Sonntag, 5. November 2023

Welche Farbenskala ... ?

 

Lieber ...,

(...)

Vorhin habe ich mir Bilder von Bonnard angesehen. Die Farben sind so herrlich. Ich denke, wenn du sie anschaust dann bedauerst du, dass du nicht sofort an deine Stafflei gehen kannst. Und hier schicke ich dir ein Bild von dieser Frau, mit der er sich während des Malens dauernd gestritten hat. So glaube ich jedenfalls. Sie war sein Favoritmodell.




Ich wundere mich ein wenig welche Farbenskala du für deine Bilder wählen wirst. Es war so lustig zu sehen, bei den Künstlerfreunden meiner Eltern. Ein Ehepaar. Sie malte in herrlich leuchtenden Farben, die Freude und Optimismus ausstrahlten. Und manchmal mischte er sich ein und veränderte ein Bild. Das war, als wäre eine dunkle Wolke über den Himmel gezogen. Ja, ich bin sehr neugierig zu welcher Sorte du gehörst.
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Jetzt muss ich ins Bett.. bin ziemlich müde von der Tour nach der Arbeit.
Ich grüsse dich lieb.
Marlena

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Re:

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Ja, Bonnard ist ein feiner Kerl, farblich gesehen. Er hat schliesslich auch an der Côte d’Azur gelebt. Wenn ich dort lebte, könnte ich auch eine solch goldene Palette hinkriegen, glaube ich. Das Bild, das Du mir geschickt hast, ist auch in meinem neuen Buch zu sehen. Und viele andere, die ich bisher noch nie gesehen hatte. Deshalb wahrscheinlich habe ich es gekauft, ziemlich spontan und ohne gross zu überlegen. Und dabei habe ich zuhause bereits 2 Bücher über Bonnard!! Aber ich hatte wirklich - wie Du denkst - die geheime Hoffnung, das Buch würde mich inspirieren und zur Palette zurücklocken. Es gibt in diesem Buch ein hübsches Porträt. Ich weiss nicht mehr von wem, aber es ist gut gemacht, klarer gezeichnet als bei Bonnard sonst üblich.

Weil ich selbst eher ein Zeichner bin, suche ich Maler, die mehr auf die Farben Wert legen. Ich denke, von ihnen kann ich lernen. Ich möchte vom linearen Zeichnen wegkommen und malerischer werden. Rubens ist sehr malerisch, Bonnard auch. Carlsson beispielsweise ist ziemlich zeichnerisch, wie der Jugendstil allgemein. Die Impressionisten waren anfangs stärker in der Zeichnung als in der Spätphase. Du siehst, ich habe immer noch kleine Hoffnungen. Obwohl sich in den letzten Jahren bei mir malerisch absolut nichts getan hat. Aber ich muss gestehen, dass ich meine Bilder desto besser mag, je älter sie werden. Ich habe vor 10 oder 15 Jahren ziemlich viel gemalt in der Freizeit. Und heute, wenn ich die Dinger wieder hervor nehme, bin ich ganz überrascht, wie gut sie mir gefallen. Sie gefallen mir besser als damals. Vielleicht schaffe ich es, nochmals eine kreative Phase zu gewinnen. Eigentlich sollte das möglich sein. Schliesslich wird man im Alter freier und offener. Oder etwa nicht?


Übrigens hat Bonnard in seiner Agenda jeden Tag das Wetter vermerkt. Und dazu hat er kleine Skizzen mit Bleistift gemacht. Er war kein schlechter Zeichner. Das muss man schon sagen. Aber im Wesentlichen hat er malerisch gedacht, farblich. Einige Zeichnungen sind ganz klar und mit sicherem Strich gefertigt. Und andere sind nur angedeutet und mit Schraffuren belebt. Das sind die Farbfantasien, denke ich. Ich glaube, er hat sehr viel Zeit verwendet fürs Malen. Das heisst, er hat mit kleinen Schraffuren und Strichen gearbeitet. Er war kein Pointilist. Aber er hat kleinräumig gedacht, nicht in grossen Bewegungen. Manchmal wirkt er fast ein bisschen kleinlich. Aber die Gesamtwirkung des Bildes wird dann ganz lebendig.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
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