(ungekürzt)
Ämne: RE: grippig noch
Datum: den 16 mars
Liebe Malou
Na
ja, verwöhnt oder nicht verwöhnt. Manchmal schwemmt einem das Leben
Dinge ans Land, die man nicht vorhergesehen hatte. Dann kann man sich
verwöhnt fühlen.
Meine Grippe ist immer noch virulent. Ich
schlucke Tabletten, trinke Tee (und keinen Kaffee) und schlafe wie ein
Murmeltier. Aber es ist nicht ganz vorbei. Gestern ging ich früher nach
Hause und habe dann praktisch durchgeschlafen. Und heute bin ich nur
hier, weil ich einen kleinen Vortrag für die kommenden Lehrer habe. Dann
ziehe ich mich wieder zurück. Es ist merkwürdig, mit diesem
Grippe-Gefühl durch die Welt zu gehen, wenn es gleichzeitig so
frühlingshaft warm und sonnig ist. Passt irgendwie nicht. Grippe passt
zum Herbst, oder zum Winter. Aber doch nicht Frühling. Im Frühling ist
Heuschnupfen oder so was meinetwegen gut.
Ameisen sind nicht
besonders schlimm. Stell Dir vor, Du hättest Läuse, oder sogar Mäuse.
Nein, Ameisen sind sehr sauber und räumen sogar Schmutz weg. Na ja,
trotzdem mag man sie nicht besonders im Haus. Besonders nicht, wenn sie
noch in fleissigen Zweierkolonnen quer übers Bett wandern.
Du
hast nach Soutine geforscht. Er gefällt Dir nicht besonders? Na ja, aber
schau Dir die Farben an. Es ist mir nicht ganz klar, wie er eine solche
Intensivität erreichen kann. Es erinnert an die venezianische Schule.
Und wenn ein solches Bild an der Wand hängt, dann hat es eine grosse
Ausstrahlung. Ein solches Bild springt dich an, wie wir gesagt haben.
Ich habe vor ein paar Jahren zwei Dicke Bände gekauft über Soutine. Am
besten gefallen mir die Porträts. Sie sind wirklich einzigartig. Und ich
kann verstehen, dass Varlin ein bisschen bei ihm abgeschaut hat. Nun,
vielleicht kann man es nicht so sagen, „abgeschaut“. Er hat sich
inspirieren lassen oder so ähnlich. Hast Du denn auch nach Bacon
geforscht. Wenn Du Bacon siehst, dann gefallen Dir die Ameisen im Haus
wieder ;--)
Ja, vielleicht ist das Alter wirklich nicht so
wichtig, und es ist eher eine Frage, ob krank oder gesund. Ja, da hast
Du bestimmt recht. Aber die Krankheiten kommen in der Regel auch eher
mit dem Alter.
Ich habe vor Jahren mit grosser Begeisterung ein Buch
eines deutschen Soziologen gelesen. Es war eine empirische Studie über
die gesellschaftlichen Gruppierungen nach dem Verschwinden der sozialen
Klassen. Er spricht da neu von sozialen Milieus und hat mittels
statistischer Methoden - ich weiss nicht mehr genau - 5 oder 6 solche
Milieus anhand von ihren Interessen, Lektüre, Kleidung,
Freizeitvorlieben etc. identifiziert. Irgendwie hat er (ich glaube er
heisst Gerhard Schulze) die Schlussfolgerung gezogen, dass die
Hauptdimensionen, wonach sich Menschen einschätzen und gruppieren und
gemeinsame Interessen und Sympathien finden, dass es vor allem die
Dimensionen Alter und Bildung sind. Und vielleicht ist Alter wirklich
eine neuere Dimension. Wir hatten mal darüber diskutiert, dass im
katholischen Milieu noch altersgemischte Gruppen bestehen. Kinder und
Eltern machen gemeinsam Dinge, haben gemeinsame Feste. Die Familie ist
da eine zentrale Gruppe. Heute entwickeln sich aber immer mehr
altersspezifische Gruppen. Man hat das auch mit den Einjahrgangsklassen
der bürgerlichen Schule in Zusammenhang gebracht. Auf den Strassen
spielen nicht mehr Kinder von 6 bis 16 Jahren miteinander. Es gibt harte
Grenzen zwischen Altersspezialisten, das sieht man in den
Freizeitinteressen und den Konsumgewohnheiten. Und das hat vielleicht
etwas zu tun mit den schnellen Veränderungen der Welt, und natürlich mit
den kleinen Familien und ihren Einzelkindern.
Ja, wie man als
junger Mensch über die alten denkt, das ist wirklich sehr merkwürdig. Na
ja, vielleicht hat es sich heute auch ein bisschen verändert. Wir
hatten sie damals angeschaut wie E.T.s, Extraterrestrians zu gut
deutsch. Und nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass auch ich
mal auf ihre Seite geraten würde. Wirklich nie! Ich habe mir immer
vorgestellt, sie hätten es wunderschön, die Erwachsenen, diese Paschas:
sie haben keine Hausaufgaben, dafür ein Doppelbett; sie können sich
Dinge kaufen, wovon wir nicht mal träumen würden; sie dürfen Auto
fahren, auswärts essen und wissen auf alles eine Antwort. Und vor allem
haben wir gedacht, dass sie keine blasse Ahnung haben, was den hier auf
dieser Welt mit uns Kleinen vorgeht. Die Sorgen des täglichen Lebens,
Füsse waschen, Zähne putzen, tägliche Hausaufgaben, Sonntagsschule noch
am Sonntag: was wussten die Erwachsenen schon davon, wie öde das alles
war? Und die Feste mit Alkohol später, die ersten Verliebtheiten, die
Küsse im Versteckten, ach, die Erwachsenen hatten ja keine Ahnung, was
da alles ab ging und worin der wirkliche Reiz der Welt besteht. Sie
lebten in ihren Büros, in der Küche, auf geraden Strassen. Wir hingegen
tummelten uns hinter den Büschen, im Schwimmbad, hinter dem Fluss im
Wäldchen, auf dem Güterbahnhof. Ach, sie hatten wirklich keine Ahnung,
die Erwachsenen. Sie waren von einem anderen Stern. Sie waren, kurz
gesagt, zu nichts Vernünftigem zu gebrauchen. ;-)
Aber da ich
jetzt die Flussseite gewechselt habe, muss ich los für meinen Vortrag.
Halt mir den Daumen, oder was immer du im Moment frei hast.
Mit lGuK
...
Sonntag, 17. März 2013
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen