Donnerstag, 2. Oktober 2014
... zu früher Morgenstund..
Ämne: Samstag zu früher Morgenstund..
Datum: den 30 augusti 06:46
Lieber ...,
Schau dir das mal an. Die Uhrzeit meine ich. Schon um 6 Uhr früh bin ich aufgestanden um nach einem Mail von dir zu schauen. ...
Ach, wie schade, dass du eine Erkältung hast. In Gedanken eile ich zu deinem Bett mit einem warmen Tee mit Honig und auch etwas Cognac drin. Hoffentlich hast du auch selbst etwas vorbeugen können. Ist ja doch gut, dass es nicht am Anfang deiner NY-Zeit passiert ist. Du hast die Tage gut ausgenützt und mit viel Erlebnissen gefüllt. Ich glaube sogar, du hattest dir das ganze vorher nicht so fantastisch vorgestellt, wie es war. Und ich geniesse wieder in vollen Züge deine Schilderungen. Ein Fremdenführer, voll mit kleinen persönlichen Betrachtungen, die alles so lebendig machen, dass ich ganz dabei sein kann. Es ist ganz einfach herrlich!
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Ämne: Re: samstags
Datum: den 30 augusti 17:03
Liebe Marlena
Im Moment kaempfe ich immer noch mit meiner Erkaeltung. Ich habe gestern 4 Tabletten Alka Seltzer plus Cold mit Wasser hinuntergespielt. Und immerhin 12 Stunden geschlafen. Im Moment schwitze ich wie ein Pferd. Aber es ist ein bisschen besser. Ich war am Abend zuhause geblieben, waehrend meine Freunde an den Brooklyn Carneval gegangen sind. Es scheint, dass dies ein Ereignis ist, auf das sie ein ganzes Jahr warten. Sie waren ganz elektrisiert. Und offenbar gibt es Millionen anderer Menschen, die dorthin gehen, um die karibische Musik zu hoeren und den Umzug zu sehen.
Am Abend konnte ich der Flurnachbarin im Fenster zuschauen, wie sie am Kuechenlavabo ihre Haare waescht. Sie lebt dort wirklich in einfachen Verhaeltnissen. Aber offenbar pflegt sie sich ein bisschen auf das Wochenende hin. Das ist doch ein gutes Zeichen. Ich glaube nicht, dass sie oft ihre Raeume verlaesst. Gestern, als ich heimkam, habe ich durch die offene Tuere gesehen, wie sie am Tisch sass, das Telefon zwischen Ohr und Schulter eingeeklemmt. Sie hat irgendwas genestelt und gleichzeitig telefoniert. Die Amis sind ueberhaupt Weltmeister darin, Dinge gleichzeitig zu tun. Multiasking wuerde das in der Computersprache heissen. Im Kurs ist mit immer wieder aufgefallen, wie die Leute gleichzeitig essen und zuhoeren, trinken mitten im Kurs. Auf der Strasse haben sie ihre Kartonbecher in der Hand und trinken ihren Kaffee, waehrend sie gehen. Ich weiss nicht, ich mag das nicht so besonders. Es wirkt so kindlich. Und morgens sieht man jede Menge Frauen, die ins Buero gehen - so nehme ich an - und schon einen Becher und irgendwas eingewickelt mit sich tragen. Offensichtlich nehmen sie das Fruehstueck mit ins Buero. Aber sie rennen nicht so wie wir Schweizer. Sie haben einen gemaechlich speditiven Gang. Auch der Verkehr ist ruhig und korrekt, und niemand scheint gereizt zu sein. Das wirkt ein bisschen englisch auf mich, so aehnlich wie das korrekte Schlangestehen im Lebensmittelladen.
C, die Aerztin, hat mir erzaehlt, dass sie auf dem Empire State Building gewesen sei. Man muesste offenbar ungefaehr eine Stunde dafuer reservieren. Sie war auch in der Freiheitsstatue. Sie war wirklich voll auf Trab, wie wir sagen, und abends ging sie in Musicals und Cabarets. Am lustigsten fand ich, dass sie die Inlineskates mitgenommen hatte und damit den Central Park auf Raedern angeschaut hat. Auch sie hat bestatetigt, dass ihr alle Leute davon abgeraten hatten, sie mitzunehmen. So war es ja auch bei mir gewesen. Na ja, sie ist auch ein paar Jaehrchen juenger als ich. Aber ich muss sagen, man koennte wirklich den ganzen Broadway herunterfahren auf diesen Rollschuhen. Es waere moeglich. Nur Times Square waere etwas umstaendlich, weil dort viel Verkehr zusammenkommt. Aber man sollte kein blutiger Anfaenger sein, fuer ein solch gewachtes Unternehmen. Und wenn man einen Unfall verursachte, ist man in Amerika bestimmt ein armer Mann. Sie gehen hier ja konsequent und hart nach dem Verursacherprinzip. Ich habe in der U-Bahnstation Union Square eine kleine Szene gesehen. Eine junge Frau war in Eile und rannte irgendwo in Richtung eines Gehsteiges. Und so trat sie in ihrem Tempo einer anderen, auch juengeren Frau hinten auf eine Sandale. Viele tragen hier diese Plastiksandalen, die wir bloss an die Beach mitnehmen, die einzig zwischen grosser und zweiter Zehe fixiert sind. Und so war offenbar diese Fixierung gerissen. Die Verursacherin, eine huebsche junge Frau, schaute ganz schuldbewusst in die Welt und nahm, nach einer kurzen Diskussion, ihren Geldbeutel hervor und hat der anderen offenbar fuer den Schaden bezahlt. Das fand ich doch bemerkenswert. In der Schweiz wuerde man mit einem solchen Schaden allein gelassen. Na ja, die Leute wuerden denken, dass du bessere Schuhe tragen solltest. Oder sie wuerden sagen, das sei eben Pech gewesen. Das ist doch eine bemerkenswerte Szene und ein Zeichen, dass die Leute ihre Verantwortung uebernehmen.
Und jetzt muss ich doch aufhoeren. Ich muss zusehen, ob ich irgendwie meinen Flug bestaetigen kann. Und dann werde ich = Erkaeltung hin oder her = mich noch ein bisschen auf die Socken machen.
Ich wuensche Dir ein schoenes Fest heute und ein gutes Wochenende
Mit lieben Gruessen
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