Ämne: Claro
Liebe Malou
Na na na, meine Mails als Aphrodisiakum? Wie wirst Du nur anspringen, wenn Du einem wirklichen Aphrodisiakum begegnest?
Aber in Tat und Wahrheit ist es wirklich komisch, an einem feinen Essen zu sitzen und sich gegenseitig zu erzählen, wie schlecht es uns geht. Nicht ich bin komisch, die Situation ist komisch. Aber oft ist es S, die solche Aspekte bemerkt. Im Iran ist man nicht sehr an solchen Sadomaso-Gesprächen interessiert. Die Perser reden lieber über hübsche Dinge und machen gegenseitig raffinierte Komplimente. Das ist ihre Welt. Und die schweizerischen Eidgenossen geniessen die Tatsache, dass sie es in dieser Welt verdammt schwer haben.
Na ja, ist alles halb so wild. Natürlich geniesse ich es auch, meinen Club ein bisschen komisch darzustellen. Aber der Gerechtigkeit zuliebe muss man sagen, dass die Spargeln ganz in Ordnung waren, die drei Saucen prima (eine davon war eine Art Zabbaione, ganz ausgezeichnet, die zweite mit Bärlauch, die dritte war eine normale Maionnaise). Und auch der Schinken war in Ordnung. Ich habe mich auf den Rohschinken konzentriert. Und mein Gegenüber, der mit der Fleischfirma, hat sich auch lobend geäussert und erwähnt, dass das alte Schweine gewesen sein müssen. Alte Schweine machen Schinken mit mehr Geschmack! Und dazu gab es neben dem Spargel eine dünne Omlette. So habe ich das zum ersten mal gegessen. Diese Omlette hat gut dazu gepasst, weil mild im Geschmack, und doch eine kleine Antithese zum Spargel. Wenn ich so zurückdenke, so muss ich sagen, es war eigentlich ausgezeichnet. Es sind die eigenen hohen Ansprüche, die es mit den Jahren immer schwerer machen, die Dinge einfach so zu geniessen, wie sie nun mal sind.
Heute bin ich ein bisschen später ins Büro gekommen. Gestern war ziemlich warm, und heute morgen hatte ich den Eindruck, dass ich mich wohl gestern im Durchzug ein wenig verkühlt habe. So habe ich mir am Morgen etwas Zeit genommen, eine Tablette geschluckt und bin nicht gleich losgedüst. Normalerweise ist es in der Früh immer hektisch. Vor allem, wenn man einen Zug erreichen muss, ist jede Minute entscheidend. Und das ist hart bloss eine knappe halbe Stunde, nachdem man sich aus dem Bett erhoben hat. Man muss sich nur vorstellen, wie man aufstehen wird, wenn man einmal in Pension ist. Vielleicht wäre es dann gut, auch einen Zug erreichen zu müssen. Lustig, ich habe im Bahnhof Basel ein Café entdeckt, dass mit einer langen Bar aus schönem Holz wirkt wie diese französischen Bistros. Und in der Früh, wenn die Züge ankommen, gehen vor der Glasfassade Tausende von Menschen hektisch vorbei, um an ihre Arbeitsplätze zu gelangen. Ich habe mir vorgestellt, wenn ich mal in Pension bin, mich dort mit ein paar anderen alten Knackern zu treffen, und zwar wirklich morgens früh, um den Vorbeimarsch der jungen Arbeitssklaven bei einem feinen Kaffee zu geniessen. Das wäre doch herrlich. Und dann, vielleicht um 9.00h oder halb Zehn, würden wir zitterigen Typen die Karten hervorklauben und einen tüchtigen Jass spielen. Ich bin zwar kein guter und kein leidenschaftlicher Kartenspieler, aber die Vorstellung ist ein Genuss, nicht wahr. Wenn man diese Morgenstunde zuhause im Bett verbratet, hat man doch nichts davon. Hingegen im morgendlichen Cafè, wenn die ganze Welt zur Arbeit hastet, wäre es, wie soll ich sagen, wäre es vielleicht wirklich ein Aphrodisiakum.
Soviel zu den Aphrodisiaka!
Ich wünsche Dir einen aufregenden Tag.
Mit lGuK
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