Sonntag, 8. Februar 2015

ein Alltagsgast


Liebe Marlena
...
Und dann endest du mit dem Satz: "Jetzt habe ich dich aber gelangweilt, mein armer Mausfreund". Ach Marlena, wie kannst du soetwas sagen nach diesem feinen und informativen Mail. Das darfst du nicht sagen. Du darfst es gar nicht denken. Nun ja, ich weiss schon, wie so ein Satz zustande kommt. Es ist eine Redensweise. Oder es ist eine Demutsgeste. Es kann auch eine versteckte Aufforderung zum Kompliment sein?
Ich will dir etwas erzählen zu deiner Geste, meine liebe Marlena, die bei mir natürlich Widerspruch und zärtliche Beschützergefühle auslöst. Ich möchte dich drücken und dir zeigen, nicht dass ich dein Mail absolut nicht mit Langweile gelesen habe - denn das muss ich dir nicht sagen, das solltest du nachgerade wissen - nein, ich will dir zeigen, dass ich deine Geste gesehen und gehört habe. Und so möchte ich denn hinüber zu dir in diese Demut kommen oder aber dir die Hand geben, damit du zu mir kommst in meinen Zustand des reinen Vergnügens. Und das ist es doch, wenn man einem Menschen bei der Arbeit und seinem Tageswerk zuzusehen kann: das reine Vergnügen. Wenn er mich wie einen Gast schon morgens ins Schlafzimmer einlädt und mitgehen lässt, immer freundlich dieses und jenes zeigend und erklärend, bis abends spät nach elf, bis dieser Mensch dann erschöpft - und Gastgeber zu sein erschöpft wirklich - erschöpft und  müde ins Bett sinkt. Was gibt es denn schöneres, als so ein Alltagsgast zu sein? Ich habe das Mail wirklich schmunzelnd und fast mit angehaltenem Atem gelesen - es ist mir selbst aufgefallen noch bevor du zu deinem Schluss gekommen bist - so angeregt, wie man durch ein neues Quartier geht und jede Strassenecke und jede Häuserzeile neu und einzigartig findet, auf die die Einheimischen vielleicht schon gar nicht mehr hinschauen, weil man ja für den Alltag irgendwie blind zu werden droht. Ich habe das immer genossen, zum ersten Mal in einer Stadt zu sein und mich vorwärtszutasten, und später zurückzudenken, wie das alles packend und unbekannt erschienen ist.  Und wie man sich leicht verlaufen konnte, was später - in der Rückschau, fast undenkbar erscheinen musste.
Du Marlena  wirst denken, er ist ein typischer Psychologe; ich schreibe einen schönen langen Brief und er pickt ein kleines, nebensächliches Detail heraus und macht daraus einen riesigen Auftritt. Und recht hast du Marlena!
Aber ich sage es nicht nur dir. Bei dir sage ich es mit Liebe und mit Sympathie und weil an dir für mich fast nichts lanweilig sein kann. Der höchste Grad der Langeweile entsteht vielleicht, wenn du keine Zeit hast, ein Mail zu schreiben. Dann wird meine Weile lang. Dann sehnsuche ich dich, meine liebe Mausfreundin.
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