Sonntag, 6. Juli 2014

Federer - das Thema Nummer 1


den 7 juli 2003 07:26
Re: Aufgeräumtheiten

Liebe Marlena
Ja, Du hörst Dich zufrieden und entspannt an. Und wenn man während der Arbeit mitten im Druck und in den Dingen drin ist, sieht doch das Leben völlig anders aus. Es ist merkwürdige, wie die momentanen Drucksituationen auch die Perspektiven über weitere Sicht verändern. Aber ich bin froh für Dich, dass Du die Zeit sosehr geniessen kannst. Das ist doch die richtige Art, wieder Energien zu schöpfen für den nächsten Kampf. Nicht das 'grosse Glück', sondern bloss Zufriedenheit, das ist doch, wonach wir alle lechzen. Und Du hast sie!
*
Ja, der Besuch des Chefs ist vorbei, und ich frage mich auch, weshalb ich mir eigentlich soviel Gedanken gemacht habe. Ich hatte mich das schon vorher gefragt. Und die einzige Antwort, die ich finden konnte, bestand darin, dass er eben neu ist. Man muss sich wieder neu orientieren, muss zusehen, was ihm wichtig ist, worin er seine Prioritäten sieht ... und so fort. Es gibt ja doch in der Direktion, und das spürt man zumindest an seinen direkten Mitarbeitern, ein Gerangel, eine Art Ellbogenkampf um den privilegierten Platz in seiner Nähe. Auf jeden Fall reden seine Sekretäre wieder in grossen und wichtigen Worten und lassen ihre Kompetenz und ihre Muskeln spielen. Ich mag das nicht, und meine Schwäche hat vielleicht immer darin bestanden, bei solchen Spielchen nicht mitgespielt zu haben. Man kommt damit schon ein bisschen ins Hintertreffen, das muss ich sagen. Einzige Ausnahme ist, wenn der Chef dies bewusst auch nicht mag, und dagegen reagiert. Ich glaube, mein alter Chef hat ein bisschen so gehandelt. Und beim Neuen müssen wir sehen.
Auf jeden Fall ist mein Büro nicht wirklich aufgeräumt. Ich konnte nicht übers Herz bringen, alles wegzutun, notfalls zu wegzuwerfen. Aber es sieht doch schon etwas zivilisierter aus als noch vor zwei oder drei Wochen. Es sieht jetzt aus, wie es aussehen würde im Büro eines Typen, der sich mit seiner Arbeit identifiziert und der viele Interessen hat. Ich meine, wie das Büro bei jemandem, der neben der Arbeit viele Dinge tut und der vielleicht sogar ein Campingbett aus einem Schrank hervorholen könnte, für alle Fälle. So sieht es aus. Und das ist - meines Erachtens - nicht wirklich schlecht.
*
Und heute begehen wir in der Schweiz einen neuen Nationalfeiertag. Eigentlich den Montag nach dem Nationalfeiertag. Hast Du gehört, dass unser Roger Federer gestern in Wimbledon gewonnen hat? Ich habe einen grossen Teil des Matches gesehen (gerade nach dem 1. Set sind wir dann losgefahren zu Onkelchen; und als Onkelchen endlich sein Gerät angeworfen hatte, war bereits das Tiebreak mit den 5 Matchbällen im Gange), und ich muss sagen: unser Schweizer-Boy hat fantastisch gut gespielt. Wie Du vielleicht weisst, oder gar gesehen hast, ist sein Trainer ein Schwede namens Sundgren oder so ähnlich. Ihm sieht man an, dass er ein wenig in die Jahre gekommen ist. Er war damals schwedischer Davis Cup Spieler, und ist heute ein bisschen in die Breite gegangen. Aber er scheint ein guter Trainer zu sein. Federer ist hier in der Nähe aufgewachsen und die Nachwuchsspieler vom Club Bottmingen, einem Quartier Basels, haben natürlich mitgelitten. Nun ja, es ist wirklich ein grosses Ereignis und wird bestimmt dem Tennis in der Schweiz bei jungen Leuten Auftrieb geben. Und das ist gut so. Auch dem Turnier Swiss Indors in Basel wird Federer nützen, denn er hat in den letzten Jahren regelmässig dort teilgenommen, und wird jetzt wohl noch deutlicher als Favorit auftreten und zur Attraktivität des Anlasses beitragen.
Was wir in Wimbledon vermisst haben, sind die skandinavischen Tennisspieler. Die Belgierinnen und die Russinnen haben mich positiv überrascht. Aber natürlich habe ich die Spiele nur so nebenbei verfolgt, nicht wirklich ab den ersten Runden. Das hatte ich früher noch gemacht, als ich in Olten gearbeitet habe. Dort pflegte ich bekanntlich samstags zu arbeiten und habe dann, während der Spiele in Wimbledon, unseren kleinen Fernsehapparat mit ins Büro genommen. Das war lustig und unterhaltsam. Es war - unter uns - samstags meist auch nicht sonderlich viel los im Büro. Die jungen Leute haben samstags keine Probleme. Am ehesten haben sie am Montag. Und das ist doch wohl verständlich.
Jetzt gehen wir daran, das Turnier in Gstaad zu verfolgen. Das ist ein altes, traditionsreiches Tennisturnier im Nobelort des Berner Oberlandes. Ich erinnere mich, wie in der Primarschulzeit ein Schulkamerad von diesem Turnier erzählt hatte. Sein Vater war in jener Gegend aufgewachsen und seine Söhne hatten dort regelmässig ihre Ferien verbracht und damals auch die Spiele mitverfolgen können.
*
Und Ihr macht Euch bereit, in den Norden zu reisen, ohne Vögel, notabene? Wenn ich mir 700 km von hier vorstelle, dann bedeutete das ungefähr bis Arles zu gelangen, vielleicht bloss bis Avignon, aber immerhin. Ich glaube, ich muss auch wieder mal so weit dort hinunter. Wir haben viele schöne Erinnerungen an den Süden Frankreichs. Aber ihr fahrt in den Norden, ins karge Land. Ich erinnere mich an die Fotos, die Du mir von dort oben gezeigt hast. Besonders den Fluss habe ich noch im Gedächtnis. Er schien mir ziemlich roh und wild. Nun ja, ich hoffe, dass Ihr dort oben schöne Sommerferien haben werdet. Sicherlich werden alle auf Euch warten un euch wiederum gerne begrüssen.
*
Und ich muss jetzt an mein Montagsprogramm, dass leider nicht bloss darin bestehen kann, über das gestrige Match zu diskutieren. Aber es ist bei allen, die ich sehe, das Thema Nummer 1.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Liebe Grüsse

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen