Dienstag, 28. Juli 2026

... wirklich 18:00 Uhr

 

Liebe Malou

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Es ist wirklich 18.00h in meinem Leben. Ich habe es, nach einiger Überwindung, ausgerechnet. Eigentlich wollte ich es nicht so genau wissen und wollte sagen, es sei vielleicht 17.00h. Aber es ist 18.00h, man muss den Dingen ins Auge schauen. Und um 22.00h ist Schlafenszeit! Aber ich will ja gar nicht jammern. Ich will bloss feststellen, was los ist. -- Ich glaube, Du hast recht. Man muss sich die Zeit gut organisieren. Sie läuft wie Sand durch die Finger. Und die meisten Menschen, die in Pension sind und die ich kenne, behaupten, sie hätten weniger Zeit als früher. Vielleicht hängt damit ein wenig die Torschlusspanik zusammen. Aber natürlich fliesst die Zeit ungemein rasch, wenn man nicht acht gibt. Und nur, wenn man ein volles Programm hat, erscheint der Tag wirklich lang. Ich will mir also Mühe geben, besser zu planen in Zukunft. Bisher habe ich ungeplante Zeiten immer sehr genossen. Ich mag das sehr, einfach zu sehen, was auf mich zukommt. Aber ich werde hier ein hartes Regime aufziehen.
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Heute morgen habe ich aufgeräumt und einige Tonnen Papier weggeschafft. Zum Glück haben wir einen kleinen Container hier im Büro, der vom Hauswart wöchentlich geleert wird. Das ist sehr praktisch und angenehm. Man hatte, als die PCs eingeführt wurden, gelobt, wie viel Papier man damit sparen könne. Ach, ich sage Dir Malou, wenn man positive Prognosen hört, dann sollte man sie geradewegs in derselben Richtung, aber als Warnung verstehen. Entwicklungen machen im Grunde keinen Sinn. Entwicklungen lösen vielleicht kleine Probleme, die man nicht hätte, wenn es keine Entwicklungen gäbe. Jede einzelne Verbesserung mag, für sich betrachtet, als kleine Verbesserung gelten, als klitzekleine vielleicht. Aber das Gemisch aus all diesen kleinen Schritten, das ist nicht ein grosser Schritt, sondern das ist bloss ein beliebiges Herumtreten.

Na Malou, mit Deinem awiw heizest Du mir wieder mal tüchtig ein. Besonders wenn die awiws mitten in der lauen Nacht rund ums Bett flattern. Ich schlafe zur Zeit wieder ruhiger. Die Heilpraktiker behaupten ja, dass das alles auch mit der Ernährung und mit dem Sympathikus und Parasympathikus zusammenhängt. Nun, ich bin froh, wenn sich meine beiden Sympathiki wieder besser verstehen und im Zweifelsfall auch einigen können.

Ich wünsche Dir einen feinen Wochenanfang.
Mlgukuswnbm
..





Montag, 27. Juli 2026

Alles was du willst ...


Liebe Malou
„…awdw“ sollst Du haben.

(---)

Was Du über die Erlebnistiefe des Alters sagst, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber ich ertappe mich bei solchen Gelegenheiten oft, wie ich mich frage, dass ich in meiner Jugend gewisse Dinge viel grösser und viel schöner erleben konnte. Ich glaube, damals gab es einen weiten Horizont der Erwartungen. Alle diese Ereignisse hatten eine Bedeutungsdimension in die Zukunft. Und die war gross und weit und wichtig. Heute denke ich oft: und das war alles? Die Menschen sind doch - alles in allem - sehr menschlich! Na ja, sie sind alle sehr mittelmässig, mich selbst eingeschlossen! Du siehst, ich habe das Gefühl, am Ende der Fahnenstange angelangt zu sein. Na ja, nicht ganz, aber immerhin. Wenn man das Leben als einen Tag nimmt, ist es ungefähr 18.00h heute. Was Wunder, wenn man sich vornimmt, an diesem milden Abend bis 22.00h noch ein bisschen auf die Pauke zu schlagen?

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So, ich schicke dieses Ding ab. Sonst hängt es hier bloss herum.
MlGukuawdw


RE:

Mein lieber Mausfreund, 

du versprichst mir awiw - aber über dieses awiw hast du keine Macht. Wenn der liebe Gott will, oder alle anderen guten Mächte.. und auch dann glaube ich nicht an ein "awiw". Es ist zwar mein innerster Wunsch. Oder lass mich sagen der innerste Wunsch meiner Gefühle. Aber mein Verstand sagt mir, dass "awiw" nur ein "vl-awiw" sein kann. Und in diesem VL bin ich eigentlich ganz zufrieden mit dem Dasein. Könnte es eigentlich besser sein?

Es regnet alle fünf Minuten und obwohl das Gras noch etwas nass war vorhin, bin ich hinausgegangen und habe es gemäht. Es liess sich tun und ich habe ein wenig Bewegung dabei bekommen. Ich glaube das fehlt mir am meisten. Doch ich werde es nachholen. Vielleicht muss ich mir irgendeinen Stundenplan machen, oder was meinst du?

Ach, es ist doch wirklich noch nicht 18.00 Uhr in deinem Leben. Ich rechne damit, dass du über 80 wirst, und dass du noch sehr viel Schönes und Neues erleben wirst. Und ich möchte davon hören (oder besser lesen) bis meine eigene Uhr 00.00 schägt. Das ist vielleicht awiw.
Das hindert jedoch nicht, dass ich mir auch Gedanken weit darüber hinaus erlaube. Besonders, wenn ich nachts aufwache und nicht sofort wieder einschlafen kann. Dann tue ich in Gedanken awiw mit dir. Doch davon merkst du nichts. Schade eigentlich. :-)

Heute Abend ist Fussballfinale. Das werde ich mir ansehen. Und als Nachspeise werde ich schwedische Erbeeren essen. Das gehört zu dieser Jahreszeit und wir genieesen es reichlich.

Ich bin nun in meinen Papieren und anderen Dingen so weit vorgedrungen, dass ich fast in meinen Jugendjahren gelandet bin. Es ist eine spannende und zeitweise aufregende Reise in die Vergangenheit. Und dabei denke ich auch an alte Freunde, die nun schon gestorben sind. Ich habe mir immer nach unseren schönen Festen die Reden schriftlich geben lassen. Auch solche habe ich nun wiedergefunden. Sie sind von richtigen Meistern geschrieben und enthalten alles was man sich von einer Rede wünschen kann. Und es tut ein Bisschen weh.. das nochmals zu lesen.

Ich muss leider schon aufhören. Wenn du wüsstest, wie lang meine Mails wären, wenn ich ungestört meine Zeit am PC wählen könnte. Meine Gedanken sind oft bei dir.

Mit lieben Grüssen und einem zärtlichen Kuss ...
Malou 


Samstag, 25. Juli 2026

RE: Berufsbeginn

 

Lieber ...,

Freitag, 17. Juli 2026

Berufsbeginn - Altersheime u.a.m

 Berufsbeginn - Altersheime - Röntgenaufnahme - Seeräuberbart



Liebe Marlena

Gestern war ich den ganzen Tag sehr beschäftigt. Ich habe endlich damit angefangen, die eingegangenen Bewerbungen zu studieren. Ich glaube, es sind um die 30 Leute, die sich für unsere zwei halbe Stellen interessieren. Und so, wie alles ausschaut, können wir eine halbe Stelle vergeben, die andere werden wir intern zuteilen.

Das war also ein ziemlich strenger Tag. Und es ist ein sehr zweifelhaftes Vergnügen, sozusagen den lieben Gott für diese Menschen zu spielen. Ich mache mir zwar nicht mehr soviele Sorgen darüber wie früher, aber immerhin. Vor allem sehe ich diese vielen jungen Leute, die soeben ihr Studium abgeschlossen haben und die nun voller Optimismus und Tatendrang eine Stelle suchen. Wenn ich es vergleiche mit jener Zeit, als ich eine Stelle suchte, na ja, vielleicht war es nicht ganz anders. Habe ich Dir schon mal erzählt, wie es damals zuging.

Ich hatte also mein Lizentiat im Sack. Mein Professor hatte geraten, daraus eine Dissertation zu machen, und er machte mir ein Angebot, das ich nicht ausschlagen konnte. Ich brauchte bloss noch etwa 40 Seiten zu schreiben. So stellte ich mir vor, dass ich mich als Arbeitsloser melden sollte, um daneben in aller Ruhe und Gemütlichkeit meine 40 Seiten zu schreiben. Aber unsere Arbeitslosenkasse machte es mir zur Pflicht, ihr nachzuweisen, dass ich mich auch schön an verschiedenen Arbeitsstellen beworben hatte. So schrieb ich meine Bewerbungen an psychiatrische Kliniken hauptsächlich. Das war ziemlich die einzige Variante, die ich mir als Arbeit vorstellen konnte. Nun, daneben hatte ich ja noch die Arbeit an der Hochschule für angewandte Psychologie mit diagnostischen Aufgaben im Verkehrsbereich. Damit hätten wir auch überleben können. Und S hatte auch ihre Arbeit. Ich machte mir absolut keine Hoffnungen, innert nützlicher Frist eine passende Stelle zu finden. Schliesslich wollten sie mir sogar auf dem Arbeitsamt eine Stelle geben. Ich wäre verantwortlich geworden, mit arbeitslosen Leuten Waldwege zu reparieren und andere Arbeiten in der Natur durchzuführen. Gleichzeitig kam dann dieses Angebot aus Olten, wo man einen Psychologen in einem Drop-In suchte. An einem regnerischen Tag fuhr ich in diesen Ort und stellte mich vor einer ganzen Kommission von Leuten vor. Olten war mir ein absolut unbekannter Ort. Er galt und gilt zwar als Eisenbahnknotenpunkt der Schweiz, und jedes Kind hatte in der Schule gelernt, dass bei uns alle Wege über Olten führen. Aber niemand war je dort dem Eisenbahnwagen entstiegen, um sich das hübsche Städtchen anzuschauen. Ich entschied mich für Olten, weil ich fand, das Züricher Angebot wäre nicht wirklich für einen Psychologen. So hatte ich eine Arbeitsstelle, wo ich doch gar noch nicht so schnell arbeiten wollte. Und so kam ich in diesen hübschen Ort am Jurasdüdfuss an meine erste Stelle, wo ich unendlich viel Freiheiten und auch freie Zeit hatte. Die ersten Monate reiste ich mit der Eisenbahn hin und her. Ich hatte jede Menge Zeit, während der gut zweimal 30 Minuten Eisenbahnfahrt Zeitungen zu lesen.

*

Ja, die Altersheime! Auch die Perser verstehen nicht, wie schlimm wir unsere alten Leute behandeln. Ich erinnere mich an jene erste Zeit, als wir in Teheran in den Ferien weilten. Plötzlich tauchte in der Familie von S eine alte Tante auf. Sie sass schon am Morgen früh mitten in der Stube auf dem Teppich, rauchte eine Zigarette nach der anderen und kreischte mit rauher Stimme lautstark in der Wohnung herum. Alle Familienmitglieder waren mit ihren Dingen beschäftigt, und dazu gab sie ihre Kommentare oder sie versuchte irgendwelche Plaudereien zwischen verschiedenen Räumen. Jeder in der Familie war sehr freundlich mit ihr, vor allem die Kinder, wie mir auffiel. Sie lächelten, wenn sie etwas gefragt wurden, gaben geduldig Antwort und liessen sich durch durch diese alte Frau von ihren Tagespflichten abhalten. Für mit mit meiner europäischen "Ordentlichkeit" war das alles ziemlich fremd. Und ich erfuhr, dass sie sozusagen eine Pensionierte sei, eine ältere Tante, die ihr Leben damit zubrachte, ihre Verwandtschaft zu besuchen und damit ihren Lebensabend zu verbringen. Sie blieb vielleicht eine Woche in einer Familie, sass mitten in der Stube, rauchte diese dünnen persischen Zigaretten, schlürfte ihren Schwarztee, rührte aber absolut keine Hand, um etwas im Haushalt mitzuhelfen, hatte hingegen für alles und jedes irgend einen Kommentar, und liess sich dann vom Schwiegervater in die nächste Familie transportieren. In meinem Erleben war sie sehr unangenehm. Aber für die Familie war sie nichts Ungewöhnliches, eine Tante eben, die zum Leben gehörte, es sogar bereicherten.

Siehst Du Marlena, deshalb stelle ich mir vor, einen Teil meiner Pension im Iran zu verbringen, auf irgend einem wunderbaren persischen Teppich zu sitzen, überzuckerten Tee zu schlürfen, würzigen Tabak zu rauchen, den Respekt der Leute rundum zu geniessen und die Welt mit meinen Sprüchen zu beglücken.

*

Finde ich toll, dass Du die Röntgenaufnahmen bekommen hast. Weshalb rahmst Du sie nicht, um sie dann vors Fenster zu hängen. Man könnte sie auch unter das Glas des Tischchens in der Stube legen. Und die kannst sie noch interessanter gestalten, indem Du mit einem Filzstift irgendwelche Bemerkungen, Markierungen, Pfeile, Ausrufezeichen darauf zeichnest. Ich bin überzeugt, dass sich damit etwas Interessantes machen lässt.

*

Nein, ich habe meinen Seeräuberbart wieder entfernt. S  mag das absolut nicht. Er ist also ein geeignetes Mittel, sie ab und zu ein wenig zu ärgern. Im Iran ist ein solcher Dreitagesbart heute wieder ein Zeichen armer Leute. Aber unmittelbar nach der islamischen Revolution war er absolut in Mode bis weit hinauf in der sozialen Schichtung. Deshalb nenne ich ihn einen Islamistenbart. Vielleicht ist er meine letzte naturwüchsige Möglichkeit des Protestes gegen Künstlichkeit und steriles Zweckdenken in unserem Leben? Und er gibt dem Gesicht die Patina und den Duft des Lebens, nicht wahr?

*

Mein jüngster Bruder wohnt nicht im Wallis, sondern in Luzern. Onkelchen war und ist sein Pate, deshalb muss er ihn heute speziell berücksichtigen und ab und zu besuchen. Er weilte oft, nachdem unsere Mutter nach der Geburt gestorben war, in Lenzburg. Onkelchen und Tantchen hatten sich ihm gegenüber immer irgendwie als Ersatzeltern gefühlt und ihn behütet und verwöhnt. Ich glaube, sie wollten ihn sogar adoptieren, was mein Vater aber nicht akzeptiert hatte.

*

Heute muss ich die zweite Hälfte der Bewerbungen durchschauen. Und ich muss morgens daran gehen, sonst komme ich nicht vorwärts.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag

Mit lieben Grüssen
...



Donnerstag, 16. Juli 2026

Give me one reason

 (R)

 


Subject: Torsdag = Donnerstag

Tor, ein altnordischer Gott (in Deutschland bekannt unter dem Namen Do'nar)

Lieber ...,
Ein herrlicher Herbsttag, so wie du sie am liebsten magst. Alles wäre so schön, wenn mich nicht plötzlich die mail-abstinenz plagen würde. Ich betrachte sie klinisch und wundere mich über ihre Kraft. So muss sich ein Alkoholiker fühlen, der keinen Alkohol findet, ein Raucher, der versucht von seiner Last frei zu werden. Doch dieser Letztere hat den Vorteil zu seiner Sucht zurückkehren zu können, wenn es ihm beliebt.

Von einer CD höre ich Tracy Chapman. Das ist wie ein Lutschbonbon gegen Grippe. Ich meine es schmeckt zwar gut, hilft aber kaum. Doch man kann seine Gedanken damit betäuben.
"Give me one reason".  

Nächste Woche schon wirst du vielleicht deine Reise nach Rom antreten. Ich glaube, es wird ein wunderbares Erlebnis werden. Vielleicht sogar noch schöner als damals New York. Und ich weiss, dass du das Beste daraus machen wirst. Wenn es schon keinen guten interessanten Reiseführer gibt, samle doch Material für einen eigenen. Jetzt hast du eine gute Digitalkamera und das photographische Auge fehlt dir auch nicht. Ich wünsche dir wunderbares Spätsommerwetter.

Soll ich? Soll ich nicht? Ich denke falls du krank zu Hause liegst brauchst du etwas Ermunterung.. vielleicht drücke ich auf die Taste "send".

OK.

Mit einem lieben Gruss,
Malou

2 KOMMENTARE:

  1. Liebe Malou,

    seit langer Zeit bin ich wieder einmal hier auf dieser geheimnisvollen Seite gelandet. Weil ich traurig war, bin ich durch das Netz geirrt - und zum Glück für mich bald in diesem Blog gelandet. Die Mischung aus Alltag, Geheimnis und Spannung hat mich aufgeheitert. Als Antwort auf all das, was ich von diesen Dialogen hier mitbekommen habe, schicke ich dir einen Link auf ein Gedicht, dass ich Anfang des Jahres geschrieben habe.

    Wo ich bin, hat die Nacht begonnen. Du hingegen stehst bald auf.
    Ich wünsche dir einen wunderschönen Morgen und weiter viel Spaß beim Schreiben.

    Herzlich
    Jorge D.R., Kitchener-Waterloo, Ontario, Canada

    http://traumtuch.blogspot.ca/2016/02/hier-und-dort.html
    SvaraRadera

  2. Lieber Jorge,

    Wie schön, dass dieser Blog einen so guten Einfluss auf dich hat. Das Gedicht von dir ist wunderschön.

    "Spass beim Schreiben" wünschst du mir. Aber es ist nur Veröffentlichen.

    Herzliche Grüsse
    Malou


Sonntag, 5. Juli 2026

Re: Sommer

 

date 4 July 13:56

Liebster Mausfreund,

... nein, deinen Federer habe ich nicht gesehen. Nicht einmal was über ihn gehört. Dagegen habe auch ich Kaffee getrunken.. gestern Abend bei den Nachbarn K und S. Und zwar so viel, dass ich in der Nacht nur ein paar Stunden schlafen konnte. K hat anscheinend überhaupt nicht schlafen können. Komisch eigentlich, denn normalerweise reagiere ich nicht so auf dieses vortreffliche Getränk.

Na klar, vergleiche ich alle meine Lektüren irgendwie miteinander. Manches ist nicht besonders gut geschrieben, aber es kann etwas in der Story geben, was mich neugierig macht. Doch am schönsten sind natürlich Texte, die Inhalt haben und gut geschrieben sind. Wie meine tägliche Dosis Harroin. ;-)


Puh! Hier ist es heute warm. 37°auf der Hinterseite des Hauses und 26° hier im Zimmer.

K ist gefahren, um seinen letzten Schlüssel abzugeben. Er hätte ihn genau so gut mit der Post senden können. Aber ich denke, er will sich ein paar Flaschen Wein dort kaufen, die er hier nicht kriegen kann.

Glaubst du wirklich, dass ich mich zurücksehnen könnte in meine Berufszeit? Nein. Das werde ich nie tun und ich glaube auch kein anderer von meinen Kollegen. Du weisst, man ist ständig mit dem Kopf bei der Arbeit. Auch wenn man "frei" war, wie es heisst. Nein, ich liebe mein jetziges Leben. Es ist spannend. Es bewegt sich. Es ist voll von Möglichkeiten. Es ist auch voll von Dingen, die getan werden müssen. Doch dahinter lockt immer etwas Schönes. Die Verwirklichung eines Traumes. Ob er sich verwirklichen lässt, bleibt ungesagt, aber der Weg dorthin ist das Wichtige. Ich glaube, solange man diese Erwartung hat, ist man glücklich.
Sonst muss ich schon zugeben, dass das Leben zu zweit, zeitweise eine Prüfung ist. K ist jetzt faul. Ich mag nicht besonders faule Männer. Aber er sagt, er hat genug gearbeitet. Doch wenn ich zurückdenke an die vergangenen Monate, so muss ich feststellen, dass auch ich anfangs so reagiert habe. "Ich muss nichts" war irgendwie mein Motto.. Und um zu beweisen, dass es so sei, habe ich auch die Freiheit gross ausgekostet. Ich habe mich mitten in all der Unordnung hingesetzt und "nichts getan". Doch dann kommt Gott sei Dank wieder die Lust aktiv zu sein. Und es gibt unendlich viel, womit man sich beschäftigen kann.

Ich wünsche dir einen schönen Tag, obwohl er schon halbwegs vorbei ist.

Mit lieben Grüssen,
Malou

Zwischen-Mail

 (R)

Liebe Marlena

Ja, Du siehst richtig, hier ist ein Zwischenmail, eine Extra-Portion, wie wir sie hier nur in seltenen Momenten herausgeben. Ich hatte nach einer schlechten, heissen Nacht in einem durchwühlten Bett auf den Morgen gewartet. Und dann gab es auch noch die Direktionssitzung, nicht eben meine Lieblingsbeschäftigung. 
(...)
Vielleicht bin ich wegen dieser Lobesworte so voller guter Dinge, dass ich Dir hier nochmals ein Mail schreibe, eine Extra-Ding, ein Surplus.

*
Ich bin froh, dass dieser Tag bald zu Ende ist, denn eigentlich bin ich ziemlich müde. Und man sagt, dass Freitag, der 13. mit Vollmond gekoppelt eine echt gefährliche Packung sei. Na ja, ich werde zu Fuss heimkehren und mich sofort in meine Privaträume zurückziehen. Da kann ich nicht mehr allzuviel falsch machen. Und morgen werden wir weitersehen.


Habe ich Dir erzählt, dass ich ein Büchlein über den Sufismus lese? Es ist geschrieben von Annemarie Schimmel, einer der besten Kennerinnen des Islam und seiner Kultur. Sie war Professorin in den USA und in Deutschland, hat viele Preise bekommen und ist vor ungefähr einem Jahr gestorben. Ich habe mal von ihr einen Lebenslauf über Mohammed gelesen, und bloss diesen kleinen Text fand ich schon ausgezeichnet. Ich kann nicht mal mehr genau sagen, was es war, das mich überzeugt hat. Doch der Text hatte eine Qualität, die man sonst nicht findet.

Ich werde Dir später erzählen, was Sufismus ist und dass ich eigentlich im Tiefsten meines Herzens ein Sufi bin. Ein Farbkenner hatte mal über meine Bilder gesagt, ich wäre ein Mystiker. Na also!

Mit lieben Grüssen für das Wochenende
...


4 Kommentare:

  1. Für der Sufi gibt es auch ein anderes ganz tollen genius, Eric Hermelin, aber - glaube Ich - nur in Swedisch.

    (Jag övar tyskan, det går väl så där...)

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    1. Tack för Eric Hermelin, Gabi.

      Vilhelm Ekelund om Eric Hermelin:
      ”Säger man att det funnits mer poetisk skapande kraft och ingivelse hos denne man än i hela den samtida svenska vitterheten, har man sagt mycket lite.”

      Jag gläds åt din flit och lånar gärna ut min tysklärare.

      Hermelin borde ha översatts till tyska.

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  2. Din tysklärare, aha!

    Förmodar att du läst Hermelin?

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  3. Nej, tyvärr. Men snart.. Har hittills bara läst dikter av Rumi på tyska.
    Hermelin finns med på bokrean på adlibris.

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Samstag, 4. Juli 2026

Sommer

 

date 4 July 07:08  
subject Re: Sommer


Liebe Malou
Hast du ihn gesehen ? War er nicht grossartig? Ich meine, ihr Schweden kennt euch doch in diesen Dingen aus! Er war fantastisch! Alle sagen es. Alle Zeitungen sind voll davon. Er ist aller Darling in der Schweiz. Wir haben seit Willehlm Tell keinen mehr gehabt wie ihn. Und er ist sehr heimatverbunden und spricht in treuen Worten von seiner Heimat. Er ist ausserordentlich gut und bescheiden. Das sind genau die Qualitäten, die wir uns wünschen in der Schweiz. Nicht grosse Worte. Keine riesigen Extravaganzen. Top performance und verbale understatements.

Na ja, ich spreche natürlich von unserem Roger Federer. Ich habe gestern noch mit grossem Zufall den letzten Satz gesehen. War es nicht wie ein Sonntagspaziergang? 

Und im Übrigen habe ich viel geschlafen, Kaffee getrunken und gelesen. Ja, was du über die Jellinek sagst, mag stimmen. Ich vergleiche mich natürlich nicht mit ihr. Aber es ist nicht nur der Stil im engeren Sinne, der mich stört. Ich meine überhaupt, wie sie ihre Gedanken führt. Womit sie beginnt. Wie sie von einem zum nächsten springt. Es ist alles so prosaisch und hat für mich keinen Reiz. Ich weiss noch nicht, ob ich das Buch zu Ende lesen kann.

Aber ich habe übers Wochenende eine Biographie von einem Walliser gelesen. Ich hatte sie zufällig im Antiquariat gefunden. Ich hatte schon oft von Hannes Taugwalder gehört und habe die Gelegenheit gepackt, seine Jugenderinnerungen endlich einmal zu lesen. Und er hat mich einigermassen berührt. Er war ein einfacher Junge aus Zermatt und wollte aus tiefsten Herzen Bergführer werden. Doch ein Unfall an einem Fronleichnamstag und ein Fehler des damaligen Dorfarztes Dr. Volken hat sein Leben enorm verändert. Einer seiner Arme war so sehr durch Schwellung und einen zu engen Gips geschädigt worden, dass er ihn später kaum noch brauchen konnte. Ich hatte den erwachsenen Taugwalder vor Jahren einmal am Fernsehen gesehen und hatte damals gedacht, er hätte vielleicht in seiner Jugend an Kinderlähmung gelitten. Einer seiner Arme schien mir im Jacket ziemlich dünn und kraftlos. Aber ich hatte nicht gewusst, was ihm damals widerfahren war. Na ja, ich fand auch die Schilderungen des alten Zermatt sehr interssant, die ja aus der Zeit vor dem Weltkrieg stammen. In meiner Klasse am Gymnasium gab es einen Schulkollegen, der während mehrer Sommer in den Ferien in Zermatt gearbeitet hatte. Er war als Kutscher beschäftigt, musste die Pferde pflegen und war vor allem auf die Drinkgelder der Gäste angewiesen. Stell dir vor! Er erzählte gelegentlich von den langen Stunden des Wartens am kleinen Bahnhof und von den Gästen, die aus aller Welt angereist waren, um im sommerlichen Zermatt mit ihrem Geld um sich zu werfen. Ich selbst hatte diese Touristen nur gelegentlich am Bahnhof Visp gesehen, wenn sie von den Schweizerischen Eisenbahnen auf die kleine BVZ, die Brig-Visp-Zermatt-Bahn umgestiegen sind. Besonders im Winter, vor den Weihnachtsferien, gab es oft riesig Betrieb. Und der Visper Gepäckträger, ein sonst jahraus jahrein etwas fauler und bequemer Kerl, musste plötzlich springen und schleppen und schnaufen. Natürlich lag oft ziemlich viel Schnee, was all diese Arbeiten erschwerte. Und die attraktiven Damen in ihren ausladenden Pelzmänteln hatten bloss ihre Beauty-box zu tragen, und die Männer machten grosse Gesten und haben das grosse Worte geführt. Sie waren Deutsche, Franzosen, auch Italiener, gelegentlich Engländer.

Siehst du, er hat mich völlig von Jellinek abgelenkt.

Und du bist beschäftigt mit Zügeleien und hin- und her ? Bestimmt sehnst du dich bald zurück an die ruhigen und friedlichen Zeiten, als du noch an der Schule gearbeitet hattest.

MLG
...



Jahr 6








Montag, 29. Juni 2026

"Ein Mausleben" - real life?




Mein lieber Mausfreund!

Vielleicht wartest du auf ein langes Mail von mir und weisst nicht, dass ich mich schon seit Stunden mit dir unterhalte in meinen Gedanken. Ich spreche mit dir, erzähle dir alles Mögliche, stelle dir Fragen (die man nur einem Mausfreund stellen kann) und nun endlich sehe ich ein, dass du davon nichts wissen kannst, wenn ich mich nicht wirklich an den PC setze. Diese kleine Geste aus dem realen Leben braucht es doch, um ein Mausleben führen zu können.

(---)

Es ist erstaunlich, welche Macht Wörter haben. So bin ich dir z.B. dankbar, dass du das Wort "Mausfreund/in" erfunden hast. Ein Mausleben kann doch nichts anderes als schön, leicht und unkompliziert und erlaubt sein.. Es ist wie ein Lieblingsbuch auf dem Nachttisch. Man kann hineinschlüpfen und den Alltag für eine Weile vergessen. Man kann ein Kapitel darin lesen und nachher gestärkt in das "real-life" zurückkehren. Ist es so für dich?

Aber sag mir. Was ist mein wahres Leben? Wenn ich z.B. wäsche bügle und dabei in Gedanken mit dir die Champs-Elysées runtergehe, wer könnte dann behaupten mein Leben sei langweilig? Welche von den beiden Aktivitäten gilt?
---
Liebe sonnige Grüsse
Marlena


...

(R)

Sonntag, 28. Juni 2026

Jeden Tag ...



 

Varje dag dammtorkar jag

slagfältet i mitt huvud

och svartbygget

i mitt hjärta.


*


Jeden Tag wische ich den Staub

vom Schlachtfeld in meinem Kopf

und von dem illegalen Bau

 in meinem Herzen



*



Freitag, 26. Juni 2026

Mein Bild für virtual life ...

(R) 

Pour elle seule, hélas!


Liebe Mausfreundin
Ich habe mir dieses Gefängnis nochmals angekuckt, nur weil du sagst, die Zensur hätte etwas strenger sein sollen. Was meinst du denn damit, meine Liebe? Findest du, es sei nicht jugendrfrei? Ich bitte dich, mehr Zensur als Gefängnis gibt es überhaupt nicht. Gefängnis ist die strengste Zensur, hat absolut nichts zu tun mit real-life. Das ist virtual-life bei Wasser und Brot in Reinkultur. Das ist der Vorhof des Fegefeuers.
Kennst du das Fegefeuer? Ich meine, ich frage nicht, ob du es aus eigener Erfahrung kennst, sondern ob dir der Begriff bekannt ist? Als katholische Seele musst du das Fegefeuer kennen. Ich war immer begeistert vom Fegefeuer und ich habe immer bedauert, dass die Protestanten nicht eine ähnlich praktische und gutgeheizte Institution haben. Das Fegefeuer wurde erst im Spätmittelalter von der Pariser-Schule erfunden. Weiss nicht mehr, wer die Führer waren: Albertus Magnus, Thomas von Aquin? Damals kam in Europa der Handel auf. Und bisher hatte es nur Himmel und Hölle gegeben für die guten und die armen Seelen. Himmel und Hölle, das war sozusagen der soziale Wohnungsbau, nur das Nötigste für einfache Leute. Aber Händler und Kaufleute sind nicht mehr so einfache Leute, die kommen in der Welt herum, die haben Ansprüche, die wollen ein bisschen Komfort, die haben schon etwas feinere Manieren. Und für sie hat man an die Zweizimmerwohnung mit Himmel und Hölle noch ein Fegefreuer angebaut. Es ist sozusagen der Korridor und das Vorzimmer. Es ist für all die, für die noch nicht klar ist, ob sie in den Himmel oder in die Hölle kommen. Im Fegefeuer hast du noch einen Verhandlungsspielraum. Und das ist doch das, was die Handelsleute des Spätmittelalters gewohnt waren. Sie wollten handeln und - wie sagt man - bargain, sie wollten markten und feilschen mit dem lieben Gott. Sie waren nicht gerne vor vollendete Tatsachen gestellt. Das war nicht ihr Leben. Und so hat man im sozialen Wohnungsbau noch einen Korridor, das Fegefeuer, angebaut. Und dort können die armen Sünder leiden und braten und dampfen bis zum Tag des Jüngsten Gerichts. Und dann wird sich entscheiden, ob sie ihre Sünden abbüssen konnten, oder ob sie dann doch lebenslänglich bekommen würden. Natürlich wurde damit auch nötig, die Theorie etwas zu differenzieren. Wer gelangte direkt in die Hölle und wer hatte noch eine Chance via Fegefeuer. Kurz und gut, es galt ein paar neue §§ zu erfinden, um den Verkehr im Jenseits übersichtlich zu gestalten und allzuviele Pannen zu vermeiden. Ich glaube, nirgends sind Himmel und Hölle so menschlich und heimatlich eingerichtet wie bei den lieben katholischen Seelen. Und es würde mir nichts ausmachen, auch eine davon zu sein. Ich hätte bestimmt einen Fensterplatz im Fegefeuer. Zweithinterste Reihe womöglich. Aber vielleicht nehmen sie mich ja nicht, weil ich keine echte katholische Seele bin. Ich wäre im Fegefeuer einer dieser Immigranten ohne "green card". Das wäre sehr schlimm, da will ich doch lieber versuchen, gleich direkt in den Himmel zu kommen.
Soviel zum Fegefeuer.
Das ist wohl mein Bild für virtual-life. Ich versuche mich damit abzufinden, ganz im vitual-life zu bleiben, nicht auszubrechen, dem Wärter vor dem Eingang keinen Verdacht zu liefern. Es gibt nichts ausser den Text. Lass uns Paris und Rom und Wien vergessen. Wir sitzen auf unseren knarrenden Pritschen. Und ich weiss gar nicht, wie du heute morgen wieder davon herunter gekommen bist? Ich muss noch geschlafen haben.
Unter uns gesagt, ich habe auch nicht gewusst, dass es im Gefängnis so gemütlich sein kann. Und weißt du, als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich davon überhaupt noch nichts gewusst. Ich habe mich bloss gewundert, wieviele Seiten Mails wir schon haben. Das gab die Assoziation der Ordner, der Gerichtsakten quasi. Dann kam die Erinnerung, dass du mal von lebenslänglich gesprochen hast. Und dann, na ja, du weißt schon, schiesslich hast du dich ja selbst über das Schlupfbett geärgert. Es ist ein bisschen wie im Traum, die Bilder kommen wie von selbst. Ich bin echt erstaunt, wie das funktioniert. Aber das Gefängnisbild finde ich schön. Ich glaube, ich stelle einen Antrag auf doppelt-lebenslänglich. Was müsste man wohl dafür "ausgefressen" haben? Vielleicht Bigamie?
Ich könnte dir jetzt erzählen, wie Friedrich Dürrenmatt eine schöne Rede gemacht hat, als Pavel, der tschechische Präsident und ehemalige Schriftsteller, bei uns in der Schweiz zu Besuch war. Ich glaube, es war Dürrenmatts letzte Rede. Er hat wunderbare Reden geschrieben und gehalten in seinem Leben. Echt komisch und kritisch. In der Pavel-Rede vergleicht er die Schweiz mit einem Gefängnis, weil wir nun ja ein konservatives Land sind und nicht zu Europa gehören und und viele Schweizer gegenüber Fremden recht mistrauisch sind. Aber davon muss ich dir ausführlicher ein andermal erzählen.
Kehren wir zu unseren wundervollen, knarrenden Pritschen zurück. Du fragst dich immer wieder, liebe Marlena, ob es mich wirklich gibt. Es gibt mich nicht wirklich, sondern nur virtuell. Ich bin für dich ein Wesen dieser neuen Cyber-Kultur. Ich komme nicht aus der alten Raum-Zeit-Kultur, Raum und Zeit als PRINCIPIUM INDIVIDUATIONIS. Damals, in unseren alten Zeiten, hatte jedes Individuum und jedes Ding einen eindeutigen Koordinatenpunkt in der 4 dimensionalen Raumzeit. Etwas konnte nicht gleichzeitig sein und nicht sein, oder konnte nicht etwas sein und gleichzeitig etwas anderes sein. Heute ist das anders. Du hast es ja immer geahnt: ich bin hier in Basel, aber abends bin ich für einige Zeit in Stockholm, und gelegentlich surfe ich im Net, und dabei bin ich Ruedi und Harro (dieser widerliche Kerl) und wer weiss, vielleicht noch ein paar andere unapetittliche Typen? Das ist virtual-life. Es ist wie in den Nachthimmel schauen. Du siehst die Sterne, aber du kannst nicht sicher sein, dass es die Sterne gibt. Vielleicht erreicht dich bloss ein letzter Lichtstrahl und morgen ist es aus. Man kann wirklich nichts mehr genau wissen. Und es könnte immer auch anders sein.
Wir armen Seelen hängen ja so an der Wirklichkeit, ohne zu wissen, ob es sie auch gibt oder ob das nicht alles vielmehr Hirngespinste sind.
Ich glaube, es ist das soziale Leben, das soziale SPIEL sozusagen, das unsere Wirklichkeit aufbaut. Es ist wie mit den Sprachen. Andere Sozietäten haben andere Sprachen und andere Wirklichkeiten. Die Perser nicken, wenn sie nein sagen wollen. Und du könntest verzweifeln, wenn du das nicht weißt. Und wenn sie dich zum Kaffee einladen, musst du erst dreimal ablehnen und bedauern, bis du dann doch gehst und eigentlich nie was anderes gewollt hast, als einen Kaffee zu trinken. Die Perser haben echt viele §§§§ in ihrem sozialen Umgang, das kann ich dir sagen, Marlena. Bei Partys oder Anlässen machen sie Fotos, und die Menschen stehen steif nebeneinander und lächeln in die Kamera. Es gibt totlangweilige Fotos, aber sie machen sie immer wieder. Mittlerweile denke ich, es geht ihnen nicht um das Foto, es geht darum, mit der Kamera zu zeigen, dass es ein aussergewöhnlicher Moment ist, und dass man es schätzt, beisammen zu sein. Man könnte glattweg eine Kamera ohne Film dafür benutzen oder sonst eine leere Blechbüchse.
Es gibt also nichts ausserhalb des Textes. Wer hat das gesagt, Lacan, oder Derrida, es war sicherlich einer dieser elitären französichen Intellektuellen, die an der Ecole Normale Supérieure studiert haben, und die ich über alles bewundere? Sie heisst doch so, ENS, nicht wahr? Viele französischen Geistesgrössen waren an dieser Schule.
Alles, was existiert, existiert nur im Text. Und auch ich existiere für dich nur im Text. Damit musst du dich begnügen, meine Liebe. Wenn du dich verliebst, verliebst du dich in einen Romanhelden, von dem du noch nicht weißt, ob er in einem seiner verrückten Abenteuer umkommt, sich vielleicht mit einem A. oder C. duelliert und für den Rest des Romans in den Zeilen herumhinkt und den rechten Arm in der Schlinge trägt, oder ob er eher munter in einem Fortsetzungsroman alt, senil und dement wird, um ganz langweilig und monoton in einem bürgerlichen Bett dahinzuscheiden.
Ich glaube, Verlaine hat das auch begriffen. Seine Geliebte ist ziemlich deutlich eine virtuelle Geliebte. Hör mal an: " et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre". Ist diese Unschärfe nicht genau die Virtualität? Und so bin ich für dich.
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Liebe Marlena, vielleicht liest du das jetzt so, als ob ich dir etwas erklären wollte. Ich will dir nichts erklären, ich verstehe es selbst nicht genau. Ich versuche sozusagen zu überlegen. Es ist gut, schriftlich zu überlegen, dann muss man langsamer denken! Ich versuche, mir das auszumalen. Und es ist zum ersten Mal. Es ist neu für mich. Ich weiss es noch nicht, was ich hier schreibe. Ich bin eben am Entdecken. Deshalb geniesse ich es auch, zu schreiben und zu wissen, dass ein lieber Mensch das nachher liest, begeistert vielleicht ist, vielleicht auch verzweifelt und schimpfend, dass man das Zeug kaum verstehen könne.
Ich glaube einfach, dieses real und dieses virtual ist heute eine wichtige Dimension in der Zeit der Postmoderne. Es gibt einen cultural turn. Und die Welt wird sich rapide verändern und sie wird nicht mehr sein, wie sie gewesen ist. Und das Fegefeuer vielleicht auch nicht mehr.
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Du schreibst:" Weisst du, ..., ich lache mich halb kaputt über deine lustigen Einfälle. Deine Fantasie ist unbezahlbar." Ach Marlena, ich möchte nicht einfach lustige Einfälle haben. Es sind vielleicht ein paar lustige dabei, aber ich hoffe, sie sind manchmal komisch, ironisch, tiefsinnig, geistreich, mit einer tieferen Bedeutung, wenn man ihr nachgeht, manchmal mit einem Anflug von Weisheit, luzide wäre ein schönes Wort, das mir gefallen würde, aber das sind sie vielleicht nun doch nicht gerade. Vielleicht habe ich einfach zu hohe Ansprüche? Aber ich nehme dein Kompliment gerne aus deinem schwedischen Mund entgegen und es freut mich. Ich weiss, wie du das meinst. Und ich bitte diesen schwedischen Mund, nicht zu sagen, er "lache sich halb kaputt". Das klingt so schlimm, wie von einer Studienrätin zu sagen, sie sei süss. So etwas lassen wir die Putzfrau sagen, oder die Frau am Kiosk, die mir am Samstag die NZZ verkauft und mit deren Stimme man die 5 Stockwerke Treppenhaus bis zum Dach füllen kann. Ich würde dich gerne küssen, wenn ich sowas sage. Ich würde das alles in einen süssen, feinen Vorabendkuss verpacken. Aber wir sind im Text und nur im Text! Und womöglich die Zensur! Wir kommen noch auf den Index! Tu comprends?
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Marlena, ich glaube, wir haben noch ein kommunizierendes Gefäss gefunden, neben Paris,
neben  ...
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Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, meine Liebe
Gruss

Montag, 22. Juni 2026

Montagmorgen

 

 




... über die Theatervorstellung in Bern

Liebe Malou
Ach, das war ein nasses und kühles Wochenende. Erstmals habe ich richtig geheizt in meiner kleinen Wohnung. Ich hatte die Kälte nie so gespürt bisher, weil ich nie einen ganzen Tag lang zuhause gewesen war.
Am Samstag waren wir in dieser Vorstellung Penthesilea. Das Theater war gut besetzt, obwohl diese Art von Musik ja nicht jedermanns Sache ist. Meine auch nicht besonders. Es gab da keine echten Melodien, sondern eine Art Sprechgesang, bei dem einem manchmal die Frage aufkam: warum drücken sie sich nicht knapper und klarer aus? ;-)  Die Musik hatte hier die Funktion,  Stimmungen darzustellen. Und die Geschichte war ja mehr als tragisch und endete in einer blutigen Schlussszene, in der Penthesilea auf einem alten Rollstuhl blutige Koffern mit den Gebeinen Achilles' hereinfährt und sie sozusagen umarmt und küsst, so dass sie schlussendlich so blutig wie ein mit Ketchup vollgespritzter Hamburger dasteht.
B hat das alles gut gefallen. Und sicherlich war die klare Bühne sehr gut gemacht. Die Amazonen, allesamt tüchtige Frauen in langen dunkelblauen Mänteln haben einen guten und kompakten Chor abgegeben. Wenn sie mit Pfeil und Bogen erschienen sind, konnte man fast ein bisschen zusammenzucken. Und am lustigsten war das Männerheer, eine Gruppe von vielleicht 20 Männern, echte Pistoleros, Cowboys, Sheriffs, ein englischer Soldat im Kolonialstil etc. etc., also ein lustiges und buntes Gemisch von verschiedensten Machotypen. Achilles hatte eine gute Stimme. Und zum Schluss ist er in weissem Anzug und Borsalino wie ein echter Geck dahergekommen. 
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Donnerstag, 18. Juni 2026

Midsommar

 

Glad midsommar!



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 bei Tag


 und bei Nacht






Dienstag, 16. Juni 2026

Come è bella la lingua francese!


Carissima Marlena,
che piacere ricevere la tua lettera in francese! Io amo questa lingua che è così dolce ed espressiva!. Sarà che io amo tutto ciò che è "francese". 
A proposito non mi hai più detto quale impressione ti ha fatto rivedere Parigi dopo tanti anni, se l'hai trovata cambiata, se ti ha dato le stesse emozioni, e il tempo atmosferico come è stato? Piovoso? A Parigi piove molto spesso. Avrai certamente visto la Piramide di vetro, che impressione ti ha fatto inserita in quel meraviglioso contesto storico?
Immagino avrai avuto poco tempo per andare per Musei, visto anche lo stato della gamba della tua amica, ma almeno ti sei seduta in quei deliziosi caffè a mangiare dei dolcetti? Scusami, ma sono un pò curiosa, perchè per Parigi, partirei domani (con la fantasia.)

(---)

Un caro saluto e un abbraccio
Lo

Paris

 


Lieber Mausfreund,
Wenn ich mich schon anstrenge wieder einmal auf Französisch zu schreiben, (an meine Bekannten in Rom) so kann ich auch dir dieses "Tagebuchblatt" zukommen lassen.
Du kannst doch Französisch!(?)
MlGuK
M.

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Chère L.
Merci pour votre gentil mail. Je vais vous répondre tout de suite cette fois.
Oui, vous avez peut-être raison que je n'ai pas beaucoup parlé de ma semaine à Paris. J'ai même pensé qu' "il faut oublier d'abord pour pouvoir se rappeler". :-)
Et voici, quelques réponses à vos questions:

Comme vous savez déjà, j'ai revu mon beau Paris avec beaucoup de nostalgie. Tous les monuments m'ont rappelé les beaux jours de ma jeunesse, quand j'ai passé des semaines à parcourir cette belle ville, accompagnée d'un petit copain français, qui était alors étudiant à l'Ecole Normale Supérieure. Ce n'est que plus tard que j'ai appris que ma présence probablement n'était pas profitable à ses études.

Avant de partir à Paris j'avais regardé la météo sur Internet où on nous a promis des jours de pluie et rien d'autre. Mais heureusement il faisait beau presque tous les jours, c.à.d. le ciel était souvent couvert de nuages mais pas de pluie.. à part quelques heures. Mais vous savez, une ville sous la pluie, c'est très beau aussi quand toutes les lumières se reflètent dans l'asphalte.

Oui, c'est vrai, le pied de Siv nous a empêché d'aller dans les musées, sauf le Musée d'Orsay. J'aurais voulu passer toute la journée à regarder les beaux tableaux.. mais hélas..

No, non mi sono seduta in quei deliziosi caffè a mangiare dei dolcetti, comme vous pensez. J'ai dû me contenter d'y jeter des regards plein de désir.... avec "mon coeur en pleure".. pardon, j'exagère une peu :-)

Si Paris avait changé? Et bien, j'ai retrouvé les beaux monuments et aussi les petites rues pittoresques et typiquement parisiennes.. Mais pour pouvoir en juger il me faudrait un peu plus de temps.

Oui, bien sûr j'ai vue la Pyramide du Louvre. Sur toutes les images que j'avais vues de ce bâtiment, j'ai eu l'impression qu'elle prenait trop de place dans ce "meraviglioso contesto storico". Mais c'est avec plaisir que j'ai constaté qu'il n'en était pas question. Au lieu de faire concurrence au Louvre, elle a même, a mon avis, mis en valeur la grandeur de cet immense bâtiment.
Il me vient justement la pensée qu'un "Bob Dylan" ne peut pas faire concurrence à un "Bach"... même si l'on les apprécie tous les deux :-)

Et bien voilà, quelques-unes de mes impressions. Je vous envoie encore quelques photos pour en témoigner.

Je vous souhaite un bon week-end et...

Samstag, 13. Juni 2026

Bald Midsommar


Liebe Marlena
Wir haben hier das reinste Sommerwetter. Und in der Tat ist es auch bald Midsommar. Du hast mich darüber informiert. Und im Fernsehen sehen wir auch Reklame darüber. Du wirst staunen. Man sieht eine Szene als Familienfest. Die Mädchen und Frauen nehmen sich an der Hand und drehen sich singend (so glaube ich mich zu erinnern) im Kreis. Und alles findet im Garten statt und die ganze grosse Familie sitzt rund um einen Tisch im Grünen und hat herrliche Dinge zu essen. Und daneben steht eine hohe Stange, die mit Blumen bekränzt ist (oder so ähnlich, ich erinnere mich nur ungenau). Die besondere IKEA Pointe liegt darin, dass diese hohe und schwere Stange dann aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen fällt, und natürlich direkt auf den schönen Tisch, wovon vorher alle mit fliegenden Haaren geflohen sind. Und dann kracht es fürchterlich und es wird tröstend auf IKEA verwiesen, wo man ja dann das Inventar erneuern könnte. So oder ähnlich. Auf jeden Fall ist Midsommar bei uns bald präsent. 
Und gestern Nacht hat es ein riesiges Gewitter gegeben, so dass man richtig aus dem Schlaf auffahren konnte. Ich schlafe ja bekanntlich unmittelbar unter dem Dach. Und ich hatte den Eindruck, es donnert und blitzt direkt über mir, und das Rauschen des Regens war wie dasjenige der Sintflut. Es war wirklich furchterregend und gewaltig, erhaben könnte man sagen, nach dem ästhetischen Kriterium neben der Schönheit. Das Donnern ist einem wirklich durch Mark und Bein und unwillkürlich fängt man an zu denken, ob wohl alle Fenster geschlossen, ob wohl das Autodach, ob wohl nicht noch etwas im Garten vergessen worden wäre. Und ich erinnere mich Walter, der mir einmal erzählt hat, dass eines Nachts bei einem solchen Gewitter ihr Hund - und das ist ein grosses Tier aus einer Mischung Bergamasker und einem Ochsen sozusagen - dass der grosse Hund in seinem Bett gelandet sei und sich zitternd und angsterfüllt über den schlafenden Walter geworfen habe, um bei ihm Schutz vor dem donnernden Ungetüm zu finden. Doch bei mir kam kein Hund angeflogen. Ich habe es fast ein bisschen genossen, dieses akustische Schauspiel der Naturgewalt. Aber doch, ich habe in Gedanken nochmals alle Fenster geschlossen, die bereits vorher zu waren. Und ich erinnerte mich auch des Gewitters, von dem du erzählt hattest, das so früh im Frühling war, das ich sehr erstaunt war. Das muss wohl ein ähnliches Auffahren der Natur gewesen sein.
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Immer noch laufen unsere Fussballmeisterschaften. Ich mag es, abends ...


Freitag, 12. Juni 2026

Feng Shui


Lieber ...,
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Dieses Feng Shui interessiert dich? ;-) Komischerweise wurde es gestern in einem Programm genannt. In einem Programm über Amerikaner, die so reich sind dass sie ihr Leben lang nicht mehr arbeiten müssen, und über ihre Probleme ihr "faules" Leben zu bemeistern. Ich habe bis jetzt nur ein paar Seiten in dem Buch gelesen aber es regt mich wirklich an Ordnung zu schaffen. Und weißt du, als ich neulich in Annas Zimmer hineinschaute war ich ganz erstaunt, denn so schön hatte ich es ewig nicht gesehen. Und wenn man einen Teenager dazu bringen kann sein Zimmer so schön aufzuräumen dann ist es schon etwas wert. Ausserdem meint ja die Autorin, die übrigens in der ganzen Welt herumreist und Vorträge darüber hält, dass diese Veränderung auch in unserem Inneren geschieht. Wir finden unsere Energie wieder und werden harmonische Menschen. Wenn ich mehr gelesen habe werde ich dir davon schreiben. Ja ja, du hast schon recht.. in der Küchenecke und sogar im Kompost lag meine Liebe.. kein Wunder dass sie gelitten hat in letzter Zeit.. ;-)))
Und du, mein Schatz? Wo hast du deine verstaut? Oder hast du sie schon wieder an jemanden verschenkt? Bin ich sehr indiskret? Verzeih mir..

Gestern war ich übrigens in Gedanken in Paris. Ich bin mit dir die Champs-Elysées hinuntergegangen und du hast dabei deinen Arm um meine Knie gelegt.. Ach, chéri, wie alt ich auch werden mag, am ersten April werde ich immer mit dir in Paris sein. Vielleicht machen wir es dann wirklich einmal. Ich habe Paris schon lange nicht mehr gesehen.
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Dienstag, 9. Juni 2026

Pensionisten

 Liebe Malou

Gestern, als ich um vier auf dem Bahnhof stand, gab es wieder einmal viele Pensionisten. Ich schaue ihnen mit einiger Verwunderung und auch mit einer gewissen Befremdung zu. Und zugleich stelle ich mir vor, dass ich in 4 oder 5 Jahren auch dazu gehören werde. Sie stehen vergnügt in grossen Gruppen herum, reden laut und betont fröhlich wahrscheinlich weil viele von ihnen ein bisschen schwerhörig sind und zeigen in Kleidung und Haltung, dass sie längere Märsche hinter sich haben. Sie sind braungebrannt, und sie flirten gerne. Ja, es scheint, dass unsere Landschaften von riesigen Schwärmen von Pensionisten bewandert werden. Sie sind natürlich einigermassen disziplinierte Leute, geben acht auf seltene Blumen und ungemähte Wiesen. Und sie sind voller Liebe für unser Vaterland, denn sie haben noch den zweiten Weltkrieg erlebt. Eigentlich sollte man vorschlagen, dass man die Schweizerische Armee abschafft, und dagegen den Pensionisten eine kleine Uniform und ein solides Sackmesser abgibt, damit sie unser Land verteidigen können. Sie müssten nicht viel anderes tun als was sie bisher getan haben. Sie müssten einfach durch unsere Landschaften wandern. Und so besetzen sie ja praktisch jeden Quadratmeter in unserem Land. Und kein wirklicher Feind würde es wagen, sie aus dieser friedlichen Ruhe zu vertreiben, in der sie sich befinden. Ach, das wäre eine geniale Lösung. Und wir könnten die hohen Budgetposten, die wir für die Landesverteidigung in Bern haben, wir könnten sie alle streichen. Man müsste den Pensionisten nicht mal einen speziellen Sold bezahlen, denn sie haben ja alle eine gute Pension. Und sie sind ja ohnehin schon draussen in der Natur.

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Blumen des reinen Widerspruchs

 

 

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Ich habe dir von Professor Emil Staiger erzählt, die Kapazität in deutscher Literaturgeschichte und in existentialphilosophischer Hermeneutik, der Kenner Rilkes und Goethes und all dieser Grössen. Er war schon älter damals, ein kleiner Mann mit einem etwas grossen Kopf, wenn er dort oben auf dem marmornen Rednerpult in der schönen Aula der Zürcher Universität dozierte. Dort hatte einmal Churchill nach dem Krieg gesprochen und das vereinte Europa propagiert. Aber es hat bei uns Schweizern nicht eingeschlagen. Eine Studentin erzählte mir, dass sie gleich in der Nachbarschaft Prof. Staigers ihr Studentenzimmer habe. Und sie beobachte den kleinen Professor jeden Sonntag Morgen, wie er mit einer grünen, frisch gebügelten Gärtnerschürze auf Zehenspitzen fast aus dem Haus trete und in den Garten wandle - geradezu rituelle Gebärden - um dort eine Rose, eine einzige, zu schneiden und sie mit abgespreiztem Finger - so wie die Damen die Teetassen zum Mund führen - mit preziöser Geste ins Haus zu tragen. Das ist ein schönes Bild und passt zu Staiger. Und wenn es nicht wahr war, so war es gut erfunden.

Und du wirst es vielleicht noch weniger glauben, Marlena, aber ich tue in Erinnerung an dieses Bild dasselbe. Gut, ich tue es vielleicht nicht gerade am Sonntagmorgen, gut, ich trage keine grüne Schürze, gut, ich spreize vielleicht nicht den kleinen Finger. Aber ich finde es schön, immer - oder fast immer - eine einzige Rose auf dem Tisch zu haben. Ich habe früher einmal für S., als ich noch sehr verliebt war, eine kristallene Vase gekauft, eine Kugel praktisch, mit einem langen, dünnen Rohr. Dort findet gerade eine Rose Platz. Ich schneide alle Blätter weg und lasse nur das oberste, damit das Grün einen schönen Kontrast zur Blüte macht. Ich gebe ein bisschen Zucker ins Wasser. Und dann steht sie da und besonders schön ist, wenn sie - vor dem dunkeln Hintergrund der Möbel - vom Spot angeleuchtet wird. Anfangs ist sie knackig und fest und steif wie ein junges Mädchen. In der zweiten Woche wird sie voluminös, locker und vielfältiger, wie eine Frau im besten Alter. Und schliesslich lässt sie sich etwas gehen, gibt da und dort ein Blatt ab, verliert ihre Kräfte, bis man sie wieder erlösen muss. Das ist schön und ungefähr ein Zyklus von guten 14 Tagen. Bis dann ist draussen im Garten wieder eine neue Blüte herangewachsen. So leben wir mit den Blumen des reinen Widerspruchs, und sie sind mein Job geblieben. Ich ziehe die Dornen der Rose den Zähnen des Löwen eindeutig vor. Soviel Mut hätte ich nie, gegen eine riesige Löwenmeute mit Löwenzähnen anzugehen. Ich bin ein ziemlich feiger Mensch.
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(aus "Virtual life" 3)



Handkuss?

 


Ob es noch einen Handkuss bei uns gibt? Im Bekanntschaftskreis meiner Eltern gab es noch Männer, die ihn ausübten (aber immer mit einem kleinen schelmischen Lächeln auf den Lippen). Ältere vornehme Damen küssen sich manchmal bei der Begrüssung auf die Wangen (sie machen es eben den Franzosen nach), das ist nämlich schick.. Sonst gibt man sich die Hand oder sagt nur "hej".
Und wie soll ich mich nun von dir verabschieden? So wie es sich gehört? Oder so wie ich es lieber tun möchte? Ich überlasse es dir :-)

Lass bald wieder von dir hören (ich werde langsam mailsüchtig)
Marlena