zu vereinbaren. Wir gingen - wohl auf meinen Vorschlag - in die Walliserkanne, ein dunkles Restaurant im Niederdorf, wo man vor allem Käsespezialitäten und ziemlich rustikale Dinge essen konnte. Sie war nett, meine Gudrun. Und ihr Name blieb mir immer ein Rätsel. Gudrun, das klingt irgendwie nordisch-geheimnisvoll. Na also, ist vielleicht eine etwas lose Assoziation zu deiner besten (?) Freundin Gudrun!

Ist schade, dass die 4 Tage Auffahrt bis Sonntag schon vorbei sind. Ich hatte ein bisschen im Garten gearbeitet. Im moment gehe ich in den Garten und lasse die kleinen Spaziergänge bleiben. Bloss gestern Abend war es so nass im Garten, dass ich meinen Spaziergang gemacht habe. Dabei hatte ich eine lustige Idee. Ich habe gedacht, dass diese Spaziergänge doch eigentlich Hundespaziergänge sind. Damit meine ich, dass Menschen, die einen Hund haben, solche Spaziergänge machen: regelmässig, kurz, täglich, gleiche Route. Und weil ich ja nun keinen Hund habe, ist mir ein Witz jenes etwas merkwürdigen Mannes eingefallen, der stets seine Zahnbürste an einer Schnur hinter sich hergezogen hat, um zu behaupten, das sei sein Hund. Er kam in die Psychiatrie und man versuchte, seinen Wahn zu heilen. Schliesslich war er soweit, dass er entlassen werden konnte. Im Schlussgespräch fragte ihn der Arzt, ober jetzt sicher und gewiss sei, dass dies eine Zahnbürste und niemals ein Hund sei, den er hinter sich herziehe. Es sei alles absolut klar. Das sei kein Hund, sondern eine Bürste, gab der Expatient zu verstehen. Man verabschiedete sich. Beim Gehen gab der Mann zu bedenken, dass er sicher sei, dass die Bürste kein Hund sei. Aber was gibt ihm die Garantie, dass die andern Menschen dies auch wüssten?

Kurz und gut. Wenn ich durch das Einfamilienquartier hier walke, ziehe ich in Zukunft in Gedanken eine Zahnbürste hinter mir her. Das hilft meiner Motivation, überhaupt zu gehen und diese tägliche Mühe auf mich zu nehmen. Und natürlich hoffe ich von den Passanten, die mich sehen, dass sie glauben, dies wäre mein Hund. Es muss ja nicht gleich ein Berhardiner sein! Ich werden dann bestimmt an den Zaunecken stehen bleiben, um dem kleinen Köder die Gelegenheit zu geben, sein Geschäftchen zu machen. Soll ich bloss eine rote oder eine blaue Bürste nehmen?

Du siehst, wieviel Quatsch man in 15 Minuten schreiben kann. Ich hoffe, dass reicht bis Pfingsten?
MLG
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