den 1 november
Re: early morning tea
Liebe Mäusin
Ja, zwei echte Mails hast Du geschrieben. Das ist fantastisch gut. Aber eins davon war nur eine Zeile. Zählst Du das trotzdem voll? Und dagegen habe ich eins ausgelassen? Ich habe das nicht bemerkt. Sicherlich, ich war ziemlich beschäftigt am Freitag. Und ich hatte im Grunde eine schlechte Woche hinter mir. Irgendwie ist Vieles krumm gelaufen. Ich kann Dir das gar nicht alles erzählen. Es wäre auch nicht interessant. Und irgendwie muss man den Blick nach vorwärts richten, deshalb mag ich mich noch nicht zu sehr darauf konzentrieren.
Dein kleines Kompliment habe ich aber sehr genossen. Ich meine Deine Feststellung, dass ich Menschen beschreiben kann. Es ist nett und auch gut dass Du das sagst, denn mir selbst fällt es nicht sonderlich auf. Irgendwie denke ich oft: na ja, solche Dinge kann doch jeder. Man vergisst die eigenen Fähigkeiten. Und das sollte nicht sein, denn sie machen einen wichtigen Teil des Selbstbewusstseins aus. Früher, als ich jung war, hatte ich häufiger das Gefühl, ich sei in ziemlich vielen Dingen gut. Nicht in allen, aber doch in diesen und in jenen. Heute fehlt mir das. Es ist vielleicht das Los des Chefs, dass dir niemand mehr wirklich sagt, wenn etwas gut ist. Alle meckern bloss herum, wenn es nicht stimmt oder besser sein könnte. Und so gerät man in eine Art Vakuum, wo der Sauerstoff für einen offenen Atemzug fehlt. Ich werde mich also in Zukunft darauf konzentrieren, Leute zu beschreiben.
Beim Genick und Hals alter Leute finde ich es einfach bemerkenswert, dass ein kleines Handicap, eine altersbedingte Einschränkung, eigentlich zum Anschein der Würde beiträgt. Das Negative wird sozusagen Positivum. Die Natur ist eine raffinierte Sache, findest Du nicht? Man muss immer wieder staunen, wie sehr das alles zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt. Nur unsere aufgeklärten Wissenschaften haben eben mehr oder weniger Scheuklappen. Ich hatte mal eine Zeit, da war ich ein grosser Bewunderer von Konrad Lorenz. Man konnte Fotos sehen, wie er mit seinen Schwänen im See schwimmt, oder wie er in seinem Naturpark andere Tiere beobachtet. Das fand ich eine fantastisch schöne Arbeitssituation. Er konnte sich in der Natur tummeln, und war doch ein bekannter und anerkannter Wissenschafter, die ja doch normalerweise vor allem hinter den Büchern sitzen. In seinem Büro, hinter dem Pult, an dem er seine Beobachtungen niederschrieb, hing ein riesiges dunkles Bild, ich glaube, eines, das einen Raubvogel zeigt. Nun, ich fand es einfach schön, wie er das Praktische mit dem Theoretischen verbinden konnte.
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