Montag, 23. Februar 2015

Doppelbürger im Jenseits

Melancholie
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Habe ich dir erzählt, dass wir musulmanisch geheiratet haben. Also, das muss ich dir zum Schluss noch rasch erzählen:
Ich weilte als junger Student in Persien. Und wir entschieden uns, zu heiraten, damit S. überhaupt nach Europa kommen konnte. Ich wollte eine ganz einfache Geschichte. Damals war die Zeit der 68er, der studentischen Formlosigkeiten. Ich hätte auf einer Parkbank heiraten können, oder in einer Waldlichtung. S's Eltern gaben aber zu bedenken, dass man schon ein paar Verwandte einladen sollte. Ich war mit "ein paar" einverstanden. Und dann begann die Schwiegermutter, eine Liste zu schreiben. Das dauerte mehrere Tage, kannst du dir vorstellen. Es waren schlussendlich mindestens 100 Personen, die sie einluden, zumindest für den zweiten Teil in einem Hotel Teherans. Zuhause war nur die nähere Familie zugelassen, doch das waren auch um die 50 Leute. Der Mullah, der persische Geistliche redete und redete, und ich sass da wie ein Zuschauer. Einzig ein deutscher Experte, der damals in der Uno in Teheran arbeitet, war mit seiner deutschen Frau dabei. Es waren die einzigen, denen ich in dieser orientalischen Atmosphäre zuzwinkern konnte. Ab und zu musste ich irgendwo unterschreiben. Der Mullah hat mich dann in Englisch kurz angesprochen. Und anschliessend haben die vielen Tanten und Kusinen von S. Reis über uns zerstreut, was uns Fruchtbarkeit bringen sollte, und haben mit vier Farben Garn in einem Tuch genäht, was den Mund der Schwiegermutter schliessen sollte, und haben zwei Zuckerstöcke aneinander gerieben, was unsere Ehe versüssen sollte, und alle haben gelacht und Spässe geäussert. Nur ich habe kaum ein Wort verstanden.

Das war meine Hochzeit. Ein Schwager Svon S., der Fotograf Faramars, hat unendlich viele Fotos geknipst und Videos gedreht. Und die persischen Frauen sind mit ihren tiefen Décoltées und ihren schwarzen Frisuren, dunkeln Augen mit langen Wimpern wie himmlische Wesen aus 1001 Nacht herumgeschwebt. Und wir mussten den Kuchen schneiden und meine Frau hat die Gabel in meinem Munde stecken lassen und alle haben sich amüsiert. Und ich stand da mit der Gabel im Mund.
Einige Tage musste ich zum Mohammedanismus übertreten. Aber ich habe das nur mit einem Bein gemacht. Auf jeden Fall habe ich mich nicht beschneiden lassen, das denn doch nicht. Soweit ist meine Liebe nicht gegangen. Der Übertritt war sehr einfach und sehr formlos, zuhause, bei einer prächtigen Wassermelone und in Anwesenheit eines Mullahs wiederum. Er hat mich gefragt, ob ich wirklich daran glaube, oder ob ich bloss so tue, damit ich heiraten könne. Und ich habe minutenlang mit S. diskutiert, was ich ihm denn sagen solle, denn eigentlich habe ich nicht daran geglaubt und wollte es ihm auch so sagen. Aber das wäre in Persien natürlich völlig deplaziert gewesen. So ehrlich sind die Perser nicht. Für sie ist die Realität immer interpretationsfähig. Sie hätten vielleicht gesagt "er ist auf dem guten Weg" oder vielleicht "im Moment steht er Allah sehr nahe", damit der Mullah die Version hätte annehmen können, die er hätte annehmen wollen. Aber all das habe ich damals noch nicht gewusst und war auf und dran, dem Mullah die nackte Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Damit, und mit der Entrüstung der Moslems, hätte ich glattweg die Revolution um ein paar Jahre vorverschieben können. So bin ich eigentlich im Jenseits Doppelbürger. Ich habe bei Allah ein Plätzchen und beim lieben Gott auch, sofern sie mir überhaupt eines reservieren. Ich bin sozusagen überversichert. Aus dem Wallis und vom Gymnasium her bin ich ja auch noch fast katholisch. Du siehst, Marlena, ich bin kein Weltenbummler, sondern ein Himmelsbummler, ein Vagabund in allen Glaubensrichtungen. Aber sicherlich kein besserer Mensch. Vielleicht ein schlimmerer?

So lasse ich Dich (das kommt vom französischen Abschied: je te laisse ...etwas colloquial, mein Bruder pflegt das zu sagen in Valais). Erzähl mir von deiner protestantischen Hochzeit, Marlena, und von deinem Grossvater mit den veilchenblauen Augen, und auch vom Onkel, dem Charmeur. Lebt er noch? Oder vielleicht lieber vom eichernen Schreibtisch? Oder von deinem Leben als Igel!!
Ich umarme dich, meine Schwester
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Samstag, 21. Februar 2015

Rilke, Raron und ..




Liebe Marlena
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Ich wollte Dir erzählen, was mich zusätzlich noch zu Rilke hingeführt hat. Wahrscheinlich weißt Du, dass Rilke die letzten Jahre (ich glaube, es waren etwa 10) in der Schweiz gelebt hat und dort gestorben ist. Er liegt bekanntlich an der Südmauer der Kirche von Raron begraben, unter seinem berühmten Spruch „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust niemandes Schlaf zu sein, unter soviel Lidern." Raron ist ein kleines Dorf im Süden der Schweiz, im Wallis, einem sonnigen Tal in den Alpen. Und dort in der Nähe bin ich selbst aufgewachsen. Wir haben in diesem wunderschönen Tal in den Alpen gelebt in einem recht südlichen Klima. Rilke hat dort auch die archaische Landschaft geschätzt, die ihn an Südfrankreich und an Spanien erinnert hat.

Die Kirche von Raron steht auf einem Felsen und schaut majestätisch ins Tal hinunter. Von dort oben hat man eine wunderbare Sicht. Und angesichts dieses Panoramas hat Rilke gewünscht, dort begraben zu werden.
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Sie waren wunderbar, die Tage unserer Jugend. Und es war im Banne jener speziellen Aura dieser alten Kirche und des Turmes, der auch dort oben steht. Ich glaube, heute gibt es bei der Kirche von Raron ein Museum, wo man einiges über Rilke sehen kann. Oder irre ich mich da? Auf jeden Fall werde ich, falls du einmal in die Schweiz kommen solltest, werde ich dir dieses Grab Rilkes zeigen. Man muss es einfach gesehen haben. Es ist ein ganz einmaliger Ort. Und für mich ist er zusätzlich mit vielen persönlichen und jugendlichen Erinnerungen verbunden.

 Schloss Muzot Herbst 2014

Und dann gibt es noch das Schlösschen Muzot, wo Rilke in diesen letzten Jahren gelebt und seine Duineser Elegien und die Sonette an Orpheus geschrieben hat. Muzot liegt etwa eine halbe Stunden weiter unten im Tal, bereits im französischen Teil des Kanton Wallis. Wenn ich dort zu Besuch bin, dann spaziere ich gerne hinauf zu Muzot, diesen mittelalterlichen, einfachen Turm, der in einem ummauerten Garten mit einer Pappel steht. Muzot also, liebe Marlena, wenn du mal eine literarische Europareise machen wirst, werde ich dir auch zeigen. Der Turm steht vereinzelt da. Früher war er geradezu abgelegen, etwa eine gute Stunde Fussmarsch von Siders oder Sierre, wie es in Französisch heisst. Heute ist das Gebiet schon ziemlich überbaut und die Häuser schleichen sich immer näher an diesen einzigartigen Bau heran, der an unseren grossen Rilke erinnert.

Du siehst, Marlena, Rilke ist für mich sozusagen ein lokaler Dichter, mit dem ich aufgewachsen bin. Deshalb vielleicht, neben seinen grossen Qualitäten, habe ich eine enorme Schwäche für seine Texte. Deshalb schmelze ich bei seiner Sentimentalität sozusagen dahin.

Das wollte ich Dir erzählen zu Rilke. Für den Moment! Und wenn ich Dein Foto anschaue, höre ich Dich schon Rilke zitieren ;-)

Bis bald wieder und lass es Dir gut gehen, Marlena

Gruss
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Donnerstag, 19. Februar 2015

Basler Fasnacht


Liebe Malou
Das ist unfair, mir diese semlor vor die Nase zu halten (es gibt dafür
ein hübsches schweizerisches Wort, ein deutsches kommt mir im Moment
nicht in den Sinn: ködern oder so ähnlich), ohne mich wirklich
zubeissen zu lassen. Sie sehen köstlich aus. ...
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Wir haben hier immer noch allerschönstes Winterwetter. Tagsüber, wenn
die Sonne scheint, wird es ganz mild. Gestern bin ich schon eher ins
Schwitzen gekommen. Aber nächste Woche soll es bewölkt werden und
offenbar ist Regen zu erwarten. Das ist ein bisschen schade für die
Basler Fasnacht. Sie ist am farbigsten, wenn die Sonne scheint. Es
gibt am Mittwochnachmittag den grossen Cortège, wie sie in Basel
sagen. Und natürlich wäre die Sonne dort ein gern gesehener Gast.
Aber, wie Du weisst, schert mich das wenig. Ich lasse die Basler
allein mit ihrer Fasnacht. Es ist ja eine Art Massenhysterie. Aber das
darf man hier nicht laut sagen, ohne gleich gesteinigt zu werden. Die
Walliser haben allerdings heute ihren Aschermittwoch. Sie werden
bestimmt versuchen, ihren mit Wein übersäuerten Magen ein wenig zu
pflegen. Wenn ich zurückdenke, kommt mir in den Sinn, wie die vielen
Wirtschaften in der Fasnachtszeit ihre Theken und Räume dekoriert
hatten. Und sie hatten zusätzliches Personal angestellt, das auch ein
bisschen dekoriert war. Man konnte sehen, wie wenig all das mit der
gewachsenen Kultur verwachsen war. Es war alles etwas aufgesetzt und
'gemacht', bloss um ein bisschen mehr Umsatz zu machen. Aber ich
erinnere mich sehr wohl daran, wie die Männer darauf angesprochen
hatten. 'Die Fantasie der Männer ist die stärkste Waffe der Frauen',
dies habe ich kürzlich gehört und es stimmt natürlich auf
erschreckende Weise.

Im Büro habe ich zur Zeit eine ruhigere Zeit. Na ja, ich muss
aufpassen, dass ich nicht zu sehr ins Trödeln komme. Es gibt schon
noch einige wichtige Dinge zu tun. Aber ich hoffe, dass ich durchkomme
bis Ende nächster Woche.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...

Dienstag, 17. Februar 2015

Kommst du?





Lieber ...,
Nun habe ich ihn hinter mir, den strengsten Tag der Woche und ich kann mich entspannen und ein bisschen von der Arbeit loslassen.
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Auf dem Heimweg habe ich etwas eingekauft und ich konnte nicht widerstehen, als ich sah dass man ganz frische "semlor" verkaufte, du weisst diese Semmeln mit Schlagsahne und Marzipan gefüllt, die man eigentlich erst am Fastnachtsdienstag essen sollte. Und sogar zwei habe ich gekauft, weil sie eben so verpackt waren. So möchte ich dich nun mit der einen verführen. :-) Viele legen sie in einen Teller mit warmer Milch drum aber mir schmecken sie am besten so wie sie sind. Herrlich!!
Dazu nehmen wir uns eine Tasse Kaffee. Kommst du?

Ich schicke dir dieses kleine Mail nun ab damit du es noch heute bekommst und schreibe dir später noch ein paar Zeilen.

Ich grüsse dich lieb,
Marlena

Montag, 16. Februar 2015

Ich möchte ...



Zum Einschlafen zu sagen 

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüsste: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe gross
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

(Rilke)

Sonntag, 15. Februar 2015

Ohne Rüstung



Ämne: Ohne Rüstung?

Lieber ...,
Immer noch muss ich schmunzeln wenn ich an deine tollen Fantasien denke. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass es so schrecklich ist ein Mann zu sein. Und wie wäre es, wenn du deine Rüstung für einen Augenblick ausziehen würdest. Ich könnte dir helfen diese Armee von Ameisen von dir wegzulocken damit du einmal fühlen kannst wie schön es ist ohne sie zu sein. :-)
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Es ist schön um mich herum. Man kann wieder durch die Fensterscheiben sehen und die Fussböden in der Diele und Küche glänzen. Ich habe mich auf den unteren Stock konzentriert.. oben kann ich Ordnung schaffen wenn K wieder hier ist. Er kommt Anfang nächste Woche aus dem Baltikum zurück (hoffe ich). Ich wage niemandem ausser dir zu sagen dass ich nicht weiss an welchem Tag.

Und nun noch ein paar Worte zu dem Thema Identität. Ich habe doch neulich alle deine Ameisen damit mobilisiert. Und dann schreibst du mir einen Brief um alles zurechtzulegen, aber wenn ich ihn genau lese, muss ich doch zu dem Ergebnis kommen dass du eine neue Identität suchst. Du wirfst altes hinaus und möblierst neu... Darf ich dich fragen in welchem Stil du möblierst??

Ach, weißt du .., wir spielen mit Worten (und natürlich macht es Spass so etwas zu tun) aber ich möchte auch dass wir ernst sein können zu einander. Dass du nicht immer in deiner Rüstung auftrittst.. ich möchte dich sehen so wie du bist. Ich möchte deine heimlichen Gedanken, Träume und Ängste kennen.. ich möchte so viel. Und eigentlich reicht es, dass du mein lieber lustiger Mailpartner bist, der mir so viel Freude schenkt, die ich dann an meine Umgebung weiterleiten kann, und der meine Sprache mit neuen Wörtern bereichert wie Stresstauglichkeit und Entscheidungsfähigkeit.

Es ist Mitternacht geworden und vielleicht schläfst du schon.. und am liebsten möchte ich nun

".. jemanden einsingen, bei jemandem sitzen und sein.."

Ich wünsche dir einen schönen Tag
Marlena

Samstag, 14. Februar 2015

Etwas zum lachen?


NUR, WER DIE GESCHICHTE KENNT......

Am ersten Schultag in einer amerikanischen Highschool stellt die
Klassenlehrerin der Klasse einen neuen Mitschüler vor, Sakiro Suzuki
aus Japan. Die Stunde beginnt. Die Klassenlehrerin fragt: 'Mal sehen,
wer die amerikanische Kulturgeschichte beherrscht.

Wer hat gesagt: 'Gebt mir die Freiheit oder den Tod'?'

Mäuschenstill in der Klasse, nur Suzuki hebt die Hand: 'Patrick Henry,
1775 in Philadelphia.' '

Sehr gut, Suzuki. Und wer hat gesagt: 'Der Staat ist das Volk, das
Volk darf nicht untergehen'?'

Suzuki steht auf: 'Abraham Lincoln 1863 in Washington.'

Die Klassenlehrerin schaut auf ihre Schüler und sagt: 'Schämt euch,
Suzuki ist Japaner und kennt die amerikanische Geschichte besser als
ihr!'

Man hört eine leise Stimme aus dem Hintergrund: 'Leckt mich am Arsch,
ihr Scheissjapaner!'

'Wer hat das gesagt?', ruft die Lehrerin. Suzuki hebt die Hand und
ohne zu warten sagt er: 'General McArthur 1942 in Guadalcanal, und
Leelacocca 1982 bei der Hauptversammlung von Chrysler.'

Die Klasse ist superstill, nur von hinten hört man ein 'Ich muss gleich kotzen'.

Die Lehrerin schreit: 'Wer war das?'

Suzuki antwortet: 'George Bush senior zum japanischen Premierminister
Tanaka 1991 während des Mittagessens, Tokio 1991.'

Einer der Schueler ruft sauer: 'Blas mir einen!'

Die Lehrerin aufgebracht: 'Jetzt ist Schluss! Wer war das jetzt?'

Suzuki ohne mit der Wimper zu zucken: 'Bill Clinton zu Monica
Levinsky, 1997 in Washington, Oval Office des Weißen Hauses.'

Ein anderer Schüler steht auf und schreit, 'Scheiss-Suzuki!'

Und Suzuki: 'Valentino Rossi in Rio beim Moto-Grand-Prix in Südafrika 2002.'

Die Klasse verfällt in Hysterie, die Lehrerin fällt in Ohnmacht, die
Tür geht auf und der Direktor kommt herein: 'Unglaublich, ich habe
noch nie so ein Durcheinander gesehen.'

Suzuki: 'Bundesrat Hans-Rudolf Merz, Schweiz, nachdem er von seinem
Vorgänger Kaspar Villiger das Finanzdepartement übernommen hatte.


Lieber kleiner Gutenachtgruss
Malou