Montag, 15. April 2019
Leise zieht durch mein Gemüt ...
... liebliches Geläute...
Lieber ...,
ja, so geht es, das kleine Frühlingslied, das ich manchmal
im Auto singe, wenn ich zu Anna unterwegs bin. Und heute
passt es extra gut, denn nun ist der Frühling hier eingezogen.
Die Sonne scheint und wärmt und die dunklen Monate sind
definitiv vorbei. Es ist herrlich!
Wie immer habe ich dir auch heute lange Gedankenmails
geschrieben während der Fahrt. Du, mein "drittes Auge",
wie du es einmal genannt hast.
Das mit dem drangehängten Mail, was nicht für mich
abgesehen war, ist sowohl mir wie dem Absender etwas
schleierhaft. Du und P habt mir doch gerade schöne Bilder
aus dem Wallis geschickt und jetzt noch das hier.. Aber die
Begeisterung in dem Mail hat mir sehr gefallen und eure
Fasnacht so richtig lebendig gemacht. Man könnte es mit
einem unserer festlichen Traditionen vergleichen, an denen
sich das ganze Volk mit Lust beteiligt. Schade eigentlich,
dass du mit deiner Fabulierungskunst nicht mitmachst. Du
könntest die wunderbarsten Schnizelbänke schreiben.und
die Leute würden sich freuen.
---
Walo ist ein kluger Mann. Aber was für einen Menschen
das Beste ist, kann nur er selbst wissen. Du wirst es
herausfinden. Das Leben ist eben voll von Kompromissen.
Oder wie es als Einleitung zu dem Buch steht, das ich für
Anna mitgebracht habe:
"Es gibt keine Strafen oder Belohnungen
alles was es gibt sind Konsequenzen".
Gut gesagt, findest du nicht?
Ich glaube Anna wird nun bald hier auftauchen.
Jetzt ist sie da, meine Kleine.
Ich grüsse dich nochmals lieb und wünsche dir ein
schönes Wochenende,
mit U und K
Malou
Freitag, 12. April 2019
Spargelessen
(R)
date 22 May
Und heute abend haben wir unser Spargelessen. Es findet in Bad-Bellingen, also in Deutschland statt. Ältere Kollegen finden es ein Witz, nach Deutschland zu fahren, um Spargeln zu essen. Das müsse man im Elsass tun, meinen sie. Aber D ist natürlich bedeutend billiger. Und ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb unser guter Ch. das so organisiert hat. S bestellt sich jedes mal beim Spargelessen ein gutes Steak oder so ähnlich. Sie behauptet, mit Spargeln hätte man nicht wirklich gegessen. Und so falsch hat sie nicht dabei.
date 23 May 07:41
subject: ???
Liebe Malou
Fantastisch, ich schreibe als Antwort auf mein eigenes Mail. Aber oben erscheint deine Adresse. Das System scheint sich schon daran gewöhnt zu haben, dass ich hier in die frische Luft hinaus monologisiere. Man sieht das doch im Theater. Die Helden gehen auf der Bühne auf und ab und schreien ihre Monologe hinaus in den Publikumsraum. Zu niemandem direkt. Einfach so, damit es mal wieder richtig hallt. Und wenn es gut kommt, sterben sie nachher, ich meine nach dem langen und wunderschönen Monolog.
Gestern also das Spargelessen. War ziemlich weit bis Bad Bellingen. Ich würde schätzen 40 km auf Nebenstrassen und im Regen. Aber es gab eine gute Beteiligung. Viele waren da. Es ist irgendwie eine alte Tradition, dass man zu diesem Spargelessen geht, und noch dazu seine Mammeselle mitbringt. Früher ist nach dem langen Essen W aufgestanden und hat mit ein paar netten Worten jeder Dame einen Kuss auf die Backe und ein Sträusschen Maiglöcklein in die Hand gedrückt. Das war eine hübsche, vielleicht etwas altmodische Geste allen einen guten Sommer zu wünschen. Und viele Kollegen waren natürlich eifersüchtig, dass einer allein alle Damen abküssen darf. Aber jetzt ist W alt geworden. Und sein Nachfolger hat eine eigene hübsche junge Frau, eine Italienerin nota bene. So ändern sich die Sitten und die Eifersüchteleien, wie man sieht.
Wir sind etwas später eingetroffen, haben aber noch glücklich einen Parkplatz gleich vor der Garage des Besitzers gefunden. Jedenfalls hat er uns erlaubt, unser Gefährt dort stehen zu lassen. War ja auch wichtig, nicht noch zu weit im Regen gehen zu müssen. Und dann fanden wir am Ende des Mitteltisches noch zwei gute Plätze. Plätze sind gut oder weniger gut je nachdem, in welcher Runde man sitzt. Manchmal ist es ein bisschen langweilig. Dieses Mal sassen wir in einer Gruppe junger Leute. Und es gab lebhafte Diskussionen, die natürlich, Glas um Glas, immer leidenschaftlicher wurden. O, der Arzt, behauptete, es gäbe keine Beweise, dass Sport wirklich gesundheitsförderlich sei. Wirklich nicht. Du kannst dir vorstellen, dass eine solche Behauptung, noch von einem Arzt, einen gut und gerne eine halbe Stunde vor dem Spargelessen beschäftigen kann. Na ja, es gab noch andere Thesen, die in die Luft geworden wurde. Aber diejenige den Sport betreffend war wohl die verwegendste.
Und dann kamen die Spargeln. Wir sagen in der Schweiz ja 'die Spargel', während die Deutschen 'der Spargel' sagen. Jedenfalls haben sie gut geschmeckt zusammen mit der Hollandaise, Mayonnaise und Bärlauchsauce. Und daneben gab es verschiedene Arten Schinken zusammen mit kleinen Brötchen. Ich habe kürzlich gehört, dass man Spargeln nicht im Wasser kochen sollte, sondern gewürzt und eingepackt in eine Alufolie im Backofen etwa 30 Minuten sozusagen backen sollte. So bleibe der Geschmack beisammen und werde nicht im Sud ausgekocht. Aber ausprobiert habe ich diese gloriose Idee noch nicht. In deutschen Fernsehstationen sind Kochsendungen Mode geworden. Und wenn man sich ungeplant, wie ich das tue, ab und zu in die Programme hängt, gerät man leicht in solche Studieküchen hinein. Sie sind manchmal ganz unterhaltsam. Und man denkt natürlich, man lerne ein bisschen etwas dabei. Aber der Haupteffekt ist bloss, dass man zum Schluss mit einem riesigen Hunger im Bauch aufsteht und gleich in die eigene Küche eilt. Dort ist man dann enttäuscht, wie wenig sie auf einen Bärenhunger wirklich vorbereitet ist.
Und jetzt muss ich ans Werk. Ich hoffe, ich überstehe diesen tristen Tag. Weiss noch gar nicht, womit ich mich aufheitern kann? Vielleicht doch bloss mit dem Gedanken an den freien Auffahrtstag.
MLG
date 22 May
Und heute abend haben wir unser Spargelessen. Es findet in Bad-Bellingen, also in Deutschland statt. Ältere Kollegen finden es ein Witz, nach Deutschland zu fahren, um Spargeln zu essen. Das müsse man im Elsass tun, meinen sie. Aber D ist natürlich bedeutend billiger. Und ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb unser guter Ch. das so organisiert hat. S bestellt sich jedes mal beim Spargelessen ein gutes Steak oder so ähnlich. Sie behauptet, mit Spargeln hätte man nicht wirklich gegessen. Und so falsch hat sie nicht dabei.
date 23 May 07:41
subject: ???
Liebe Malou
Fantastisch, ich schreibe als Antwort auf mein eigenes Mail. Aber oben erscheint deine Adresse. Das System scheint sich schon daran gewöhnt zu haben, dass ich hier in die frische Luft hinaus monologisiere. Man sieht das doch im Theater. Die Helden gehen auf der Bühne auf und ab und schreien ihre Monologe hinaus in den Publikumsraum. Zu niemandem direkt. Einfach so, damit es mal wieder richtig hallt. Und wenn es gut kommt, sterben sie nachher, ich meine nach dem langen und wunderschönen Monolog.
Gestern also das Spargelessen. War ziemlich weit bis Bad Bellingen. Ich würde schätzen 40 km auf Nebenstrassen und im Regen. Aber es gab eine gute Beteiligung. Viele waren da. Es ist irgendwie eine alte Tradition, dass man zu diesem Spargelessen geht, und noch dazu seine Mammeselle mitbringt. Früher ist nach dem langen Essen W aufgestanden und hat mit ein paar netten Worten jeder Dame einen Kuss auf die Backe und ein Sträusschen Maiglöcklein in die Hand gedrückt. Das war eine hübsche, vielleicht etwas altmodische Geste allen einen guten Sommer zu wünschen. Und viele Kollegen waren natürlich eifersüchtig, dass einer allein alle Damen abküssen darf. Aber jetzt ist W alt geworden. Und sein Nachfolger hat eine eigene hübsche junge Frau, eine Italienerin nota bene. So ändern sich die Sitten und die Eifersüchteleien, wie man sieht.
Wir sind etwas später eingetroffen, haben aber noch glücklich einen Parkplatz gleich vor der Garage des Besitzers gefunden. Jedenfalls hat er uns erlaubt, unser Gefährt dort stehen zu lassen. War ja auch wichtig, nicht noch zu weit im Regen gehen zu müssen. Und dann fanden wir am Ende des Mitteltisches noch zwei gute Plätze. Plätze sind gut oder weniger gut je nachdem, in welcher Runde man sitzt. Manchmal ist es ein bisschen langweilig. Dieses Mal sassen wir in einer Gruppe junger Leute. Und es gab lebhafte Diskussionen, die natürlich, Glas um Glas, immer leidenschaftlicher wurden. O, der Arzt, behauptete, es gäbe keine Beweise, dass Sport wirklich gesundheitsförderlich sei. Wirklich nicht. Du kannst dir vorstellen, dass eine solche Behauptung, noch von einem Arzt, einen gut und gerne eine halbe Stunde vor dem Spargelessen beschäftigen kann. Na ja, es gab noch andere Thesen, die in die Luft geworden wurde. Aber diejenige den Sport betreffend war wohl die verwegendste.
Und dann kamen die Spargeln. Wir sagen in der Schweiz ja 'die Spargel', während die Deutschen 'der Spargel' sagen. Jedenfalls haben sie gut geschmeckt zusammen mit der Hollandaise, Mayonnaise und Bärlauchsauce. Und daneben gab es verschiedene Arten Schinken zusammen mit kleinen Brötchen. Ich habe kürzlich gehört, dass man Spargeln nicht im Wasser kochen sollte, sondern gewürzt und eingepackt in eine Alufolie im Backofen etwa 30 Minuten sozusagen backen sollte. So bleibe der Geschmack beisammen und werde nicht im Sud ausgekocht. Aber ausprobiert habe ich diese gloriose Idee noch nicht. In deutschen Fernsehstationen sind Kochsendungen Mode geworden. Und wenn man sich ungeplant, wie ich das tue, ab und zu in die Programme hängt, gerät man leicht in solche Studieküchen hinein. Sie sind manchmal ganz unterhaltsam. Und man denkt natürlich, man lerne ein bisschen etwas dabei. Aber der Haupteffekt ist bloss, dass man zum Schluss mit einem riesigen Hunger im Bauch aufsteht und gleich in die eigene Küche eilt. Dort ist man dann enttäuscht, wie wenig sie auf einen Bärenhunger wirklich vorbereitet ist.
Und jetzt muss ich ans Werk. Ich hoffe, ich überstehe diesen tristen Tag. Weiss noch gar nicht, womit ich mich aufheitern kann? Vielleicht doch bloss mit dem Gedanken an den freien Auffahrtstag.
MLG
Mittwoch, 3. April 2019
Besuch bei Onkelchen
Schloss Lenzburg
Mein Fyrklöver
Am Sonntag abend fahren S und ich zu einem Onkel in Lenzburg. Jeden Sonntag tun wir das. Unser Onkel ist jetzt 92 Jahre alt. Vor 2 Jahren ist seine Frau gestorben. Und nun lebt er alleine in seinem schönen Haus direkt unterhalb des alten Schlosses, von dem du mir die Fotos geschickt hast. S bereitet eine schöne Mahlzeit vor, ich decke ordentlich den Tisch und öffne die Vorhänge, damit man zu fortgeschrittener Stunde frei aus dem grossen Fenster hinunter auf die Lichter der Stadt Lenzburg sehen kann. Man hat von hier oben eine wunderbare Aussicht auf die Ortschaft, weit hinten auf die Jurahügel und auf die untergehende Sonne. Und der alte Onkel geht mit kleinen schlurfenden Schrittchen in den Keller und holt eine schöne Flasche Yvorne. Und so essen wir zusammen am Sonntag Abend und wir plaudern ein bisschen. Am liebsten isst er gebratenen Lachs, ein bisschen Gemüse, voraus einen knackigen Salat und dazu den goldenen Yvorne, einen Weisswein aus dem Wadtland.
Kurt, so heisst mein Onkel, und seine Frau haben uns Kinder immer in den Ferien gehabt, als unsere Mutter gestorben war. Seine Frau Elisabeth fühlte sich als unsere Ersatzmutter. Ich erinnere mich, dass sie erzählt hat, wie unsere Mutter ihr das Versprechen abgenommen hatte: falls ihr einmal etwas zustossen würde, dann sollte sie sich um uns Kinder kümmern. Und Elisabeth hat das versprochen und hat sich dann wirklich um uns gekümmert, dies umso mehr, als sie selbst keine Kinder haben konnte. Als wir später in Visp lebten, fuhren wir jedes Jahr im Sommer zu ihnen in unsere alte Heimat in die Ferien. Elisabeth und Kurt führten gemeinsam eine Confiserie mit Laden und mit Tea Room. Das war für uns Kinder eine höchst interessante und abwechslungsreiche Umgebung, und beide, Onkel und Tante, waren den ganzen Tag in der Nähe. Es gab den Laden mit den vielen, wunderbaren Patisserien als Auslagen, wo wir lernten, den Kunden das Rückgeld herauszuzählen. Es gab die Backstube im Untergeschoss mit 3 oder 4 Arbeitern und Lehrlingen, wo es nach allem Möglichen roch und man da und dort insgeheim den Finger hineinstecken konnte, um zu kosten. Und es gab dieses Tea Room, wo die Leute zum Kaffee oder im Sommer für ein Eis kamen. Und zu all diesen interessanten Dingen kannten wir den Ort Lenzburg aus vergangener Zeit, erkannten noch oft Leute, die uns selbst aber nicht mehr kannten. Und wir gingen fast täglich ins grosse Bad etwas ausserhalb des Städtchens. Verglichen mit dieser Umgebung war Visp arme Provinz. Es gab in Visp damals noch kein Bad, es gab noch keine Tea Rooms und die Jugend bewegte sich noch nicht so frei und locker wie in Lenzburg.
Mit Onkel Kurt also sitzen wir sonntags zum Nachtessen zusammen, und er kommt ins Erzählen. Und er hat viel zu erzählen aus diesem Jahrhundert, das er fast ganz und von A bis Z miterlebt hat. Sein Gedächtnis ist noch wunderbar intakt. Und er war immer ein guter Plauderer und Erzähler gewesen. Mit ihm hatte ich mich stets bestens unterhalten, wie ich das mit meinem Vater nie gekonnt habe. Mein Vater ist ein technischer Mensch. Ihm fliessen die Gedanken nicht. Aber Kurt ist ein fantastischer Erzähler mit einem fantastischen Erinnerungsvermögen für Geschichten und Episoden. Beispielsweise erzählte er von seiner Zeit, da er als junger Mann im marokkanischen Fes, in Nordafrika gearbeitet hatte. Es muss kurz nach dem ersten Weltkrieg gewesen sein. Und Nordafrika war zu jener Zeit für Europäer, umso mehr für Schweizer ausserhalb der Grenzen der bekannten Welt, ausserhalb der Landkarte. Für ein Jahr hatte er in Fes eine Confiserie geführt und Erfahrungen mit Arbeitern aus dem Maghreb gesammelt. Und oft soll die Kinderfrau mit ihrem kleinen Zögling Hassan in das Geschäft gekommen sein, um einzukaufen. Hassan, der spätere König Hassan II. von Marokko, der damals ein kleiner Junge gewesen war, wollte in der Backstube das Feuer sehen. Kurt musste den Ofen öffnen und er warf eine handvoll (vielleicht heute Hand voll?) Salz in die Glut, so dass die Flammen aufwallten und emporschlugen. Der kleine Hassan soll jedes Mal wieder von neuem von diesem Spektakel begeistert gewesen sein.
Und er erzählt von seiner Elisabeth, mit der er ein Leben lang gemeinsam dieses Geschäft in Lenzburg geführt hatte und die immer eine etwas eigensinnige Frau gewesen war. Er sagt, und das fand ich rührend, er sagt, dass er sich heute besser mit ihr unterhalten könne, da sie gestorben sei. Früher seien sie immer wieder in Streit geraten, weil Elisabeth partout auf ihre Meinung zu beharren pflegte. Aber heute, da sie tot ist, sei das alles viel leichter und besser geworden. Sie sei jetzt umgänglicher.
Es ist schön zu hören, wie zwei Menschen zusammen in Loyalität und Liebe gelebt haben, und zu hören, wie relativ Liebe im praktischen Alltag ist. Wir jüngeren Generationen halten die Liebe für eine rein romantische, rein gefühlsmässige Angelegenheit. Doch früher war das primäre Ziel der Ehe die nackte materielle Existenz und das oekonomische Überleben. Gerade die höheren gesellschftlichen Kreise haben nicht aus Liebe geheiratet, sondern um die Interessen ihrer Familien zu wahren. Wenn sich daraus Liebe ergeben haben sollte, so war es ein Glücksfall.
Und dabei fällt mir bei Kurt und Elisabetz die schöne Geschichte von Philemon und Baucis ein, die man in Ovids Metamorphosen finden kann. Die alten und armen Eheleute Philemon und Baucis haben sich mit der gastlichen Aufnahme von Jupiter und Merkur (waren es diese beiden?) einen Wunsch verdient. Und sie wünschten sich, dass keiner den anderen überlebe, dass keiner das Schicksal zu ertragen habe, den Tod des andern betrauern zu müssen. Dieser Wunsch wurde ihnen gewährt und sie sind beide in je einen Baum verwandelt worden, die in naher Nachbarschaft noch heute beisammen stehen sollen.
Ich danke dir für die Lentburger Fotos, Marlena. Du hast wirklich hart gearbeitet und sie in wiederholten Versuchen zu mir nach Mitteleuropa herunter zu katapuliteren versucht. Ich kann dir sagen, sie sind angekommen. Das Schloss sieht natürlich in Natura noch viel romantischer und schöner aus. Besonder in der Herbstsonne habe ich es in herrlichster Erinnerung. Oder in der Nacht, wenn es rundum beleuchtet ist, schaut die Anlage auf dem steilen Hügel aus wie im Märchen. Und unmittelbar an diesem Hübel haben wir gewohnt. Und oft sind wir Buben in diesen Wäldern herumgezogen und haben gespielt, den Hund des Nachbars ausgeführt, oder im Winter auch Schlitten gefahren.
Du siehst Marlena, meine Briefe geraten langsam zum Tagebuch, wo ich in meinen alten Erinnerungen krame und alte vergessene Bilder wieder an die Oberfläche hole. Es ist natürlich sehr angenehm und schön, sie einem lieben und aufmerksamen Menschen erzählen zu können. Doch vielleicht sind sie für dich nicht sonderlich interessant.
Hast du deine Extra-Arbeit für die Schule geschafft? Hast du dich sehr geärgert darob? Wäre es nicht einfacher und unterhaltsamer, solche Arbeiten in einem Team mit einer Kollegin oder einem Kollegen zu erledigen? Warum fragen sie immer dich, wo du doch noch etwas Freizeit haben solltest, um ein paar schöne Mails zu schreiben? Und den Baum im Garten, hast du ihn schneiden können? Ich kann dir sagen, dass ich meine zwei kleinen Bäumchen am Sonntag Nachmittag rasch geschnitten habe. Und die Vorstellung, dass du vielleicht zur selben Zeit in deinem Garten stehst, vielleicht in einer etwas dickeren Jacke und mit einer grünen Gärtnerschürze, um euren Baum zu schneiden, diese Vorstellung hat mir sehr geholfen. Sonst hätte ich die Aufgabe wieder hinausgeschoben. Und das wäre schlecht gewesen, denn die Äste waren schon voller Triebe. Hast du gelernt, wie man Bäume schneidet? Ich habe selbst eigentlich keine Ahnung davon und ich studiere immer viel, wo und wie und warum ich abschneiden soll oder eben nicht soll. Vielleicht müsste ich mal eine Instruktion lesen! In meinem Elternhaus in Visp hatten wir viele Bäume im Garten. Doch für die Arbeiten, die einen Fachmann erforderten, schickte die Firma stets einen Gärtner. Er besorgte alles und man konnte ihn da und dort um Rat fragen. Bloss den Rasen hatte man noch selbst zu schneiden. Das war ziemlich bequem und wir waren verwöhnt. Hinter dem Haus hatten wir ein wahres Wunderwerk von einem Birnbaum. Er trug nur alle zwei Jahre Birnen. Aber in diesen zweiten Jahren warern es immer reichlich viele. Der Baum war über und über behangen mit hellgrünen grossen Früchten. Man pflegte sie noch grün zu pflücken, um sie dann sorgfältig im Keller auf die Hurd zu legen. So färbten sich die Birnen innert einigen Wochen gelb und gelber, bis man sie schliesslich zuckersüss und fast butterweich essen konnte. Ach, was haben wir damals Birnen gegessen! Ich habe diesen süssen herbstlichen Geschmack noch heute auf der Zunge. Und vor allem klingt in Mund und Gaumen dieses saftig-weiche Fruchtfleisch mit einer etwas herben, mit braunen Punkten besetzten, gelben Schale nach.
Schön, wie dich deine Anna am 1. April...
Montag, 25. März 2019
Und dann ...
...
Und dann bin ich zwischen 0200 und 0300h aus einem bösen Traum erwacht. Stell dir vor, ich will dir diese Horrorgeschichte erzählen, Marlena: Ich war mit dem Auto unterwegs, S sass neben mir. Ich glaube, irgendwie hatte unser Wagen hier Rechtssteuerung. Und dann kam ich an eine Stopstrasse, wo man entweder nach links oder nach rechts abbiegen konnte. Und in der Mitte war eine kleine Insel und davor eine dicke ausgezogene Sicherheitslinie. Kannst du dir das vorstellen? Also, ich komme auf diese Stopstrasse zu und will nach links abbiegen. Aber im letzten Moment merke ich, dass ich eigentlich nach rechts abbiegen sollte. Und ich versuche das noch zu korrigieren und überquere diese breite Sicherheitslinie, was ja nun im Strassenverkehr eine Todsünde darstellen soll. Und weil viel Verkehr war und vor dem Stop praktisch Kolonnen warteten, stand ich nun quer und völlig deplaziert hier zwischen den Kolonnen und natürlich unmittelbar auf dieser brennendweissen Sicherheitslinie. War ja alles sehr unangenehm, aber doch noch nicht das Ende der Welt! Die bösen Gesichter der Fahrer rundum schaute ich schon gar nicht an. Ich hatte bloss den grossen Wunsch, von dieser queren Position und dem Sicherheitsstreifen weg zu kommen. Und da sah ich ihn. Klein und unscheinbar stand er da drüben und äugte in meine Richtung. Natürlich hatte er mich schon ausgemacht und kam näher. Es war ein Polizist in schönster Montur, blau, mit weissem Ledergurt und Pistolentasche, so wie damals der Ortspolizist von Visp. Er nahm mir aus dem Verkehr und war völlig entgeistert, dass er sowas wie mich in seinem Leben noch ansehen müsse. Und er rechnete mir vor, wieviele Verfehlungen ich hier gerade begangen hätte und addierte absichtlich etwas umständlich und betont und kam auf eine Busse von sage und schreibe Fr. 750.-. Meine S nebendaran machte keine Anstalten, mir zu helfen. Ich war diesem Monster von einem Polizisten völlig ausgeliefert. Und ich sage dir, Marlena, hätte ich mich nicht schnellestens in den Wachzustand geflüchtet, der Bulle hätte mir sicherlich auch noch den Fahrausweis abgenommen!!! Also zog ich es vor, zu erwachen. Und dann lag ich im heissen Bett und schaute um 0300 frühmorgens in das dunkle Zimmer hinein und freute mich über die Fr. 750.-, die ich soeben gewonnen hatte.
Man könnte jetzt die PA bemühen und den Traum interpretieren. Doch meine Kurzdiagnose lautet: zu viel gegessen! Das ist alles, ein Magen-Darm-Problem, weiter nichts. Und sowas sollte mich 750.- kosten, das wäre doch gelacht, wenn ich das bezahlen würde! Und dann, meine Liebe, ist mir unser Chat wieder durch den Kopf gegangen und ich bin selig wieder eingeschlafen.
(---)
Und jetzt ist 0800Uhr und ich muss an die Arbeit.
Ach, ich wollte dir noch vieles sagen. Unter anderem unter §5, littera b, Absatz 3, dass ich dich echt mag. Nun ja, so wie man eben Mausfreundinnen mögen darf, ohne dass das gleich als Verletzung der Monogamie bestraft würde.
Mit einem schönen Morgengruss
...
Sonntag, 24. März 2019
Fortsetzung - Kontrakt für ...
...
Ich muss dir was erzählen. Ich bin dann also auf den Zug gerannt. Und zuhause hat meine S gewartet mit einem Geburtstagsessen eigentlich. Obwohl sie alle schon gegessen hatten, war das eine feine Mahlzeit. Es gab einen schönen Fisch (kann dir den Namen nicht sagen, war ähnlich wie eine Forelle, war aber keine Forelle). Ich esse sehr gerne Fisch, lieber gebraten als gekocht und mit Sauce. Am liebsten etwas knusperig, so mag ich die Haut. Es gibt Leute, die die Haut zur Seite schieben. Das könnte ich nie. Die Haut ist wirklich der clou des Fisches. Also, habe ich meinen schönen Fisch tranchiert und von den Gräten gelöst und genossen. Dazu gab es Kartoffeln. So habe ich gestern abend etwas mehr gegessen, als ich es sonst abends üblicherweise tue. Und nach dem Essen nehme ich meist einen Schwarztee, der lange gezogen hat. Er kann meinetwegen einen Tag im Kraut gelegen haben. Wenn man den Schwarztee kurz ziehen lässt, regt er an und belebt. Wenn man ihn lange ziehen lässt, dann beruhigt er. Es kommt dann viel Tannin in den Tee. Diesen etwas bitterliche Geschmack, den man auch beim Rotwein hat, den mag ich sehr. Und er beruhigt. So habe ich meinen Tee getrunken und dazu ein Stück Quarkkuchen gegessen, den meine Mutter zu B's Geburtstag gemacht hat. Quark mit Früchten, hat vorzüglich geschmeckt, zwischen einem Biskuit-Teig. Nach dem Fisch soll man etwas Süsses essen. Und dann war es schon gegen 2300Uhr. Und ich bin schon bald einmal ins Bett gegangen. Man sagt doch, der Schlaf vor Mitternacht sei der gesündeste. Deshalb versuhe ich in letzter Zeit - vielleicht werde ich vernünftig? - etwa um 22Uhr ins Bett zu gehen. Das verlangt mir jeden Abend viel Disziplin und Überwindung ab. Aber ich versuche es momentan. Allzu schnell bin ich nicht eingeschlafen, habe mich noch etwas unruhig gewälzt. Und dann bin ich zwischen 0200 und 0300h aus einem bösen Traum erwacht. Stell dir vor, ich will dir diese Horrorgeschichte erzählen, Marlena:
Ich war ...
Donnerstag, 21. März 2019
Kontrakt für ein Maus-Leben
Subject: §5
Date: Fri, 31 Mar 10:17
Mein Fyrklöver
Es hat noch gereicht, gestern. Ich habe den Zug noch erwischt. Allerdings konnte ich den PC nicht mehr abstellen, den grossen nicht. Diesen kleinen hier, für den hat es gerade noch gereicht. Du musst mich wirklich entschuldigen, dass ich so rasch weg war. ...
Aber unser Chat war wunderbar. Es war, na ja, wie soll ich dir das sagen. Es war wie an einem regnerischen Abend im Frühwinter. Es ist schon dunkel. Du solltest noch rasch zur Post, und dann wären da noch zwei oder drei andere Kommissionen. Und du rennst, damit du noch hinkommst, bevor sie schliessen. Und es regnet und ist trüb. Und alle Leute rund um dich rennen auch irgendwelchen Sachen nach. Und dann plötzlich siehst du SIE. Sie steht da im Licht von irgendwas, vielleicht eines Schaufensters. Sie strahlt in ihrem blonden Haar. Und sie schaut dich an und lächelt. Und da merkst du: alles ist gut. Alles geht in Ordnung. Die vielen kleinen Dinge, denen du nachrennst, sie sind ja nur halb so wichtig. Darüber schweben diese grossen Dinge, die schön sind, die ruhig sind, die beständig sind und die dich erhellen.
Es war eine schöne Überraschung. Ich habe dich nie und nimmer dort erwartet. Ich habe gedacht, du schwitzt schon hinter deiner Extra-Arbeit und schimpfst über deinen Chef. Ich bin auch so, wenn ich eine Aufgabe habe, drücke ich mich gerne herum und lenke mich mit anderen Sachen ab. Aber wenn man es genau nimmt, hat man mit der Arbeit schon angefangen, denn im Hinterkopf dreht man sie schon hierhin und dorthin und beschäftigt sich damit. Das ist vielleicht wichtiger, als man denkt. Och, ich bin ein Superspezialist, die Dinge auf die lange Bank zu schieben. Ich glaube nicht, dass du mich in dieser Disziplin schlagen könntest, Marlena.
Unser Chat war dann einfach viiiiieeeel zu kurz. Ich hätte dich noch sovieles fragen wollen. Soviel ist noch offen gelbieben. Tut mir leid für die Idee mit dem French Corner. War ein Flop. Ich hatte gedacht, weil dort fast keine Leute sind, würde es viel rascher gehen. Und natürlich war die Vorstellung schön, mit dir allein in einem Raum zu sein. Auch wenn es vielleicht eine Eishalle oder so was ähnliches gewesen sein könnte, wo die Stimmen widerhallen und keine Atmosphäre aufkommt. Du warst ja skeptisch, und du hattest recht damit.
Ich musste laut lachen, als du vermutet hast, ich wollte den Leuten im Chat ausweichen, die mich ansprechen. Ich fand das so ähnlich wie Eifersucht, und das habe ich natürlich genossen. Es ist immer schön, wenn der andere eifersüchtig ist. Aber ich bin es - zugegeben - auch ein bisschen. Obwohl ich es nicht sein will. Dieses Besitzergreifende ist ja doch auch sehr destruktiv manchmal. Aber es ist eben so schön, weil es die Beziehung exklusiv macht.
Es ist wahr, wie du sagst, beim Chat ist die andere Person näher als beim Mail. Das macht es spannend und aufregend manchmal, obwohl da ja auch sehr viel lauwarme Luft hin und her geht. Nicht bei uns natürlich, wohlbemerkt! Bei uns ist sie zumindest heiss, die Luft!
Ich habe mir die halbe Nacht überlegt, ob wir deinen §5 wirklich und unausweichlich in unseren Kontrakt aufnehmen müssen. Müssen wir das wirklich? Du hast gesagt "nicht verlieben". Wenn du darauf bestehtst, Marlena, nehmen wir den §5 auf. Wir müssen, wenn es so weitergeht, bald einen Juristen in unseren Club aufnehmen. Nein, das ist noch zu früh. Ich wollte dir nur zu bedenken geben, dass es natürlich verschiedene Arten von Liebe gibt. Und vielleicht ist es ja auch so, dass bei vielen Menschen eine grosse Tendenz besteht, immer wieder in die eine grosse Liebe zurückzukehren, oder hinzugehen. Wie heisst es doch, es gibt ein französisches Sprichwort: Man kehrt immer wieder zur ersten Liebe zurück (vielleicht kennst du den französischen Wortlaut?). Das ist, so glaube ich, sehr wahr. Das ist im Grunde auch, was die Psychoanalyse behauptet, obwohl ich dieser heute nicht mehr ganz alles glaube. ...
Was ich also sagen wollte, es gibt doch verschiedene Arten von Liebe, was wir in unserem §5 berücksichtigen sollten. Es gibt ja auch die Schwesternliebe, die Elternliebe, die Hassliebe, die blinde Liebe, die Menschenliebe, die platonische Liebe undsoweiterundsofort. Also, meine Liebe, wir haben doch da eine gewisse Auswahl in der Formulierung unseres §5, nicht wahr. Das Problem ist vielleicht, dass das Wort immer das gleiche ist. Die Liebe ist ja doch eine grosse christliche Mission. Das muss man auch sagen. Ich schlage vor, wir formulieren deinen §§-Antrag vorläufig und provisorisch: never fall in love again. Klingt echt hart!
(...)
Vielleicht noch zur Repetition vor dem Schlafengehen?
§1 Es gibt im Internet eine sogenannte "Maus-Freundschaft".
§2 ...dass unser Kontakt uns beide von innen erleuchtet, so dass wir, du in Stockholm und ich in Basel, für unsere Lieben der Familie und unsere Leute der Umgebung eine geheinmisvolle Serenität ausstrahlen können.
§3 Es darf nie etwas Negatives für unsere Nahestehenden bedeuten.
§4 En cas de guerre sonnez deux fois.
§5 Never fall in love again.
Ich will dir dann mal über meine wirklich erste Liebe erzählen. Das war in der 1. Klasse der Grundschule und sie hatte ein hübsches Haarschwänzchen. Und über meinen Französisch-Professor am Gymnasium, der daherkam wie ein Maffia-Boss, über den wollte ich dir auch berichten. Er ist mir heute Nacht in den Sinn gekommen. Echt hektisch, nicht wahr?
Mittwoch, 20. März 2019
Extra Arbeit
Subject: Extra Arbeit
Date: Thu, 30 Mars
Lieber ... !
Ein neuer Tag mit Sonnenschein.:-) Eigentlich wünsche ich mir nur eins im Moment, nämlich dass ich nun noch nicht arbeiten müsste und deinen lieben langen Brief sofort beantworten könnte.
Wieder habe ich einen schönen kleinen "extra-Auftrag" von unseren Direktoren erhalten. Bis Montag Abend soll ich einen Plan fertig haben wie wir die Sprachstunden verlegen werden in dem neuen Gymnasium, also welche Kurse und in welchem Schuljahr (Klasse).. Das ist nun eigentlich die Aufgabe des Schulwerkes. Sie delegieren es jedoch an die Direktoren der Gymnasien und diese wiederum weiter an die "programansvariga" wie man sie bei uns nennt. (ansvarig =verantwortlich).
Vielleicht werde ich in dieser Periode mehr an dich denken als schreiben. Doch es kommen bessere Zeiten, die ich hoffe mit dir zu verbringen (in unserem Maus-leben meine ich natürlich ;-)
Wünsche dir einen schönen Tag und freue mich natürlich wenn du trotzdem bald wieder von dir hören lässt.
Deine Maus-freundin
Marlena
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