... Auf dem Weg, besonders auf
der Via Merulana hat mich immer wieder erstaunt, wieviele Uhren die
Römer entlang der Strassen aufgestellt haben. Aber jede hatte eine
andere Tageszeigt angezeigt. So musste man annehmen, dass sie Uhren
nicht eigentlich als ein nützliches Instrument, sondern eher als ein
Dekorationsobjekt verstehen. Und wenn eine solche Uhr gerade vor
einem eleganten Geschäft am Rande des Gehsteiges angebracht war,
habe ich mir immer überlegt, dass doch die Leute im Geschäft, die
rundum alles perfekt für die Kunden zuzubereiten trachten, dass sie
sich täglich ärgern müssten ob der falschen Uhrzeit vor ihrem Laden.
Vielleicht ging die eine oder andere Uhr auch richtig. Aber man sollte
sich hüten, daran zu glauben. Bestimmt würde man den Termin verpassen.
---
Montag, 25. Januar 2010
Samstag, 23. Januar 2010
Chaotismo
---
Habe ich Dir schon erzählt von Victor Willi und der Italianità?
Der ehemalige Korrespondent des Schweizer Radios in Rom hat
wieder referiert in unserem Club. Na ja, vielleicht habe ich Dir
schon erzählt. Er war lustig, obwohl er mittlerweile etwas älter
geworden ist. Und obwohl er praktisch dasselbe erzählt hat wie
letztes Mal vor 6 Jahren, als ich Programmchef war. Und
Höhepunkt seiner Ausführungen ist jeweils, wenn er vom
Chaotismo spricht, von der Liebe der Italiener zum Chaos.
Sie lieben es offenbar, denn es bringt die Menschen zu blühen.
Nur im Chaos kann man wirkliche Grösse, Menschlichkeit und
Mitmenschlichkeit beweisen. Wenn alles rundum funktioniert,
dann verschwindet der Mensch sozusagen von der Bildfläche.
Er wird nicht mehr gebraucht. Aber in Ausnahmesituationen,
im Chaos, da sind Organisationstalent, Flexibilität, Geistesgrössse,
Sympathie für den Mitmenschen, Entschlusskraft und was weiss
ich alles mehr unbezahlbar. Das ist die Kunst der Italiener, den
Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Sie sorgen dafür, dass
nichts funktioniert und alles desorganisiert bleibt. Damit geben
sie dem Menschen eine Chance.
Soweit Willis Theorie des Chaotismo.
*
Und damit muss ich enden.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag, und mir auch.
Mit einem lieben Gruss
...
Habe ich Dir schon erzählt von Victor Willi und der Italianità?
Der ehemalige Korrespondent des Schweizer Radios in Rom hat
wieder referiert in unserem Club. Na ja, vielleicht habe ich Dir
schon erzählt. Er war lustig, obwohl er mittlerweile etwas älter
geworden ist. Und obwohl er praktisch dasselbe erzählt hat wie
letztes Mal vor 6 Jahren, als ich Programmchef war. Und
Höhepunkt seiner Ausführungen ist jeweils, wenn er vom
Chaotismo spricht, von der Liebe der Italiener zum Chaos.
Sie lieben es offenbar, denn es bringt die Menschen zu blühen.
Nur im Chaos kann man wirkliche Grösse, Menschlichkeit und
Mitmenschlichkeit beweisen. Wenn alles rundum funktioniert,
dann verschwindet der Mensch sozusagen von der Bildfläche.
Er wird nicht mehr gebraucht. Aber in Ausnahmesituationen,
im Chaos, da sind Organisationstalent, Flexibilität, Geistesgrössse,
Sympathie für den Mitmenschen, Entschlusskraft und was weiss
ich alles mehr unbezahlbar. Das ist die Kunst der Italiener, den
Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Sie sorgen dafür, dass
nichts funktioniert und alles desorganisiert bleibt. Damit geben
sie dem Menschen eine Chance.
Soweit Willis Theorie des Chaotismo.
*
Und damit muss ich enden.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag, und mir auch.
Mit einem lieben Gruss
...
6) Pippilotti u.a.m
Thu, 20 Dec 08:39:25
Liebe Marlena
Ich bin froh, dass Du bald Deinen Arbeitsstress vor Weihnachten
vorbei hast. Es ist auch hier so. Der Dezember gilt bei uns als
absolute Hochsaison...
------
Wir haben übrigens eine junge Schweizerin, eine Videokünstlerin,
die sich Pippilotti nennt. Gerade hat sie den Kunstpreis der Stadt
Zürich erhalten, jenen Preis, den damals, als ich als junger Student
nach Zurich kam, unter einer fulmianten Rede Dürrenmatts Varlin
entgegen genommen hatte. Und es ist nicht so, dass ihre Eltern sie
so genannt hätten. Ich glaube, sie nannten sie Charlotte, oder Lotti,
wie ich mich aus einem Interview zu erinnern glaube. Aber Pippi
fügte sie selbst hinzu, und man kann annehmen, dass sie dies als
Lebensprogramm verstanden haben will. Im Moment ist sie
schwanger, wie sie eben in jenem Interview sagte, und hat eine
Professur in N.Y. erhalten. ...
----
Wir haben hier Lokalfernsehen eine Moderatorin, ich nehme an,
es ist wohl die einzige, denn der ganze Betrieb ist eher klein. Sie
sieht wohl ziemlich hübsch aus, aber die Interviews, die sie macht,
sind einfach grässlich. Sie hat ihr Konzept im Kopf, liest die Fragen
mehr oder weniger mechanisch ab und erreicht damit nichts als
Geschwätz. Natürlich gibt es einige Leute, die trotzdem gut reden
können und sich in ein feines Licht stellen. Aber vor allem
extravertierte Persönlichkeiten sind meist völlig aus dem Konzept
und nach jeder Passage, in der sie etwas reden und sich anwärmen
können, schlägt die gute Moderatorin mit absoluter Überzeugung wie
mit einem scharfen Beil wieder eine neue Frage ein und unterbricht
den Strom, der ein Gespräch in Gang bringen könnte. Es ist natürlich
viel Unerfahrenheit dabei, aber auch fehlende Sensibilität.
So glaube ich wirklich, dass jenes Interview mit Flusser nicht gut war.
Oft war ja auch unklar, was ist Frage, was ist Antwort. Und vielleicht
ist Flusser ein Mann für Monologe. Das könnte ich mir noch vorstellen.
Was ich von ihm gelesen habe, war er etwas besessen, hatte überigens
in Sao Paulo eine Professur, ohne selbst einen akademischen
Abschluss zu haben. Und er ist sehr lehrerhaft, also altmodisch.
*
Liebe Marlena
Ich bin froh, dass Du bald Deinen Arbeitsstress vor Weihnachten
vorbei hast. Es ist auch hier so. Der Dezember gilt bei uns als
absolute Hochsaison...
------
Wir haben übrigens eine junge Schweizerin, eine Videokünstlerin,
die sich Pippilotti nennt. Gerade hat sie den Kunstpreis der Stadt
Zürich erhalten, jenen Preis, den damals, als ich als junger Student
nach Zurich kam, unter einer fulmianten Rede Dürrenmatts Varlin
entgegen genommen hatte. Und es ist nicht so, dass ihre Eltern sie
so genannt hätten. Ich glaube, sie nannten sie Charlotte, oder Lotti,
wie ich mich aus einem Interview zu erinnern glaube. Aber Pippi
fügte sie selbst hinzu, und man kann annehmen, dass sie dies als
Lebensprogramm verstanden haben will. Im Moment ist sie
schwanger, wie sie eben in jenem Interview sagte, und hat eine
Professur in N.Y. erhalten. ...
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Wir haben hier Lokalfernsehen eine Moderatorin, ich nehme an,
es ist wohl die einzige, denn der ganze Betrieb ist eher klein. Sie
sieht wohl ziemlich hübsch aus, aber die Interviews, die sie macht,
sind einfach grässlich. Sie hat ihr Konzept im Kopf, liest die Fragen
mehr oder weniger mechanisch ab und erreicht damit nichts als
Geschwätz. Natürlich gibt es einige Leute, die trotzdem gut reden
können und sich in ein feines Licht stellen. Aber vor allem
extravertierte Persönlichkeiten sind meist völlig aus dem Konzept
und nach jeder Passage, in der sie etwas reden und sich anwärmen
können, schlägt die gute Moderatorin mit absoluter Überzeugung wie
mit einem scharfen Beil wieder eine neue Frage ein und unterbricht
den Strom, der ein Gespräch in Gang bringen könnte. Es ist natürlich
viel Unerfahrenheit dabei, aber auch fehlende Sensibilität.
So glaube ich wirklich, dass jenes Interview mit Flusser nicht gut war.
Oft war ja auch unklar, was ist Frage, was ist Antwort. Und vielleicht
ist Flusser ein Mann für Monologe. Das könnte ich mir noch vorstellen.
Was ich von ihm gelesen habe, war er etwas besessen, hatte überigens
in Sao Paulo eine Professur, ohne selbst einen akademischen
Abschluss zu haben. Und er ist sehr lehrerhaft, also altmodisch.
*
5) Flusser immer noch
Tue, 18 Dec 18:05:14
Liebe Marlena
Puh, heute war ein wilder Tag. Ich bin schon frühmorgens nach L
gerast, um dort eine ...
---
Und daneben lese ich immer noch Flusser. Das Interview, das Du
mir in Deiner Frustration herübergeschleudert hast, finde ich nicht
so besonders gut. In einem Interview ist man immer abhängig vom
Niveau des Fragenden. Und das Niveau und die Inspiration ist nicht
bei jedem Menschen gegeben. Vielleicht habe ich auch durch Deine
Reserve etwas mehr Distanz zu Flusser gewonnen. Aber dennoch
finde ich, dass er ziemlich gut argumentiert.
Er ist fantasievoll und in einer gewissen Weise recht dichterisch.
In der Tat, ich habe es schon einmal gesagt, Philosophie ist "starke
Dichtung". Das wird zwar kein Philosoph auf sich sitzen lassen.
Dennoch besteht eine Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage trifft.
Darauf hast Du noch nicht reagiert, meine liebe Marlena. Rilke
ist Dichtung und Flusser ist Dichtung. Es gibt da nichts, was
grundsätzlich anders wäre, ausser vielleicht das Vokabular. Alle
versuchen sie, der Welt etwas anzudichten.
Und die Welt, geduldig wie sie ist, lässt dies alles geschehen, wie eine
grosse ...
Liebe Marlena
Puh, heute war ein wilder Tag. Ich bin schon frühmorgens nach L
gerast, um dort eine ...
---
Und daneben lese ich immer noch Flusser. Das Interview, das Du
mir in Deiner Frustration herübergeschleudert hast, finde ich nicht
so besonders gut. In einem Interview ist man immer abhängig vom
Niveau des Fragenden. Und das Niveau und die Inspiration ist nicht
bei jedem Menschen gegeben. Vielleicht habe ich auch durch Deine
Reserve etwas mehr Distanz zu Flusser gewonnen. Aber dennoch
finde ich, dass er ziemlich gut argumentiert.
Er ist fantasievoll und in einer gewissen Weise recht dichterisch.
In der Tat, ich habe es schon einmal gesagt, Philosophie ist "starke
Dichtung". Das wird zwar kein Philosoph auf sich sitzen lassen.
Dennoch besteht eine Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage trifft.
Darauf hast Du noch nicht reagiert, meine liebe Marlena. Rilke
ist Dichtung und Flusser ist Dichtung. Es gibt da nichts, was
grundsätzlich anders wäre, ausser vielleicht das Vokabular. Alle
versuchen sie, der Welt etwas anzudichten.
Und die Welt, geduldig wie sie ist, lässt dies alles geschehen, wie eine
grosse ...
4) Sonntagabendgruss
Flusser.. himself..
Lieber ... ,
Da der Artikel immer noch nicht erschienen ist bei mir (ich hatte
ihn auch an meine Adresse versenden lassen) schicke ich ihn dir
auf diese Weise.
So uninteressant finde ich es wirklich nicht wie du glaubst. Und
Frauen müssen nicht nur "Beeren pflücken". Alle Männer jagen
übrigens auch nicht.
Und hier noch etwas:
Auf derselben Seite im Rilkebuch stand folgendes:
Du bist, der niemals Sonntag hat,
der in die Arbeit eingekehrte,
der sterben könnte überm Schwerte,
das noch nicht glänzend wird und glatt.
Wenn bei uns Mühle steht und Säge
und alle trunken sind und träge,
dann hört man deine Hammerschläge
an allen Glocken in der Stadt.
....
:-)
Ja, ich beginne ein wenig an deiner Existens zu zweifeln.. d.h.
an der Existens des Bildes das ich von dir herumgetragen habe.
Und vielleicht braucht es auch bei mir "blutende Berge" um mich
zu Überzeugen.
War gerade einkaufen. Und was glaubst du, was ich in meiner
Tasche herumtrage? Schokolade.. schweizer Schokolade,
die beste..
Bitte, nimm ein Stück.
Mit einem lieben Sonntagabendgruss
Marlena
Lieber ... ,
Da der Artikel immer noch nicht erschienen ist bei mir (ich hatte
ihn auch an meine Adresse versenden lassen) schicke ich ihn dir
auf diese Weise.
So uninteressant finde ich es wirklich nicht wie du glaubst. Und
Frauen müssen nicht nur "Beeren pflücken". Alle Männer jagen
übrigens auch nicht.
Und hier noch etwas:
Auf derselben Seite im Rilkebuch stand folgendes:
Du bist, der niemals Sonntag hat,
der in die Arbeit eingekehrte,
der sterben könnte überm Schwerte,
das noch nicht glänzend wird und glatt.
Wenn bei uns Mühle steht und Säge
und alle trunken sind und träge,
dann hört man deine Hammerschläge
an allen Glocken in der Stadt.
....
:-)
Ja, ich beginne ein wenig an deiner Existens zu zweifeln.. d.h.
an der Existens des Bildes das ich von dir herumgetragen habe.
Und vielleicht braucht es auch bei mir "blutende Berge" um mich
zu Überzeugen.
War gerade einkaufen. Und was glaubst du, was ich in meiner
Tasche herumtrage? Schokolade.. schweizer Schokolade,
die beste..
Bitte, nimm ein Stück.
Mit einem lieben Sonntagabendgruss
Marlena
3) Nur ein Lächeln lang
Sun, 16 Dec 11:58:40
Lieber ..,
Es war nicht Ironie - nur ein kleines Lächeln über die Herren der
Schöpfung. Ja, lass uns zusammen in die Pralinenschachtel
greifen...
Mit einem lieben Gruss
Marlena
Lieber ..,
Es war nicht Ironie - nur ein kleines Lächeln über die Herren der
Schöpfung. Ja, lass uns zusammen in die Pralinenschachtel
greifen...
Mit einem lieben Gruss
Marlena
2) Sonntag 16. Dezember "Starke Dichtung"
Sonntag 16. Dezember
Liebe Marlena,
---
Ich habe das schon bemerkt, dass diese Gedanken Flussers für Dich
nicht passen. Aber ich wollte versuchen, sie für mich zusammenfassen.
Also musst Du dazu nicht ironisch werden. Ich weiss sehr gut, was Du
meinst. Man könnte einiges dazu sagen, wenn Du fragst, weshalb wir
weniger, und nicht mehr existieren. Aber vielleicht ist doch besser,
wir greifen angesichts dieser schwerwiegenden Frage zur Schachtel
Pralinen, und entscheiden uns für mehr...
Aber natürlich ist Deine Ironie auch eine Art der Erkenntnis. Sie gibt
mir einen Hinweis auf die Konventionalität der Philosophie, des
philosophischen Diskurses. Es ist sozusagen wie die Mode der Damen.
Niemand kann sagen, weshalb sie im Moment piercen und tatooen.
Es liegt darin keine höhere Wahrheit. Aber es ist eine Tatsache, dass
sie das tun. Und das allein macht es zum bemerkenswerten Phänomen
unserer Welt. Und weil die eine pierct, muss die andere auch piercen.
Es ist alles eine Art Konstruktion, eine Art gemeinsamer Projektion.
Oder einfach gesagt: ein Spiel mit vielen Mitspielerinnen und -spielern.
---
Dein Rilke-Zitat ist schön. Sie auch sind ein Spiel. Man könnte hier
auch fragen: "Gerüchte gehen", womit denn, auf Beinen, oder fliegen
sie eher, vielleicht flattern? Und die Zweifel, tragen sie Bergschuhe,
vielleicht Nike-Sportschuhe heute? Hast Du schon Berge bluten
sehen? Und wenn ja, worin besteht die erste Hilfe? Schnellverband?
Unterbinden vielleicht? Infusionen oder grössere Massnahmen?
Weißt Du Marlena, ich glaube, die Philosophie ist auch bloss eine
Art der Poesie. Hat nicht Rorty gesagt, sie sei "starke Dichtung"?
Das könnte man interpretieren.
Man kann über die Welt viel und vielerlei sagen, was wahr, halbwahr,
fast wahr und beinahe noch wahr ist. Wer entscheidet darüber? Einzig
und allein diejenigen, die daran glauben. Wahrheit ist eine Art von
Glaubensfähigkeit und Glaubensgemeinschaft. Sie ist ein durchaus
soziales Phänomen. Gut kaschiert natürlich, und verabsolutiert. Doch
ich denke, jetzt sind wir endgültig bei Nietzsche gelandet. Er war in der
Tat ein heller Kopf, und irgendwie bin ich stolz darauf, dass die Basler
ihn ohne akademischen Titel zum Professor gewählt haben. Er war so
hell, dass es schon wieder irgendwie krankhaft war. Du siehst, die
Wahrheit hat sehr viel mit Konvention zu tun. Allzu hell ist nicht gut,
denn das blendet, und dann können die Menschen nicht sehen,
respektive glauben.
*
Aber, meine arme Marlena, ich will Dich nicht wieder frustrieren.
Es ist bloss so, dass mir die Pferde durchgehen. Und im Prinzip
schaut mich auch S mit diesen verständnislosen und ungläubigen
Augen an, wenn mir das geschieht. Vielleicht ist die Philosophie
eine Art Jagdrevier, ein Relikt, eine Reminiszenz aus der Zeit der
Jäger und Beerensammler. Es ist die aufregende Tätigkeit des
Jagens, worin Männer ihren Ruf und ihre Unsterblichkeit zu
gewinnen hoffen. Einen wilden Bären zu erlegen, das war schon
etwas. Das schaffte Charisma. Es ist sicherlich kein Ding für
Frauen, die doch lieber beim Beeren-Sammeln bleiben sollten.
(Vielleicht hörst Du Schwanitz in diesen Sätzen?)
*
Und jetzt ist es Mittag geworden, an diesem schönen,
blauhimmligen und kalten Dezember Sonntag. Am Radio
berichten sie über die Ukraine, wo es noch chaotischer und
kälter zu sein scheint. Ich mag diese Filme und Berichte über
die ehemalige UdSSR . Das ist für uns in Europa der wilde
Westen. Statt der gefährlichen Tiere, der unberechenbaren
Indianer und der unkontrollierbaren Natur sind es Chemiewerke,
Mülldeponien, AKW-Ruinen und eine unermessliche Korruption,
die unser Bewusstsein ausser Atem halten. Manchmal frage ich
mich, welche Probleme unsere Kinder mit dieser Situation noch
zu bewältigen haben werden. Im Moment ist es ruhig. Aber es
kann jeden Moment losgehen!
*
Liebe Marlena,
---
Ich habe das schon bemerkt, dass diese Gedanken Flussers für Dich
nicht passen. Aber ich wollte versuchen, sie für mich zusammenfassen.
Also musst Du dazu nicht ironisch werden. Ich weiss sehr gut, was Du
meinst. Man könnte einiges dazu sagen, wenn Du fragst, weshalb wir
weniger, und nicht mehr existieren. Aber vielleicht ist doch besser,
wir greifen angesichts dieser schwerwiegenden Frage zur Schachtel
Pralinen, und entscheiden uns für mehr...
Aber natürlich ist Deine Ironie auch eine Art der Erkenntnis. Sie gibt
mir einen Hinweis auf die Konventionalität der Philosophie, des
philosophischen Diskurses. Es ist sozusagen wie die Mode der Damen.
Niemand kann sagen, weshalb sie im Moment piercen und tatooen.
Es liegt darin keine höhere Wahrheit. Aber es ist eine Tatsache, dass
sie das tun. Und das allein macht es zum bemerkenswerten Phänomen
unserer Welt. Und weil die eine pierct, muss die andere auch piercen.
Es ist alles eine Art Konstruktion, eine Art gemeinsamer Projektion.
Oder einfach gesagt: ein Spiel mit vielen Mitspielerinnen und -spielern.
---
Dein Rilke-Zitat ist schön. Sie auch sind ein Spiel. Man könnte hier
auch fragen: "Gerüchte gehen", womit denn, auf Beinen, oder fliegen
sie eher, vielleicht flattern? Und die Zweifel, tragen sie Bergschuhe,
vielleicht Nike-Sportschuhe heute? Hast Du schon Berge bluten
sehen? Und wenn ja, worin besteht die erste Hilfe? Schnellverband?
Unterbinden vielleicht? Infusionen oder grössere Massnahmen?
Weißt Du Marlena, ich glaube, die Philosophie ist auch bloss eine
Art der Poesie. Hat nicht Rorty gesagt, sie sei "starke Dichtung"?
Das könnte man interpretieren.
Man kann über die Welt viel und vielerlei sagen, was wahr, halbwahr,
fast wahr und beinahe noch wahr ist. Wer entscheidet darüber? Einzig
und allein diejenigen, die daran glauben. Wahrheit ist eine Art von
Glaubensfähigkeit und Glaubensgemeinschaft. Sie ist ein durchaus
soziales Phänomen. Gut kaschiert natürlich, und verabsolutiert. Doch
ich denke, jetzt sind wir endgültig bei Nietzsche gelandet. Er war in der
Tat ein heller Kopf, und irgendwie bin ich stolz darauf, dass die Basler
ihn ohne akademischen Titel zum Professor gewählt haben. Er war so
hell, dass es schon wieder irgendwie krankhaft war. Du siehst, die
Wahrheit hat sehr viel mit Konvention zu tun. Allzu hell ist nicht gut,
denn das blendet, und dann können die Menschen nicht sehen,
respektive glauben.
*
Aber, meine arme Marlena, ich will Dich nicht wieder frustrieren.
Es ist bloss so, dass mir die Pferde durchgehen. Und im Prinzip
schaut mich auch S mit diesen verständnislosen und ungläubigen
Augen an, wenn mir das geschieht. Vielleicht ist die Philosophie
eine Art Jagdrevier, ein Relikt, eine Reminiszenz aus der Zeit der
Jäger und Beerensammler. Es ist die aufregende Tätigkeit des
Jagens, worin Männer ihren Ruf und ihre Unsterblichkeit zu
gewinnen hoffen. Einen wilden Bären zu erlegen, das war schon
etwas. Das schaffte Charisma. Es ist sicherlich kein Ding für
Frauen, die doch lieber beim Beeren-Sammeln bleiben sollten.
(Vielleicht hörst Du Schwanitz in diesen Sätzen?)
*
Und jetzt ist es Mittag geworden, an diesem schönen,
blauhimmligen und kalten Dezember Sonntag. Am Radio
berichten sie über die Ukraine, wo es noch chaotischer und
kälter zu sein scheint. Ich mag diese Filme und Berichte über
die ehemalige UdSSR . Das ist für uns in Europa der wilde
Westen. Statt der gefährlichen Tiere, der unberechenbaren
Indianer und der unkontrollierbaren Natur sind es Chemiewerke,
Mülldeponien, AKW-Ruinen und eine unermessliche Korruption,
die unser Bewusstsein ausser Atem halten. Manchmal frage ich
mich, welche Probleme unsere Kinder mit dieser Situation noch
zu bewältigen haben werden. Im Moment ist es ruhig. Aber es
kann jeden Moment losgehen!
*
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