Ämne: 5. Avenue
Datum: den 24 augusti 03:39
Liebe Marlena
Heute
habe ich mir die 5. Avenue drangenommen und von der 42. Strasse bis
hinauf zum Central Park mit eigener Zunge gewischt. Es war warm. Aber es
herrschte auch irgendwie Wochenendstimmung. Die Leute waren besser
gekleidet als an Wochentagen. Und die Laeden voll. Ich habe mir ein
kleines Kitsch-Souvenir gekauft. Aber ich bin nicht soweit gegangen,
jenes zu waehlen in der Glaskugel, das, wenn du schuettelst, Schnee
aufwirbelt. Die 5. Avenue ist eine der schickeren Strassen. Es gibt
viele Kleiderlaeden, und ich bin sogar - was ich sonst kaum in meinem
Leben tue - hineingegangen und habe geschaut, was es so gibt. Es gibt
jede Menge Jeans. Und jene, die schon 5 Jahre alt und verbraucht
aussehen, die sind die teuersten. Frueher, zu unserer Jugendzeit, hatte
man gesagt, man soll die neuen Jeans anziehen und damit in die Badewanne
mit Kaltwasser steigen, um sie schliesslich am Koerper wieder trocknen
zu lassen. So wuerden sie am besten sitzen, behaupteten Kenner der
Materie. Aber was damals "sitzen" hiess, ist wohl heute ziemlich locker.
In
einem italienischen Lokal habe ich eine Pizza gegessen, die echt gut
war. Na ja, vielleicht hat mein Hunger noch einiges dazu getan. Aber ich
hatte wirklich den Eindruck, sie sei ausgezeichnet. Und fuer diese
Gegend auch nicht teuer. Wenn ich nochmals in diese Gegend komme, werde
ich noch eine versuchen. Sie haben verschiedene Sorten, mit Spinat,
Broccoli, Tomate, Pilzen. Und irgendwie schaffen sie es, dass diese
Zutaten obendrauf ganz frisch wirken, nicht wirklich ausgebacken und
trocken. Das macht es saftig und locker. Also, einfach exzellent. Man
koennte dazu "Santa Lucia ... " singen.
Als ich dann um 6 p.m.
ungefaehr wieder bei der Central Station war, war ich totmuede. So bin
ich in die Empfangshalle des grossen Hyatt Hotells und habe mich in
einen dieser weichen Plueschsessel fallen lassen. Man muss einfach etwas
cool und gelangweilt in die Welt schauen, dann kann man sowas tun. Ich
habe sogar die Fuesse auf das kleine Tischchen gelegt, um echt
amerikanisch und etwas ungehalten auszuschauen, eben wie jemand, den man
viel zu lange warten laesst. Ich glaube, ich habe ein kleines
Nickerchen gemacht in allerbester Atmosphaere. Und dann habe ich eine
Ecke der Halle gezeichnet und mein Tagebuch etwas nachgefuehrt.
Unterdessen hatte sich rund um mich eine Runde von Schwarzen
niedergelassen, die sich fuer den Ausgang verabredet hatten. Sie waren
alle nett angezogen und in bester und irgendwie hungriger Stimmung. Ich
glaube, man sollte sich diese Hotel-Lobbies einfach im Hinterkopf
merken. Man kann dort sehr gut Treffpunkte abmachen, denn sie sind 1.
eindeutig, 2. vor allfaelligem Regen geschuetzt, 3. ohne Konsumzwang, 4.
gute Adressen, 5. huebsch zurecht gemacht und gepflegt sowie 6. eben
fuer solche Dinge wie Treffen und Verabredungen gemacht. Wenn wir uns
mal irgendwie und irgendwo im Leben treffen sollten, dann - meine liebe
marlena - wird es in einer Hotel-Lobby sein, darauf kannst Du Gift
nehmen. Es ist einfach kein Vergleich zu einer windigen Strassenecke.
Und ich bin ueberzeugt, die Hotels haben absolut nichts dagegen. Sie
wuerden sich eher Sorgen machen, wenn ihre Lobbies leer blieben.
Als
ich dann wieder etwas Kraft in den Beinen hatte, bin ich noch nach Osten
zur UNO gepilgert. Das war ich S. schuldig. Schliesslich hatte sie mal
bei dieser Bude gearbeitet, und ebenso ihr Vater. Ich glaube, es war
damals im Iran ein erstklassiger Arbeitgeber. S. hatte fuer ihr Alter
einen riesigen Lohn. Und eine Rente in Dollars, wie das mein
Schwiegervater hatte, und die Schwiegermutter heute noch geniest, das
ist bei den Inflationsraten des Rials ein Geschenk des Himmels. Doch das
UNO Gebaeude lag im Wochenend-Schlaf. Keine Fahnen, ausser die blaue
Unoflagge. Vielleicht haben sie die Fahnen auch zur Trauer
zurueckgenommen. Das weiss ich nicht. Das lustigste war, dass ein
Bettler, ein Penner, ein homeless - wie sie hier sagen - mit einem
Waegelchen und einem riesigen schwarzen Plastiksack ueber die Strasse
kam. Du lachst, aber er sah wirklich aus wie Kofi Annan, wenn er
morgens noch ungewaschen und ungekaemmt aus dem Bett steigt. Ich musste
lachen, als ich den Kerl sah.
Und so habe ich auch meinen 5. Tag
hinter mir. Die Zeit fliegt . Aber ich merke auch, dass ich etwas
schneller muede werde als am Anfang. Deshalb ist es gut, wenn der Kurs
beginnt. So kann ich mich richtig ausruhen. Das hoert sich vielleicht
komisch an. Aber Trance-Kurse sind die einzigen, die ich kenne, die so
entspannend und beruhigend sind. Deshalb bin ich ja schliesslich - unter
anderem - nach N.Y. gejetet. Ich bin gespannt, welche Art von Leuten
sich im Kurs zeigen werden. ich weiss nur von der Kollegin aus Genf, die
kommen wird. Wir haben uns geschworen, wir wuerden Europa bis auf den
letzten Tropfen Blut verteidigen. Und das tun wir fur Euch dort drueben,
hinter dem Ozean.
Ich wuensche Dir ein gutes Wochenende. Es freut
mich zu hoeren, dass Du wieder im Element bist und das Du es geniesst.
So soll Arbeit sein: Spass machen. Na ja, zumindest mehrheitlich.
Mit lieben Gruessen und so
...
Mittwoch, 24. September 2014
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