Montag, 3. Mai 2010

Botanik und Caravaggio

Subject: Wachträume?
Date: Tue, 06 Jun 2000 05:39:39 GMT


Liebste Marlena
Ach weißt du, es hat mich sehr berührt, deine Absicht, ...
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Gestern bin ich also schon um 16h aus dem Büro verschwunden. ...
Wir sind also an diesen Treffpunkt im Wald gefahren. Es war alles sehr gut orgnisiert. Das botanische Institut der Universität Basel hat einen Kran aufstellen lassen. Und zwar haben sie sich eine Stelle ausgesucht, wo alle wichtigen Baumarten Mitteleuropas im Schwenkbereich des Krans vorkommen, damit sie all diese Bäume untersuchen können. Es gab einen feinen Grill und ein perfektes Salatbuffet. Der Organisator hatte spezielle Leute engagiert, die das alles besorgt haben. Und dazu gab es eine Musik. Sie spielten zwar in dieser Baracke Ländlermusik, was ganz volkstümlich und eher für ältere Leute ist. Aber sie haben doch alles sehr schön arrangiert.
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Um zwei bin ich in der Nacht erwacht. Und weil ich wohl ein bisschen zuviel gegessen hatte, war mir heiss. Und ich bin aufgestanden und in den Wohnraum im Parterre gegangen. Dort ist es ein bisschen kühler und ich habe angefangen zu lesen. Ich bin jetzt gerade am grossen Band über Rom. Ich hatte mir das Kapitel über Barockmalerei ausgesucht. Es gibt ja den grossen Einfluss der Bologneser Malerei auf den italienischen Barock. Und zwar gibt es zwei Schulen: Caravaggio und die Caracci. Die Caracci waren 2 Brüder und ein Cousin. Sie haben versucht, die Malerei Raffaels fortzuführen, waren also konservativ auf ihre Art. Sie haben auch eine eigene Schule gegründet und so ihre Tradition weitergegeben. Auf der anderen Seite war Caravaggio. Er war ein Hitzkopf und ein Spring-ins-Feld. Seine bilder hatten revolutionäre Elemente. Man sieht das sofort, beispielsweise an der Beleuchtung. Er beleuchtet seine Bilder wie ein Bühnenbild, und er beleuchtet sie, als ob er einen ziemlich grellen Scheinwerfer irgendwo auf eine Stelle der Szene richten würde. Das macht dramatische Effekte. Und ich glaube, das war sehr neu für jene Zeit und war später ein übliches Mittel der Barockmalerei. Rubens hat das auch, wenn auch nicht immer dermassen dramatisch wie Caravaggio. Ich glaube, Sartre hat mal einen exzellenten Essay über Caravaggio geschrieben. Er war ein bisschen ein Aussenseiter der damaligen Zeit. Erst Guido Reni, der grosse Bologneser Künstler, hat die Caracci mit Caravaggio vereint, indem er beide Stile in einen integriert hat. Ach entschuldige, meine Liebste, das ist ein bisschen zu detailliert für dich.
Aber ich will dir zum Schluss noch eine kleine Erkenntnis berichten, die ich mitten in der Nacht gemacht habe. Im Buch war eine Abbildung eines Gemäldes von Caravaggio. Es zeigte die heilige Familie bei der Rast, in der Mitte ein Engel beim Musizieren in der Rückenansicht. Das bild war ganz lyrisch gehalten, und die Maria hat ihren Kopf zur Seite geneigt. Und mir war plötzlich klar, dass diese Geste des geneigten Kopfes genau dieses lyrische "ach" ist, das man bei Rilke findet und auch in unseren Briefen ab und zu auftaucht. Es ist die visuelle Geste, die der auditiven des "ach" entspricht. Ist doch toll, mitten in der Nacht so etwas zu entdecken. Vielleicht hättest du das in deiner intuitiven Art schon viel schneller erfasst. Aber ich brauche manchmal etwas Zeit für solche Sachen. Es hat mich erfreut, das zu sehen.
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Es ging mir auch durch den Kopf, wie du gelegentlich betonst, ich würde dich idealisieren und allzuschön machen. Ich weiss schon, dass das in gewissem Masse so ist. Aber es ist mir klar geworden, dass mich die Vorstellung beschwingt, dass du eine ideale Zuhörerin, oder besser Leserin bist. Ich gehe davon aus, dass du mich absolut verstehst, dass du alles, was ich sage, in deinem unendlichen Gedächtnis und deinem grossen Herzen aufnimmst. Das ist es, was mich beflügelt, dir zu schreiben. Das ist ja vielleicht fast ein bisschen eine kindliche Einstellung. Und vielleicht kommt die Tatsache, dass du oft gar nicht so genau auf meine Gedanken reagierst, diesem Gefühl noch entgegen. Dem Gefühl, dass du alles weißt und dass du mich so gut verstehst wie sonst niemand auf dieser Welt. Ich weiss natürlich auf der anderen Seite, dass du nicht alles so genau verstehen kannst, weil es oft ja nicht sonderlich verständlich geschrieben ist. Und dass du die vielen Dinge, die ich erwähnte, teilweise auch vergisst, ja vergessen musst. Das tut aber nichts zur Sache. Mich stimuliert der Gedanke, dass du eine ideale Gesprächspartnerin bist. Das eben ist das platonische dabei. Aber mit meinem normalen Menschenverstand weiss ich, dass das so nicht möglich sein kann. Ich weiss also beides gleichzeitig. Verstehst du das, Marlena? Auf jeden Fall, wenn es nur um die Informationen ginge, dann müsstest du soviel nachfragen und klären lassen, dass wir in Tausend Details hineingeraten würden. Und dann hätten wir wohl beide schnell genug von unserer Mailerei.
Doch, vielleicht macht dich diese Situation manchmal scheu, selbst zu schreiben. Ist es das? Ich glaube, du hast das mal angedeutet. Und ich kann es mir vorstellen. Es ist dann so wie ...

wie Atlas


Subject: Re: Flaschenpost
Date: Fri, 29 Sep 2000 15:20:35 GMT


Liebe Marlena
Du bist wirklich gross im Schuss. Ich weiss, dass die Mausfreundschaft nur funktioniert, wenn man Mails schreibt. Das weiss ich sehr gut. Ich habe doch das vergangene halbe Jahr gearbeitet wie Herkules, oder noch besser wie Atlas, der den ganzen Himmelsbogen auf den Schultern tragen muss. Na ja, vielleicht nicht ganz den ganzen, aber doch immerhin bis hinauf zur Venus und wieder zurück. Das ist vielleicht der Grund, weshalb Du mich besser kennst als ich Dich. Ich habe deswegen oft gemeckert, oder etwa nicht? Oder vielleicht bist Du bloss die weit vielfältigere und weitläufigere Person, als ich es schon bin. Sehr gut möglich. Manchmal habe ich stark diesen Eindruck. Auf jeden Fall bist Du doch sehr von Gefühlen getragen, bis hinunter zum Grund der Schwermut, und ich merke, dass Du grosse Räume zu füllen vermagst. Ich habe das alles gewusst von Dir, Marlena, dass Du fröhlich bist, sozial, und lebhaft, das hört man in Deiner Stimme. Und gelegentlich haben wir alle unsere gedämpfteren und stilleren Zeiten.
*
Der Vers im Gästebuch ist fantastisch gut. Davon kann man beinahe ein halbes Leben leben, nicht wahr? Das erinnert mich sehr an jene jugendliche Gefühlslage in der Schul- und Studentenzeit, da wir noch ausdrückten, was wir fühlten, und noch fühlten, was uns beeindruckte. Es war schön und leicht und vieles war grossartig, weil das Ende nicht abzusehen war. Du musst eine echte Prinzessin gewesen sein.
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So schickst Du mir endlich eine Adresse!!!!!!!!!!! Das ist ja sensationell, das ist kaum zu glauben. Ich habe nicht gedacht, dass wir das noch im Jahr 2000 schaffen werden. Ich werde Dich nicht in ein schlechtes Licht bringen, indem ich Dir allzuviele Postkarten schicke. Darauf kannst Du Dich verlassen. Ich werde mich so neutral und sachlich wie möglich geben. Und wenn irgendwas falsch läuft, so melde es mir so rasch wie möglich, Marlena. Ich werde Deinen Namen nicht so ruinieren wie Du den meinen ruiniert hast ;--) Mein Sekretariat denkt bestimmt, es werde gleich eine Explosion geben: die Karten kamen von Schweden, Prag, Bratislawa, Zürich innert kurzer Zeit, also eine Station näher als die andere. Die nächste wird wohl Basel sein!! Du musst nicht denken, ich brauche den Schutz weniger, Marlena. Meine Leute denken sich auch ihren Teil. Aber ich weiss schon, dass Du jede Karte mit Liebe geschickt hast. Jede einzeln liebevoll. Deshalb ertrage ich die Situation mit einiger Seelenruhe.

Ich schicke Dir meinen Artikel. Das ist alles quasi wissenschaftlich und neutral. Und ich schreibe auch nicht zuviel drauf. Es ist sozusagen eine Verbindungskontrolle. Sehr geschäftlich also, und niemand wird die Augen zum Himmel drehen.
*

falschen Eindruck

Mittagsgruss
Fri, 29 Sep 2000 12:32:18 CEST


Ach, mein liebster Mausfreund, wie wenig du mich eigentlich kennst. Vielleicht habe ich dir in meinen Mails einen ganz falschen Eindruck gegeben. Ich bin doch lebhaft, meist froh gelaunt und gesellschaftlich.
".. auf dem Grunde die Schwermut" höre ich einen meiner alten Dozenten an der Uni sagen. Es galt eigentlich der Musik von Mozart damals.
So endet ein Gedicht von ein paar jungen Studenten in dem Gästebuch meiner Eltern:

"Wer findet Worte, wem fällt was ein
zu schildern den strahlenden Sonnenschein
der lachend erfüllt die Arena
Ade, du schöne Marlena"

Ich lache gern, auch heute noch. Jedenfalls liebe ich es andere Leute froh zu machen.

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Sonntag, 2. Mai 2010

Gedanken über Religion

Date: 16 Nov 2007 09:08
Subject: Re: FREIMO


Liebe Malou

Findest du diese grosse grüne Schrift nicht schön. Sie strahlt doch in
der Tat Hoffnung aus. Und richtig, sie kommt der Tatsache entgegen,
dass meine Brille nicht richtig angepasst ist. Auf die Distanz, die
ich zum PC-Bildschirm habe, kann ich nicht klare Buchstaben sehen.
Aber bei dieser grossen Schrift kann ich doch mindestens den
Wortlaut erraten. Das ist gut so.

Wir werden also Dispute für und wider die Religion haben? Ich weiss,
dass es schwierig ist. Religion ist wie eine liebe alte Heimat. Niemand
lässt sich gerne daraus vertreiben. Man hat viele warme und angenehme Erinnerungen aus der Kindheit und der Jugend. Bei wichtigen Lebensereignissen, Geburt, Erwachsenwerden, Weihnachten, Tod ist die Kirche mit dabei. Natürlich kann man Religion als Privatsache durchaus tolerieren. Aber viele wirklich gläubige Menschen können sie nicht nur als Privatsache belassen. Sie wollen andere überzeugen, dass sie selbst den richtigen Gott hätten. Ich habe das noch am Gymnasium erlebt. Ich glaube, in den ersten Jahren gab es schon noch Lehrer und Schüler, die bedauerten, dass wir Protestanten, im Speziellen ich als Schüler oder als Kollege, dereinst zur Hölle fahren müssten. Und weisst du, wie ich darauf reagierte? Ich hatte mit ihnen Mitleid, weil sie sich solche Sorgen um mich machten. Lustig nicht? Sorgen auf zwei Seiten um eigentlich gar nichts. Und gerade dies ist typisch für die Religion. Sie schafft überall Sorgen um nichts. Na ja "nichts" ist vielleicht ungenau formuliert. Sorgen ändern natürlich schon etwas an dieser Welt. Insofern sind sie nicht nichts.

Der Gedanke an die ewige Wiedergeburt ist doch schön. Kannst du dich nicht bereit erklären Malou, die Wiedergeburt in die katholische Kirche einzuführen. Es gibt doch in den Walliser Sagen dieses häufige Motiv, dass die armen Seelen, die irgendwo im Leben gesündigt hatten, dort wieder auftauchen müssen, um ihre Schuld abzutragen. Und das können sie nicht. Das heisst, sie kommen immer wieder und leiden unter den Unruhen ewiger Sünden. Es gibt unzählige solcher Sagen. Und ich glaube, Nietzsche hat seine Idee vielleicht sogar aus dem Katholischen. Sie kennen die armen Seelen, die immer wieder an den Ort des Unrechts zurückkehren müssen. Manchmal gibt es einen Schlüssel, wie sie davon loskommen, ähnlich wie in den Märchen. Ein Mensch muss vielleicht das Kreuzzeichen machen, muss ein Ave beten oder so etwas. Es ist ein magischer Mechanismus, der den Weg zur Erlösung frei macht.

Ja, das Grab von Astrid gefällt mir. Dieser einfache Stein! Ist fast
so einfach wie bei Rilke. Und die hübsche Handschrift auf dem rohen
Stein. Das wirkt zusammen sehr schön und menschlich. ...

Gestern habe ich meine Bilder durchgeschaut. Es sind mit den Jahren
soviele geworden. Ich werde dir heute eins auswählen und schicken.

Ich wünsche dir ein gutes Wochenende
Liebe Gs und Ks

...


14 November 2007 18:00
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Heute wäre Astrid Lindgren 100 geworden und man feiert überall mit
Veranstaltungen. Ich habe gestern Abend ein wunderbares Programm über
sie gesehen. Sie war ein ganz einmaliger Mensch und ich werde mir das
Program am 17. wenn es nochmals gezeigt wird auf Video aufnehmen. Ich
wünsche gerade dieses Programm würde auch in anderen Ländern gezeigt
werden.

Ich wünsche dir einen schönen Abend.
Mit lieben Gs und Ks
Malou

Astrid Lindgren 28.2.02

Ämne : 28.2.02
Datum : Mon, 28 Jan 2002 12:05:24 +0000

Lieber ...,
Astrid Lindgren ist heute gestorben.
Wir trauern.
Gruss
Marlena

21:05:17 +0000

Lieber ...,
Endlich habe ich mich vom Fernseher losreissen können. Man hat den ganzen Abend die allerschönsten Dokumentarfilme mit Astrid Lindgren gezeigt und ich war ganz fasziniert von der Ausstrahlung dieser einmaligen Frau. Ich wusste ja schon wie sie war aber früher hatte ich sie nur in kürzeren Reportagen gesehen.. jetzt kam alles auf einmal und leider gleichzeitig in allen unseren drei grossen Fernsehsendungen. Mehrmals musste ich laut lachen und wenn ich allein gewesen wäre hätte ich sicher auch einige Tränen geweint – vor Rührung und weil ich wirklich traurig bin dass ein so wunderbarer Mensch nicht ewig leben darf.
Ich würde immer noch vor dem TV sitzen wenn ich nicht entdeckt hätte dass das Programm das jetzt gezeigt wird morgen nochmals kommt. Dann werde ich es mir auf Video einspielen (heisst es so?).
Astrid Lindgren ist besser als du denkst. Sie strahlt eine grosse Wärme aus und ist so natürlich geblieben trotz aller ihrer Erfolge. Sie ist intelligent und humoristisch. Sie ist elegant.. sie hat Klasse... ach ich kann sie nicht genug loben und vor allem lobt man auch ihre grosse Demut. Wusstest du dass sie auch politisch aktiv war? Und als sie jung war sah sie sehr gut aus – eine richtig schöne Frau - was man ihr im hohen alter noch immer ansehen konnte. Über ihre Produktion sage ich nichts denn du kennst sie genauso gut wie ich. Ich glaube wirklich dass eine ganze Welt ihr nachtrauert.
*

Il pleure dans mon coeur


Il pleure dans mon coeur
Comme il pleut sur la ville;
Quelle est cette langueur
Qui pénètre mon coeur ?

O bruit doux de la pluie
Par terre et sur les toits !
Pour un coeur qui s'ennuie
O le chant de la pluie !

Il pleure sans raison
Dans ce coeur qui s'écoeure.
Quoi! nulle trahison ?...
Ce deuil est sans raison.

C'est bien la pire peine
De ne savoir pourquoi
Sans amour et sans haine
Mon coeur a tant de peine !

Paul VERLAINE, Romances sans paroles (1874)