Freitag, 17. Oktober 2014
Stichwort Schweiz
Ämne : CH
Datum : Thu, 4 Oct 2001
Liebe Marlena
Ja, die Schweiz. Darüber gäbe es viel zu berichten. Und über viele
Klischees.
Tatsache ist, dass wir ein reiches Land geworden sind, während die Schweiz
noch im 19. Jahrhundert als Armenhaus Europas angesehen werden konnte. Es
gab damals viele Menschen, die nach Amerika ausgewandert sind. Und - wenn
ich mich richtig erinnere - wurde ihnen oftmals mit öffentlichen Geldern die
Überreise bezahlt. Man wollte, dass sie gehen und man hat sie motiviert, zu
gehen.
Und heute?
Nun ja, ich glaube, wir sind in erster Linie ein konservatives Land. Das
waren wir wohl immer, denn ein Gemeinwesen von Bergbauern kann nie sehr
modern ausfallen.
Wir sind aber bestimmt ein fleissiges Land. Der Reichtum kommt nicht bloss
von den Bankkonti. Nicht nur. Ich glaube, wir arbeiten im internationalen
Vergleich viel und wir haben eine hohe Arbeitseffizienz.
Wir sind auch ein introvertiertes Land. Die Tatsache, dass wir heute noch
nicht Mitglied der UNO sind, ist doch sehr merkwürdig. Ich glaube, wir sind
das allerletzte Land der Welt in dieser Beziehung.
Wir sind ein unwirtliches Land. Wahrscheinlich die Hälfte unseres Bodens ist
nicht nutzbar, weil es sich dabei um Berge und Felsen und Steine und ewigen
Schnee handelt. Wir haben kaum Bodenschätze. Die gebirgige Landschaft ist in
jeder Hinsicht beschwerlich und erfordert einen hohe Aufwand.
Wir sind kulturell kein einheitliches Land. Die Tatsache, dass wir auf
diesem kleinen Raum mit vier Landessprachen und ebenso vielen wenn nicht
noch mehr Mentalitäten fertig werden müssen, soll man nicht vergessen. Das
ergibt landesintern oft erhitzte Gemüter, doch gegenüber der
Weltgemeinschaft geben wir uns gerne harmonisch und rosarot. Das politische
Klima ist von dieser Tatsache geprägt.
Wir sind ein enges Land. Wenn man mit der Eisenbahn durch die Schweiz fährt,
fällt einem auf, wie überbaut unsere Landschaft ist. Es gibt kaum mehr freie
Flächen und grössere Landschaften. Man fährt ständig durch Städte oder
Dörfer. Diese Enge prägt unsere geistigen Horizonte. Wir passen uns den
Gepflogenheiten und den Nachbarn an und denken nicht über die Dorfgrenze
hinaus. Wir lieben das Naheliegende.
Aber wir sind auch das Land der höchsten Dichte an Nobelpreis-Trägern und
wohl auch der Milliardäre. Der Volkscharakter der Exaktheit, des Praktischen
und Naheliegenden prädestiniert uns zu vorzüglichen Technikern und kühl
berechnenden Bankers, die eben auch mal was Neues erfinden.
Kurz und gut, es stinkt in der Schweiz zum Himmel. Und wir alle erwarten
doch sehr, dass die UNO uns einen roten Teppich ausrollt, damit wir uns
endlich überlegen, ob wir an dieser grossen Party mitmachen mögen oder
vielleicht und vorläufig immer noch unmutig abzuwinken geruhen. Wir haben
noch immer grosse Bedenken, diesem heterogenen und darum zweifelhaften Club
beizutreten, denn es gibt da einige sehr unattraktive Mitglieder. Wir
bewegen uns im Allgemeinen lieber in exklusiveren Kreisen. Und wir alle
finden es ziemlich unwürdig, dass wir bitten sollten, dieser wackeligen
Weltgemeinschaft beitreten zu dürfen, wo wir doch eigentlich überzeugt sind,
dass die Gemeinschaft eher uns bitten sollte, der Schweiz beizutreten.
Anstelle der Globalisierung sind wir für eine Helvetisierung der Welt.
Wir haben an der Genfer Universität einen Professor der Soziologie namens
Jean Ziegler. Sicher hast Du schon von ihm gehört. Er ist Sozialist und ein
harter Kritiker und Kämpfer gegen das schweizerische Bankensystem. Er hat in
der Vergangenheit feurige Bücher geschrieben. Doch dann hat man ihn mit
einer Prozesslawine immobilisiert. Und heute schreibt er nur noch Romane,
weil er anhand von romanhaften Aussagen gerichtlich nicht belangt werden
kann. Er hat ein gutes Herz, unser Jean Ziegler, und ich glaube, von der UNO
hat er einen Auftrag, den Hunger in der Welt zu analysieren und zu
bekämpfen.
*
Früher, als junger Mensch, wäre ich gerne Brite gewesen, natürlich einer aus
der britischen Obersicht, oder Franzose. Weniger ein Italiener oder ein
Deutscher. Von Spaniern hatte ich damals kaum noch was gehört. Doch ich
kann mich auch an meine erste selbständige Auslandreise erinnern. Ich fuhr
per Hitchhiking vom Wallis nach Paris. Pius war mein Leidensgenosse. Und in
Paris, in der Gegend der Porte d'Italie hatten wir ein drittklassiges Hotel
gefunden, wo viele arme Studenten abgestiegen waren. Die Dame an der
Reception war eine Pariser Matrone mit beachtlichem Volumen. All die
amerikanischen und deutschen Studenten mussten ihr Zimmer im Voraus
bezahlen. Sie mussten Geld hinterlegen. Nur uns, den zwei süssen Kerlchen
mit den hübschen Schweizer Pässen, hat sie dies erlassen. Und sie hat auf
die Schweizer und ihre Zuverlässigkeit ein Loblied gesungen.
Auf der Rückreise wurden wir von der Polizei aufgegriffen, weil wir in der
Banlieu von Paris auf der Autobahn standen und den Daumen hoben. Die Flics
brachten uns auf den Posten und kontrollierten die Papiere. Man hörte sie
munkeln, ah.. des Suisses ! Und dann kamen sie ganz freundlich zurück und
bedeuteten uns, dass wir eben nicht so offen und demonstrativ Hitchhiken
sollten, sondern etwas diskreter, weil es ja eigentlich verboten wäre. Und
sie liessen uns dann wohlwollend an denselben Ort zurück, an dem sie uns
aufgegriffen hatten, um unsere Reise fortzusetzen.
Du siehst, Marlena, in jungen Jahren hatte ich den Eindruck bekommen, dass
der Schweizer Pass ein höchst exklusives und wertvolles Papier darstellt.
Aber ich weiss auch, dass das heute nicht mehr so ist. Schade vielleicht.
Aber so ist es eben.
*
Komisch, dass ich zum Stichwort Schweiz soviele Worte verliere! Ob das
Zufall ist?
Mit einem schönen Gruss
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