Dienstag, 1. Juli 2014
Sollte ich vielleicht... ?
Ämne : la grande bouffe
Liebe Marlena
Was meinst Du, sollte ich heute Abend an unserem Büroessen ein paar Worte
sagen? Ich habe eigentlich wenig Appetit, weder auf Essen noch auf Reden.
Aber ich werde es mir noch überlegen. Und vielleicht kommen mir in diesem
Mail ein paar Gedanken.
Das Essen findet auf Seltisberg statt. Das ist eine Nobelgemeinde gleich
oberhalb Liestal. Jeder, der in Liestal etwas hält, wohnt hier oben in
Seltisberg. War früher einmal ein kleines Bauerndörfchen, und ist jetzt
überwachsen mit protzigen und anderen Einfamilienhäusern. Natürlich ist es
schön hier oben. Man hat den Eindruck, man sei dem Himmel näher. Mein
Vorgänger hat hier oben gewohnt, und sich, vor 20 Jahren, aus Enttäuschung
über seine Arbeit und die Probleme mit seinem Chef im WC erschossen. Ich
habe das erst vor drei oder vier Jahren vernommen. Vorher hatte es
geheissen, es wäre ein Herzschlag gewesen. Allerdings hatte er schon als
junger Mensch, als sich herausstellte, er könne nicht Medizin studieren,
offenbar einen Suizidversuch gemacht. Er ist dann aber nicht gelungen, hat
einfach dazu geführt, dass er Zeit seines Lebens ein schlechtes Augenlicht
hatte. Das war mein Vorgänger. Und Du siehst, Marlena, mein Stuhl ist etwas
belastet. Ich darf mich nicht zu sehr darauf bewegen, sonst bricht er
vielleicht noch in sich zusammen.
Zurück nach Seltisberg. Dieses Jahr hat eine Sekretärin aus Allschwil das
Essen organisiert. Es gibt drei Gänge, und ich konnte mich nach viel
Überlegen und virtuellen Hungerkuren für kein Menue entscheiden. Ich mag
einfach abends nicht mehr soviel essen. So habe ich mich sehr spät
angemeldet, um dann noch à la carte bestellen zu können. Und S tut
dasselbe. Ich glaube, das ist am besten so. Ich will mich nicht an einem
Freitag abend durch drei Gänge durchkämpfen. Aber eben, vielleicht sollte
ich eben deshalb, weil ich nicht esse, reden.
Wir nennen diesen Anlass unser Weihnachtsessen. Früher hatte es immer im
Dezember stattgefunden. Dann haben wir bemerkt, dass im Dezember keiner Zeit
und wenige Lust zu einem saftigen Essen haben. So hat man es dann vor ein
paar Jahren auf den Januar verschoben. Immerhin hat man im Januar gute
Vorsätze im Kopf, und so ein Essen ist eine echte Herausforderung, die
Nagelprobe für die guten Vorsätze. Wer das Essen überstanden hat, der kann
getrost das neue Jahr in Angriff nehmen. Dem kann nichts mehr Wesentliches
passieren.
Die Sekretärin nennt das Essen nun "Jahresessen". Das klingt wie "la grande
bouffe". Hast Du den wundervollen Film gesehen mit Michel Piccoli. Es sind
ein paar gesetzte Männer in einer alten Villa, die ein wirklich
ausschweiffendes Fressen veranstalten. Und das hat etwas ziemlich
Infantiles. An diesen Film erinnere ich mich, wenn sie vom Jahresessen
spricht. Aber das kann ich nicht sagen, denn der Film ist eine Provokation
auf den diskreten Charme der Bourgeoisie.
Bei Jahresessen gehen einem natürlich auch die Jahresabschlüsse, die
geschäftlichen Dinge durch den Kopf. An einem solchen Anlass verkündet der
Chef die Erfolgsrechnung, verteilt Gratifikationen und macht Beförderungen
und verteilt Gratiskomplimente. Und dann hat er Gelegenheit, mit seiner
Sekretärin zu tanzen.
Aber bei uns ist das natürlich ganz anders. Unsere Abschlüsse sind noch
nicht gemacht. Die statistischen Zahlen sind noch nicht bereit. Wir können
uns bloss selbst auf die Schulter klopfen.
Natürlich kann ich meinen Leuten danken für die grosse Arbeit, die sie
während des vergangenen Jahres geleistet haben. Es gab da jede Menge
Unannehmlichkeiten, Zeitdruck, Spannungen, Rekursverfahren, Irritationen und
so fort. Dafür kann ich mich bei ihnen bedanken. Aber dafür sind sie auch
bezahlt. Das sollte man nicht vergessen. Und sie sind gut bezahlt.
Vielleicht sollte ich mich bedanken für all die Dinge, die sie NICHT gemacht
haben. Sie haben keine unnötigen Rekurse provoziert. Sie haben nicht Kinder
verführt oder belästigt. Sie haben keine Schulhäuser angezündet, noch haben
sie Behörden hintergangen. Ach, sie haben sich wirklich anständig und fair
aufgeführt, haben abends ihre Arbeitszeit aufgeschrieben und sind brav
heimgegangen. Es war eine reine Freude.
Vielleicht sollte man den Mitarbeitern Mut zusprechen, dass nach den
schlimmen Ereignissen im letzten Jahr nun alles gut werde. Nachdem so vieles
auf der Welt dahingegangen ist, sollten wir doch für das neue Jahr neue
Hoffnungen schöpfen. Ich sollte ihnen also das Badewannenjahr ans Herz legen
und sie bitten, sie sollten mit Lockerheit und Optimismus an die Arbeit
gehen. Das wäre gut. Das haben sie nötig.
Ach, ich weiss nicht. Vielleicht sag ich doch gar nix, und esse zwei oder
drei Teller leer.
Ich lass es mal auf mich zukommen.
Mit einem schönen Gruss
...
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