Samstag, 29. Juni 2024

Nach Teheran

Subject: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse

Liebste Marlena
Wie geht es Euch denn dort oben im hohen Norden? Bei uns ist es ziemlich kalt. Vielleicht ist bei Euch ja noch schlimmer, ein Rückfall in den Vorfrühling? Ich sitze zuhause und versuche, meine sieben Sachen fertig zu packen. Eigentlich habe ich keine grosse Lust. Und ich kann es mir kaum vorstellen, dass ich heute Abend schon in der Luft sein sollte.
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Mit anderen Worten, heute abend um 1930h fliegen wir ab von Basel nach Zürich. Dort haben wir eine ganze Stunde Auftenthalt. Und dann geht es um 2100 ab nach Teheran, wo wir morgens um 430 ankommen sollen. Inshallah. Und Du weißt, meine Liebste, ich habe Dein Auge mit im Gepäck. Ich werde Dir alles zeigen, was von Interesse ist.
Ich küsse Dich meine Liebste, und ich wünsche Euch noch weiterhin schöne Ferien.
...
PS: Ich habe mir einen 5-Tage-Bart wachsen lassen, damit mich die Moslems dort drüben wie einen Bruder empfangen. Let us hope for the best and expect ..


That's Iran

 Subject: Iran III


Liebe Marlena
Unser Programm ist es, den Iran zu schmelzen, wie Du so schön gesagt hast. Lass mich noch ein bisschen schmelzen.
Eigentlich hätte ich gerne mit viel mehr Leuten im Iran geredet und diskutiert. Aber das ist nicht so leicht. Einerseits habe ich das Hindernis der Sprache, denn ich kann nur mit Leuten reden, die Englisch oder Französisch oder Deutsch reden. Und da gibt es nicht so viele. Die Kusine von S und ihr Mann haben zum Beispiel in Lausanne und Paris studiert. Aber ihr Französisch war wirklich kaum mehr verständlich. Und ob es meines war, kann ich Dir nicht so genau sagen. Ich habe auch gar keine Übung und die Worte kommen mir nicht ohne Anstrengung über die Zunge. Und neben der Sprache gibt es das Hindernis des Geschlechts. Ich kann nur mit Männern diskutieren. Mit Frauen kaum, vielleicht mit jenen aus der Verwandtschaft. Aber auch da ist es nicht so leicht. Sie sind es nicht gewohnt, so offen und direkt zu reden wie wir das tun. Und ganz allgemein reden sie so wenig über Politik, sondern meist ausschliesslich über private Dinge.
Aber immer wieder haben mich Männer angesprochen, weil sie gesehen haben, dass ich ein Ausländer bin. Und sie wollten mit mir reden. Einige konnten kaum ein paar Worte formulieren, andere waren ziemlich intelligent und ich hatte einige ausführliche Gespräche. Schon auf dem Flughafen, als ich am Förderband auf mein Gepäck wartete, wollte ein Perser mit mir plaudern. Da war ich noch nicht wirklich offen und bereit, und ich habe keine Gesprächsbereitschaft signalisiert. Aber ich habe ihn beobachtet. Er war ziemlich gut gekleidet und bewegte sich selbstbewusst. Es gab Leute vom Flughafen, die ihn grüssten. Er musste also ein ziemlich bekannter Kopf gewesen sein. Ich sah ihn später, wie er mit einer älteren Frau in einem Rollstuhl eine lange Plauderei hatte.
In Isfahan war man besonders interessiert an den Fremden. Die Jungen wollten, so glaube ich, ein bisschen ihr Englisch üben. Manche haben wohl auch gedacht, es würde sich aus dem ganzen vielleicht ein Geschäft entwickeln. Einige waren im Tepichhandel tätig. Aber im allgemeinen war es irgendwie einfach Kontaktfreude. Sie wollten mit jemandem plaudern. Sie hätten auch mit einem Perser plaudern können. Aber ein Ausländer schien vielleicht ein bisschen interessanter. Doch im allgemeinen blieb die Diskussion auf einem einfachen Niveau. Sie wollten wissen, ob die Schweiz besser sei oder Iran. Ich war natürlich nicht so dumm zu behaupten, die Schweiz sei besser. Oft habe ich gesagt, die Schweiz sei zu teuer, oder sie sei zu klein. Das stimmt ja wohl auch.
Viele Gesprächspartner haben mir angedeutet, dass sie mit ihrem System nicht zufrieden sind. Mit dem Bademeister am Kaspischen Meer habe ich mich ziemlich lange unterhalten. Er schien mir ein gescheiter Mann von etwa 30, und nach den Gesichtszügen zu urteilen, wäre er in der Schweiz sicherlich eine Person mit einer höheren Ausbildung gewesen. Ich meinte, es sei doch schlecht, diesen Zaun am Strand aufzubauen, das sei doch läppisch. Und er gab mir zu verstehen, dass er das eigentlich auch finde. Aber es sei eben sein Job, das jetzt zu machen. That's Iran, so meinte er, und verwarf die Hände, um zu zeigen, dass man dagegen nichts machen kann.
Einen jungen Burschen aus der Verwandtschaft, etwa 20 Jahre, der soeben die Prüfung zur Universität bestanden hatte und deshalb sehr glücklich war, habe ich gefragt, warum er Khatamy gewält habe. Er konnte es mir nicht eigentlich sagen. Er meinte nur, Khatamy sei gut, er mache viel für die Jungen. Aber was er denn wirklich für die Jungen machte, das konnte er mir nicht sagen.
Die Leute sind natürlich nicht so genau informiert. Sie lesen kaum Zeitungen und hören wohl auch kaum Nachrichten. Meine Schwiegermutter hat sich Mühe gegeben, immer um 23h abends die englischen Nachrichten einzustellen. So konnte ich ein bisschen mitverfolgen, was los war. Die Nachrichten haben aber immer wieder über dieselben Dinge berichtet. Da war der Aussenminister aus Georgien, der zu Besuch war. Man wollte irgendwie die gegenseitigen Beziehungen pflegen, Handelsabkommen treffen. Aber was das wirklich sollte, wurde nicht gesagt. Man sah Rafsanjani, der offensichtlich immer noch sehr gerne redet. Es gibt Leute, die behaupten, er sei immer noch der mächtigste Mann im Land. In den Parlamentswahlen hätte er zwar fürchterlich wenig Stimmen gemacht. Deshalb wurden sie ja teilweise wiederholt. Aber man hatte ihm dann irgendwie einen Posten als graue Eminenz gegeben. Und in der sonnt er sich offensichtlich. Er spricht wirklich wie die Weisheit in Person. Und dabei kannst Du an seiner Mimik und an der Stimme bemerken, dass er nicht gerade eine Leuchte sein kann. Er ist vielleicht clever, aber nicht wirklich gescheit. Er ist ein Fuchs. Und man sagt, er sei steinreich. Er produziert Pistazien. Und seinem Sohn gehören die Anlagen auf der Insel Kish im persischen Golf.



Von Khatami hatte ich einen ziemlich positiven Eindruck. Schon im Flug habe ich seine Rede gelesen, die er in Weimar Deutschland gehalten hatte. Dabei sprach er vom Dialog der Kulturen und vom Austausch zwischen Traditionalität und Modernismus. Es war natürlich alles ein bisschen wolkig, wie die Perser gerne reden, wenn es um nichts direktes geht. Aber es war eine gute und versönliche Rede, und er forderte auch vom Islam, die bornierten Positionen aufzugeben. Später habe ich vernommen, dass Khatami zwei Jahre in Hamburg gelebt hatte und dort ein islamisches Zentrum geführt hat. Offensichtlich hatte er dort mit verschiedensten Leuten Kontakt und sie zu Diskussionen eingeladen. Er ist ein ziemlich offener Geist mit einem freundlichen Wesen, wenn man seiner Erscheinung glauben kann. Und, ich muss es sagen, er sieht mit seinem Turban und seiner Kleidung als Geistlicher ziemlich elegant aus. In den letzten Parlamentswahlen hatte er ja eine überwältigende Mehrheit für sich gewonnen. Aber im Justitzdepartement sollen seine konservativen Gegner schon die nächsten Gegenmassnahmen aushecken. Aber das Parlament steht mehrheitlich hinter ihm. Und auch das konnte aber nicht verhindern, dass die Diskussion um das neue Pressegesetz nicht hat stattfinden können, weil Khameney, der Staatspräsident dies verhindern wollte. Das Parlament habe sich eine Schlägerei geliefert, habe ich gehört. In den Zeitungen habe ich über Tätlichkeiten kein Sterbenswörtchen gelesen.
Ich denke, im allgemeinen meinen die Perser, im Ausland sei es besser. Es sind seit der Revolution auch wirklich viele Menschen emigriert. Aus S's Familie sind heute etliche in Amerika. Und sie haben grosse Entbehrungen und Mühen auf sich genommen, um in den USA ein neues Leben zu beginnen. Einige haben dabei auch viel von ihrem Besitz verloren. Sie haben das meist für ihre Kinder gemacht, damit sie einmal mehr Lebensmöglichkeiten hätten, als sie es ihnen im Iran hätten bieten können.
Es soll nicht leicht gewesen sein, aus dem Iran auszureisen und den Besitz mitzunehmen. Mein Schwiegervater hat seinem ehemaligen Chef, dem Direktor der UNO Niederlassung in Teheran geholfen, seinen Besitz ins Ausland zu bringen. Er konnte es tun, weil er ja oft Teppiche nach Europa geschickt hatte. Und natürlich ist er heute der Familie sehr dankbar und alle Familienmitglieder könnten jederzeit zu ihm nach Amerika, und er würde sie gastfreundlich in seinem Haus aufnehmen. Er ist überigens Jude.
Auffallend war, wie sehr sich die Fernsehnachrichten mit der PLO und den Palästinensern beschäftigt hat. Das war das wichtigste aussenpolitische Thema. Es war nicht offen aggressiv gegen die Juden, aber doch klar für die Palestinenser. Und daneben gab es noch Meldungen aus Afrika. Die Amerikaner haben sie links liegen lassen. Von ihnen war einfach keine Rede. Und auch von Europa hörte man praktisch nichts. Ich hatte wirklich den Eindruck, ich sei weit weg und auf einem anderen Planeten.
Als wir dort weilten, waren gerade die Aufnahmeprüfungen zur Universität. Es gibt sie jedes Jahr, und sie finden im ganzen Land am selben Tag statt. Hunderttausende von Persern und Perserinnen würden gerne an die Universität gehen, um zu studieren. Aber nur ein kleiner Prozentsatz kommt hin. Wer in Teheran studieren will, muss bessere Prüfungsresultate haben. Wer sein Fach auswählen will, muss bessere Resultate haben. Die zwei jungen Männer aus S's weiterer Familie, die die Prüfungen bestanden hatten waren zwar überglücklich. Aber sie hatten noch keine Ahnung, was sie denn wirklich studieren würden. Im Grunde ist es wohl nicht so wichtig, was man studiert. Denn auch nach dem Examen, wenn man eine Stelle sucht, wird man weniger aufgrund der Studienrichtung angestellt, sondern eher aus anderweitigen Motiven (Beziehungen wohl in der Regel). Bei diesen jährlichen Prüfungen gibt es auch viele Menschen im fortgesetzten Alter, die immer noch versuchen, ihren Wunsch nach einem Studium zu erreichen. Die Menschen dort haben wirklich noch Wünsche und Ambitionen. Und das Wissen liegt noch nicht auf der Strasse.
Ach Marlena, das hört sich wohl alles ein bisschen hölzig an. Hoffentlich habe ich dich nicht gelangweilt. Man sollte das ein bisschen spannender und farbiger schreiben.
Ich schicke Dir also dieses ausgetrocknete Mail und hoffe, dass Du dich dabei nicht verschluckst.
Ich küsse Dich ziemlich eingehend
 ...

Zu später Stunde ...

 

Liebster Mausgeliebter,

Wenn du nur sehen könntest wie sehr ich mich über deine Briefe freue. Du würdest nie auf den Gedanken kommen dass es mich langweilen könnte. Nein, auch dein zweites Mail (Iran III) finde ich hochinteressant und es hat mir sehr gut gezeigt wie sich die Leute dort fühlen müssen. Es steht eigentlich in jeder Zeile von dir.
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Weißt du, als ich dein vorletztes Mail gelesen hatte wollte ich mich sofort an den PC setzen und antworten. Dann wäre es spontan und echt geworden. Ich hatte dir so viel zu sagen zu diesem Brief und dann musste ich erst eine Menge andere Pflichten erfüllen und war am Ende so todmüde dass ich um acht Uhr einschlief. Wenn nicht eine Kollegin angerufen hätte, hätte ich sicher weitergeschlafen.
Ich musste u.a. noch schnell auf die Post um eine verspätete Rechnung zu bezahlen. Dabei merkte ich erst was für ein wunderschöner Tag heute war. Ich ging da mit flatterndem Haar die Strasse entlang und dachte an deinen schönen Brief. Die Sonne strahlte und ein warmer wind wehte. Ich liebe es wenn ich diesen sanften Wind im Gesicht spüre. Vielleicht sah man es mir an dass ich glücklich war denn ich hatte den Eindruck dass mich die Leute etwas länger anschauten als man normal tut. Du machst mich wirklich glücklich mit deinen schönen Mails und manchmal möchte ich dich bitten du sollst vorsichtig sein. Du bedeutest so viel für mich und damit hast du auch die Möglichkeit mich tief unglücklich zu machen wenn du aus meinem Leben plötzlich verschwinden würdest. "... on devient responsable de ce qu'on apprivoise" weißt du doch noch.
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Samstag, 22. Juni 2024

Nostalgie

 


  mein Bild  - Sierre

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Wenn ich an die Zeit im Wallis zurückdenke, werde ich ganz und gar melancholisch. Es geschieht mir immer wieder. Und es ist mir nicht klar, ob das gut oder ob das eher schädlich ist. Es ist diese spezielle Landschaft, die eine ästhetisch sehr schöne und übersichtliche Welt damals gewesen ist. Aber es ist natürlich auch die Erinnerung an die eigene Jugend, diese grossen Erwartungen und Hoffnungen ans Leben, die ich damals gehabt habe. Es sind die starken Gefühle und die Vorstellungen von einer weiten, wunderbaren offenen Welt, an die wir damals geglaubt hatten.

Das Land, woraus wir vertrieben worden sind, das ist das Paradies. Die Vertreibung produziert die Paradiese. Die Jugend ist ein Paradies, allermeist. Ich habe dann auch neue Paradiese gesucht. Den Orient einerseits, die Psychologie andererseits. Beides waren für mich unbekannte, geheimnisvolle Landschaften, die mit meinem bisherigen Leben und der Philosophie meiner Familie wenig zu tun hatten.

Lange Zeit habe ich versucht, mit Malen diese alten Welten und alten Zeiten wieder zurückzuholen. Ich habe einige Landschaftsbilder im Wallis gemalt. Eines davon hängt in unserer Stube. Es ist eine Ansicht vom lac de Géronde in Sierre, das ich sehr liebe. Ich glaube, ich habe Dir schon einmal über diesen wunderbaren See inmitten der Hügel von Siders erzählt. José, mein Freund aus dem Club, der Moderedaktor, meint, das Bild sei in mystischen Farben gehalten. Ich sei ein Mystiker, meint er.

Nun ja, Marlena, Du siehst, wie leicht ich mich in eine solche romantische Psychose hineinmanövrieren kann. Ich kann wirklich schwelgen in meinen alten Erinnerungen. Aber eigentlich nur, wenn ich darüber schreibe. Sonst schwinden sie vorbei wie Wolken im Sommerwind.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und ich hoffe, dass ich bald von Dir höre.
Mit einem lieben Gruss

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Freitag, 21. Juni 2024

Midsommarafton

  

Glad midsommar!






Midsommar

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 bei Tag


 und bei Nacht



Sonntag, 16. Juni 2024

... ein Sehnsuchtsort

 



Aber Ronda stand auf meiner Liste.
Marlena


Liebe Marlena
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Es gibt Sehnsuchtsorte. Elias Canetti betrieb einen Kult mit den Städten, die er aufsuchen wollte. Je heiliger ihm eine Stadt war, desto länger schob er den Besuch hinaus.

Da kommt mir eine kleine Sache in den Sinn. Ich habe dir erzählt, dass wir vor ein paar Jahren in Andalusien waren. Es waren sehr schöne Ferien in diesem schon ziemlich afrikanischen Klima. Und eines Tages sind wir mit unseren spanischen Freunden nach Ronda gefahren. Nun ist Ronda ein ganz speziell romantischer Ort. Rilke war dort und hat im Hotel Reina Victoria logiert und ein bisschen über seinen Duineser Elegien geschwitzt. Und vor allem Hemingway war da, der grand old man, über den die Spanier reden als wie über den eigenen Grosspapa. Hemingway war ja bekanntlich ein begeisterter Stierkampfbesucher, ein afficionado oder so ähnlich, dh. ein Fan. Und er hat ein interessantes Buch über den spanischen Stierkampf geschrieben, das ich damals in den Ferien nochmals gelesen habe. Nun bin ich sicher, dass du Marlena, als Nordländerin und als sensible Frau, den Stierkampf ganz und gar nicht bejahen kannst. Schliesslich bringt es dich schon in Aufregung, ein paar Ameisen im Hause zu Leibe zu rücken. Doch es geht mir nicht um den Kampf. Nein, Hemingway hat Ronda, diese alte und malerische Stadt in den Bergen, an einer tiefen Schlucht gelegen, ebenso lebendig und poetisch beschrieben wie Rilke. Nein, eigentlich nicht ebenso, sondern eben a la Hemingway. Die zwei sind ja nicht gerade Brüder im Geiste. Der eine war ein Spring-ins-Feld, der andere ein hochsensibler Schöngeist. Nun denn, Hemingway sagte über Ronda, er empfehle es jenem Mann, der gedenke, mit einer Geliebten auszureissen und durchzubrennen. Das fand ich schön gesagt, echt Hemingway, der Macho, wie er ja wohl im Privatleben nicht nur war mit seinen Depressionen.

By the way: Ronda habe ich nicht in unsere Liste aufgenommen, vorsichtshalber. Aber in meinen Gedanken war schon Hamburg drin. Ich lass DICH mutmassen, weshalb!
Ich habe nun - weiss Gott - noch ein paar weitere Gedanken und Fantasien gehabt. Und ich kann dir sagen, sie waren nicht schlecht, wir müssten uns ihrer nicht schämen. Allein, sie lassen sich nicht alle mit unserem §5 vereinbaren.

Gottseidank also haben wir zusammen bloss eine feine Mausfreundschaft mit Fachgesprächen über Rilke, über die Spurbreite der Champs Elysées und über das gegenwärtige Potential an valablen Schwiegersöhnen. Was ist denn schon dabei! Zumindest werden wir dir deine Trauer vom Gesicht wegretouchieren. Ich helfe dir dabei, soweit ich kann. Keiner soll mir vorwerfen, ich könne nicht retouchieren!

Gibt es irgendwelche Worte, die man jetzt sagen könnte?? Ich glaube nicht.

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A propos Reisen: "Ich bin ein Seemann im Verkennen meiner selbst" schreibt Fernando Pessoa, "ich habe überall gesiegt, wo ich nie gewesen bin. Reisen? Existieren ist Reisen genug".




Samstag, 15. Juni 2024

Soulagement

 

Lieber..

Ja, .., ich weiss schon. Du bist etwas asozial hinter der Fassade. Sind wir ja beide sonst würden wir uns nicht schreiben. Und dieses wertvolle Foto von dir, dieses einmalige habe ich nicht genug gelobt. Also muss ich es wohl nochmals versuchen. Vielleicht geht es ohne S und M einzumischen.

Erstens siehst du auf dem Bild sportlich aus. Du könntest sehr gut einer dieser hormonstrozenden Harros sein, die man im heutigen ST finden kann. Vielleicht ist es das T-shirt das es macht. Dann liebe ich dein Kinn. Es sieht sehr männlich aus. Ich habe schon immer eine Schwäche für diese Art von Kinn gehabt. Darüber deine schön geformten weichen Lippen. ...(Zensur)... Deine Nase ist fotogenique. Und deine Augen. Es hat mich etwas überrascht dass sie so hell sind. Ich würde sie gern live sehen. Und wenn ich dir so in die Augen schaue dann bin ich mir bewusst dass ich das im real life kaum wagen würde. Und dann versuche ich das Bild von dir, das ich in mir trage, mit dem auf dem Foto in Einklang zu bringen. Ich weiss doch dass du aus Fleisch und Blut bist aber trotzdem kann ich es nicht richtig fassen, dass du wirklich bist. Es ist fast als hätte ich vergessen dass hinter den Mails ein richtiger Mensch steht.. Übrigens siehst du auch poetisch aus und wenn ich nicht wüsste, dass es sich um eine Magenverstimmung handelt hätte ich glatt geglaubt du leidest an Weltenschmerz. ;-)

Schau mal zu was du mich mit deiner kleinen ironischen Bemerkung verlockt hast. Aber natürlich fühle ich mich geehrt dieses "Einzelstück" von Foto zu besitzen. Das letzte sozusagen das du nun auch verschenkt hast. ;-) Oder besitzen die übrigen 59 Mailpartnerinnen auch dieses Bild???


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RE:

Liebe Marlena 

Trotz des tristen Wetters und Deiner nach Eukalyptus lechzenden Erkältung kannst Du solch ein Mail schreiben! (ein!)   Manchmal muss man Dich wirklich etwas kitzeln, damit Du aus Dir rausgehst und Deine Genialität in der Sonne zu gleissen geruhst!! (zwei!!) Es ist schon länger her, dass ich über eines Deiner Mails so sehr geschmunzelt habe. Und das hängt nicht bloss daran, dass Du Dir dieses Mal meine Nase vorgenommen hast!!! (drei!!!) 

Es ist eigentlich mehr, WIE Du schreibst. Und Du kannst es meisterhaft. Die Gedanken und Dinge nach Deiner Art in überraschende Zusammenhänge zu bringen, das ist echt zum Schmunzeln. Und manchmal klingt es ein wenig mammahaft! Auch das hat Charme.  Zumindest hat es meinen baudelairschen Weltschmerz etwas aufgehellt.

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Klar, ich hätte auch mit einer der 59 Frauenzimmer (oder muss ich sagen Adressen) abgehauen sein können! Nach einem unendlich langen und qualvollen Würfelprozess, welche denn Opfer dieses romantischen Anfalls sein dürfe. Und nach diesen dämlichen Qualifikations- und Selektionsprozessen hätte ich die Schönste am Handgelenk genommen und wäre hinunter nach Ronda durchgebrannt. Hemingway meint, Ronda eigne sich für ein solches Unternehmen besonders. Ronda also hätten wir uns geleistet und wären im Hotel gleich neben der tiefen Schlucht abgestiegen, dort wo man vom ehemaligen Strassenräubernest in die waldige und hügelige Landschaft hinunter sieht. Und wir hätten zum spanischen Wein diese riesengrossen und etwas groben Plätzchen gegessen, die sie in Spanien den Stieren praktisch lebendigen Leibes aus den Lenden schneiden. Inkognito wären wir auf Rondas Flaniermeile Arm in Arm auf und ab gegangen, hätten auf die Welt und ihren unglücklichen Lauf gepfiffen und stattdessen in der wunderhübschen kleinen Arena ein paar blutig-schöne Corridas besucht.

Und zwischendurch hätte ich mit meiner schönsten Rothaarigen im Hotelzimmer die Decken aufgewühlt und Bettgestelle flachgelegt. Ein bisschen barock alles, zugegeben. Ungefähr so wie ein gute Flasche Malvoisie, prickelnd, komplex und lebenslustig.

Doch, meine liebe Marlena, wie kann ich erklären, dass ich nach drei Tagen bereits wieder zurück bin?? Der romantische Anfall berücksichtigt nur den explosiven Entschluss, die hastige Abfahrt, den brennenden Wunsch, wegzukommen. Doch wie kommt man wieder zurück? Reuigen Herzens? Asche auf dem Haupt? Triste und voller Schuldgefühle? Oder einfach so, indem man morgens wieder im Büro sitzt und die aufgelaufenen Pendenzen angeht? Die Rückkehr ist ziemlich heikel, nicht wahr? Die Romantik denkt nicht an Rückkehr, wenn sie denn überhaupt denkt! Sie denkt nämlich auch nicht daran, lebenslänglich in Ronda auf und ab zu gehen. Man müsste dann ja gelegentlich mit der nächsten der 59 zum nächsten Ort abhauen. Vielleicht nach Rom mit einer Blonden, nach Paris brunette und Casa Blanca schwarz?

Ich bin also von Ronda zurück!

Mit einem lieben Gruss 

...