Habe ich dir erzählt, dass ich im Januar in einem Modellierkurs war. Es waren etwa 10 Sitzungen à 3 Stunden. Jeder konnte modellieren, was er wollte. Ich fand mich dort in einem Kreis von Hausfrauen wieder und war effektiv der einzige Mann, neben dem Künstler. Das mochte ich eigentlich nicht so besonders, aber ich habe mein Schicksal mit Würde getragen. Das muss ich sagen, angesichts der Tatsache, dass einige dieser Damen echte Plaudertaschen waren. Doch es gab auch einige darunter, die schon jahrelang diesen Kurs besuchen und wirklich künstlerische Ambitionen haben.
Also, ich habe versucht, einen Frauenkopf zu modellieren, eine Büste, um genau zu sein. Und jedes mal, wenn ich nach einer Woche wieder an meiner Dame Hand anlegte, veränderte ich sie völlig, dass niemand sie wiedererkannte. Sie war wirklich sehr unruhig und wandelbar und unzuverlässig, meine Dame. Aber so nach etwa 4 oder 5 Sitzungen beruhigte sie sich etwas, sie wurde solider und konstanter. Der Künstler hatte sie auch einmal in seine fachmännischen Finger genommen und ihr den Hals wieder ein bisschen dicker gemacht. Ich wollte eigentlich gerne einen dünnen Hals, so wie derjenige von Nofretete, die wir über Weihnachten in Berlin gesehen hatten. Aber meint Künstlerlehrer fand, man könne die Erde nicht überlisten, sie eigne sich nicht für dünne Hälse. Und so liess ich einen robusten Hals zu, nicht gerade ein Bauernfrauen-Hals, aber doch ein Athletinnen-Hals. Und dann habe ich meiner Figur auch eine respektable Frisur gemacht, eine Art Knopf (nein, kein Schwänzchen, wie du vielleicht jetzt gedacht hast, hier doch nicht mehr!).Doch diese Frisur war ein bisschen schwer, so dass meine hübsche Dame stets den Kopf langsam zum Himmel gedreht hat. Die Haare haben einfach hinten durch ihr Gewicht heruntergezogen. Und so schaute ihr Gesicht schlussendlich zum Himmel. Man könnte sagen, sie sei eine Regenbeterin, die ohnehin erst anfangen zu beten, wenn sich die Wolken schon zusammenziehen. Und am letzten Kursvormittag hatte ich noch die Idee, ihr noch hände vorna an die Brust zu heften. Ich hatte dafür gute ästhetische Gründe. Und zugleich gaben die Händefläche eine gute Antwort auf die Gesichtsfläche. Jetzt sieht sie wirklich aus wie eine Regenbeterin. Ich sag es dir, liebe Marlena. Wenn wir hier einen nassen Sommer haben werden, dann weiss ich weshalb.
Ich habe meine Figur noch im Atelier des Künstlers gelassen. Ich werde sie gelegentlich holen. Sie kann dort noch trocknen.
Der Künstler ist überigens ausgezeichnet. Er kann prima erklären, was er meint, und er hat Erkenntnisse, die ich oft auch geahnt hatte, oder die ich aus Büchern angelesen hatte. Aber er hat sie durch seine eigene Arbeit erworben. Er ist wirklich aussergewöhnlch gut. Ich habe ihm gesagt, er soll auch Kurse machen für Kinder oder Jugendliche. Weißt du, so ein kleines Kunstwerk zu modellieren hat etwas mit dem Leben zu tun. Ich will damit sagen, die Probleme, die bei der Modellieraufgabe entstehen, sind dieselben, die auch im Leben auftauchen. Man muss sich analoge Fragen beantworten. Was will ich, wenn ich alles wollen kann? Was finde ich schön. Was ist mein Thema? Wie sieht für mich eine ideale Figur aus. Was sind die interessanten Punkte an der Figur. Wie kann ich an die Grenze gehen. Wo überhaupt ist die Grenze. Wie kann ich das, was ich gefunden habe, noch deutlicher machen. Wie lange ist es schön und wo kippt es ins Hässliche hinüber. Es sind Lebensfragen. Denn das Leben ist ein Kunstwerk ebenso. Und es gibt neben den rein biologischen sehr viele ästhetische Fragen zu beantworten.
...