Sonntag, 17. März 2013

Grippe, Soutine und Alter

(ungekürzt)

Ämne: RE: grippig noch
Datum: den 16 mars 


Liebe Malou
Na ja, verwöhnt oder nicht verwöhnt. Manchmal schwemmt einem das Leben Dinge ans Land, die man nicht vorhergesehen hatte. Dann kann man sich verwöhnt fühlen.

Meine Grippe ist immer noch virulent. Ich schlucke Tabletten, trinke Tee (und keinen Kaffee) und schlafe wie ein Murmeltier. Aber es ist nicht ganz vorbei. Gestern ging ich früher nach Hause und habe dann praktisch durchgeschlafen. Und heute bin ich nur hier, weil ich einen kleinen Vortrag für die kommenden Lehrer habe. Dann ziehe ich mich wieder zurück. Es ist merkwürdig, mit diesem Grippe-Gefühl durch die Welt zu gehen, wenn es gleichzeitig so frühlingshaft warm und sonnig ist. Passt irgendwie nicht. Grippe passt zum Herbst, oder zum Winter. Aber doch nicht Frühling. Im Frühling ist Heuschnupfen oder so was meinetwegen gut.

Ameisen sind nicht besonders schlimm. Stell Dir vor, Du hättest Läuse, oder sogar Mäuse. Nein, Ameisen sind sehr sauber und räumen sogar Schmutz weg. Na ja, trotzdem mag man sie nicht besonders im Haus. Besonders nicht, wenn sie noch in fleissigen Zweierkolonnen quer übers Bett wandern.

Du hast nach Soutine geforscht. Er gefällt Dir nicht besonders? Na ja, aber schau Dir die Farben an. Es ist mir nicht ganz klar, wie er eine solche Intensivität erreichen kann. Es erinnert an die venezianische Schule. Und wenn ein solches Bild an der Wand hängt, dann hat es eine grosse Ausstrahlung. Ein solches Bild springt dich an, wie wir gesagt haben. Ich habe vor ein paar Jahren zwei Dicke Bände gekauft über Soutine. Am besten gefallen mir die Porträts. Sie sind wirklich einzigartig. Und ich kann verstehen, dass Varlin ein bisschen bei ihm abgeschaut hat. Nun, vielleicht kann man es nicht so sagen, „abgeschaut“. Er hat sich inspirieren lassen oder so ähnlich. Hast Du denn auch nach Bacon geforscht. Wenn Du Bacon siehst, dann gefallen Dir die Ameisen im Haus wieder ;--)

Ja, vielleicht ist das Alter wirklich nicht so wichtig, und es ist eher eine Frage, ob krank oder gesund. Ja, da hast Du bestimmt recht. Aber die Krankheiten kommen in der Regel auch eher mit dem Alter.
Ich habe vor Jahren mit grosser Begeisterung ein Buch eines deutschen Soziologen gelesen. Es war eine empirische Studie über die gesellschaftlichen Gruppierungen nach dem Verschwinden der sozialen Klassen. Er spricht da neu von sozialen Milieus und hat mittels statistischer Methoden - ich weiss nicht mehr genau - 5 oder 6 solche Milieus anhand von ihren Interessen, Lektüre, Kleidung, Freizeitvorlieben etc. identifiziert. Irgendwie hat er (ich glaube er heisst Gerhard Schulze) die Schlussfolgerung gezogen, dass die Hauptdimensionen, wonach sich Menschen einschätzen und gruppieren und gemeinsame Interessen und Sympathien finden, dass es vor allem die Dimensionen Alter und Bildung sind. Und vielleicht ist Alter wirklich eine neuere Dimension. Wir hatten mal darüber diskutiert, dass im katholischen Milieu noch altersgemischte Gruppen bestehen. Kinder und Eltern machen gemeinsam Dinge, haben gemeinsame Feste. Die Familie ist da eine zentrale Gruppe. Heute entwickeln sich aber immer mehr altersspezifische Gruppen. Man hat das auch mit den Einjahrgangsklassen der bürgerlichen Schule in Zusammenhang gebracht. Auf den Strassen spielen nicht mehr Kinder von 6 bis 16 Jahren miteinander. Es gibt harte Grenzen zwischen Altersspezialisten, das sieht man in den Freizeitinteressen und den Konsumgewohnheiten. Und das hat vielleicht etwas zu tun mit den schnellen Veränderungen der Welt, und natürlich mit den kleinen Familien und ihren Einzelkindern.

Ja, wie man als junger Mensch über die alten denkt, das ist wirklich sehr merkwürdig. Na ja, vielleicht hat es sich heute auch ein bisschen verändert. Wir hatten sie damals angeschaut wie E.T.s, Extraterrestrians zu gut deutsch. Und nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass auch ich mal auf ihre Seite geraten würde. Wirklich nie! Ich habe mir immer vorgestellt, sie hätten es wunderschön, die Erwachsenen, diese Paschas: sie haben keine Hausaufgaben, dafür ein Doppelbett; sie können sich Dinge kaufen, wovon wir nicht mal träumen würden; sie dürfen Auto fahren, auswärts essen und wissen auf alles eine Antwort. Und vor allem haben wir gedacht, dass sie keine blasse Ahnung haben, was den hier auf dieser Welt mit uns Kleinen vorgeht. Die Sorgen des täglichen Lebens, Füsse waschen, Zähne putzen, tägliche Hausaufgaben, Sonntagsschule noch am Sonntag: was wussten die Erwachsenen schon davon, wie öde das alles war? Und die Feste mit Alkohol später, die ersten Verliebtheiten, die Küsse im Versteckten, ach, die Erwachsenen hatten ja keine Ahnung, was da alles ab ging und worin der wirkliche Reiz der Welt besteht. Sie lebten in ihren Büros, in der Küche, auf geraden Strassen. Wir hingegen tummelten uns hinter den Büschen, im Schwimmbad, hinter dem Fluss im Wäldchen, auf dem Güterbahnhof. Ach, sie hatten wirklich keine Ahnung, die Erwachsenen. Sie waren von einem anderen Stern. Sie waren, kurz gesagt, zu nichts Vernünftigem zu gebrauchen. ;-)


Aber da ich jetzt die Flussseite gewechselt habe, muss ich los für meinen Vortrag. Halt mir den Daumen, oder was immer du im Moment frei hast.
Mit lGuK
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