Montag, 30. Dezember 2019

Gott Nytt År






Liebe Marlena
Heute ist Silvester. ...
Ich habe mir für das neue Jahr versucht, einige
gute Vorsätze zu machen. Das ist neu. Ich habe
das in meinem ganzen Leben nicht wirklich getan.
Mein Leben stand eher unter dem Motto: was kommt,
das kommt. Das ist eine Art von Schicksalsergebenheit,
mit der ich gar nicht schlecht gefahren bin. Aber ich
glaube, das ist eine altmodische Art, das Leben zu
nehmen. Ich denke, wer modern ist, der fühlt sich
stärker als Regisseur seines eigenen Lebens. Man
soll sich das Leben erdichten, sagen die Spezialisten.
Und das werde ich tun! Ich muss bloss versuchen,
mich dazu zu motivieren.
(... )


Re: Silvester

Lieber ...,
---
Wie schön, deine guten Vorsätze für das neue Jahr.
Es klingt irgendwie ermutigend und schenkt sicher
ein Gefühl von Geborgenheit. Vorsätze als Stützen
auf dem Weg durchs Leben.
Und du sagst, das ist modern? Dann bin ich früher
modern gewesen. Doch jetzt denke ich eher, wie du
es früher getan hast: Was kommt, das kommt. Ich
glaube, dass der Zufall unser Leben regiert.
Vor ein paar Tagen habe ich einen interessanten Film
gesehen. Ann und ich hatten ihn schon früher gesehen,
aber wir wollten ihn beide nochmals sehen. Er zeigt
sehr deutlich, was ich meine.
"Wie wäre mein Leben gewesen, wenn..."
In diesem Film werden zwei parallele Leben einer
hübschen jungen Frau geschildert. Und alles hängt
vom Zufall ab, von ein paar Sekunden. Es ist sehr
geschickt dargestellt. Kennst du den Film?
"Sliding doors"

https://www.theringer.com/movies/2018/4/24/17261506/
sliding-doors-20th-anniversary






Mittwoch, 25. Dezember 2019

Heute Morgen ...


Lieber Mausfreund,

Heute Morgen habe ich mich mit der Englischen

Sprache herumgeplagt. Die Grammatik beherrsche
ich so eingermassen aber diese Sprache ist ja viel
mehr als so. Es war mein Lieblingsfach im Gymnasium
und eigentlich hätte  ich es dann an der Uni studieren
wollen.. aber Frankreich kam dazwischen. :-)
Ich schicke dir eine Kopie von meinen Bemühungen,

damit dir nichts von meinem "inhaltreichen" Alltag
entgeht. ;-))
.....


Sweden really is a very Americanized country.
(The most Americanized country in the world.
On the second place comes the USA ;-)
...

Bis später
MlGuK
Malou



Re:

Halo liebe Malou

ich staune, welch lange, detaillierte und hübsche Briefe
du nach Rom schickst. Diejenigen, die in B.. anflattern,
sind bloss halb so lang. Nicht einmal!
Ja, dein Englisch ist sorgfältig und schön Malou. Und
deine kleinen sprachlichen Bilder, die du brauchst,
gefallen mir.


---

God Jul och Gott Nytt År









Freitag, 20. Dezember 2019

Weihnachtsgeschichte





...

Stell Dir vor, Malou, da kommt mir eine barbarische
Weihnachtsgeschichte in den Sinn. Es war in der 4.
Primarklasse, würde ich sagen. Ich hatte eben die Rolle
als Joseph im Weihnachtsspiel erhalten und wusste noch
nicht recht, ob das eine Auszeichnung oder eine Strafe
sein sollte. So nebenbei hatte ich mitbekommen, dass ein
dünnes und langes blondes Mädchen Maria spielen sollte.
Aber ich habe nicht erkannt, was das wirklich bedeuten
sollte. Erst um 12 Uhr, als wir über den Schulhof nach
Hause zum Mittagessen schlenderten, versuchten andere
Schüler mich (oder vielleicht uns) zu necken, weil wir doch
nun Maria und Joseph, also ein Paar wären. Das war mir
nun aber absolut peinlich, gegen meinen Willen verheiratet
zu sein. Und demonstrativ stiess ich die arme Maria von
mir, so dass sie gegen einen Zaun taumelte. Sie war sehr
betrübt, weinte, wenn ich mich recht erinnere.
Doch ich erinnere mich ebenso, dass sie nicht aus körper-
lichem Schmerz weinte,sondern wegen des Unrechts, das
ihr geschehen war. Ich glaube, sie war sehr verwirrt, dass
ich so reagiert hatte. In meinem Kopf wollte ich keine
Maria an meiner Seite und ich hatte sie nicht gewählt.
Aber ebenso war es auch nicht sie gewesen, die diese
Konstellation geschaffen hatte. Das empfand sie wohl
als brutale Ungerechtigkeit. Und recht hatte sie damit.

Wir haben dann, so muss ich annehmen, unseren Part im
Weihnachtsspiel sehr unterkühlt und distanziert gespielt.
Ich weiss noch, wie ich in der Kirche mit dem langen Bart
in der Gegend herumgestanden habe, und wie der Lehrer
der Oberstufenschüler mir deswegen zugezwinkert hatte.
Aber ich war mir dessen kaum bewusst, dass ich einen
solchen langen weissen Bart trug, und ich hatte wohl auch
keinen Gedanken an meine Maria verschwendet.
Ich glaube, sie musste eine Gummipuppe im Arm wiegen,
eine Puppe, wie sie auch meine Schwester besass, mit
einem kleinen Mundloch, so dass man ihr erst die Flasche
geben konnte, um ihr nachher die nassen Windeln zu
wechseln zu können. Mädchen fanden das damals herrlich.
Mit einem solchen kleinen Ding und einem blauen
Überwurf musste Maria mitten in der Kirche sitzen
und mit langsamen Bewegungen zeigen, dass diese
Gummipuppe sozusagen heilig war.
Nicht alles, aber diese kleine Drink- und Piss- Puppe
fand ich echt dämlich. Ich konnte mir schlichtweg nicht
vorstellen, dass das Jesuskind das Getrunkene ohne
irgend eine Zutat in die Hosen laufen liess. Ich meine,
wie kann man sich bei einem heiligen Menschen so was
Tierisches vorstellen? Das war doch irgendwie widerlich.
Auch bei einem Jesus.
Aber ich glaube, wir haben die Szene dann irgendwie hinter
uns gebracht. Ich hatte nicht viel zu sagen, ein oder zwei
Sätze, entäuschend wenig, angesichts des langen Bartes,
der mir beinahe bis zu den Schuhen reichte. So kam es,
dass die Gruppe mit den Blockflöten anfing, Stille Nacht
zu pipsen. Und so konnte ich wenigstens diesen pissenden
Jesus etwas vergessen.
Soweit meine Joseph-Rolle. Überigens hatte ich immer
gewusst, dass dieses Jesus- Puppen- Kind nicht von mir
stammen konnte. Damit hatte ich einfach nichts gemein.
Und dass der liebe Gott seine Hand im Spiel gehabt hatte,
das wollte mir weder die Maria noch meine Lehrerin sagen.
Sie haben mir das Wichtigste einfach verschwiegen, Malou!
Ich bin praktisch hintergangen worden! Man hat mir ein
pissendes Kind untergeschoben. Wenn Du weißt, was
ich meine.
*
Nun bin ich etwas vom Thema abgekommen. Das Thema
war Gewalt unter Jugendlichen. ...
...

Dienstag, 17. Dezember 2019

Pause



december 2019





.

Montag, 16. Dezember 2019

Re: Amerika gibt es doch


Ämne: Re: Amerika gibt es doch
Datum: den 26 augusti 16:22

Lieber ...,
Ich bin soeben nach Hause gekommen. Es ist  ein wenig anstrengend so am Anfang. Und die neuen Klassen sind gross. So habe ich sie mit der Digitalkamera fotografiert und werde zu Hause versuchen die Namen der Schüler zu memorieren. Es ist besser, wenn man sie persönlich ansprechen kann.
*
Dein Frühstückstip ist gut. Ich mache wohl ungefähr dasselbe. Lege das hartgekochte Ei in einen kleinen Apparat, der es in schöne Scheiben verteilt. Lege diese auf das Knäckebrot und etwas Kaviar obendrauf. Schmeckt sehr gut. Aber aufgeweichtes Knäckebrot ist ein Greuel..

Muscheln habe ich jede Menge hier zu Hause. Als Anna klein war spielte sie oft damit und ich kaufte immer neue dazu entweder auf dem Jahrmarkt, wo man einen ganzen Korb voll bekam, oder in A auf dem Muschelboot, das dort im Hafen verankert liegt. Dort wählt man sich die schönsten und ungewöhnlichen aus. Ja, du hast recht. Das Leben ist voll von Madeleines. Ich habe einen so grossen Vorrat davon, dass ich mir eigentlich nichts neues besorgen muss. Es reicht, dass ich etwas, an sich ziemlich alltägliches, betrachte und eine ganze Welt aus der Vergangenheit öffnet sich. Manchmal vergisst man, dass es für andere keine Madeleines sind. Nur grauer Alltag, ein Geschehen ohne besonderen Glanz. Ich denke manchmal daran, wenn ich sehe dass Anna nicht so begeistert ist von einigen Dingen wie ich. Ich stelle mir vor, wie es aussieht ohne all die schönen Erinnerungen, die ich damit verknüpfe. So verstehe ich sie besser.

Wie lustig deine Antwort auf die Frage was dich nach Amerika bringt. Sehen ob etwas wirklich existiert oder nur eine Vorstellung ist. Manchmal frage ich mich sogar ob du wirklich bist, oder nur ein Produkt meiner Fantasie. Oder besser gesagt, wie viel an dir nur in meiner Vorstellung existiert.

Dein Kurs scheint gemütlich zu sein und ihr scheint alle davon zu profitieren. Ich glaube sowas würde mir auch gut tun. Wenn ich hier ein bisschen zur Ruhe gekommen bin werde ich mich umsehen.

Am Himmel hängen graue Wolken. Ich muss schnell den Rasen mähen auf der Vorderseite des Hauses, bevor es nass wird.

So lasse ich dich mit einem lieben Gruss,
Marlena


Amerika gibt es doch


Ämne: Amerika gibt es doch
Datum: den 26 augusti 

Liebe Marlena
Es ist gleich 8 und meine Gastgeber schlafen noch. So kann ich nicht zuviel Laerm mit der Tastatur machen. Normalerweise schreibe ich sehr schnell. Heute langsam, wie auf einer mittelalterlichen Schreibmaschine. Ich habe Dir ein wunderbares Rezept. Ich druecke die zwei Eier mit einer Gabel klein, gebe etwas Maionnaise dazu und habe so eine Paste, die ich auf das Knaeckebrot streichen kann. Natuerlich noch etwas Salz. Gut waere ein Bisschen Tomate beigeben, aber die habe ich hier nicht. Das macht ein exzellentes und sehr handliches Sandwich. Allerdings wird das Knaeckobrot bis Mittag etwas weich und ist nicht mehr knackig. Trockdem, ich habe meine Erfindung gut genossen. Und ich habe mich an jenen Englandaufenthaltim Gymnasium erinnert. Damals gab es in der Schule in Bournemouth eine kleine Kantine, wo man Sandwich und kleine Dinge kaufen konnte. Der Nachmittag war schulfrei, und so holten wir dort etwas, um an die Beach mitzunehmen. Ich liebte diese Eiersandwiches mit ein bisschen Salat drin. Ich weiss nicht wesshalb, alles war ja ziemlich trocken und staubig, aber ich liebte sie. Une petite madeleine ....

Ein Ei ist aufgequollen, und das Weiss kommt ein bisschen heraus wie aus einer Muschel. Ich liebe Muscheln. Ich habe immer noch eine ganze Schachtel vom Sueden Spaniens. Sie sehen so huebsch aus. Ihre Farbe geht von schneeweiss bis braungebacken. Sie erinnern mich an den Camino. Und eine Muschel ist sogar komplett gebliebn, dh. die beiden Haelften kleben noch zusammen. Das war eine Gluecksmuschel. Ich war immer fruemorgens an den Strand gegangen, zur Kneippkur, wie ich zu sagen pflegte, weil ich barfuss durch das seichte Wasser schlenderte und nach diesen Dingen suchte, die wahrend der Nacht angeschwemmt worden waren. Ich hatte immer irgendwo ein Gefuehl, ich sollte aufhoeren, es sei genug mit Muscheln. Aber jede neue fand ich irgendwie schoen und konnte nicht wiederstehen, sie auch noch in meiner Muetze zu sammeln. Und jetzt habe ich sie immer noch in meiner Bibliothek. Einige habe ich im Buero auf dem Buerchergestell. Sie sind ein Symbol der Pilgerschaft.

Nein, Marlena, diese Art von Trance, die wir hier machen, ist therapeutisch. Die Kunst des Tranceurs (falls es ein Wort wie dieses gibt) ist es, dem Patienten oder Subject (wie sie hier in den Texten schreiben) folgen. Und wenn du in Trance bist, realisiert du das alles. Und du weisst, du koenntest dich weigern, etwas mitzumachen. Aber es ist leichter, es zu tun als sich zu wehren. Es geht alles so entspannt und leicht, dass es ein Vergnuegen ist. Die Taenzerin hat beschrieben, dass si die Trance braucht wahrend sie tanzt. Sie ist dann sehr wach und ihres Koerpers bewusst. Aber viele schauen in Trance etwas daemmerig aus. Das Gesicht ist enspannt. Die Reaktionen sind verlangsamt. Aber man sieht, sie geniessen es. Die leute wollen gar nicht mehr ins normale Wachbewusstsein zurueckkommen, so angenehm ist dieser Zustand.
Es hat also wenig zu tun mit jenen Hypnose Demonstrationen, die man manchmal im Fernsehen sieht. Sie sind autoritaer durchgefuehrt und nutzen das Phaenomen fuer eine Show. Das mag lustig oder gar interessant sein, aber es ist nicht das, was hier passiert. Ich glaube, die Oesterreicher nutzen die Heilhypnose, wie sie sagen, vieel haeufiger als wir hier in der Schweiz. Das kommt vielleicht daher, weil auch Freud von der Hypnose ausgegangen war. Die Psychoanalyse ist sicher sehr verwandt, und ich wuerde behaupten, der patient auf der Couch ist die meiste Zeit in einer Trance.
...
Kennst Du Bichsels Geschichte "Amerika gibt es doch". Gestern hat hier Ben gekocht. Sie hatten einen Japaner eingeladen und wir hatten einen vergnuegten Abend. Ich wurde gefragt, weshalb ich denn nach NY gekommen waere. Und ich wollte es etwas spassig machen und meinte, nun, ich wollte doch endlich testen, ob es dieses Amerika wirklich gaebe. Man werde in Europa den Eindruck nicht los, das ganze sei bloss eine perfekte Holliwood-Produktion. Koennte doch sein, dass das alles nur eine grossangelegte Fernseserie sei, die wir in Europa am Fernsehschirm mitbekommen und naiverweise glauben. Na ja, Bichsels Geschichte hat ja dann noch den Reiz, wie er diese Reise beschreibt, diese Karawanne, die immer laenger wird, weil sie mehr Schiffe, mehr Wagen, und Wagen fuer die Wagen und Schiffe fuer die Schiffe brauchen. Es wird ein zwar globales, aber hoffnungsloses Unterfangen. Aber der erste Gedanke, mit eigenen Augen zu sehen und testen, was ist, der ist doch gut und vielleicht mehr ein amerikanischer als ein europaeischer Gedanke.

Jetzt muss ich aufhoeren. Ich bin immer noch im Pyjama hier am PC. Meine Kaffeetasse ist leer. Und eben hat mein Wecker gelautet. Das heisst, duschen und vorwaerts machen.
Ich wuensche Dir einen schoenen Tag und sende, bevor die ganze Sache abstuerzt.
Mit  Kruessen (Gruessen und Kuessen)
...