Ämne: Late night show
Liebe Marlena
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Zur Zeit lese ich Nietzsche. In meiner katholischen
Mittelschule war er natürlich ein absoluter Teufel und eine persona non
grata. Was immer ich über ihn gehört hatte, ich musste zum Schluss
kommen, dass er nicht ganz richtig im Kopf sei. Und jetzt, wenn ich ihn
lese, muss ich feststellen, dass er doch sehr intelligent und auch ein
guter Psychologe war. Ich weiss, dass Freud ihn bewundert hat. Und er
war Professer der Altphilologie in Basel. Und er soll ein sehr scheuer
Mensch gewesen sein. Er hatte auch Stunden im Mädchengymnasium in Basel.
Und als die Mädchen ihm in einer Stunde einen Blumenstrauss auf das
Katheder gestellt hatten zu seinem Geburtstag, da soll er sein Pult
während der ganzen Stunde gemieden haben, als ob er alles nicht gesehen
hätte. Er war ein wunderlicher Kerl. Und später, in Turin, soll er
weinend ein Pferd umarmt haben, weil es vom Kutscher geschlagen worden
war. Aber zu jener Zeit war er schon hinüber.
Nein, er ist wirklich
sehr intelligent, unser Herr Nietzsche. Und er ist ein echter Philologe.
Die Art, wie er argumentiert, ist wirklich so sehr am Text haftend, wie
man es heute selten mehr sieht. Diese gewisse Flüchtigkeit und
Verbalität der Argumentation, das liest man nicht mehr heutzutage. So
wenigstens habe ich das Gefühl. Und ich glaube, ich habe ein ziemlich
gutes Gefühl für Sprache.
Wie könnte man seine Erkenntnisse
zusammenfassen? Ich würde im Moment sagen, dass sein Hauptsatz heisst:
unsere Welt ist ein Kunstwerk. Wir machen die Welt selbst. Es ist nicht
so, dass sie da wäre, und dass wir sie uns anschauen oder zu Gemüte
führen müssten. Nein, unsere Welt ist soviel wie ein Traumgebilde. Und
wir sind die Träumer, das heisst, wir sind Künstler. Wir hängen viel zu
sehr an der Realität, denn eigentlich hängt ja die Realität von uns ab.
Das waren schon ziemlich revolutionäre Gedanken am Ende des letzten
Jahrhunderts. Wir sind der Grund der Realität. Und nicht die Welt.
Das
heisst doch wohl, wenn wir an der Welt verzweifeln, dann verzweifeln
wir an uns selbst. Und das, meine liebe Marlena, ist nicht neu.
Er war wirklich genial, Nietsche. Ich muss noch etwas mehr lesen von ihm.
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Ja, unsere Vorstellungen von Glauben sind vom modernen Wissen
geprägt. Und wenn Du sagst, Du beneidest Menschen, die einen starken
Glauben haben, so meine ich dasselbe. Aber ich meine darüber hinaus,
dass man einen solchen Glauben haben kann, ohne religiös im kirchlichen
Sinne zu sein. Es gibt vielleicht junge Menschen, die ein bestimmtes
Lebensziel haben. Und sie glauben daran und erreichen es damit auch. Ich
meine diesen starken Glauben, dass man Wünsche hat, dass man glaubt, die
Wünsche werden wahr, und dass sie schliesslich auch wahr werden. Man
sagt dann, diese Menschen seien "willensstark", sie "wissen, was sie
wollen" und so weiter. Aber eigentlich haben sie doch bloss in sich
einen starken Glauben an das, was sie sich wünschen, und dass sie es
schaffen werden. Wahrscheinlich fühlen sie diese gewünschte Zukunft als
Teil von sich, und nicht äusserlich wie jene Menschen, deren Wünsche
dann nicht erfüllt werden. Sie wünschen sich also beispielsweise nicht,
dass sie einen Lottogewinn machen werden. Denn so was liegt nicht in der
Möglichkeit ihrer Selbstwirksamkeit. So was hängt allein vom Zufall ab.
Aber gesund zu sein, ein berufliches Ziel zu erreichen, einegute Ehe zu
führen, Rom zu besuchen (um dann zu sterben, wie die Redensweise sagt),
all dies sind solche Dinge, an die man glauben kann. Die Psychologen
haben einen Begriff, der diese menschliche Kapazität auch einigermassen
meint. Es ist die "Selbstwirksamkeit". Menschen sind überzeugt, dass
das, was im Leben geschieht, letztlich auf sie selbst und ihre eigenen
Bemühungen zurückgeht. Und das erlaubt letztlich, ihnen "mein" Leben zu
sagen. Ach, ich glaube, das ist schon wieder ein wenig
existenzialistisch gedacht. Aber natürlich ist es trotzdem richtig. Der
Existenzialismus hatte ja doch Einsichten, die immer noch richtig sind.
Und wenn ich Nietzsche lese, merke ich, dass er sie vorher schon gehabt
hat. Es gibt doch diese merkwürdige Bemerkung Freuds, der gesagt, und
vielleicht sogar irgendwo geschrieben haben soll, dass er nicht mehr
Nietzsche lesen könne, weil der Philosoph viele der Einsichten schon
gemacht hatte, die Freud mit seinen langsamen undgründlichen
Überlegungen in seinen Schriften dann schliesslich auch mache.Ich bin
überzeugt, dass das auch wirklich so war. Ich glaube, dass die
Psychoanalyse damals "in der Luft" gelegen hat. Die Leistung Freuds
liegt vielleicht weniger in der Erfindung der Psychoanalyse als in der
fleissigen Sammel- und Schreibarbeit. Es gibt jene hübsche
Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, die mir sehr psychoanalytisch
vorkommt. Sie glaubt an dieselben Mechanismen, an die auch die PA
glaubt.
Sigmund Freud muss sehr ehrgeizig gewesen sein. Das sieht man an jener
Denkfigur über die dreifache Kränkung der Menschheit. Die Figur ist gut,
aber sie zeigt auch seine Ambitionen. Freud meint, der erste Kränkung,
welche die Menschheit zu verkraften hatte, sei die Erkenntnis
Kopernikus' gewesen. Er habe damals - mit dürftigen Mitteln übrigens -
bewiesen, dass sich nicht etwa die Sonne um die Erde, sondern die Erde
um die Sonne drehe.Das hatte man zwar schon in der Antike gewusst, aber
wieder "vergessen". Die Beleidigung des menschlichen Selbstbewusstseins
lag ja wohl darin, dass wir einsehen mussten, dass wir und unsere Welt
nicht das Zentrum des Alls sind. Wir hausen auf irgend einem
"Nebenstern". Und die zweite Beleidigung dann kam von Darwin und seiner
These der Evolution, -- Darwin hat übrigens nicht behauptet, wir
stammten vom Affen ab. Und er konnte seine Theorie auch nicht so genau
beweisen, weil da noch das sog. "missing link" fehlte. Es war ein reiner
Indizienprozess. Aber die Beleidigung bestand darin, dass wir Menschen
eben auch bloss gut entwickelte Tiere seien. Und auch mit dieser Aussage
hatte der Vatikan seine grosse Mühe. Und schliesslich kam noch Freud
und behauptete, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus sei. Viele
seiner Gedanken, Wünsche und Taten sind nicht besonders rational, wie es
scheint,sondern sie sind beeinflusst vom Unbewussten, welches sozusagen
ein eigenes trübes Regime führt. Aus der dunkeln Suppe des Unbewussten
also handelt derMensch, und er ist nicht (vielleicht nicht nur?) dieses
animal rationale, das man immer behauptet hatte.
Ist deutlich, dass das eine hübsche Denkfigur darstellt. Man könnte sich
natürlich fragen, wer denn sei "die Menschheit"? Gibt es da eine
Kollektivseele, die sich beleidigen lässt? Lassen sich gut entwickelte
Affen auf dem Nebenstern, die aus biologischen Urgründen handeln und
denken, lassen sie sich wirklich beleidigen? Und wenn ja, welches wäre
die nächste, die vierte Beleidigung? Vielleicht jene von Präsident Bush,
der immer wieder in die Welt schreit, dass es neben den Menschen auf
unserer Welt noch wilde Tiere gebe, die sich darauf spezialisierten,
Terror zu treiben? Ich meine, das allein bestätigt schon Darwin, dass
wir hier mehr oder weniger in einem Affenhaus leben.
---Mlgukua