Mittwoch, 13. Februar 2013

Nietzsche ... und Freud


Ämne:  Late night show
Datum: den 10 februari 2001 02:19

Liebe Marlena
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Zur Zeit lese ich Nietzsche. In meiner katholischen Mittelschule war er natürlich ein absoluter Teufel und eine persona non grata. Was immer ich über ihn gehört hatte, ich musste zum Schluss kommen, dass er nicht ganz richtig im Kopf sei. Und jetzt, wenn ich ihn lese, muss ich feststellen, dass er doch sehr intelligent und auch ein guter Psychologe war. Ich weiss, dass Freud ihn bewundert hat. Und er war Professer der Altphilologie in Basel. Und er soll ein sehr scheuer Mensch gewesen sein. Er hatte auch Stunden im Mädchengymnasium in Basel. Und als die Mädchen ihm in einer Stunde einen Blumenstrauss auf das Katheder gestellt hatten zu seinem Geburtstag, da soll er sein Pult während der ganzen Stunde gemieden haben, als ob er alles nicht gesehen hätte. Er war ein wunderlicher Kerl. Und später, in Turin, soll er weinend ein Pferd umarmt haben, weil es vom Kutscher geschlagen worden war. Aber zu jener Zeit war er schon hinüber.
Nein, er ist wirklich sehr intelligent, unser Herr Nietzsche. Und er ist ein echter Philologe. Die Art, wie er argumentiert, ist wirklich so sehr am Text haftend, wie man es heute selten mehr sieht. Diese gewisse Flüchtigkeit und Verbalität der Argumentation, das liest man nicht mehr heutzutage. So wenigstens habe ich das Gefühl. Und ich glaube, ich habe ein ziemlich gutes Gefühl für Sprache.
Wie könnte man seine Erkenntnisse zusammenfassen? Ich würde im Moment sagen, dass sein Hauptsatz heisst: unsere Welt ist ein Kunstwerk. Wir machen die Welt selbst. Es ist nicht so, dass sie da wäre, und dass wir sie uns anschauen oder zu Gemüte führen müssten. Nein, unsere Welt ist soviel wie ein Traumgebilde. Und wir sind die Träumer, das heisst, wir sind Künstler. Wir hängen viel zu sehr an der Realität, denn eigentlich hängt ja die Realität von uns ab. Das waren schon ziemlich revolutionäre Gedanken am Ende des letzten Jahrhunderts. Wir sind der Grund der Realität. Und nicht die Welt.
Das heisst doch wohl, wenn wir an der Welt verzweifeln, dann verzweifeln wir an uns selbst. Und das, meine liebe Marlena, ist nicht neu.
Er war wirklich genial, Nietsche. Ich muss noch etwas mehr lesen von ihm.

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Ja, unsere Vorstellungen von Glauben sind vom modernen Wissen geprägt. Und wenn Du sagst, Du beneidest Menschen, die einen starken Glauben haben, so meine ich dasselbe. Aber ich meine darüber hinaus, dass man einen solchen Glauben haben kann, ohne religiös im kirchlichen Sinne zu sein. Es gibt vielleicht junge Menschen, die ein bestimmtes Lebensziel haben. Und sie glauben daran und erreichen es damit auch. Ich meine diesen starken Glauben, dass man Wünsche hat, dass man glaubt, die Wünsche werden wahr, und dass sie schliesslich auch wahr werden. Man sagt dann, diese Menschen seien "willensstark", sie "wissen, was sie wollen" und so weiter. Aber eigentlich haben sie doch bloss in sich einen starken Glauben an das, was sie sich wünschen, und dass sie es schaffen werden. Wahrscheinlich fühlen sie diese gewünschte Zukunft als Teil von sich, und nicht äusserlich wie jene Menschen, deren Wünsche dann nicht erfüllt werden. Sie wünschen sich also beispielsweise nicht, dass sie einen Lottogewinn machen werden. Denn so was liegt nicht in der Möglichkeit ihrer Selbstwirksamkeit. So was hängt allein vom Zufall ab. Aber gesund zu sein, ein berufliches Ziel zu erreichen, einegute Ehe zu führen, Rom zu besuchen (um dann zu sterben, wie die Redensweise sagt), all dies sind solche Dinge, an die man glauben kann. Die Psychologen haben einen Begriff, der diese menschliche Kapazität auch einigermassen meint. Es ist die "Selbstwirksamkeit". Menschen sind überzeugt, dass das, was im Leben geschieht, letztlich auf sie selbst und ihre eigenen Bemühungen zurückgeht. Und das erlaubt letztlich, ihnen "mein" Leben zu sagen. Ach, ich glaube, das ist schon wieder ein wenig existenzialistisch gedacht. Aber natürlich ist es trotzdem richtig. Der Existenzialismus hatte ja doch Einsichten, die immer noch richtig sind. Und wenn ich Nietzsche lese, merke ich, dass er sie vorher schon gehabt hat. Es gibt doch diese merkwürdige Bemerkung Freuds, der gesagt, und vielleicht sogar irgendwo geschrieben haben soll, dass er nicht mehr Nietzsche lesen könne, weil der Philosoph viele der Einsichten schon gemacht hatte, die Freud mit seinen langsamen undgründlichen Überlegungen in seinen Schriften dann schliesslich auch mache.Ich bin überzeugt, dass das auch wirklich so war. Ich glaube, dass die Psychoanalyse damals "in der Luft" gelegen hat. Die Leistung Freuds liegt vielleicht weniger in der Erfindung der Psychoanalyse als in der fleissigen Sammel- und Schreibarbeit. Es gibt jene hübsche Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, die mir sehr psychoanalytisch vorkommt. Sie glaubt an dieselben Mechanismen, an die auch die PA glaubt.

Sigmund Freud muss sehr ehrgeizig gewesen sein. Das sieht man an jener Denkfigur über die dreifache Kränkung der Menschheit. Die Figur ist gut, aber sie zeigt auch seine Ambitionen. Freud meint, der erste Kränkung, welche die Menschheit zu verkraften hatte, sei die Erkenntnis Kopernikus' gewesen. Er habe damals - mit dürftigen Mitteln übrigens - bewiesen, dass sich nicht etwa die Sonne um die Erde, sondern die Erde um die Sonne drehe.Das hatte man zwar schon in der Antike gewusst, aber wieder "vergessen". Die Beleidigung des menschlichen Selbstbewusstseins lag ja wohl darin, dass wir einsehen mussten, dass wir und unsere Welt nicht das Zentrum des Alls sind. Wir hausen auf irgend einem "Nebenstern". Und die zweite Beleidigung dann kam von Darwin und seiner These der Evolution, --  Darwin hat übrigens nicht behauptet, wir stammten vom Affen ab. Und er konnte seine Theorie auch nicht so genau beweisen, weil da noch das sog. "missing link" fehlte. Es war ein reiner Indizienprozess. Aber die Beleidigung bestand darin, dass wir Menschen eben auch bloss gut entwickelte Tiere seien. Und auch mit dieser Aussage hatte der Vatikan seine grosse Mühe. Und schliesslich kam noch Freud und behauptete, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus sei. Viele seiner Gedanken, Wünsche und Taten sind nicht besonders rational, wie es scheint,sondern sie sind beeinflusst vom Unbewussten, welches sozusagen ein eigenes trübes Regime führt. Aus der dunkeln Suppe des Unbewussten also handelt derMensch, und er ist nicht (vielleicht nicht nur?) dieses animal rationale, das man immer behauptet hatte.

Ist deutlich, dass das eine hübsche Denkfigur darstellt. Man könnte sich natürlich fragen, wer denn sei "die Menschheit"? Gibt es da eine Kollektivseele, die sich beleidigen lässt? Lassen sich gut entwickelte Affen auf dem Nebenstern, die aus biologischen Urgründen handeln und denken, lassen sie sich wirklich beleidigen? Und wenn ja, welches wäre die nächste, die vierte Beleidigung? Vielleicht jene von Präsident Bush, der immer wieder in die Welt schreit, dass es neben den Menschen auf unserer Welt noch wilde Tiere gebe, die sich darauf spezialisierten, Terror zu treiben? Ich meine, das allein bestätigt schon Darwin, dass wir hier mehr oder weniger in einem Affenhaus leben.

---Mlgukua

4 Kommentare:

  1. Dina och din brevväns texter är fortsatt alldeles lagom, och därtill intressant övning, för min skoltyska.

    När denne skriver apropå Nietschez´ psykologiska insikter, och andras, före Freud: "Es gibt jene hübsche Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, die mir sehr psychoanalytisch vorkommt", tänker jag också i högtsa grad på Tolstoj, Dostojevskij, Strindberg och Selma Lagerlöf. Men också på Stendahl, som flera av "oss" tycks läsa nu.

    Vad beträffar mänskligheten och att vara i vårt eget konstverk (vilket jag också tror på) - så måste dock tilläggas att vi lever i en värld där den kriminella maffian äter sig in i alltfler legala verksamheter, och där många har hittat till folkens skattemedel för att berika sina världsomspännande affärer. Det är inget vidare konstverk.

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  2. Stendahl nu? 40 år sen för min del. Borde jag pröva igen? Varför i så fall? Har fastnat i Houellebecq för tillfället.

    Inte bara den kriminella maffian, som synes. Bra dock att man börjar kontrollera dem som skor sig. Du kommenterade aldrig UG om barnfatttigdom..?

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  3. Stendahl tänkte jag i det här sammanhanget mest på som en stor psykolog avant la lettre. Har också läst honom mycket tidigare, men återvänder gärna till Om kärleken.

    Vet inte vad du menar med UG.
    Men visst, en moderat flyr med miljoner stulna från kommunen,en reumatiker-förbundare kör med gratis extrabostad utan skatt, och regeringen tokar till det med 15 miljarders förlust på felköp. En fackpamp korrumperar i handel, Arriva delar ut bonus och storkovan far hit och dit, medan folk väntar på bussar som inte kommer, och sjuka ligger i korridorer. Ynkligt.

    Vissa saker VAR bättre förr.
    En fin helg önskar jag dig! Trots Houllebeque (vars satir jag också gillar)

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  4. UG = Uppdrag granskning.
    Du nämnde inte Norrporten i Sundsvall.

    Önskar dig också en fin helg, med sol om möjligt.

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