den 8 juli 2003 08:22
Aus dem RL
Liebe Marlena
Vielleicht bist Du bereits am Packen? Möglicherweise stehen die Koffern schon im Korridor neben der Eingangstüre? Und im Parterre sind die Läden geschlossen? Der Schlüssel beim Nachbar? Na ja, vielleicht seid Ihr gar schon unterwegs in den hohen Norden. Ich habe kürzlich im Fernsehen wieder einige schwedische Landschaften gesehen. Sie sind überwältigend gross.
Wenn sich mit der Erderwärmung das Klima ändert, so wird es in Schweden wohl ungefähr werden, wie es heute bei uns ist. Und bei uns, so habe ich gehört, wird das Klima wie am Mittelmeer. Ich habe schon daran gedacht, im Garten Artichocken zu pflanzen, und vielleicht ein paar Olivenbäume? Aber ich werde mich zurückhalten, daraus einen Weinberg zu machen. Es ist weniger wegen des Weines, als vielmehr wegen der Arbeit. Ich weiss, wieviel Arbeit Rebstöcke machen. Mein Bruder hat früher mitten in den Rebbergen gewohnt. Und am meisten ist mir da jeweils aufgefallen, wie die Rebbauern schon im kalten Januar und Februar von morgens bis abends in den Reben arbeiten. Das ist kein Vergnügen, und wenn man eine gute Flasche öffnet, sollte man sehr wohl daran denken, wieviel Schweiss dafür vergossen worden ist. Natürlich gilt das mehr oder weniger für die Walliser Weine, die an steilen und beschwerlichen Hängen wachsen. Im Elsass braucht man öfters Maschinen für die Bearbeitung, und das geht dann natürlich viel leichter vor sich.
*
In den letzten Tagen habe ich einen biographischen Roman von Janosh gelesen. Er hat ausgezeichnete Kinderbücher gemacht und dafür auch grosse Preise gewonnen. Ich habe mal ein Kinderbuch rezensiert und für ungenügend befunden, weil ein Zirkusdirektor und sein Gehilfe sich bloss besoffen haben, als Leo ausgebrochen war. Dass dieser Leo kein wirklicher Löwe, sondern bloss ein Floh war, das hat mich nicht von meinem harten Urteil abgehalten. Ich fand es schwach, den Kindern den Suff als Problemlösung vorzuschlagen. Und jetzt, in der Biographie, sehe und höre ich, wie sehr wohl auch Janosh dem Alkohol zugetan ist. Er lebt offenbar heute auf Gomera, allein in einem Haus ohne Wasser und Elektrizität. Und er beklagt sich etwas, dass die Frauen ihn im Leben immer abgelehnt hatten. So etwas hätte ich aus seinen Geschichten niemals angenommen. Seine Geschichten strotzten von Leben und Fantasie, waren gut erfunden und gut erzählt. Ich muss sie wieder mal hervorsuchen und sehen, wie sie jetzt wirken, nachdem ich über das schwierige Leben des Autors gehört habe. Er war in Polen unter ärmsten Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater zuerst Mineur in der Grube, später Textilhändler und zu gewissem Reichtum gelangt. Er hat exzessiv gesoffen und dann jeweils seine Frau geschlagen. Und sie hat, sozusagen als Handpfand, den kleinen Janosh vor sich hergehalten, damit, wenn er zuschlage, er seinen Sohn schlage. Und der wollte seine Frau und nicht seinen Sohn schlagen. Seinen Janosh schlug er zu anderen Zeiten und aus anderen Gründen. Kurz und gut, es scheint eine schreckliche Jugend gewesen zu sein. In Polen war damals die deutsche Sprache noch präsent, und so kam Janosh nach Deutschland, machte eine Ausbildung an einer Kunstschule, und wohnte schliesslich am Ammersee in einem selbstgebauten Atelier. Er hätte 30 Jahre gebraucht um einzusehen, dass er nicht Maler werden könne, weil er nicht malen kann. Er ist aber ein guter Zeichner, und seine Illustrationen der Kinderbücher haben mir immer gut gefallen.
Ich war wirklich etwas erschüttert, zu bemerken, wie sehr ein Werk im Vordergrund so lebendig und voller Vitalität und Ideen sein kann, während der Autor im Hintergrund aber doch ziemlich schwächlich und unglücklich dahin vegetiert. Das zu sehen war überraschend für mich.Was mir bloss aufgefallen war, dass das kleine Foto, welches man oft in den Büchern findet, etwas undeutlich war und den Autoren mehr versteckte als wirklich zeigte. Er wirkte dort irgendwie jämmerlich, und ich hatte mich immer gefragt, weshalb man nicht ein besseres Foto genommen habe. Diese Tatsache scheint mir jetzt einigermassen aufgeklärt. Er ist ein Typ, der nicht in Erscheinung treten will. Und das erklärt wohl auch, warum er bei Frauen immer wieder sosehr abgeblitzt war. Mit einem Wort, ein armer Kerl.
*
So bleibt mir die Hoffnung, dass Ihr noch nicht wirklich abgereist seid.
Ich wünsche Dir einen schönen, sonnigen Tag, wie er auch bei uns über der Landschaft schwebt.
Mit lieben Grüssen
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Sonntag, 1. Juli 2012
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