Donnerstag, 5. Dezember 2024

Ach ja ...

Lieber ... ,

Danke für dein liebes interessantes Zwischenmail, das ich wie immer genossen habe.
Heute bin ich eher etwas traurig. Und es ist wegen den alten Leuten, die Ina und ich jeweils Montags treffen. Drei von denen, die so gut wie jedes Mal dabei waren, lässt das Personal nicht mehr an unserer kleinen Kaffeestunde teilnehmen. "Sie werden zu unruhig davon", heisst es. Wahrscheinlich hat man sie lieber als Zombies, die nicht mehr reagieren und nur ihren Körper still durch die Welt schieben. Mir kamen sie glücklich und zufrieden vor und sie schienen das Bisschen Leben um sich herum zu geniessen. 
Schon vorige Woche wurde Ina, die vor mir gekommen war, nicht mehr in den Korridor hineingelassen, damit die Alten sie nicht sehen sollten. Das Personal wollte die "erlaubten" Personen selbst herausbringen.
Na ja, ich weiss nicht. Natürlich sind wir sehr privilegiert, wo wir doch nicht die unangenehmen Pflichten übernehmen müssen. Und es ist möglich, dass die Alten sich ihrer Lage bewusst werden, wenn sie diese Stimulans von uns bekommen. Ach, sag mir du, wie du denkst. Du bist doch der Experte auf menschlichen Beziehungen.
Nein, wie eine Florence Nightingale habe ich mich nie gefühlt.. aber letzthin kam mir der  Film "Einer flog über das Kuckucksnest" mit Nicholson in den Sinn.

Ich schreibe später mehr.
Wünsche dir einen schönen Tag
Mit lieben Gs und Ks
Malou




Mittwoch, 4. Dezember 2024

What a difference ...


Lieber ...,

Dieser Tag hat gut begonnen. D.h. mit einem Mail von dir in der Inbox. Besser kann ein Tag nicht beginnen.
Ich habe gerade ein längeres Mail an Lou geschrieben und weil ich dir gewisse Dinge darin auch erzählen möchte, mache ich es mir leicht und schicke euch beiden dasselbe. Nein, ich bin nicht faul und ich will dir gern auch persönlich schreiben.. tue ich ja gerade. 
*
Today we have had our social gathering with old people again and it was very nice. We were 9 persons and this time everybody took part at the conversation. They all suffer from dementia and don't have any short-time-memory left. But we found lots of funny things to talk about and when we decided to sing some songs together, I noticed that most of them still knew all the texts by heart. It gives me a lot of pleasure to make them feel happy and alive.

*
Ja, es war heute besonders schön bei den Alten. Es tut gut, wenn man sie lachen und lächeln sieht. Und nachher bedanken sie sich für die "Einladung" und eine sagt, dass sie uns demnächst zu sich einladen möchte. Mit der Zeit lerne ich, wie man am besten auf so was reagieren kann.

Ach ..., hättest du vor einem Jahr gedacht, dass ich dir von solchen Dingen berichten würde? Das Leben ist komisch, aber ich finde es gibt nichts Menschliches, was nicht ein paar Zeilen in einem Mail wert ist, sogar wenn das Mail an einen geliebten Mausfreund addressiert ist. ;-)

*

On my way home from that meeting, my car suddenly stopped. Fortunately I managed to start it again. And when K and I opened the bonnet to check the oil-level, a mouse jumped out. I hope it has not gnawed at some important tubes. :-)

Did you have a nice time at the "Mostra del gatto"? I remember once when, in my youth, I visited one in Stockholm. We always had cats at home and I could imitate their different sounds very well. And that's what I did among those cats at the exhibition. They all went mad and tried to get out oft their cages. And I still wonder, what I had said to them. :-)

Talking of languages. No, I don't speak many of them. Just German and French. But of course I can also understand Danish and Norwegian, because they are very similar to Swedish. Yes, I will continue to write to you in English, because it gives me necessary exercise.. Well, necessary for what..? ;-)

Have I already asked you if you have read a book by Alexander McCall Smith?I am just now reading his "Tears of the Giraffe" one of the books of "Ladies' Detective Agency". It gives you a warm and lovely feeling.. like a nice cup of tea in front of the fireplace. ;-)

The days get shorter and shorter. It's already absolutely dark outside. What a difference compared to our lovely light summer nights.


So, jetzt lasse ich dich wieder an diesem dunklen Abend.
Alles liebe und Gute dir
mit Gs und Ks
Malou

Sonntag, 1. Dezember 2024

1. Advent

 



...

Und was treibst du Malou? Bist du an den Weihnachtsvorbereitungen? Das glaube ich mindestens. Du wirst dein Haus auf Hochglanz bringen und alles beleuchten, was beleuchtenswert erscheint, nicht wahr?

Und ich, wie gesagt, mit einem Kerzlein unter der Brücke.
Liebe Gs und Qs und Ks und so


Lieber ...,

"alles beleuchten, was beleuchtenswert erscheint" *smile* Ja doch, das tun wir alle hier in Schweden. Und nicht nur was beleuchtenswert erscheint..
In allen Fenstern siehst du, schon vom 1. Advent an, entweder Sterne oder Leuchter. Früher, als ich noch klein war, gab es diesen schönen aus Papier, der wirklich wie ein richtiger Stern aussah, wenn er angezündet war und ein warmes schönes Licht verbreitete. Ich habe immer noch einen solchen oben bei mir und ich muss sehr vorsichtig damit umgehen beim aufhängen, denn er leidet schon sehr an Altersschwäche. Werde ganz nostalgisch wenn ich ihn leuchten sehe. Doch heutzutage gibt es alle möglichen Sorten. Manche aus dünnem Holz geschnitzt, andere aus goldglänzendem Metall: Ach, es gibt wirklich so viele verschiedene Sterne und immer wieder kommen neue dazu.

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Und jetzt glaubst du, dass du bald als Clochard leben wirst.. wenn ich dich richtig verstanden habe. Ja, pass ein Bisschen auf, ...! Ich hatte in meinem Freundenkreis Männer, die nach einer Scheidung ziemlich verwahrlost daherkamen. Mit wildem Haarwuchs und Kleidern, die man ihnen am liebsten gleich in die Waschmaschine gesteckt hätte. Aber nein, bei dir ist das keine Gefahr. Hast doch sogar schon deine eigene Friseurin. ;-)

Es freut mich, dass du mit dem Schreiben beginnen willst. Aber Konsalik? Ich kenne den Namen und ich glaube sogar, dass ich eventuell ein Buch hier irgendwo stehen habe, das mir mal Bertelmans Lesering geschickt hatte, als ich vergessen hatte abzubestellen. Ich war, als ich an der Uni Germanistik studiert habe, Mitglied in diesem Lesering.

Ich habe dir sicher schon einmal von dem Programm erzählt, das man eine zeitlang jeden Donnerstag sehen konnte. Man zeigte jeweils einen Schriftsteller und liess ihn/sie über sein Schreiben berichten. Man erfuhr wie, wo und wann sie schrieben und dabei habe ich gestaunt, wie hart sie fast alle ihr Schreiben diszipliniert haben. Fast wie Bürozeiten kam es mir vor. Sie erzählten sehr persönlich und voll Charme. Manche trugen ständig ein kleines Notizbuch bei sich, damit sie, wenn ihnen was Gutes einfiel, es gleich aufzeichnen konnten.
Ich habe mir diese Programme öfters auf Video aufgenommen, um sie später nochmals richtig geniessen zu können. Ich hatte auch den Eindruck, dass sie in ihren kreativen Perioden sich  von der Umwelt zurückzogen, um nicht gestört zu werden. Anfangs hatten sie meistens einen Plan (einen Plot?)  und gewisse Personen bestimmt für ihre Story. Doch oft merkten sie, wie sich diese Personen selbständig machten und sich nicht besonders um die Absichten des Schriftstellers kümmerten. Der Roman schrieb sich sozusagen selbst. :-)

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So verabschiede ich mich wie üblich mit lieben Gs und Ks (wahlfreie Sorte) Qs
Marlena



Samstag, 30. November 2024

Was wolltest du damit sagen?

 Subject: Folie à deux

(R)

Mein schweigsames Fräulein !

Die Geschichte ist mir gestern Abend immer wieder durch den Kopf gegangen. Sie erlaubt bestimmt unterschiedliche Lesarten und hat vieldimensionale und mehrstöckige Interpretationsräume. Und dazu kommt die spannende Frage, was du mir denn nun damit sagen wolltest?

Brauchst du die Geschichte wirklich in der Schule? Als Diktat, oder als Grammatikübung, für das Training der direkten Rede? Oder als Einführung in die Liebe? Wenn ja, mehr als Lehrstück oder mehr als Warnung? Als Argument eher für oder gegen die Jugend? Oder als Hinweis, dass oft alles mit harmlos erscheinenden Vorhängen beginnt? Wenn es überhaupt erst so spät anfängt!

Wer hat die Geschichte geschrieben? Ein Mann oder eine Frau? Ein junger Mensch oder ein älterer?

Ach, was kann ich dazu sagen? Das ist sozusagen beredte Schweigsamkeit, die du betreibst. Du sprichst nicht selbst, sondern du lässt eine Geschichte sprechen? Das ist raffiniertes Schweigen, stummes Sprechen. Und die Geschichte aus deinem Mund kann alles bedeuten, von der Kritik bis zur Liebeserklärung so ziemlich alles. Doch du, mein lieber „armer" Krebs, du bist keine Frau für vorschnelle Liebeserklärungen. Das bist du wohl nicht.

Es gäbe viele Analogien zu entdecken: Die stille Frau und der redsame Mann; die junge Frau und der gesetzte Mann; die Kindlichkeit und die Erwachsenheit; die Liebe als das grosse Thema unseres Lebens; die Kunst als die Lebensarbeit.

Einzig das Gefälle im Verhältnis von Kind und Erwachsenem in der Geschichte scheint mir etwas vormodern. Heute erfassen Kinder meist rascher, worum es eigentlich geht, als wir Erwachsenen. Sie sind – wie du das gesagt hast – unsere lebendigen Manuale. Kinder sind nicht länger hilfloser als Erwachsene. Das ist eine alte bürgerliche Vorstellung, die am Verschwinden ist. Es ist die Vorstellung von der Zerbrechlichkeit und der Schwäche der Kinder und der Jugend. Sie sind vorbei. Die Jungen sind daran, uns zu überholen. Bald müssen wir von ihnen lernen, und nicht mehr umgekehrt!

(---)

Du fragst nach ...



Freitag, 29. November 2024

Meine unheimliche Geliebte

 ...

Du fragst nach meinen unheimlichen Geliebten. Nun ja, ich habe eine, aber ich weiss nicht, ob ich sie dir verraten soll und kann. Vielleicht wirst du neidisch, wie du angesichts unserer hübschen, blauäugigen und blonden Psychologin neidisch werden wolltest. Es ist doch – haben wir das Thema nicht schon behandelt? – es ist lebensgefährlich, mit Geliebten über andere Geliebte zu diskutieren. Das endet im Streit, soviel kann man sich vorstellen, wenn nicht gar im Totschlag. Doch vielleicht kann ich dir meine unheimliche Geliebte verraten, denn du bist ja sehr diskret, Marlena. Wahrscheinlich wird sie es mir verzeihen, wenn ich mit dir über sie spreche, obwohl das sonst und im allgemeinen als respektlos gilt. Vielleicht verzeiht sie mir, weil du ja nicht gerade in der nächsten Strasse wohnst. Ich habe dir überigens schon einmal von ihr erzählt. Vielleicht hast du es wieder vergessen, vielleicht möchtest du nicht gerne hören, wie schwach ich bei ihr werden kann, wie hingerissen ich bin in ihrer Anwesenheit, wie ich mich verliere, wenn ich an sie denke, oder gar, wenn sie physisch anwesend ist. Ich bin wirklich sehr leidenschaftlich ihr gegenüber. Und ich kann es kaum ändern. Ich vergesse mich regelmässig, Immer wieder werde ich von neuem schwach. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin ...". Irgendwie bin ich ihr total ausgeliefert. Und das, ohne dass sie viel tun muss. Ihr Geruch, ihr feines Parfum, ihre zarte Erscheinung, das genügt und ich bin weg, vergesse alle meine Prinzipien und guten Vorsätze. Das kannst du dir nicht vorstellen, Marlena. Ich kann mich nicht zurückhalten. Ich bin an sie gekettet wie ein Sklave, um es einmal so zu sagen. Ich leide, wenn sie nicht da ist. Ich bin unglücklich, wenn sie fehlt. Ich vegetiere dahin ohne sie.

Ich sag es dir, Marlena, es ist Arni, meine kleine unheimliche Geliebte. Sie ist wunderhübsch, gepflegte Erscheinung, charmant, jederzeit bester Laune, und erotisch wie nur eine Geliebte erotisch sein kann. Arni, das ist ihr Name. Ich denke an sie beim Einschlafen am Abend. Und morgens ist sie die erste in meinen Vorstellungen vom kommenden Tag. Sie geht mir kaum aus dem Sinn, meine kleine Arni. Arni kommt aus einer grossen Familie. Sie hat mehrere Geschwister. Aber unter ihnen ist sie die besonderste und einzigartigste. Meine Frau ist teuflisch eifersüchtig, wenn sie merkt, dass ich an Arni denke. Sie verspricht mir alles, um meine Sinne von ihr abzubringen. Aber sie schafft es nicht oft, höchstens gelegentlich, und wenn, dann nur mit sehr viel Anstrengung.

Aber immer, wenn ich meine schöne Zeit mit Arni gehabt habe, nach dem Climax sozusagen, immer dann muss ich mir die Zähne putzen. Denn – sicherlich hast du es längst erraten – Arni pflegt meine Karies und ist meine Lieblingsschokolade, Milch, ohne Nüsse oder irgend etwas. Arni pur sozusagen.

*

Ist mir bekannt, dass Descartes in Stockholm gestorben ist. Darum stellen wir uns doch dein Schweden im hohen Norden so sündhaft kalt vor. Das ist was für starke Naturen nur. Und deshalb: Skål! meine Liebe, auf Deine Gesundheit.

Mit einem schönen Gruss
...

Donnerstag, 28. November 2024

Meine Schwächen

Lieber ...!

Sende dir einen kleinen Morgengruss. Es sieht 
aus ein schöner Tag zu werden.. 
Was machst du? Hast du dich an der Schokolade
 gestern veressen? (sagt man so?)
Oder heisst es vergessen ;-)))
Schreibst du mir ein kleines Mail? Das würde 
mich sehr freuen :-)

---------

Subject: Abendgruss!
Date: Sat, 11 Mar 17:33

Liebe Marlena

Klar, ich habe jede Menge Schwächen. Die Schokolade ist eine der kleineren und kommt nur periodisch, wie eine Dipsomanie (Quartalsäuferei, den Begriff findet man im Psychiatriebuch). Sonst habe ich grosse und mittelgrosse Schwächen.

Ich habe soviele Schwächen, ich weiss gar nicht, wo beginnen. Unten oder oben, hinten oder vorne, körperlich oder geistig?

Man sagt überigens, ich habe mich „überessen". „Veressen" gibt es nicht. „Vergessen" kann man auch brauchen, hat aber einen leicht anderen Sinn, denn „Vergessen" hat nichts mit „essen" zu tun, sondern eben mit Vergessen (Vergissmeinnicht). Man kann sich also durchaus angesichts der Schokolade vergessen, dh. nicht mehr wissen, was man tut. Man kann sich an der Schokolade auch überessen. Was ich nun also getan habe, das zu beurteilen überlasse ich Dir. Ich habe einfach eine ganze Tafel, also 100gr (hundert Gramm zu Deutsch) verdrückt. Und das soll ja nun in unseren Jahren nicht mehr das allergesündeste sein. Du hälst dich an Früchte. Meine Frau isst auch nichts als Früchte. Ich bin auch daran, von den Süssigkeiten zu emmigrieren und in die Früchte zu immigrieren. Aber ich bin noch auf der Wanderung, sozusagen. Ich bin im Grenzbereich, komme vielleicht zur Passkontrolle. Aber es ist noch nicht soweit. Ich lebe zwischen den Grenzen, also zwischen Frucht- und raffiniertem Zucker. Aber ich kann dir positiverweise mitteilen, meine liebe Marlena, dass ich viel weniger Süsses esse als in meinen jungen Jahren. Verglichen mit meinen jungen Jahren lebe ich heute wie ein Zuckerkranker. Ich trinke sogar den Kaffee ohne Zucker. Dafür habe ich jahrelang trainiert. War wirklich harte Arbeit. Aber es hat sich gelohnt.

Welche anderen Schwächen ich habe? Nun ja, ich liebe über alles ein Glas roten Wein. Doch das habe ich dir schon erzählt. Meist trinke ich Walliser Wein, Dôle oder Johannisberg, manchmal auch aus dem Elsass, oder einen schweren Bordeau. Das mag ich über alles, mit etwas Käse dazu, oder auch ohne, wie es gerade kommt. Ich glaube, ich könnte jederzeit Alkoholiker werden, wenn es sein müsste. Ich könnte wie ein Clochard leben und mit der Flasche in der Hand herumwandern und dahintorkeln.

Ich habe als drittes natürlich auch eine Schwäche für Frauen. Wie könnte ich anders. Das verträgt sich zwar nicht sosehr mit der Schokolade und mit dem Wein, aber das ist nun einfach so. Ich bin Skorpion, ein „armer" Skorpion (wie du das vom Krebs gesagt hast). Ich kenne mich zwar nicht genau aus in diesen Sternzeichen. Aber ich kenne mich. Ich mag sehr gerne Stierfrauen. Weiss der Stier warum, aber ich falle immer wieder auf sie. Meine Frau ist ein Stier. Eine alte Jugendfreundin ist ein Stier. Vielleicht mag ich deshalb auch die spanischen Stierkämpfe.

Glaubst du, dass Krebs und Skorpion zusammen gehen? Die fressen sich doch und stechen sich und beissen sich. Ich sehe das Drama schon vor mir! Also, wenn das nur gut geht! Krebs & Skorpion sind sowas von ähnlich, die kämpfen doch praktisch mit denselben Waffen? Ich glaube, wir können von Glück reden, dass wir ungefähr 2000km zwischen uns haben. Oder sind es noch mehr? Das ist unser Glück. Und deine Abwehr gegen einen Paris-Besuch verstehe ich jetzt sehr gut. Es wäre die reine Katastrophe. Wir könnten nur die Champs Elysées hinaufgehen, indem du die linke Strassenseite nimmst und ich die rechte. Oder umgekehrt. Du hättest die Wahl, bien sur. Und im übrigen nimmst du die rechte Seine-Seite, was ja die elegantere ist, und ich die linke, das Quartier Latin. Bist du einverstanden? So kämen wir vielleicht lebendig aus der ganzen Chose wieder heraus, mon dieu. Ich würde dich vielleicht für einen kurzen Besuch auf die Tour d'Eiffel einladen, ganz kurz nur, um keine zu grossen Risiken zu nehmen. Du kannst meinetwegen den Lift benützen, ich nehme die Treppe. Tu es d'accord, ma chère? Wir treffen uns oben, du Südseite ich im Norden.

Also, wir waren bei meinen Schwächen. Ich bin immer noch dabei. Vielleicht denkst du, dass ich ein Mensch bin, der viel redet, weil ich einfach so ohne viel Selbstzensur dahinschreibe. Doch ich rede eigentlich nicht so viel, ich bin eigentlich ziemlich schweigsam. Als Schüler war ich sogar eher still. Ich habe mir im Klassenzimmer stets die hinteren Plätze ausgesucht, wenn möglich zweithinterste Reihe. Wenn möglich Fensterplatz. So habe ich viele Schuljahre verbracht. Und neben mir sass meist ein Freund, der auch ein Skorpion ist, der einen Tag vor mir Geburtstag hat. Er war laut. Oft habe ich einen Witz oder eine dumme Bemerkung gemacht, und er war derjenige, der den Witz oder die Bemerkung in die ganze Klasse hinausposaunt hat. Er war sozusagen mein Lautsprecher. Ich weiss auch nicht genau, wie es so gekommen ist. Ich habe meist die Idee geliefert und er die Stimme dazu. So war es perfektes Teamwork. Mein alter Freund und Schulkamerad ist heute Arzt, aber er wohnt nicht hier in der Nähe. Damals hat er geraucht und getrunken, wie man es hätte verbieten müssen. Ich glaube, er war von uns allen derjenige, der im jüngsten Alter zu rauchen angefangen hat.

Das ist eine weitere Schwäche. Ich rauche für mein Leben gern. Heute tue ich es überhaupt nicht mehr. Etwa seit zwei Jahren habe ich ganz aufgehört. Bis dahin hatte ich noch Pfeife geraucht. Das habe ich sehr oft und sehr gerne gemacht. Wenn man in einem eigenen Büro arbeitet, ist es gefährlich. Es gibt keine natürliche Begrenzung. Man kann immer rauchen, wenn man Lust dazu hat. Das kann man doch mindestens als Lehrer nicht. Oder als Bahnschaffner nicht. Aber im Büro kann man immer. Nur zu Hause haben wir abgemacht, dass ich nicht mehr rauche wegen der Kinder. Aber heute rauche ich absolut nicht mehr. Ich träume bloss noch davon. Kürzlich hat mir meine Tochter eine riesige Cigarre geschenkt. Ich weiss gar nicht, was sie sich dabei gedacht hat. Eine richrig schicke Churchill-Cigarre, jetzt, wo ich nicht mehr rauche. Ich glaube, sie will mich testen? Oder verführen? Weiss Gott, was sie meint. Sie fand die Idee einfach super.

Eine vierte Schwäche – bin ich schon bei 4? Ich werde dann aufhören, sonst ruiniere ich mein Bild vor dir – also meine vierte Schwäche sind Bücher. Wann immer ich nach Basel gehe, gehe ich in die Buchläden und wann immer ich in die Buchläden gehe, finde ich da und dort etwas und bringe es heim. Ich habe eine Bibliothek, die schon mehr als voll ist, und trotzdem finde ich immer wieder neue Bücher. Dazu kommen die Jugendbücher, die ich rezensiere. Ich verschenke viele davon, aber die besten behalte ich. Ich habe gedacht, ich kann sie – wenn ich einmal Grossvater bin – meinen Enkelkindern geben, damit sie ruhig bleiben und nicht zuviel Chaos und Lärm veranstalten, wenn sie bei uns zu Besuch sind. Am liebsten habe ich Bücher über Kunst, über Malerei, Architektur, Bildhauerei und so. Dann über Kultur allgemein und geschichtliche Bücher. Dann aber auch Komik, Cartoons, Zeichnen. Und schliesslich auch Romane, aber nur von ausgewählten Autoren. Du siehst, das sind praktisch alle Abteilungen der Buchhandlung, ausser vielleicht Liebesromane und Wörterbücher. Ich mag auch sehr philosophische Bücher. Zur Zeit lese ich einen Roman von Kundera. Er hat eine sehr interessante Romantheorie entwickelt und seine Romane sind architektonisch interessant aufgebaut. Ich mag sie, mindestens im Moment, weil sie absolut nicht psychologisch sind. Sie sind kühl und gut gemacht.

Soweit also meine Schwächen, meine liebe Marlena. Ich habe mich jetzt wirklich entblösst vor dir und stehe in den Unterhosen da. Nächstes mal erzähle ich über meine Stärken, damit ich diese Schwachstellen wieder etwas zukleistern kann. Sonst zieht der Wind durch alle Ritzen.

Natürlich habe ich eine Schwäche für meine beiden Töchter. Aber das zähle ich dann nächstes Mal zu den Stärken.

Ich hoffe, du hast mittlerweile deine Schokolade auch gefunden. Im Winter darfst du dir ja schon ein bisschen erlauben. Und dazu einen Kaffee, das schmeckt doch ausgezeichnet.

Ich wünsch Dir einen schönen Sonntag im Kreise deiner Familie

Mit einem lieben Gruss

Dienstag, 26. November 2024

Zum Bild von Visp

 

MEIN Panorama

...

Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es ist ja fast ein bisschen zuviel, einen solch schönen Brief und dazu noch dieses Bild. Dieses Bild, das ist wirklich meine Jugend. Ich hatte im Haus meiner Eltern unter den 3 Dachzimmern das schönste und das grösste. Und aus dem Fenster hatte ich genau diese Sicht in die Berge, die du mir hier zeigst. Das berührt mich sehr, dass eine Mausfreundin aus Schweden, 2000km entfernt, mir meine eigene Landschaft zeigt.
Diese Berge habe ich angeschaut, wenn ich morgens erwacht bin. Manchmal im Winter war es sehr kalt, weil ich immer bei offenem Fenster geschlafen habe. Einmal war der Ofen eingefroren und damit gesprengt. Oder die Fenster waren voller Eisblumen, wenn sie tagsüber geschlossen waren. Im Sommer konnte man morgens früh schon die goldnen Gipfel mit dem ewigen Schnee sehen, die ich immer als eine Art Luxus angesehen habe. Oder aber, ich erinnere mich auch, wie ich an Samstag Abenden, bei Vollmond, in diese markanten Berge hinausgeschaut habe, in diese Landschaft im bleichen Mondlicht, und wie ich von der weiten Welt geträumt habe. Ich wusste damals noch nicht, was aus mir werden würde. Ich hatte noch keine Ahnung von meiner Studien- oder Berufswahl. Ich wusste nicht, ob ich einmal eine Familie, dh. eine Frau haben würde. Alles war noch offen, noch solcherart voller Möglichkeiten, die junge Menschen auch etwas unsicher machen.
Es ist wirklich MEIN Panorama, was du mir hier geschickt hast. Das frühere Foto, mit dem stumpfen Berg am Ende des Tales, das ist auch sehr schön. Aber dieses hier ist das Bild in meinem Fenster, das war sozusagen das Gemälde an meiner Wand. Der Blick geht in Richtung Zermatt, wo das berühmte Matterhorn steht, und dahinter ist dann bald einmal Italien. Ich danke dir, meine Marlena, du hast mich auf meinem sentimentalen Bein erwischt. Ich hatte hier wirklich ein schönes Zimmer mit Blick auf die Hauptstrasse (das war in jenem Alter auch nicht unwichtig, zu sehen, wer gerade vorbeiging). Ich hatte einen grossen Tisch (jener mit Druckknopf unter der Tischplatte, der früher einmal in Florenz gestanden hatte), einen Kleiderschrank, ein kleines Büchergestell und das Bett, das für den Tag von der Putzfrau wie ein Coach arrangiert wurde. Meine Schulhefte und -bücher hatte ich in einem Wandschrank liegen, der unter der Dachschräge eingerichtet war. Das war eine riesige Abstellfläche (remember?) und sehr bequem, ich konnte für jedes Fach eine eigene Beige errichten. Und dazu - nicht unwichtig - hatte ich einen Transistorradio, den ich mir in jenen jungen Jahren selbst verdient hatte. Er kostete etwa 220.- ( ich erinnere mich ziemlich genau, obwohl es über 30 Jahre her sein muss), was heute ein ungeheurer Preis wäre. Der Händler in Visp hatte noch Mitgefühl und gewährte mir eine kleine Ermässigung. Meistens hörte ich damals den Sender France Intère (oder wie schreibt man das eigentlich?), also französische und nicht englische Sender, wie unsere Jungen dies heute tun. Am schönsten war jeweils der Samstag Nachmittag. Wir hatten anfangs am Gymnasium samstags noch Schule bis etwa 1630h. Stell dir das vor, wenn man den heutigen Schülern den freien Samstag wegnehmen würde!! Diese lange Arbeitswoche war offenbar unentbehrlich für das Internat, denn die Schule und ihre Verantwortlichen (in Sutanen) hätten Probleme gehabt, ihre internen Schüler über zwei volle Tage zu beschäftigen und vom Unsinn abzuhalten. Deshalb hatten wir nur Mittwoch nachmittags frei, sonst gar nie. Später wurde noch der Samstag Nachmittag frei. Das war schon ein riesiger Luxus. Da bereitete unsere Mutter jeweils nach dem Mittagessen einen Dessert mit einem schwarzen Kaffee, und es gab Diskussionen in der Familienrunde. Fand ich sehr schön. Mein Vater verschwand dann irgendwann, denn er hatte noch eine Kaffeerunde mit seinen Rotary-Kollegen. Und anschliessend pflegte ich am Kiosk beim Bahnhof die Zeitung zu kaufen, und in meinem Zimmer die Weltwoche zu lesen und dazu Radio zu hören. Manchmal kamen wohl noch etwas Hausaufgaben für die Schule dazu. Wenn ich aber auf dem Weg zum Bahnhof einen Kollegen angetroffen hatte, dann wurde wohl aus der Zeitungslektüre nichts. Wir diskutierten dann auf der Strasse, schlenderten herum, schauten den Mädchen nach und tranken vielleicht irgendwo ein Bier und waren die Faulenzer im Dienst. Wir lebten damals sehr bescheiden und ohne grosse Ansprüche. Das war einerseits die damalige Zeit, andererseits lag es auch an diesem eher armen Bergkanton Wallis, wo alle Leute noch heute ziemlich bescheiden sind. Und wir vertrödelten als Jugendliche unendlich viel Zeit, das muss ich auch sagen, wenn ich es mit meinen beiden Töchtern vergleiche.

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Ach, es tut gut, von der Jugend zu erzählen! Erzählen an sich ist gut, und mit der Jugend kommt auch die jugendliche Energie und Kraft zurück. Das ist wie eine Therapie, das ist reculer pour mieux sauter!
Ich danke dir und umarme dich

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