Sonntag, 30. September 2018

Haustiere und andere Menschen (3) - unvorstellbar




...

Später, als ich schon in Zürich studierte und nicht mehr zuhause wohnte, da kam offenbar doch noch eine Katze in unser Haus. Wahrscheinlich hatte meine kleinste Schwester die Eltern genervt und gelöchert, bis sie zustimmten. Es war ganz erstaunlich. Es war einfach unvorstellbar. Schliesslich konnte man meinen Vater auf dem Sofa in der Stube finden bei seiner Siesta nach dem Essen, und die Katze hockte ihm auf dem Bauch und schnurrte. Stell dir dieses Bild vor, Marlena, wie der heilige Francesco, der mit den Tieren zu sprechen pflegte. Mein Vater, der nie und nimmer ein Tier in seinem Haus haben wollte, stellt sich als Liegekissen für eine ganz gewöhnliche Katze zur Verfügung!!! Es ist einfach unvorstellbar, wie sich die Menschen ändern und verrenken können. Oder andersherum: es ist einfach erstaunlich, was Katzen in ihrem kurzen Leben erreichen können. Sie haben einen sehr harten Kopf und einen eisernen Willen. Und sie wissen, was sie wollen. Von den Katzen können wir uns ein gutes Stück abschneiden. Das dürfen wir uns merken.

Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir ...

Samstag, 29. September 2018

Haustiere und andere Menschen (2)





Ich glaube mein Vater war immer strikt gegen Haustiere. Wir
hatten eine Schildkröte im Garten, die mein Vater einmal von Beirut heimgebracht hatte. Es waren ursprünglich zwei gewesen. Doch die eine war nach einiger Zeit gestorben und ihr Schild steht heute noch auf dem Fenstersims meiner Eltern. Die zweite hatte ein langes Leben und wanderte in unserem Garten herum, wanderte von Garten zu Garten. Wir waren in ganz Visp bekannt als "die mit der Schildkröte". Die Schildkröte frass Salat, gerne auch Kirschen oder Früchte, und döste am liebsten in der Sonne vor sich hin. Als Junge hatte ich sie nie wirklich als Tier genommen, denn mit einer Schildkröte kannst du absolut nichts anfangen. Du kannst nicht mit ihr spazieren gehen, zu kannst nicht Ball spielen, sie gibt absolut keinen Laut von sich, sie hat eine etwas unangenehm kalte und geschuppte Haut, und sie schliesst die Augen von unten nach oben. Also, unsere Schildkröte aus Beirut war wirklich kein echtes Tier. Sie hatte nicht einmal einen Namen. Vielleicht war das der Fehler, dass mein Vater ihr nicht mal einen Namen ausgesucht hatte. Sie kam einfach eines Tages an, als wir Kinder noch sehr klein waren, in einem Korb und zusammen mit etlichen Büchsen voller Oliven. An die Oliven kann ich mich noch fast besser erinnern als an die Schildkröten.
Die Schildkröte musste man jährlich im Herbst in den Keller bringen und ihr ein Winterlager mit Laub und etwas Erde bereiten, sonst wäre sie im Garten erfroren. So schlief sie in unserem Weinkeller neben den Schnapsflaschen, die mein Vater jeweils auf Neujahr von den verschiedensten Firmen erhielt.

Es ist schade, das sie keinen Namen hatte. Heute würde ich sie Esmeralda oder ähnlich nennen, und zur Taufe eine kalte Flasche Schaumwein herumreichen. Aber das ist jetzt zu spät. Unsere Esmeralda, die nie wirklich Esmeralda heissen konnte, wanderte wohl wie eh und je aus unserem Garten aus in den nächsten und dann weiter. Sie hatte ein wirklich internationales Bewusstsein. Und so wurde sie einfach nicht mehr gefunden. Sie blieb verschollen, unsere Esmeralda. Und keiner weinte ihr wirklich eine Träne nach. Denn sie war zwar ein Tier, aber nicht ein Tier, wie man es sich als Kind vorstellt. Sie war ein kaltes, ein stummes und ein sehr unbewegliches Tier. Niemand wusste auch, wie alt sie war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Esmeralda, steinalt sein musste. Ein solcher Schild aus Horn, der ganz merkwürdig roch, ein solches Ding produziert man nicht einfach in Monaten oder Jahren. Da liegen Jahrhunderte drin, dachte ich mir.
Später, als ich schon in Zürich studierte ...

Freitag, 28. September 2018

Haustiere und andere Menschen (1)


Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett ...   und im Hintergrund die Wellensittiche, die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher Ruhe und Friedlichkeit. Zwei Wellensittiche im Bauer (das Wort wird in der Schweiz selten gebraucht, ein schweizerischer Sekundarschüler würde es nicht kennen), das schaut mir sehr nach bürgerlicher Trautheit aus. Gehören die zwei Vögelchen deiner Anna?
Ich habe mir als Kind immer ein Tier gewünscht. Am liebsten einen Hund, oder vielleicht eine Katze, nun ja, ich hatte nicht einmal so genaue Vorstellungen. Lange Zeit hatte ich gar geglaubt, die Hunde seien die männlichen und die Katzen die weiblichen Tiere. Also, einen schönen Hund hätte ich fürs Leben gern gehabt, einen Irish Setter, von dem habe ich oft geträumt. Sicherlich kennst du diese wunderschönen roten Hunde mit den langen Haaren und der sympathischen Schnauze. Doch zur Not wollte ich mich auch mit einer Katze, mit einer getiegerten oder mit einer gefleckten zufrieden geben. Aber meine Eltern waren strikte dagegen.
Nur einmal in meinem Leben hatte ich eine Serie weisser Mäuse. Sie waren die reine Occasion, denn ein Nachbarskamerad hatte sie, und seine Eltern hatten ihm das Ultimatum gestellt, weil diese zierlichen weissen Tierchen mit den roten Augen heftig stanken. So gab er mir die ganze Anlage, ein kleiner zweistöckiger Stall aus Holz mit Türchen und Riegelchen. Doch ich durfte die lebendigen Dinger nicht ins Haus nehmen. Und draussen - so befürchtete ich - würden sie von den Katzen gefressen. So stellte ich über ihre kleine Holzvilla ein grosses Gitter, und darüber legte ich einige Tücher, damit sie nicht erfrieren würden.
So war ich etwa für 14 Tage stolzer Besitzer von etwa 5 oder 6 stinkenden, weissen Mäusen. Es dauerte solange, bis meine Eltern fanden, es sei wirklich genug und sie stinkten wirklich bestialisch, so dass auch ich schlussendlich ein Ultimatum bekam und den nächsten Dummen suchte, der die kleine Menagerie übernehmen würde. Irgendwie gelang mir das. Doch ich weiss nicht mehr, wie ich den Mausezirkus wieder los wurde. Aber irgendwie wurde ich ihn los. Die kleinen Tiere umzubringen, dazu hätte ich das Herz nicht gehabt. Das waren meine 14-tägigen Erfahrungen mit
der Maus. Und von daher vielleicht meine Lebenserfahrung und mein Expertentum in Sachen Mausfreundschaft ;-)).
Ich glaube mein Vater ...


Sonntag, 23. September 2018

Vergessen?




Ämne: Freitagmorgenbeivollemnebel
Datum: den 5 december 09:53


Liebe Malou
Ob man wirklich nichts vergisst im Leben, das weiss ich nicht. Also bei mir ist das nicht der Fall. Und sollten Hypnotiseure behaupten, es wäre anders, dann muss ich mich als Weltwunder bezeichnen. Ich kann vieles und mit Leichtigkeit vergessen. Ich bin ein sehr begabter Vergesser. Und manchmal bin ich so bass erstaunt, dass etwas war, wie ich es nie für möglich gehalten hätte, dass ich denke, ich wäre während dieses Ereignisses wohl für einen Moment in einer anderen Welt gewesen, um rasch einige kleine Kommissionen zu erledigen. Oder vielleicht bloss im anderen Zimmer? Aber natürlich ist das so genannte Altzeitgedächtnis ein riesiger Speicher, und die wichtigen Erlebnisse sind ganz eigentlich in den Körper eingebrannt, in Muskelspannungen und Sinnesbahnen. Deshalb kommen Erinnerungen so leicht zurück über Geschmacks- und Geruchsempfindungen, und wohl auch über motorische und taktile Erinnerungen. Siehe Prousts Madeleines, eine Erinnerungsfigur, die er offenbar bei Wagner abgeschrieben hat, wie ich kürzlich in einem Artikel gelesen habe. Aber ich glaube nicht, dass er so was abschreiben musste. So etwas weiss doch jeder Mensch irgendwie in seiner privaten Welt.

(---)

Ich bin gestern rechtzeitig nach Hause gegangen, um meine Müdigkeit zu pflegen, habe vor dem Fernseher bei Fliege fast eine Stunde geschlafen und abends Walter empfangen. ...

Manchmal dreht sich das Leben ein bisschen im Kreis
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende.
Mit lieben Grüssen
...








Freitag, 21. September 2018

Donnerstag, 20. September 2018

Subject: Elche

(R)



Date: Sat, 01 Jul 2000 08:38:38 GMT

Liebe Marlena,
Heute oder morgen wird die Verbindung zwischen
Dänemark und Schweden eingeweiht, nicht wahr, oder
dem Verkehr übergeben? Wie heisst es, Öresund oder so.
Dann brauchen die Elche nicht mehr nasse Füsse zu
bekommen, wenn sie nach Dänemark auswandern
wollen. Dann können sie in Kolonnen über diese Brücke
wandern und in der Mitte noch ein schönes Picknick
machen ;--)
Wenn ich dich jetzt in Stockholm besuche, könnte ich dies
trockenen Fusses. Nun ja, das wäre ja schon bisher möglich
gewesen, aber mit einem grossen Umweg, nicht wahr? Aber
jetzt könnte ich wirklich gleich meine Pantoffeln
anbehalten. Das ist doch ein gutes Gefühl.
Ich werde es mir überlegen.

*

 (den 24 maj 2000 01:05)

Lieber Mausfreund,

Zum Elch. Am Wochenende ist, wie du schon weisst, der dänische Elchstamm ausgestorben.;-) D.h. die Dänen haben gar keinen gehabt, aber dann ist eben ein schwedischer Elch rübergeschwommen und nun ist dieser arme Elch von einem Zug überfahren worden.
Wir vergleichen eigentlich nie Menschen mit einem Elch. Er ist der König des Waldes und bei den Elchkälbern lacht man über die langen Beine. Sie sehen so unbeholfen aus damit als würden sie jeden Augenblick umfallen. Die Beine stehen oft in alle Himmelsrichtungen. Tun sie das bei dir auch? Übrigens kann ich nicht verstehen warum die Ausländer immer so verrückt sind nach diesen Tieren.



aber  heute: 


Nach 5000 Jahren  -  Elche zurück in Dänemark






Dienstag, 18. September 2018

Grau und schwarz



Ämne: Grau und schwarz..
Datum: den 4 december  20:05

Liebster Mausfreund,

Ja, sicher ist es so, dass du dich besser an Details erinnern wirst, weil du sie einmal niedergeschrieben hast. Aber wenn ich deine Mails so lese, kommen mir fast zu jeden Abschnitt Erinnerungen, die ich meines Wissens niemals niedergeschrieben habe und ich wundere mich sehr, dass es sie noch in meinem Gedächtnis gibt. Vielleicht vergessen wir wirklich nichts. Das weisst sicher du am besten, da du dich auch in Dingen Hypnose auskennst.
In letzter Zeit habe ich manchmal den Eindruck, oder lass mich sagen die Angst, dass ich mich wiederhole. Du kennst mein Leben schon so gut und ich weiss nicht mehr genau, was ich dir eventuell noch nicht erzählt haben könnte. Aber vielleicht ist es nicht so schlimm, wenn etwas nochmals erzählt wird. Tut man ja schliesslich oft im RL mit Dingen, an die man sich gern erinnert.

(---)

Schön, dass du dein Herz bei dir hast.. :-) Und diese Müdigkeit, die nachkommt ist ganz natürlich, wenn einen nach so vielen Erlebnissen und Kontakten mit Menschen, wieder der eintönige Alltag wie ein Hammer auf den Kopf trifft. Dann ist es auch sicher schön eine Delegation von jungen Pädagoginnen zu empfangen, die einen wieder ein bisschen aufheitern können.

Lustig diese Radtour. Anna wollte immer Radtouren machen. Lange Radtouren, deren Ziel sie nicht im Vorhinein bestimmt hatte. Und manchmal, wenn sie keinen gleichaltrigen dafür gefunden hat, bin ich mitgekommen. Es ist eigentlich herrlich die Landschaft mit dem Velo zu erleben. Man kommt genügend schnell voran und man hat den herrlich nahen Kontakt zur Natur. Bei uns ging es dann meistens auf kleinen schmalen Waldwegen voran, und wenn man schon eine lange Strecke hinter sich gelegt hatte, wollte man diese absolut nicht zurückfahren sondern versuchte immer irgendwie auf Umwegen wieder nach Hause zu gelangen.
*
Ach, jetzt erinnere ich mich gerade, das ich morgen noch Informationen über alle meine Schüler an ihre Mentoren abgeben muss. Sie werden dann von diesen an die Eltern un Schüler weitergeleitet. Es ist immer eine Übung in der Kunst etwas zu sagen ohne was gesagt zu haben. Wenn du verstehst, wie ich das meine..

So grüsse ich dich nochmals an diesem dunklen Abend und wünsche dir einen guten Rutsch den letzten Hang hinunter ins bevorstehende Wochenende.
M + K,
Malou