Freitag, 7. Januar 2011

Fantasien haben lange Beine

...
Du siehst, wohin mich meine Fantasie trägt? Sie hat eben etwas lange
Beine! Wir sagen im Deutschen „Lügen haben kurze Beine", doch ich
sage: Fantasien haben lange Beine! Und das ist doch ein gutes
Stichwort, „Fantasien haben lange Beine", ist geradezu ein Slogan für
die Postmoderne, für die globalisierte Welt. Siehst du Marlena, das
macht mir mein Tagebuch wertvoll, dass ich manchmal Erkenntnisse
oder Erfindungen mache, die ich sonst einfach niemals im Leben
machen würde. Das sind vielleicht kleine Sachen. Aber alle grossen
Sachen haben klein angefangen. Das meine ich, wenn ich sage,
Du inspirierst mich.
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(15 Februar 2000)

ST, Italobar und andere Bars

Ämne: Re: Endlich wieder..
Datum: den 20 november 2002 08:40

Liebe Marlena

Vielleicht ist es Dir in der Zwischenzeit gelungen, in Dein Box zu gelangen? Es herrschen manchmal komische Umstände am Netz. Und man kann diese Dinge so schwer durchschauen. Als ich noch im ST herumchattete, dh. in meinen jungen, sozusagen pubertären Tagen, da habe ich mal mit einem Mädchen geplaudert, die dachte, ich sei irgendwie ein Mitglied der ST Direktion. Sie hatte mich gefragt, ob es gesetzlich in Ordnung sei, dass ihre Firma den Zugang zum ST blockieren wolle. Und dann bat sie mich, mit den Leuten zu reden, und ihnen zu zeigen, dass sie etwas Unrechtes im Sinne hätten. Sie war so naiv, wie es das Leben verboten hat. Ich konnte nicht viel tun, als sie ein bisschen zu trösten und ihr guten Mut zuzusprechen.
Aber insgesamt glaube ich, dass die Firmen viel Arbeitszeit verlieren durch dieses ST. Eine Sekretärin hatte mir immer erzählt, wann gerade der Chef ins Büro trat. Sie hatte offenbar eine Schaltung, die sie drücken konnte, um in Windeseile eine Arbeitsseite erscheinen zu lassen.
Du siehst, ich habe breite Erfahrungen aus dem ST. Ach, es ist lange her, und ich weiss noch genau, wie ich ein merwürdiges Gefühl hatte anfangs, als ich dieses geschwätzige System ausprobierte. Etwa drei oder vier Ladies wollten sich unbedingt mit mir treffen. Eine Lady war so hysterisch und aggressiv, dass sie wohl keine Lady war. Und daneben gab es viel schweizerischen Durchschnitt. Aber irgendwie konnte man auch so etwas wie einen Volkscharakter erkennen. Die Luzerner Menschen sind milder und verträglicher als die Ostschweizer. Die Ostschweizer sind tüchtig und preussisch aufgeräumt. Die Berner sind nicht so genau zu identifizieren. Neben der Geographie ist der zweite Faktor wohl auch das Alter. Man merkt irgendwie, wie jung oder alt ein Mensch ist. Das hört sich aus dem Wortlaut, aus den kleinen Accessoires wie Emoticons, Trendwörter, gewisse Formulierungen. Und den Bildungsstand bemerkt man aus der Wortwahl, den Fremdwörtern und der Satzlänge vielleicht. Ein Faktor ist schwer zu beurteilen, nämlich die Fähigkeit zu tippen. Ich glaube, Sekretärinnen und Leute, die viel Maschinenschreiben, wirken im ST gewandter und aufgeschlossener als Leute, die sich nur langsam und umständlich schriftlich ausdrücken können. Ich mochte es immer, wenn ich nicht sooo lange warten musste auf eine Antwort, und wenn diese Antwort etwas spritzig und saftig war. Aber es war mir bewusst, dass das System die Büromenschen aufwertet.
Das ST bringt Büromenschen, junge Leute, extrovertierte und zur Oberfläche tendierende Menschen zum Vorschein. Natürlich auch viele Typen, die sich hinter irgendwelchen Fassaden, Lügengeschichten und fadenscheinigen Vorwänden verstecken. Sicherlich gibt es jede Menge Männer, die sich als Frauen ausgeben und umgekehrt. Es ist eine merkwürdige Welt!
Nur an unsere Italobar habe ich einigermassen angenehme Erinnenrungen. Es ist merkwürdig, dass sie sehr diffus in meiner Erinnerung herumgeistert, wie ein Lokal, an dem man einen längeren Stromausfall mitgemacht hat. Es ist zwar alles wie in einer Bar, hohe Theke, Barstühle mit kühlen roten Lederpolstern auf hohen Metallbeinen, rohe Mauern, Franco an der Theke mit einem Schmetterling vielleicht, eher klein, aber jovial, wie man sich einen Italiener vorstellt. Na ja, wenn ich es mir genauer überlege, kommt mir die Simplon Bar in Brig ins Gedächtnis, die wir eine Zeit lang ziemlich oft besucht haben. Im Grunde genommen war es ein alter Keller, der umgebaut worden war. Man gelangte über eine lange enge Treppe hinunter in diesen dunkeln Raum. Und wenn man zu fortgeschrittener Stunde schon etwas alkoholisiert war, und eher die Treppe herunter fiel als stieg, so landete man nach dem kleinen Stolpern gleich an der Theke, hinter welcher eine für unsere damaligen Begriffe eine ziemlich rassige Frau mit verwegener Frisur stand und nach den Wünschen fragte. War sie nicht Oesterreicherin? Hiess sie nicht Marlene? An den rohen Wänden standen einige kleine Tischchen, die einzeln mit tiefhängenden Lampen beleuchtet waren. Sonst war es im Raum ziemlich dunkel. In der Mitte stand eine Holzsäule irgendwie, die die Decke trug. Und ebenfalls dort war eine kleine Jukebox positioniert, wo man für 50 Rappen drei Musikstücke spielen lassen konnte. Meist waren es die Beatles, die Rolling Stones oder ähnliche, die von dort sanfte Rhythmen verbreiteten.
Es gab eine Zeit, da gingen wir gleich nach der Schule in dieses etwas verrufene Lokal, bestellten eine Cola oder ein Bier, rauchten scharfen Tabak und bliesen unseren Rauch ins Halbdunkel des Kellers hinaus. Und dazu hörten wir Beatles Musik und an die grosse weite Welt. Diese Musik wenigstens habe ich noch in guter Erinnerung. Ich kann mir immer noch vergegenwärtigen, wie ich damals die Situation erlebte. Ich hatte jedesmal wenn wir uns dort trafen das Gefühl, der Ort und die Atmosphäre wäre interessant, aufregend, vielversprechend. Wir fühlten uns am Puls der Zeit, avantgardistisch an vordester Front der Zeitentwicklung. Aber dann passierte eigentlich ganz und gar nichts. Wir sassen bloss herum, äusserten uns kaum und wollten nicht wahrnehmen, dass es eigentlich bloss langweilig war. Es war absolut nichts. Ein paar Mädchen hätten die Situation in Sekundenschnelle total verändert. Aber in diese Spelunke verirrten sich keine Frauen, schon gar nicht Schülerinnen, die auch auf dem Heimweg waren. Und so war die Barmaid das einzige Wesen, dass diesen dunkeln Keller etwas zu erhellen vermochte. Auf jeden Fall war die Frisur ok die Art, wie sie sich kleidete zeigte, dass sie auch mit vorne war. Na ja, vielleicht war sie eine Generation älter als wir. Aber aus unserer Froschperspektive doch noch im besten Alter.
Soweit meine Erinnerungen an die Italobar, die nun ja eigentlich Simplon Bar geheissen hat. Und ich bin fast sicher, dass es sie heute noch gibt, vielleicht etwas geändert und feuerpolizeilich ausgebaut. Und vielleicht mit einer neuen Barmaid??

Mittwoch, 5. Januar 2011

Bosch


Liebe Malou
Wie findest du meinen Bosch? Ist er nicht hübsch? Ich mag solche
Bilder, entweder von Bosch oder von Bruegel. Man schaut auf
die Welt, als ob man selbst der liebe Gott wäre. Gibt es denn ein
schöneres Gefühl als das des lieben Gottes? Und die Welt schaut
aus wie eine Puppenstube, mit diesen zerbrechlichen Kreatürchen,
die sich so total nicht an die 10-Gebote, die ich ihnen doch vor-
geschrieben habe, halten wollen. Und deshalb lasse ich sie ein
bisschen zappeln und schwitzen und schreien in der Hölle. Oder,
noch besser, in der Vorhölle. In der Vorhölle kommt zum Schmerz
und zur Hitze noch die Angst vor der Hölle. Das ist himmlich, nicht
wahr? Und wie sie kreischen! Und sich winden! Es ist ungefähr so
wie damals, als Kinder noch mit Maikäfern gespielt haben. Sie haben
sie hinaufklettern lassen bis zum Rand der Schachtel, um sie dann
jäh wieder hinunterzustossen. Sie haben sie auf den Rücken gelegt
und zappeln lassen. Ich glaube, der liebe Gott hat viel Freude und
Unterhaltung an seiner Welt. Er lässt uns gerne zappeln und leiden.
Daran hat er seine spezielle Freude, muss man meinen.
...

Dienstag, 4. Januar 2011

Anweisung für einen Abstieg zur Hölle

date12 December 2007 15:31
subject  Anweisung für einen Abstieg zur Hölle

Lieber ...,
Es war nett eine Weile heute mit dir zu plaudern. Ich habe dir schon ein Bild gemacht von den Zutaten die du brauchst für das Rezept das ich dir senden will.

Neulich musste ich lachen, denn gerade jetzt wo du dich mit deiner Garderobe für den Aufstieg in den Himmel beschäftigst, kam mir dieser Titel vor die Augen. Es ist ein Buch von Doris Lessing. Vielleicht sollten wir uns auf beide Möglichkeiten vorbereiten. Mir spielt es eigentlich keine grosse Rolle wo ich lande. Die Hauptsache ist du bist auch dort. Dann wird es nie langweilig. :-)

So ich lasse dich mit diesen paar Zeilen. Schicke dir ein paar Bilder vom Nobelfest mit und ein Bild für das Rezept, das ich dir senden werde.

Alles Liebe noch
mit Gs und Ks
Malou

"Anweisung für einen Abstieg zur Hölle"
 

Anweisung für einen Abstieg zur Hölle handelt von einem Altphilologieprofessor, dessen äußere Realität zusammenbricht und der stattdessen in einer inneren Welt des Geistes aufgeht. Das klingt zunächst einmal klischeehaft, fast abgedroschen, ist aber aufgrund der einfühlenden Erzählweise von Doris Lessing spannend und interessant zu lesen. Passagen aus dieser inneren Welt wechseln sich ab mit kurzen Einschüben aus der so genannten normalen Realität, in der Professor, Charles Watkiens, in einer Psychiatrie gelandet ist, in welcher er mit Psychopharmaka behandelt wird. Doch nichts hält Watkiens davon ab, die verborgenen Bereiche seiner Psyche zu erkunden. Schließlich bringt er die Psychiater auch dazu, sich ernsthaft mit seinem Geist und Leben auseinander zusetzen: durch Briefe und persönliche Interviews von und mit den Angehörigen, Freunden und Bekannten wird ein facettenreiches, panoptisches Bild dieses Mannes gezeigt. Schließlich holen die Vertreter der Commonsense-Realität den Professor mit Elektroschocks wieder in die anerkannte Wirklichkeit zurück, so viel sei hier schon verraten. Insgesamt ist dieses Buch ein gelungenes Bewusstseins-Panoptikum, das sich hauptsächlich aus bunten Innenweltschilderungen, Briefen und Interviews zusammensetzt und nicht ganz anspruchslos ist.

Pieter Bruegel

Liebe Marlena
...
Letzte Woche habe ich einen Bildband über Pieter Bruegel erstanden, du erinnerst dich, den Bauern Bruegel, oder der Drollige Bruegel, wie man ihn heisst, Pieter Bruegel der Ältere. Es gibt ja dann noch den Jüngeren und es gibt noch Jan, den Blumen Bruegel, der etwas feiner gemalt hat und zB auch mit Rubens zusammengearbeitet hat. Ich erinnere mich an ein Bild, das sie zusammen gestaltet haben, ich meine, soweit Rubens seine Bilder überhaupt selbst gemalt hat. Er hatte ja eine wahre Fabrik, sagen wir Manufaktur, das klingt etwas höflicher. Er war ein guter Geschäftsmann gewesen, dieser Rubens. Heute wäre er wahrscheinlich ein grosser Video-Produzent, der mit seiner Arbeit steinreich geworden ist. Er hatte eine Nase für die Moden und Vorlieben seiner Zeit, und er hat sie voll genutzt. Aber zurück zum alten Bruegel. Er hat dieses wunderschöne Bild des Turmes zu Babel gemacht, dieses zugleich schöne wie bedrohliche und unheilversprechende Bild. Wie wäre es jetzt schön, dieses Buch zusammen anzuschauen? Hättest du überhaupt Zeit für solchen Luxus? Bruegel ist wohl mit Bosch der originellste Maler des 15. Jahrhunderts, köstlich und flandrisch und witzig, verspielt und mit einer Bauernschläue, wie nur noch der alte Cato bei den Römern. Nein, Cato war nicht verspielt, der war eher tierisch ernst und stockkonservativ. Bruegels Turm ist ja zur Ikone geworden. Und das ist eine grosse Leistung für eine einzige kleine Existenz im 15. Jahrhundert Flanderns.

Ich habe immer geliebt, wie die Holländer ihre Maler lieben und mit ihnen leben. Jedes Kind kennt sie. Und es gibt diesen schönen Begriff eines „Jan Steen Haushaltes". Kennst du die Bilder Steens? Er hat viele Interieurs gemalt und immer sehen sie zwar sehr malerisch, aber eigentlich äusserst unordentlich bis chaotisch aus. Mein Büro ist gelegentlich ein Jan Steen Haushalt, echt, es fehlen nur noch ein paar Hühner und in der Ecke eine Stoffdrapierung. Dann wäre ich ein Jan Steen Hausherr (es ärgert mich, mein Computer macht aus Steen immer Stehen. Er ist wirklich dumm und unverbesserlich starrköpfig, sofern er überhaupt einen Kopf hat!).

(R)

Cardiac depressant

Subject: Cardiac depressant

Mein lieber Mausfreund,
Nie konnte ich mir vorstellen dass du Herztropfen brauchst nur weil
ich dir geschrieben habe was du als intelligenter Mensch schon längst
weisst. Was könnte eine so garantiert schreibfaule Person wie mich (man
sagt oft ich sei da erblich belastet) dazu veranlassen mich täglich
mit Schreiben zu befassen? Während der Rest meiner Bekannten so rund
ein halbes Jahr auf meine Antwort warten, erhältst du meistens schon
am folgenden Tag ein Mail von mir.

Nein doch, Polygam bin ich sicherlich nicht. Was ich liebe ist alles
in demselben Körper zu finden. :-) Wenn du wüsstest wie lange ich
gezögert habe so deutlich zu werden. In jedem Mail, wie trocken und
prosaisch es auch war kam mir immer die Lust mitten drin die drei
Worte hinzuschreiben. Und nun da ich es schliesslich getan habe finde
ich plötzlich garnichts mehr dabei. Es ist als hätte ich mich endlich
von etwas schwerem befreit. Aber, wenn es nun so ist, dass ich dir
gegenüber sehr viel "Herz" bin, so bin ich andererseits auch sehr viel
"Verstand". Und dieser letztere sagt mir warnend: "Du hast diesen
Gegenstand deiner Liebe selbst geschaffen. Es ist nur eine
Konstruktion deiner eigenen Träume und Wünsche. Ein RL würde
sie nicht bestehen."
Ja, so sagt es wirklich, mein vernünftiges ICH , und zum erstenmal
höre ich nicht darauf. Ich habe alle Sorten von (sogar vernünftigen)
Gegenargumenten. Und wenn ich überhaupt jemals erfahren werde
was das wirklich heisst, jemanden zu lieben, so bin ich sicher dass
es dieses Gefühl, das ich für dich habe, sein muss.

Jetzt muss ich aber lachen, denn das hier sieht eher aus wie eine Art
trockene Abhandlung..  Lach doch auch ein wenig.. es ist nicht
tragisch. Siehst du, immer noch schenkt mir der Kontakt mit dir diese
Serenität von der du ursprünglich gesprochen hast. Manchmal frage ich
mich wie mein Leben ohne dich gewesen wäre.
Ich glaube es hat auch mit dir zu tun dass man daran zweifelt dass ich
wirklich von Schmerzen geplagt bin. Sicher fragt man sich wie ein
leidender Mensch so glücklich aussehen kann.
*
Das Hotmail ist irgendwie nicht in Ordnung und ich ...