Sonntag, 7. Juni 2015

Singelleben, Maikäfer, Rosen und Adrenalin




date 5 June 2005 13:13
subject so kompliziert ist das hier ....



Liebe Malou
Nach langer Zeit versuche ich wieder mal ein Mail von zuhause zu
schreiben. Ich sitze hier bei einem feinen Espresso in der guten Stube
und versuche, meine Gedanken zu ordnen an diesem faulen, ereignislosen
Sonntag Nachmittag. Na ja, wir hatten eine Abstimmung heute, mussten
Stellung nehmen, ob die Schweiz dem Vertrag von Schengen beitreten
soll oder nicht. Und daneben steht das neue Partnerschaftsgesetz zur
Diskussion, das gleichgeschlechtlichen Liebespaaren gewisse Regelungen
ermöglicht, die ich jetzt nicht alle kenne, weil ich ja auch nicht im
Sinn habe, mich jemals gleichgeschlechtlich zu verbinden. Na ja, man
weiss nie. Es gab schon Verwandlungen von Saulus zu Paulus, dh. auch
von Familienvätern zu waschechten Homos. Aber ich glaube nicht, dass
mir so was blühen könnte. Eher noch würde ich ein eingefleischter
Single werden. Single stelle ich mir nicht so schlecht vor.
Singledasein denke ich mir als ruhiges Leben in einer kleinen
vielleicht 2 oder 3-Zimmer-Wohnung, meinetwegen gleich unter dem Dach,
mit vielen Büchern, ziemlich viel Unordnung und schmutzige Wäsche
herumliegend, aber natürlich auch leere Flaschen und schmutzige Gläser
von Besucherinnen und Besuchern. Und die Verbindung zwischen den 2
oder 3 Zimmern würde ich mit schwerer Opernmusik überbrücken. Na ja,
vielleicht würde ich ein Zimmer für den Besuch bereit halten, so wie
man ehemals eine gute Stube hatte. Damals, als wir in Lenzburg
wohnten, hatten wir eine solche Stube. Sie war gross, mit einem
schönen Parkett-Boden und Getäfer an der Wand. Hier pflegten wir mit
pochendem Herzen den St. Nikolaus zu empfangen. Und wenn Besuch kam,
drückte man sich hier verlegen auf den grossen Fauteuils herum. Und
später hörte ich von Onkelchen, dass diese Stube damals, nach der
Französischen Revolution, als die Franzosen die Schweiz besetzten und
auch die zwinglianischen Zürcher zur neuen Ordnung zwingen wollten,
dass damals General Massèna in diesem Raum residiert hatte. Und als
ich dann ungefähr im Kindergarten alter war, hatte ich im Getäfer ein
Geheimfach entdeckt. Ich konnte es nur knapp erreichen, denn es war
gleich über dem Sofa platziert. Und eigentlich, so hatte ich mir
damals gedacht, hätte man ein Bild davor aufhängen sollen. Ich
benutzte diesen Safe für gewisse Dinge, aber ich will jetzt nicht wie
Mark Twain behaupten, dass es tote Mäuse oder ähnliche Dinge gewesen
wären. Höchstens vielleicht ein paar phlegmatische Maikäfer. Ich
liebte damals Maikäfer, sammelte sie in einem Marmeladenglas,
bereitete ihnen ein angenehmes Zuhause mit grünen Blättern und kleinen
Ästchen, damit sie sich ernähren und zur Verdauung etwas herum
klettern konnten. Und am nächsten Tag, welche Enttäuschung, steckten
die meisten Maikäfer Schwanz in Schwanz. Der eine schaute nach oben,
der andere nach unten. Ach, wie unästhetisch! Und wie ungerecht! Der
eine lag hilflos auf dem Rücken, während der andere vielleicht noch
herum krabbelte. Ich versuchte oft, sie zu trennen. Doch dann trat
gelber Saft heraus und ich stellte mir vor, dass dies wohl das Gedärme
sei und dass sie jetzt wirklich qualvoll sterben müssten. Nein,
Maikäfer waren bloss am ersten Tag dankbar und interessant, wenn die
Tiere noch eifrig und mit Energie versuchten, das Glas hoch zu
krabbeln, und wenn sie versuchten, sich startklar zu machen und
fliegend hochzukommen, was natürlich niemals gelang. Und dann, wenn
sie sich wirklich erschöpft hatten, verschwanden sie unter den
Blättern. Ich gönnte ihnen die Ruhe. Aber ich wusste, am nächsten
Morgen würde das Chaos mit den ineinander gesteckten Käfern vollkommen
sein. Diese kleinen Käfer waren mein Nervenkitzel in jungen Jahren.
Wo waren wir? Ach ja, bei der guten Stube. Ich habe im Garten gesehen,
dass die Rosen anfangen, zu blühen. Ich betrachte sie als meine Rosen.
Ich habe sie mit viel Aufwand gleich hinter dem Thuja-Baum gepflanzt
und dafür gesorgt, dass sie als Kletterrosen im Baum hoch wachsen. Und
jetzt schauen sie oben heraus und blühen dem Himmel entgegen. Schöner
wäre, wenn sie wie ein römischer Brunnen zur Seite wieder herunter
hängen könnten. Dann würden die Blüten noch besser in Erscheinung
treten. Aber vielleicht haben wir nächstes Jahr diesen Effekt. Ich
habe erst kürzlich den Thuja geschnitten und getrimmt, so dass er
jetzt wie ein frisch trainierter Rekrut im Garten steht. Die Rosen
sind weiss, mit einem Hauch Rosa. Aber sie sind nicht zu gross,
jedenfalls nicht so gross wie jene blutroten Rosen, die man der
Geliebten im Rausch an den Busen drückt. Sie sind sozusagen
calvinistische Rosen, sehr aufgeklärt, eher nüchtern und nicht gerade
betörend. Na ja, man könnte auch sagen skandinavische Rosen.
Und dazu höre ich mir einen Mozart-Mix an. Das kann man immer hören,
ist beruhigend und leicht beschwingt, das verschafft einem eine gute
Mittellage. Jetzt singt gleich ... ich weiss nicht, wie sie heisst.
Morgen werde ich mehr oder weniger den ganzen Tag unterwegs sein. Und
in 2 Monaten werden wir durch die interne Revision geprüft. Da muss
ich noch etwas Ordnung schaffen, im Büro und im Betrieb. Ich hoffe, es
wird nicht allzu schlimm herauskommen. In all den bald 25 Jahren waren
sie nie bei uns. Und jetzt, bei meinem Schluss kommen sie und treiben
mir das Adrenalin die Adern hoch. Na ja, wir werden auch das noch
überleben.

Jetzt muss ich sehen, ob ich von hier noch irgendwie in die Box
gelange. Ich war es schon ewig nicht mehr.
Halt mir die Daumen.

MLG

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