Sonntag, 6. Dezember 2009

Hjortron - Multbeeren


So um den 20 Juli herum ist es so weit. Schon lange haben wir an diesen Tag gedacht. Mit Freude und mit Angst. Es ist Zeit für die Multbeeren. Wir haben bereits eine Tour in den nahen Wald gemacht und vom Auto nachgesehen ob sie reif sind. Hier und da leuchtet es ein wenig rot und an manchen Stellen sogar gelb, ein Zeichen dass man sie nun pflücken kann. Morgen geht es los. Wir hoffen auf einen frischen Tag mit Wind, damit die Mückenplage nicht zu gross wird und die Kriebelmücken: so ganz kleine Fliegen, die einen ganz schrecklich beissen und die sich mit Vorliebe in die Augen begeben wo man sich nicht mit Mückenöl einreiben kann.

Am Morgen müssen wir feststellen dass es zwar schön sonnig ist aber leider ganz windstill. Wir kleiden uns wie üblich für diese Aufgabe. Jeans, Gummistiefel, ein leichtes T-shirt und darüber etwas langärmeliges. Ich nehme immer ein altes Hemd aus Baumwolle das meinem Schwiegervater gehört hat. Um diese Zeit denke ich besonders viel an ihn. Als er noch lebte war das ganze mit einem Zeremoniell umgeben, das fast ein bisschen magisch wirkte. Bevor man endlich startete wurde mindestens eine Stunde lang diskutiert auf welchem Moor man am sichersten eine gute, ungerührte Stelle finden könnte. Namen wurden genannt die für mich einen exotischen Klang hatten. Manchmal wurde ich ungeduldig und versuchte sie zu beschleunigen. Nun denke ich mit Wehmut zurück an diese Zeit.

Genau wie damals trage ich auch heute einen gelben Stoffhut um mich gegen Bremsen zu schützen, vor denen ich mich am meisten fürchte. Man hört sie und weiss dass sie einen nicht verlassen bevor sie Blut getrunken haben und man weiss auch wie weh sie tun, die schmerzenden Beulen, die sie auf der Haut hinterlassen.

Nun, noch schnell diskret alle Eimer ins Auto und den Picknickkorb und dann geht's los. Eine Fahrt zu einer Multbeerenstelle ist immer ”secret mission”.

Seit einigen Jahren haben wir eine Lieblingsstelle wo wir diese Beeren pflücken. Ein richtiger Tresor! Zwar liegt es ein paar Meilen entfernt, aber was macht das schon. Die Natur ist so schön! Die Fahrt geht durch Wald und Felder, durch eine sehr dünn besiedelte Gegend. Immer wieder fragen wir uns was für Leute es aushalten so isoliert zu leben, besonders im Winter.

Nach ungefähr 40 Minuten sind wir am Ziel. Nun rasch aus dem Auto, die Eimer heraus und über den Graben in den Wald. Es muss alles sehr schnell gehen. Denn eine gute Multbeerenstelle ist wie eine Goldader die man gefunden hat. Man will nicht dass alle davon wissen.

Hier hat schon jemand gepflückt, können wir sofort feststellen. Ist aber nicht schlimm.. An dieser Stelle sind schon nach einem Tag so viele nachgereift dass man mehr als genug findet. Ausserdem gibt es immer Teile die noch ungerührt sind.

Es ist ein zeitweise strüppiges Gelände. Aber ich wage mich auch auf die offenen Stellen. Ich bin es gewöhnt. Ich weiss wohin man treten darf. Und doch passiert es mir plötzlich. Blitzschnell, bevor ich weiss was passiert, ist mein linkes Bein bis zum Knie im Moor versunken und als ich es rausziehe ist der ganze Stiefel voll Wasser.

Doch ich muss es leiden. Und was macht es schon. Ich freue mich über die Beeren die überall so schön leuchten. Wie Honig sind sie. ”Das Gold des Waldes” nennt man sie und sie lassen mich die Strapazen vergessen. Aber dann brennt wieder die Sonne. Es ist es ganz windstill. Auch nähert sich die Zeit wo die Blutsauger besonders aktiv werden. Es surrt und brummt um mich herum.

Ich bewege mich gebeugt über das Moor. Wie warme Wellen steigt die Luft empor in mein schon vorher erhitztes Gesicht. Ich habe das Gefühl dass mein Körper zu kochen beginnt. ”Wenn es eine Hölle gibt” denke ich, ”dann muss es so sein”. Und es gibt keinen Ausweg. Du musst es ertragen. Nur der Gedanken, dass es zeitbegrenzt ist, schenkt mir ein wenig Trost. Bald werden wir an einer offenen Stelle wo der Wind weht, unseren mitgebrachten Kaffee trinken und dann werden wir im Auto sicher unterwegs sein zu unserem kühlen Fluss wo wir uns erfrischen können.

Zufrieden, wie wenn man Schwerarbeit geleistet hat, kommen wir zu Hause an. Mindestens 15 Liter haben wir in zwei Stunden gepflückt. Bis spät in die Nacht koche ich den köstlichen ”Hjortronsylt” (=eingemachte Multbeeren laut Lexikon :-)

*

Das war ein typisches, ständig wiederkommendes Ereignis in unserem Sommeraufenthalt oben in Nordschweden. Wenn man dann Besuch bekommt ist immer eine Frage: Habt ihr schon Multbeeren gepflückt? Dieses Jahr hatten alle den Eindruck, dass es sehr viele Stellen gab, die noch ziemlich ungerührt waren.. Wir glauben dass viele Leute, die es gewöhnt sind diese Beeren zu pflücken, nun schon zu alt geworden sind für diese Strapazen und die junge neue Generation ist zu bequem für solche anstrengende Aktivitäten.

*

Als ich meinen Nachbarn ein paar Liter als Dank überreichte sagte ich etwas von der Hölle auf dem Moor. Der Biologe lachte und meinte, ich sei nicht der erste der diesen Vergleich gemacht hätte und zeigte mir ein Buch mit dem Titel: Lapplandsreise im Jahr 1732 von Carl Linnaeus. Darin schreibt er von dem Moor: ” Hinc vocavi Styx. Aldrig kan prästen så beskriva helvete, som detta ej är värre” ( ..... Nie kann der Priester so die Hölle beschreiben, dass dies nicht schlimmer wäre).

*

Keine Angst, es gibt Grenzen dafür was ich dir zutrauen würde. Du brauchst nicht mitzukommen aufs Moor ;-)

Samstag, 5. Dezember 2009

Beichte

Oh, du mein lieber Mausfreund!
Was habe ich nur angestellt!? Deine wunderschönen Briefe, die ich über alles schätze .. und du glaubst dass sie mir nicht gefallen? Eigentlich fühle ich mich im Moment sehr eingeengt. Weiss nicht richtig wie ich mich aus dieser verstrickten Situation retten soll.

Soll ich es mit Spass versuchen?

Also, ich bin sehr monogam. Aber du hast es etwas falsch verstanden. Monogam für mich bedeutet: nur ein Ehemann, ein Geliebter und ein Mausfreund. Gern würde ich natürlich diese drei in einer Person sehen - und vielleicht wäre es sogar möglich in einer "Internet-Ehe" wie du sie nennst. Du wirst vielleicht protestieren und sagen dass es bei 3000 Km eine Unmöglichkeit ist. Nun, ich weiss nicht..

Ich kann natürlich die "Lady-rolle" wählen.
Die Rolle der Hohen Fraue oder wie es hiess. Mich von dir besingen lassen (beschreiben in diesem Fall) und immer in meinem Turm bleiben. (Schon wieder einer!!! ;-))
Kennst du übrigens das schöne mittelalterliche Gedicht:

Du bist min
Ich bin din
Des sollt du gewiss sin
Du bist beslozzen in minen Herzen
Verloren ist das Slüzzelin
Du musst immer drin sin

Ich weiss nicht mehr ob es so geschrieben wird. Es hat mir schon immer gefallen.


Oder soll ich ernst sein und dir verraten was du vielleicht (als guter Psychologe) schon lange weißt? Auch ich habe angefangen, dich zu lieben.
Hörst du die Sirenen?


Es gibt noch die vierte Möglichkeit: Die seriöse Studienrätin zu spielen die an eurem Schulsystem und vielleicht etwas an Rilke interessiert ist.

Aber weißt du, mein lieber Mausfreund. Eigentlich kannst du alle vier zusammensetzen und du bekommst vielleicht das wahrste Bild von mir.

Es gibt so viel was ich dir noch erzählen möchte. Z.B. von dem schwedischen Sommer oben im Norden wo es nie Nacht wird, von den Wolken am Rande meines Lebens und von allen alltäglichen Dingen die mir so in den Sinn kommen..

Ich habe heute etwas mehr Zeit denn eine meiner Klassen ist diese Woche in Belgien. Würde dir gern mehr schreiben (vielleicht heute Abend) aber schicke dir nun zuerst dieses kleine Mail was vielleicht mehr sagt als alle vorherigen..

Hast du deinen Nachmittagskaffe mit mir getrunken?
Schreib mir ein paar Zeilen bitte
Malou

Lebensweisheit

Ein chinesischer Bauer lebte in einem Dorf am Fusse des grossen Berges. Eines Tages war sein Pferd aus dem Stall verschwunden. Der Bauer war sehr verwundert, konnte sich die Sache aber nicht erklären. Und die Leute des Dorfes sind zu ihm gekommen und haben ihr Mitleid ausgesprochen für den schweren Verlust dieses schönen Pferdes. Der Bauer aber liess ich nicht betrüben und sagte bloss: Na ja, wir werden sehen. Zwei Wochen später stand sein Pferd wieder im Stall. Aber es war begleitet von einem Wildpferd, das sich ihm angeschlossen hatte. Und wieder kamen die Leute des Dorfes, diesmal, um den Bauer zu beglückwünschen. Hatte er nicht soeben ein Pferd gewonnen. Doch der Bauer sagte bloss: Na ja, wir werden sehen. Es verging nicht viel Zeit, und der Sohn des Bauern stürzte vom wilden Pferd und brach sich ein Bein, als er versucht hatte, es zu reiten. Die Leute des Dorfes kamen wiederum zum Bauern, um ihm ihr Beileid auszudrücken. Doch der Bauer sprach bloss: Na ja, wir werden sehen. Keine Woche später erschienen staatliche Beamte im Dorf, um Soldaten für die Armee auszuheben. Und sie nahmen alle jungen Männer, die im besten Mannesalter waren und in der Arbeit dringend benötigt wurden, mit, damit sie in der Armee ihr Leben riskieren würden. Nur den Sohn unseres Bauern konnten sie nicht mitnehmen, denn er hatte sein Bein gebrochen. Und wiederum kamen die Leute des Dorfes, um den Bauern zu beglückwünschen. Und wiederum antwortete er ihnen: Na ja, wir werden sehen.

Was ist der Sinn des Lebens? Was ist ein positives und was ist ein negatives Ereignis im leben. Das kann man im Grunde erst am Ende des Lebens sagen. Aber die meisten Menschen können nicht so lange warten und geben den Ereignissen sofort einen Sinn. Es gibt da natürlich Pessimisten und es gibt Optimisten. Die Optimisten, die die Kraft haben, ihr Leben positiv zu sehen, die auch in widerlichen Ereignissen noch positive Möglichkeiten sehen, sie bauen ihr Leben wie ein Turm. Die alten Steine sind stabile Grundlagen für die nächsten Steine. Sie geben dem Turm einen guten Halt. Die Pessimisten werfen jede Menge guter Steine weg, weil sie sie für schlecht befinden. Und so kommen sie nicht richtig vorwärts mit dem Bau.

Skifahren im Wallis


Gestern war ich den ganzen Tag unterwegs. Es war ein schöner
Wintertag, wie man ihn hier, in diesen tiefen Regionen lange, dh.
Jahre nicht mehr erlebt hat. Es war wie früher im Wallis, wo man
monatelang in diesem hellen strahlenden Licht gelebt hat. Aber wir
wussten damals nicht, was wir hatten, mindestens nicht wir
Jugendlichen. Wir nahmen den Winter hin wie wir den Sommer
hinnahmen. Aber am hellsten und sonnigsten waren jene Mittwoch
Nachmittage, wenn wir oberhalb Brig skifahren gingen. Die Seilbahn
war nicht gerade leicht zu erreichen, so dass unser Vater uns mit dem
Auto an die Talstation bringen musste. Oben in der Sonne und im
Schnee waren wir dann unter uns. Das heisst, es gab kaum fremde
Touristen. Die meisten Leute waren Schüler des Gymnasiums oder
des Mädchenpensionats gleich nebenan. Und natürlich gab der Skilift
mit seinen alten Bügeln gelegenheit, zufällig neben einem Mädchen
den Hang hoch zu fahren.
Herrliche Zeiten waren das, kann ich dir sagen. Ich habe ein hübsches
Foto von dort oben gefunden. Allerdings ist es eigentlich eine
Reklame. Und ich muss die Schrift übersprayen, damit du den reinen
Naturgenuss hast, den wir auch hatten. Besonders schön war der Blick
hinunter ins Tal, wo die Häuser von Naters und Visp so klein
erschienen, wie die Alltagssorgen und die Hausaufgaben für die Schule.
Rosswald heisst diese Alpe.
Und SM, mein Schulkamerad, der oft gleich in der Pultreihe vor mir
sass im Schulzimmer, war ein absoluter Skifan. Du konntest schon am
Mittwoch Morgen in im Unterricht bemerken, wie unruhig und
aufgekratzt er war, weil er sich darauf freute, am Nachmittag auf dem
Rosswald skifahren zu können. Seine Familie hatte ein Chalet dort
oben. Er war ein ziemlich mittelmässiger Schüler, aber ein absolut
erstklassiger Skifahrer und ein guter, fairer und sportlicher Charakter.

Freitag, 4. Dezember 2009

Schnee und Pensionisten

Doch wir waren beim Schnee. Es gibt nichts Schöneres, als eine tief verschneite Landschaft, sagen wir z.B. im Goms, dem höchsten Teil des Wallis. Und wenn dann noch die Sonne dazu kommt, und eine gute Perspektive in der Luft liegt, etwa ein Käsefondue in einer einfachen Wirtschaft am Rande eines jener wunderschönen Dörfer aus dunkelbraunen Holzhäusern, dann ist das Paradies auf Erden perfekt. Das Goms ist in dieser Hinsicht wirklich eine sehr gute und schöne Gegend. Ich habe mir immer wieder überlegt, ob ich dort nicht ein Chalet kaufen sollte. Oder sogar einmal meine Zeit als Pensionist verbringen. Aber ich denke, als Pensionist ist man lieber in der Nähe eines Zentrums. Und da liegen wir hier besser.
Übrigens sagen wir in der Schweiz nicht Pensionist, sondern Pensionierter. Die Oesterreicher sagen Pensionist. Der Unterschied? Pensioniert klingt ein bisschen passiv, er ist sozusagen Opfer seiner Pension. Pensionist hört sich dagegen aktiv an, er hat die Pension mit eigener Anstrengung erreicht. So könnte man annehmen, die Schweizer würden unter ihrer Pension leiden, während die Oesterreicher sie wie ein Geschenk entgegennehmen.

ältere Kollegen

Zuerst muss ich doch protestieren gegen das "junge Ding". So nennt man doch nicht eine Frau am Rande ihres "besten Alters".. ;-) Aber ich glaube ich kenne mich ziemlich gut aus was "Lehrkräfte in fortgeschrittenem Alter" betrifft. Als ich nämlich an diese Schule kam, war ich noch sehr jung. Ich denke die meisten von den Kollegen, die hier arbeiteten waren so 15 Jahre älter als wir jungen Eindringlinge. Zuerst standen sie wohl (so wie wir sie sahen) unserer Elterngeneration näher. Aber dann mit der Zeit wurden wir alle immer mehr gleichaltrig. Man vergass den Altersunterschied. Und dann sah man sie langsam alt werden. Man sah wie sie langsamer wurden, vergesslicher und etwas rigider. Es gab Leute, die nicht mehr gut hörten und deswegen von Schülern und sogar von neuen jungen Kollegen, die nicht besser wussten, als etwas "dumm" betrachtet wurden, obwohl sie Giganten waren im vergleich zu diesen, ich meine was ihr Können (ihr Niveau) betraf. Und die Aufgaben, vor die man sie stellte, wurden immer schwieriger. Das ganze begann damals, als man die etwas weniger theoretischen zweijährigen Linien des Gymnasiums zu dreijährigen machte und ganz einfach mit den anderen zusammenschlug. Besonders für Lehrer in Mathematik und Sprachen bedeutete das eine grosse Umstellung.
Ach, ich langweile dich schon. Sorry!
*

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Fenyletylamin

...
Übrigens scheint nun das Geheimnis der Liebe bald gelöst zu sein. Die neueste Forschung auf dem Gebiet sagt: eine Verliebtheit (Passion) hält 18 Monate bis zu 4 Jahren an. Wenn wir uns verlieben, bildet der Körper Fenyletylamin (nicht zu verwechseln mit Testosteron). Hier gilt es nämlich wirklicher Liebe. Fenyletylamin hat ähnliche Eigenschaften wie cannabis und amfetamin. Man wird „hoch“ davon.
Leider hat diese körpereigene Passionsdroge noch mehr Ähnlichkeiten mit Narkotika. U.a. bildet der Körper allmählich eine Toleranz dagegen. Der Effekt verschwindet und damit auch die Passion. Und höchstens vier Jahre lang hält die Verliebtheit an. Aber das Ende der Passion braucht nicht das Ende einer Beziehung zu bedeuten. Die Molekylärbiologie hat gefunden, dass Paarbeziehungen auch das morfinähnliche, beruhigende Oxytocin bilden, das nicht so stark ist wie die Passionsdrogen, aber das „habit-forming“ (weiss nicht auf deutsch) ist und auch nach der Verliebheit anhält. Für denjenigen, der nicht ohne Passion leben kann gibt es nur einen Ausweg: einen neuen Partner zu finden in den man sich verlieben kann. Mit einem neuen Objekt für die Verliebheit beginnt die Fenyletynamilproduktion und die Passion von neuem.