Freitag, 8. April 2011

Mein mid-night-blues ... (4) eine Regenbeterin

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Habe ich dir erzählt, dass ich im Januar in einem Modellierkurs war. Es waren etwa 10 Sitzungen à 3 Stunden. Jeder konnte modellieren, was er wollte. Ich fand mich dort in einem Kreis von Hausfrauen wieder und war effektiv der einzige Mann, neben dem Künstler. Das mochte ich eigentlich nicht so besonders, aber ich habe mein Schicksal mit Würde getragen. Das muss ich sagen, angesichts der Tatsache, dass einige dieser Damen echte Plaudertaschen waren. Doch es gab auch einige darunter, die schon jahrelang diesen Kurs besuchen und wirklich künstlerische Ambitionen haben.
Also, ich habe versucht, einen Frauenkopf zu modellieren, eine Büste, um genau zu sein. Und jedes mal, wenn ich nach einer Woche wieder an meiner Dame Hand anlegte, veränderte ich sie völlig, dass niemand sie wiedererkannte. Sie war wirklich sehr unruhig und wandelbar und unzuverlässig, meine Dame. Aber so nach etwa 4 oder 5 Sitzungen beruhigte sie sich etwas, sie wurde solider und konstanter. Der Künstler hatte sie auch einmal in seine fachmännischen Finger genommen und ihr den Hals wieder ein bisschen dicker gemacht. Ich wollte eigentlich gerne einen dünnen Hals, so wie derjenige von Nofretete, die wir über Weihnachten in Berlin gesehen hatten. Aber meint Künstlerlehrer fand, man könne die Erde nicht überlisten, sie eigne sich nicht für dünne Hälse. Und so liess ich einen robusten Hals zu, nicht gerade ein Bauernfrauen-Hals, aber doch ein Athletinnen-Hals. Und dann habe ich meiner Figur auch eine respektable Frisur gemacht, eine Art Knopf (nein, kein Schwänzchen, wie du vielleicht jetzt gedacht hast, hier doch nicht mehr!).Doch diese Frisur war ein bisschen schwer, so dass meine hübsche Dame stets den Kopf langsam zum Himmel gedreht hat. Die Haare haben einfach hinten durch ihr Gewicht heruntergezogen. Und so schaute ihr Gesicht schlussendlich zum Himmel. Man könnte sagen, sie sei eine Regenbeterin, die ohnehin erst anfangen zu beten, wenn sich die Wolken schon zusammenziehen. Und am letzten Kursvormittag hatte ich noch die Idee, ihr noch hände vorna an die Brust zu heften. Ich hatte dafür gute ästhetische Gründe. Und zugleich gaben die Händefläche eine gute Antwort auf die Gesichtsfläche. Jetzt sieht sie wirklich aus wie eine Regenbeterin. Ich sag es dir, liebe Marlena. Wenn wir hier einen nassen Sommer haben werden, dann weiss ich weshalb.
Ich habe meine Figur noch im Atelier des Künstlers gelassen. Ich werde sie gelegentlich holen. Sie kann dort noch trocknen.
Der Künstler ist überigens ausgezeichnet. Er kann prima erklären, was er meint, und er hat Erkenntnisse, die ich oft auch geahnt hatte, oder die ich aus Büchern angelesen hatte. Aber er hat sie durch seine eigene Arbeit erworben. Er ist wirklich aussergewöhnlch gut. Ich habe ihm gesagt, er soll auch Kurse machen für Kinder oder Jugendliche. Weißt du, so ein kleines Kunstwerk zu modellieren hat etwas mit dem Leben zu tun. Ich will damit sagen, die Probleme, die bei der Modellieraufgabe entstehen, sind dieselben, die auch im Leben auftauchen. Man muss sich analoge Fragen beantworten. Was will ich, wenn ich alles wollen kann? Was finde ich schön. Was ist mein Thema? Wie sieht für mich eine ideale Figur aus. Was sind die interessanten Punkte an der Figur. Wie kann ich an die Grenze gehen. Wo überhaupt ist die Grenze. Wie kann ich das, was ich gefunden habe, noch deutlicher machen. Wie lange ist es schön und wo kippt es ins Hässliche hinüber. Es sind Lebensfragen. Denn das Leben ist ein Kunstwerk ebenso. Und es gibt neben den rein biologischen sehr viele ästhetische Fragen zu beantworten.
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Mein mid-night-blues ... (3)


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Und dann habe ich eine kleine Zeichnung gemacht. Mein Freund hat mich gebeten, zu seinem und seiner Freundin Einladung eine Karte zu zeichnen. Er hatte die Idee von da Vincis last supper in Santa Maria delle Gracie in Mailand. Aber das fand ich ein bisschen verwegen. Ich will doch nicht da Vinci beleidigen. Haben wir ja schon ein bisschen, als wir über seine Joconda gespasst haben. Und da habe ich eben meine eigene Komposition gemacht. Ich will dir das kurz schildern. Also, W. und P. wollen eine Gartenparty machen. Hab ich mir gedacht: was ist das wesentliche des Gartens. Natürlich der Zaun. Meine Skizze zeigt also auf einer weiten Ebene, wo man bis zum Horizont sieht, ein viereckiges Gärtchen, das mit einem hohen, roten Holzzaun eingezäunt ist. Es wirkt wie eine Kiste, eng, und darin brodelt die Party. Sie scheint zu überkochen. Irgendwo hängen zwei Damenbeine über den Zaun. Dort hält eine Hand die Flasche in die Höhe, um den Rotwein ins Glas zu giessen. Hinten ist eine Hand mit einem Big-Mac zu sehen. Und weiter hinauf steigt aus dem Gärtchen der Rauch des Barbecue und zur anderen Seite eine Palme. Das also ist das Gärtchen. Ich muss das jetzt noch mit Tinte nachziehen und dann kolorieren. Dann hab ichs. Sie wollen die Karten bis Mitte April versenden.
Und dann habe ich noch alte Zeitungen aufgeräumt, einige Artikel fotokopiert. Und habe dazu zwei Kaffees getrunken. Jetzt bin ich hell wach und könnte bis morgen drei Uhr Wölklein zählen. Deshalb schreibe ich noch ein bisschen für dich. Was könnte ich sonst Besseres tun.
Du hast grün ausgedruckt, das ist schön. Da wirkt ja jeder meiner Schreibfehler noch viel schlimmer! Früher, als Junge, war grün immer meine Lieblingsfarbe. Ich habe mich oft gefragt, wie ich auf grün gekommen bin. Ich fand es nie heraus. Aber es war mir klar, Grün ist meine Farbe. Und als ich vor etwa 20 Jahren angefangen habe in Öl zu malen, da war auffällig, dass meine ersten Bilder sehr viel Blau- und Grüntöne, aber wenig Rot und Gelb hatten. Ein Freund, der Modejournalist ist, hat mich darauf aufmerksam gemacht und gesagt, meine Bilder seien mystisch. Glaubst du, dass ich ein Mystiker bin?
Richtig, grün ist die Farbe der Hoffnung, und auch die Farbe des Propheten. Also muss der Prophet die Hoffnung sein oder umgekehrt?
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Donnerstag, 7. April 2011

Mein mid-night-blues ... (2)

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Es ist 2400 und ich will nochmals rasch ins Netz. Vielleicht bist du doch noch da?
So habe ich wieder einmal einen Abend im Büro verbracht. Und ich habe ziemlich einiges gemacht. Schon lange sollte ich das neue Bildungsgesetz lesen. Wir haben gerade Vernehmlassung und am Donnerstag Abend haben wir eine Sitzung, wo darüber diskutiert wird. Ist gut, dass ich heute abend das wichtigste lesen konnte. Und dann habe ich ein bisschen Bichsel gelesen. Heute, über Mittag, habe ich ein Büchlein gefunden. Es heisst Der Busant. Es ist zwar noch nicht so hinreissend. Aber ich habe erst eben angefangen. Weißt du, welche neue Gewohnheit ich pflege.? Ich habe in letzter Zeit angefangen, in die Bücher hineinzuzeichnen, auf den leeren Seiten, auf die Ränder, zwischen den Kapiteln und so weiter. Ich finde das witzig. Und das Buch sieht zum Schluss ganz persönlich aus. Es sieht sozusagen "durchlitten" aus, wie ein Bett, man man morgens aufsteht. Ich habe gedacht, ich würde dir diesen Busant gerne schenken zum Schluss, wenn ich fertig gelesen und gezeichnet habe. Aber es ist noch nicht ganz klar, ob das Buch überhaupt lesenswert ist und ob ich es irgendwie nach Schweden transferieren kann. Diese zwei Fragen müssen wir noch abwarten. Sonst müsste ich es dir ja in Ronda überreichen, aber in Ronda - beim Zeus - überreicht man keine Bücher. Dort pflückt man für seine Geliebte mit dem Schwert eine Rose aus dem Gärtchen vor dem Polizeiposten, oder sowas. Aber doch nicht ein Buch! Das wäre ein schwacher und wenig dramatischer Auftritt.

Mein mid-night-blues ...

den 5 april 2000 01:34
Du bist nicht gekommen. Mein mid-night-blues ...

Liebe Marlena

Wie ist deine Konferenz ausgegangen? Hat alles gut geklappt? Hat sich deine Extra-Arbeit gelohnt? Haben sie dir zum Schluss applaudiert? Das war eher ein organisatorisches Thema, nicht wahr?
Nun ja, ich habe an diesem Abend auf dich gewartet. Ich habe gedacht, da du mich gestern nicht erreichen konntest, so können wir es vielleicht heute machen.
Ich habe mich gleichzeitig damit für eine Arbeit motivieren können, die ich schon lange hätte machen sollen. Ich habe sie jetzt in 25Minuten Portionen geschafft. Es ging eigentlich sehr gut. Einfach schade, dass zum Schluss nicht noch ein kleiner Chat mit dir herausgeschaut hat. Das wäre die Krönung gewesen.

Ich habe eine Frage: du sprichst davon, dass ich dich zum grossen Turm baue, und du schaust zu, steuerst nur einzelne Steine bei und befürchtest, das ganze könnte zusammenstürzen. Das ist wie ein Traumbild. Kannst du es für mich interpretieren. Mit anderen Worten, ich weiss nicht so genau, wie du das meinst?
Am Anfang hast du einmal gesagt, wir wollen gemeinsam einen soliden Turm bauen. Nicht wahr?
Finde ich überigens sehr schön und poetisch, wie du immer wieder auf den Turm zurückkommst. Ist auch wirklich ein kraftvolles Symbol, fast männlich und solide und emporreichend. Kommt auch bei Rilke vor, das muss ich dir nicht sagen. Einmal für Gott, oder für das Schicksal dort bei "ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen ..." erinnerst du dich?

Ach, ich habe auf der Karte kurz geschaut, wo ihr im Sommer hinfährt. Das war Lulea, am Fluss Lula oder so? Das ist irrsinnig weit oben, fast schon zur finnischen Grenze hin? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Ist die Landschaft ziemlich flach dort, wie eine Steppe? Gibt's dort Bären oder sowas? Aber aus deinen Worten merke ich, dass du dich das ganze Jahr auf den Sommer dort oben freust. Es ist für dich ein Refugium, wie wir sagen, ein Naturreservat, und direkt am Fluss, wie du erzählt hast, und eine Gesundkur für die ganze Familie. Ich würde euch gerne sehen, wenn ihr dort oben fischt und die Natur geniesst. Aber ich will ja schliesslich nicht so indiskret sein, dass ich zuschauen käme.

Es ist 2400 und ich will nochmals ...

an Herrn S.. ;-)

den 4 april 2000 17:10
Re: an Herrn S.. ;-)

Lieber ...!

Du baust mich weiter - wie einen Turm von Bruegel - immer grösser, immer schöner und immer höher, als wolltest du auf diese Weise den Himmel erreichen. Und ich? Was tue ich? Ab und zu lege ich vorsichtig einen Stein hin. Nur ganz vorsichtig um nicht dein Gebäude zu zerstören. Ich habe Angst es könnte zusammenstürzen wenn ich da sehr mithelfen würde.

Deinen Brief von heute habe ich wie gewöhnlich geprintet. Ich mache es neuerdings mit der Farbpatrone, dann geht es gut. Manchmal wähle ich dunkelblau, heute war es ein dunkles grün (die Farbe der Hoffnung?).

Du bist so lieb, ..! Versuchst mich vor kommenden Schwierigkeiten zu warnen. Du musst keine Angst haben. Ich kenne deine kleine Fahrkost. Es werden auch Zeiten kommen wo wir uns nur mit Schwierigkeit erreichen können. So z.B. im Sommer wenn ich oben im Norden auf dem Lande wohne. Dort habe ich keinen PC . Meine Post kontrolliere ich einmal in der Woche in der Bibliothek in Kalix (findest du es auf der Karte? Nördlich von Luleå).

Dann kommen diese Ferienwochen wenn ich verreist bin oder vielleicht nur selten an den PC rankomme hier zu Hause. Später wirst auch du verreist sein und ich werde den Kontakt mit dir sehr vermissen. Ein Mausleben kann so schön sein aber es ist nicht immer leicht.

Eigentlich finde ich es komisch dass sich die europäischen Länder so weit hinten befinden was die Computertechnik betrifft. Nun, es hat auch seine Nachteile. Schweden ist sehr stark datorisiert und auch in der Schule haben alle Schüler täglich Zugang zum Internet. So sitzen sie oft in den langen Pausen und chatten mit irgendeinem Bekannten anstatt hinauszugehen und mit einem Menschen "live" zu sprechen. Es ist eben die Rückseite des Mediums.

Ich muss mich beeilen, denn bald beginnt meine Konferenz.
Schicke dir derweilen dies und schreibe dir heute Abend mehr falls ich dazukomme.
Wünsch dir alles Gute für den Rest des Tages
Deine
Marlena

Mittwoch, 6. April 2011

im Steinzeitalter der Computertechnik

den 4 april 2000 12:31
an Frau J...

Liebe Marlena
Habe ich mich bei dir auch wirklich bedankt für die schönen Bilder von Lenzburg? Ich war 8 Jahre alt, als wir von dort wegzogen. Und anfangs hatte ich unheimliches Heimweh zurück. Im Wallis, eingesperrt in den Bergen, fühlte ich mich gar nicht wohl. Und oft trieb ich mich als Junge zusammen mit meinem Bruder auf dem Bahnhof herum, oder schaute hinüber nach den Zügen, die von Brig den Talhängen entlang in Richtung Bern dahinfuhren. Das Schloss Lenzburg ist eine der schönsten und besterhaltenen Burgen der Schweiz und mein Onkel könnte stundenlang darüber sprechen, wer alle die Besitzer waren und was man von ihnen weiss und gehört hat.
Liebe Marlena, deine zwei Mails von gestern sind so sehr voller Gefühle, dass ich ein bisschen - wie soll ich sagen - dass ich dich umarmen müsste. Vieles geht mir dabei durch den Kopf, um nicht Herz zu sagen.

Erstens: Das eine ist ganz praktisch. Und ich wollte es dir früher schon sagen.  Du weißt, dass ich hier in meinem Büro auf einen kleinen Laptop einhämmere. Er steht auf einen Boy (so ein kleines fahrbares Ding mit Rädern, du weißt) ziemlich quer in meinem Büro. Mein Freund hat mir dieses kleine Kistchen als Laptop ausgeleiht, es ist ein älteres Modell. Ich weiss fast gar nichts darüber. Im Büro haben wir im Moment noch das System Apple. Da kenne ich mich ein bisschen aus in den wichtigsten Funktionen. Aber dieses hier ist das andere System, wie heisst es noch, Windows und so weiter? nun ja, einfach die andere Seite in diesem kalten Krieg. Du weißt schon. Wenn ich ein Mail abschicke, ziehe ich vorher mein Telefonkabel heraus und stecke die kleine Verbindung zum Laptop ein. Es geht unendlich lange, bis die Verbindung klappt. Und das Maschinchen rattert vor sich hin und legt sich ins Zeug. Manchmal habe ich Mitleid, dass ich etwas viel von dem alten Ding verlange. Meine Mails sind nun ja nicht gerade reduzierte Portionen für Pensionisten, oder? (klappt deine Patrone jetzt, und hast du eine "Familien-spar-packung gekauft??) Du siehst, ich finde mich hier praktisch im Steinzeitalter der Computertechnik. Manchmal habe ich den Eindruck, ich fahre auf hoher See bloss mit einem kleinen Gummiboot. Und ich bin echt erstaunt, dass meine Signale bis Stockholm reichen. Hätte ich diesem Kistchen ursprünglich gar nicht zugetraut. Aber das ist ja nun nicht nur die Leistung des PC. Und dieses eben wollte ich dir lange schon sagen. Wenn du einmal einen Tag, zwei Tage, drei Tage -oder mehr kein Mail von mir hast, dann ist hier bloss etwas faul mit meinem Schlauchbötchen. Dann ist irgendwie die Luft raus. Kürzlich habe ich bloss mal kurz in unkonzentrierter Weise - eigentlich habe ich nur meine Lesebrille nicht auf der Nase gehabt - habe ich ein Codewort gelöscht, so dass ich keine Telefonverbindung schalten konnte. Mit Hilfe eines Anrufes an meinen Freund konnte ich das Problem rasch lösen. Aber es gibt ja in dieser kleinorganisierten elektronischen Welt soviele Möglichkeiten von Pech und Pannen, dass man nie weiss, wie nahe vom Abgrund man sich bewegt, ob man sich vielleicht schon im Sturzflug befindet, und es einfach noch nicht weiss. Du verstehtst, was ich meine? Wenn du keine Nachricht hast, dann hat das bestimmt nichts mit dir zu tun, höchstwahrscheinlich auch nicht mit mir. Dann ist es mein kleines Schlauchboot, definitiv. Und dann lehnst du dich, Marlena, im Stuhl zurück, legst die Beine hoch, drehst eine schöne Musik an und träumst ein bisschen vor dich hin und stellst dir vor, wie ich jetzt in der Gegend herumsause, um mein Maschinchen wieder flott zu kriegen. Vielleicht könnte ich dir von der Bibliothek eine kleine Message durchkabeln? Aber ich bin - ehrlich gesagt - manchmal schon etwas unbeholfen.   Im Prinzip ist es ja nicht unmöglich, dich über einen anderen PC zu erreichen. Ich hoffe einfach, dass ich es dann auch zeitlich und technisch schaffe. Ich glaube, du verstehtst was ich dir sagen will?

Zweitens:Anfangs habe ich mich manchmal geärgert, dass deine Mails gelegentlich kurz waren. Ich hätte gerne mehr von dir gehört. Ich wollte gerne wissen, was du denkst und zu sagen hast, wie es dir geht und was dich bewegt. Und das war es dann vielleicht auch, was mich besonders zur Länge getrieben hat.
Doch ich habe dazugelernt, meine Liebe, es ist nie zu spät. Gestern kam ein kleines Mail von dir. Und ich wusste, dass du einen harten Tag hast und und dass du all deine Gedanken auf deine Arbeit konzentrieren musst. Und so fand ich grosse Freude an deinem kleinen Mail, und es gab mir den Eindruck, es sei wie ein kurzes Winken und zartes ein Lächeln (vielleicht sogar ein clin d'oeuil (schreibt sich das so?)) von der netten Nachbarin, und ich dachte, es wäre ein luftiger Kuss über den Gartenzaun hinweg gehaucht. Das erfrischt und gibt mir den ganzen Tag ein gewisses Ambiente, das ich nicht beschreiben kann. Es setzt einen Horizont von positiven Ahnungen, die zwar sehr unbestimmt und doch sehr schön sind. Es ist klein, doch es hat grosse Wirkung, wie viele Seiten der Gefühle.
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Drittens: Paris-Wien-Rom, klar, decided! Du kannst nur noch über die Reihenfolge verhandeln. Und wer wo die Führung übernimmt. Alles andere ist abgemacht. Wollen wir das auch gleich in §§§ giessen?
Es gibt Sehnsuchtsorte. Elias Canetti betrieb einen Kult mit den Städten, die er aufsuchen wollte. Je heiliger ihm eine Stadt war, desto länger schob er den Besuch hinaus.
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Dienstag, 5. April 2011

über das Schreiben

den 4 april 2000
(Fortsetzung 2)
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Ich möchte dich auf keinen Fall stumm machen, meine Liebe. Ich weiss, manchmal schreibe ich zuviel. Ich merke es erst zum Schluss. Solange ich schreibe, geniesse ich es, in meinen Erinnerungen zu graben. Deshalb ist das Schreiben auch eine Unterhaltung für mich selbst. Aber es ist, wie gesagt, wunderschön zu wissen, dass eine aufmerksame Person dabei ist und mitgeht. Ich glaube, du hast es ähnlich. Wenn du etwas Besonderes erlebst, möchtest du es mit jemandem teilen. Nun ja, vielleicht hat das jeder Mensch?
Ich bin dir dankbar, Marlena, dass du mir die Möglichkeit gibst, zu schreiben. Seit Jahren möchte ich irgendwie schreiben. Doch für mich allein kann ich es nich. Ich nehme mir die Zeit nicht, obwohl ich weiss, dass es durchaus gut wäre, mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich finde es witzlos, zu schreiben, wenn niemand den Text liest, ausser ich vielleicht in ein paar Jahren wieder. Doch Schreiben verlangsamt und ordnet das Denken. Und das ist durchaus heilsam. Ich habe in meinen schulpsychologischen Abklärungen immer gerne jene Kinder gemocht, die mit sich selbst sprechen konnten. Sie haben einen besonderen Charme. Wenn sie ein Problem zu lösen haben, stellen sie sich Fragen und beantworten sich die Fragen. Das ist in meiner Meinung eine gute Fähigkeit und Technik, mit dem Leben fertig zu werden. Die Möglichkeit, mit sich selbst zu sprechen, gehört in dasselbe Kapitel wie der Rat, man soll lernen, sich selbst ein guter Freund oder eine gute Freundin zu sein. Ich glaube, das ist heute wichtig, heute, da wir mit sovielen Situationen völlig allein fertig werden müssen.
Ich kann nicht sonderlich gut mit mir selbst sprechen. Manchmal versuche ich es. Und im Grunde hilft es oft, ich komme dann vorwärts. Aber ich mache es meist nur halbherzig. Ich bin darin schlecht begabt und ausgerüstet. Und so bin ich froh, dass ich dich habe. Und dabei erinnere ich mich wieder an deine Andeutung deiner Trauer, über die dunkeln Wolken. Ich bitte dich Marlena, erzähl mir, wenn du es denn kannst. Seit du mehrmals nebenbei etwas anklingen liessest, sorge ich mich. Es erscheint mir ganz einfach unheilvoll und schwer, und ich bin im Unklaren, was ich damit anfangen soll. Aber natürlich weiss ich auch, dass du entscheiden musst, ob du das willst oder kannst oder darfst. Ich weiss es ja nicht.
Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, meine Briefe an dich nicht allzu denkerisch, theoretisch oder geradezu grüblerisch zu gestalten. Ich möchte gerne, wenn ich das schaffe, die Leichtigkeit des Seins betonen. Ich möchte, dass du Freude hast, und dass du bei der Lektüre nicht zusehr deine schöne Stirn in Falten ziehen musst.
So wünsche ich dir einen feinen Anfang der Woche
Mit einem lieben Gruss
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