Liebe Malou
Lass mich dir wieder einmal ein ausgewachsenes Mail schreiben. Ich glaube, heute morgen habe ich ein bisschen Zeit dazu.
Immer, wenn ich mir dich vorstelle, sehe ich dich still in einem warmen Häuschen in winterlicher Landschaft. Es ist alles ruhig und friedlich und geht seinen gewohnten Gang, ohne Aufregung, ohne zu grosse Überraschungen.
Und ich bin beschäftigt durch und durch. Gestern, als ich nach sovielen Krankheitstagen wieder zurück im Büro sass, war mein Pult voll von Papieren und laufenden Projekten und Dingen. Das ist das Schlimmste an Krankheiten, auch an Ferien, dass man in solch überhängende Situationen zurückkehren muss, wo alles schreit nach Erledigung und Erledigt-sein. Aber ich glaube, es ist nicht so schlimm. Man darf auf dieses Schreien nicht allzu genau hinhören. Man darf sich davon nicht nervös machen lassen. Das würde rein gar nichts bringen.
Und so versuche ich einfach, die Dinge, die anstehen, zu erledigen. Vielleicht haben wir Männer die dumme Angewohnheit, dass sie bei all ihren Dingen, die sie zu tun haben, den Eindruck geben wollen, es sei etwas Grosses, Wichtiges, Dringliches und Einzigartiges. Ja, das glaube ich irgendwie nach all den Jahren, dass wir Männer uns mit diesen Tätigkeiten und Pflichten selbst beschweren und selbst erhöhen wollen. Deshalb machen wir sie schwierig und wichtig und dringlich und weiss was alles. Unsere Gefühle dienen dazu, die Geschäfte aufzublasen, mit denen wir zu tun haben. Ich sehe das bei meinem Mitarbeiter. Bei ihm ist es überdeutlich. Jedes Mail, das er schreibt, versieht er mit dem Zeichen "besonders wichtig". Jedes! Ich bin nicht so. Aber ich bin eben auch ein Mann, also werde ich diese Angewohnheit auch ein bisschen mit mir tragen.
Was wäre wenn es anders wäre. Wir Männer würden uns unwichtig, leichtgewichtig, unbedeutend, unwürdig vorkommen. Es würde uns die Bedeutung fehlen, die wir uns im Kontakt mit anderen Leuten wünschen. Wir könnten ja dabei nicht über schwierige, dringliche, wichtige und bedeutende Dinge erzählen, womit wir gerade beschäftigt seien. Ja, wir wären so leicht und unbedeutend, dass jeder Windstoss uns dahinblasen könnte.
Ich habe in den paar Tagen, da ich zuhause lag und meine Lungenentzündung auskuriert habe, gezeichnet. Die Zeichnungen sind klein. Aber ich habe sie mit Stiften koloriert. Vielleicht kann ich ein paar davon scannen, dann werde ich sie dir zeigen? Sie sind so wie damals die Zeichnung mit der Dame, die bügelt, und mit den armen Seelen an der Wäscheleine. Erinnerst du dich? Anna hatte dich gefragt, ob du das seist, diese Dame, die da einigermassen elegant auf Stand- und Spielbein die verknitterten Sprechblasen bügelt. Ja, das ist nun auch schon wieder einige Jahre her. Ach, wie die Zeit vergeht. Und auf gar keine Weise lässt sie sich stoppen oder auch nur bremsen!!
Nächste Woche habe ich Ferien. ---
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