Donnerstag, 30. April 2026

Valborg in Uppsala



 Hier bei uns, aber ...


Eigentlich müsste man diesen Tag in Uppsala verbringen.. 
Nirgends sonst feiert man Valborg so gross und schön wie dort.


damals



und  2023


Vintern rasat ut bland våra fjällar 

(Der Winter hat sich ausgetobt ...)








Samstag, 25. April 2026

Nochmals - unsere Coproduktion

 (5 Monate später) 

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Hier unsere Coproduktion. Du erinnerst Dich daran. Ich meine die Zeichnung der Logopädin, die Sprechblasen bügelt. Sie hatte wirklich grosse Freude an der Zeichnung und am Kommentar darüber. Wir haben gerade gestern in der Kommission nochmals darüber erzählt und gespasst, als wir ihre Nachfolgerin wählen sollten. Es ist für mich ein wunderschönes Gefühl, dass wir, dh. Du und ich, das irgendwie gemeinsam gemacht haben. Ich glaube Deine Hilfe war, dass Du einmal vom "Protestbügeln" gesprochen hast. Das war beim Eurovisionswettbewerb, der in Schweden stattgefunden hat. Du erinnerst Dich sicherlich, Marlena? Diese Formulierung und Idee fand ich lustig und originell, so dass ich überhaupt erst dieses Bügeln in meine Gedanken aufgenommen habe. Vorher fand ich Bügeln absolut uninteressant und öde. Aber beim Protestbügeln ist mir irgendwie der penny gefallen. Aha, habe ich mir gesagt, Bügeln ist was ganz Spezielles. Bügeln kann man mit einer Haltung. Mit Bügeln kann man sogar die Welt verbessern. Mit Bügeln kann man Politik machen. Man kann damit protestieren, demonstrieren, reklamieren, warum nicht auch reformieren, initiieren, sanieren, therapieren? So ungefähr ist mir dann wohl diese Vorstellung gekommen, dass eine Logopädin Sprechblasen bügelt.

Gestern abend ...

 




Liebe Marlena
Was kann ich dir erzählen von gestern abend. Es war eine langweilige Sitzung. Der Präsident ist ein Arzt und ein bisschen ungeübt, eine grössere Runde zu kontrollieren. So gibt es zum Teil wilde Diskussionen um reine Spekulationen. Ich halte mich in solchen Situationen zurück, denn es bringt eigentlich nicht viel. Es heizt nur die Diskussion noch mehr an, und dann kommt man überhaupt nie zu einem Ende.
Die Logopädin wurde verabschiedet. Und nach der Sitzung habe ich ihr, vor dem Essen noch, unser Bild übergeben. Ich habe natürlich daraus eine ziemliche verbale Geschichte gemacht und die Leute haben es genossen. Und die Betroffene war echt gerührt. Sie hat mich nachher abgeküsst, obwohl wir erst an diesem Abend von Sie auf Du gewechselt hatten. Vorher hat der Arzt sie schon verabschiedet und ihr ein paar Komplimente gemacht. Aber die unseren waren noch eine Klasse konzentrierter. Sie war wirklich Auge und Ohr und nahezu in Tränen. Und das Bild fanden natürlich alle gerissen mit dieser Idee des Bügelns von Sprechblasen. Und ich habe ja auch erwähnt, dass mir jemand aus Schweden diese feine Idee geschenkt hat. Du siehst, Marlena, du bist hier schon ziemlich präsent. Und bald werden sie anfangen, nach dir zu fragen.
Und nachher hatten wir ein gemütliches Essen zusammen mit lustigen Diskussionen. Der Arzt und ich waren die einzigen Männer. Sonst war es eine echte Frauenrunde. Und wir haben viel gelacht und einander auch etwas geneckt. Es war wirklich sehr angenehm und auch das Essen war ausgezeichnet. Vielleicht ein bisschen teuer, aber es was in Ordnung.
Und schliesslich bin ich doch etwas früher als erwartet wieder zurückgefahren.  ...

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Weißt du, was mir in den Sinn gekommen ist, nachdem im Antonioni Film wieder von den Seelen die Rede war, auf die man warten muss. Ich habe gedacht, für den Fall, dass wir zwei uns mal treffen würden, dass wir dann hingegen auf unsere Körper warten müssten, weniger auf die Seelen, die ja nun ihren Ort bereits erreicht haben, aber auf die Körper, die noch weit zurück zu sein scheinen. Wir werden dann unsere Seelen mal vorläufig an irgendwelchen Kleiderbügeln aufhängen, damit sie hängen und warten, bis auch die Körper eingetroffen sind. Das gäbe auch einen hübschen Cartoon mit den hängenden Seelen, hängend, aber doch nicht schlapp, bitte sehr! Und wenn die körper eingetroffen sein werden, dann müssen wir wohl noch auf die 20kg Gepäck warten. Alles braucht seine Zeit.

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Ich hoffe, du hast meine Adresse bekommen. Ich werde mein Büro informieren, dass ich mit meiner Kusine Marlena, einer Kusine zweiten Grades, um exakt zu sein, dass ich mit ihr eine Wette abgeschlossen habe, wer sich gegenseitig aus den Ferien die schockierendere Postkarte zustellen können wird. Sie werden mich sicherlich alle unterstützen und der Meinung sein, deine Karte sei wirklich nur halb so schockierend, wie sie in Wirklichkeit sicherlich sein wird ;-----))).
Deinen Scherz fand ich sehr lustig und pfiffig. Das mag ich sehr, meine Liebste. Ich könnte dich dafür umarmen.
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Ich wünsche dir eine gute Zeit.
Mit liebsten Grüssen
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Donnerstag, 23. April 2026

Ist es ein Wunder oder ...

 


Subject: Ein bisschen verspätet ..
Liebe Marlena
Heute habe ich mich sosehr verschlafen, dass ich erst um 730 im Büro war. Das reicht nun vielleicht nicht, für deinen Morgenkaffee? Denn ich brauchte noch Zeit, um dein wunderbares Mail zu lesen. Das ist wirklich sehr schön, und das einzige, was mich daran beunruhigt, ist die Tatsache, dass du bis nach Mitternacht daran geschrieben hast. Ich sorge mich ein bisschen um deinen Schlaf. Aber ich erlaube mir doch wieder so viel Egoismus, dass ich glücklich bin über dein Mail.

Du brauchst auch lustige Bilder, wenn du schreibst. Das gefällt mir gut. Du erzählst, dass ihr bei deinem Fest gelacht habt, dass sich das Dach hob. Das kann man sich gut vorstellen, wie sich der ganze Dachstuhl hebt und senkt, wann immer eine Welle losgeht, wie ein grosser Organismus, der atmet. Es ist ein bisschen das Bild meiner Zeichnung für die Gartenpartie. Sie allerdings war ein Schrebergärtchen. Es ist schade, dass du deine Handtasche geschlossen hattest beim Fest. Ich hätte dich gerne vergnügt und ausgelassen und lustig und schlagfertig und witzig gesehen. Und dass du das alles auch sein kannst, das spüre ich zwischen den Zeilen da und dort. Und ich bin ein bisschen stolz darüber, dass meine Freundin das auch ist, neben ihren tiefen Gefühlen und der Affinität zum Lyrischen, wie man es bei Rilke oder bei Verlaine antrifft. Ach weißt du Marlena, ich weiss schon, dass ich dich ein bisschen idealisiere. Ich brauche das auch, um schreiben zu können, um ein bisschen schöner zu schreiben als einfach normale Tagesprotokolle. Diese Verschönerung ist einerseits eben das Künstliche, der Anfang der Kunst, und andererseits ist es so etwas wie ein Stimulans, ein Joint kann man sagen. Alle Verliebten machen ihre Geliebte perfekt. Das gehört nun mal dazu. Wenn es sehr stark ist, dann sprechen sie vielleicht weniger über ihre Geliebte als vielmehr über ihre eigenen Gefühle. Ich halte nicht viel von Objektivität. Das habe ich bei uns zu Hause genug gehabt und es bringt nicht viele Vorteile. On ne voit bien qu'avec le coeur. Ach, Marlena, ich weiss, du bist eine Studienrätin, und ich weiss, wie Studienrätinnen im allgemeinen sind. Es gibt da natürlich auch ziemliche Unterschiede! Doch, ich bin nicht mehr der jüngste und kenne die Menschen. Ich glaube, ich kenne sie wirklich. Ich habe schon viel Unglück gesehen und mir angehört. Ich weiss wie Menschen ungerecht und hart und feige und falsch sein können. Stell dir vor, ich hatte eine Zeit, da habe ich ...
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Aber eins möchte ich dir sagen, meine Liebe Marlena. Geniesse es, wenn ich dich ein bisschen perfekt mache. Du darfst nicht zu bescheiden sein. Ich weiss sehr wohl, dass man da nicht in Zentimetern nachmessen soll. Wenn du nur wüsstest, wie unvollkommen ich bin, welche unangenehmen und linkischen Seiten ich habe, du würdest dir gar keine Gedanken machen. Natürlich verstehe ich deine Reaktion, dass du dich manchmal fast distanzieren möchtest von dem, was und wie ich sage. Nimm es einfach als meine Begeisterung und lass mir die Freude.

Die Angst vor der Enttäuschung verstehe ich nun allerdings sehr gut. Weißt du, auch wenn ich das vielleicht nicht tun sollte, ich denke oft an Rom und wie es sein könnte. Und ich mache mir Gedanken, wie du mich anschauen würdest, ob DU nicht enttäuscht sein würdest, weil ich zu alt bin, weil meine Haare schon ziemlich weiss sind, weil ich vielleicht zuwenig Haare auf der Brust hätte ;-) .. oder weiss Gott was. Ich habe bemerkt, dass ich mich im Spiegel wieder anschaue, wie ich das seit langer Zeit nicht mehr getan habe, und dass ich auf die Waage stehe, um meine Tonnage zu beurteilen, obwohl mich das seit langer Zeit nicht mehr interessiert hatte. Wenn man zusammen ist, genügt es nicht, schöne Worte zu machen. Da kommen noch ein paar andere Faktoren ins Spiel, und die physische Präsenz ist nicht unwichtig.

Ist es ein Wunder oder ist es Glück, dass wir uns getroffen haben. Ach, wer kann das beurteilen. Ich kann das gut als Wunder anschauen. Aber wenn ich es mir genauer überlege, dann sehe ich es eher als Glück. Es gibt doch auch Menschen, die behaupten, es gebe keine Zufälle. Und wahrscheinlich gibt es weniger Zufälle, als wir zu denken bereit sind. Ich glaube, wenn sich zwei Menschen mehr als durchschnittlich kennenlernen und schätzen lernen, dann ist eine Seelenverwandtschft mit im Spiel. Es gibt doch auch viele Kontakte, die gibt man rasch wieder auf, weil man ahnt, dass sie zu nichts führen. Man plaudert mit jemandem, es ist nicht unngenehm, aber es ist nichts da, was einem faszinieren könnte, es gibt keine Bindung. Es ist alltäglich. Und dann gibt es andere Menschen, die etwas an sich haben, was funkt. Ich kenne hier in B eine ... . Sie ist vielleicht jetzt um die 10 Jahre hier, und ich habe sie 3 oder 4 mal gesehen. Sie hat eine noble Art und sie hat etwas im Gesicht, was mich einfach mehr als sonst anspricht. Ich habe keine Ahnung, was es ist. Sie ist nicht einmal besonders hübsch. Man fühlt sich in der Gesellschaft solcher Menschen schneller zuhause, wollen wir es mal so sagen. Man findet leichter heim. Ich glaube wirklich, dass man immer wieder auf seine erste Liebe zurückkommt. Das ist Platonisch gedacht: jedes Erkennen ist Wiedererkennen. In jeder Liebe erkennt man die alte, die erste, die grosse Liebe. Das ist sozusagen eine Theorie der Wiedergeburt innerhalb des Lebens. Sehr platonisch, wirklich.

Weil du nach der platonischen Liebe gefragt hast, will ich einmal nachlesen, was man zum "Platonischen" sagen kann. Meine Antwort im Chat war vielleicht für dich etwas unbefriedigend. Aber ich fand es charmant, wie du gefragt hast, und der Gedanke, dass dieser Begriff der platonischen Liebe oder der platonischen Zärtlichkeiten (das hast du mal von mir zitiert, ich erinnere mich) für dich immer etwas rätselhaft gewesen sein muss, hat mich - nun ja - irgendwie sehr zärtlich gestimmt. Es ist im übrigen auch für mich ein bisschen ein Zauber- Begriff. Aber wenn ich nachlese, werden wir vielleicht ein paar rätselhafte Aspekte lösen können.
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Ich finde unsere Geschichte märchenhaft. Wir haben zwar unsere §§§§, aber kein Mensch schert sich mehr darum. Schau mal, wie sich das alles entwickelt hat. Du hast immer wieder gewarnt, wir lebten gefährlich. Ich habe gesagt, ich will dich gewinnen. Ich habe gesagt, binde dich am Schiffsmast fest und verstopfe dir die Ohren. Wir haben uns weiss Gott gewarnt. Es ist wie in einem Märchen. Man spürt, wie das Schicksal gleich zuschlägt, jeder weiss es, noch das kleinste Kind merkt es, aber das Rotkäppchen geht trotzdem durch den Wald, geht trotzdem vom Weg ab, spricht trotzdem mit dem Wolf. Alle Alarmsirenen gehen los, aber das Rotkäppchen hört nichts und sieht nichts. Ach, wie ist das märchenhaft schön. Entgegen allen Warnungen ins Glück zu laufen, gibt es denn etwas Schöneres? Vor allem, wenn man selbst warnt. Man warnt ja dann mit grosser Nachsicht und drückt ein Auge zu (das meint, man lässt 5 gerade sein), vielleicht beide Augen zu.

Es ist ein Wunder oder ein Glück. Aber wenn ich sehe, wieviele Gemeinsamkeiten wir haben, dann kann es auch nicht nur Zufall sein. Da ist ein bisschen System dahinter, Marlena, das kannst du mir glauben. Ich habe das schon damals gedacht, als du etwa im 2. oder 3. Mail gesagt hast, Rilke sei dein Favorit der deutschen Dichter. Das konnte kein Zufall sein. Das nun wirklich nicht.
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Lass uns unser Wunder pflegen und hüten und Sorge tragen darum. Und lass uns möglichst wenig leiden. Suche einen Weg, damit dich die Distanz nicht "beinahe krank macht", Marlena. Und wenn ich dir irgendwie dabei helfen kann, lass es mich wissen. Es klingt vielleicht ein bisschen absurd, aber du bist gefühlsmässig die wichtigste Person in meinem Leben geworden. Und ich weiss, dass das etwas absurd ist. Und jeder Psychologe würde mir auf die Schulter klopfen und mir den Rat geben, auf den Boden zurückzukehren. Ach, es ist so schön, verrückt zu sein.
Ich küsse dich, meine Liebste, bis zum nächsten Mail.
Ich will nachsehen, was ich beim Brief an Camus ausgelassen habe. Aber jetzt muss ich unbedingt an die Arbeit.

K+G+H

Mittwoch, 22. April 2026

Re: kleines Selbstgespräch

 

 



Lieber ...,
Danke für dein schönes langes Mail. Was das Meer bei Sorrento betrifft so kann ich eigentlich nicht verstehen, wie man in solchem Wasser baden kann. Und doch zogen täglich ganze Heere zum Strand hinunter. Und die Felswand, die du erwähnst, hatten wir gerade vor unserem Fenster. Immer so gegen 5 Uhr abends sah man diesen Lemmelzug von Menschen die Treppen hinaufsteigen. 



Wenn man oben war, befand man sich mitten im Zentrum. Und auf der anderen Seite des Hotels hatte man den schönen Blick über das Meer. Aber wie gesagt, der Strand war eine grosse Enttäuschung. Ich konnte für mein Leben nicht begreifen, wie man sich dort niederlassen konnte und schon lange nicht, dass jemand in das unfreundliche, schmutzige Wasser steigen wollte. Ich bin mal dort gewesen, weil Anna gern baden wollte.. aber auch sie fand es ziemlich ungeniesbar.

Die engen kleinen Strassen und Plätze waren abends voll von Leuten, meist englischen Touristen, von denen ich vermutete, dass sie nun gekommen waren um ihre schönen Jugenderlebnisse wieder zu erleben. Ich glaube, dass sie in jungen Jahren, damals als Sorrento und die Amalfiküste der Taumelplatz der europäischen Jet-set war, ihren Sommer dort verbracht haben.
Aber tanzen konnten sie, die alten Eidechsen (Echsen). Am Abend, auf der Terrasse des Foreigners Club, mit Blick über das Meer und den Sternenhimmel, hatte man den Eindruck, dass sie ihre Jahre wie einen schweren Mantel ablegten und wider lebendig wurden.

Schön, dass du etwas an der Wand hast, was dich an mich denken lässt. Aber was sagt deine Familie dazu? Sicher schauen sie auch hinten auf die Karte. Hatte ich genügend neutral geschrieben? :-) Die sich küssenden Elche hast du sicher verstecken müssen. *s*

Ich lebe in einer glücklichen Zeit und ich versuche zu tanken für andere Zeiten. Doch im Moment fühle ich nur wie herrlich es ist frei zu sein. Ich habe eine lange Zeit mit mir selbst gekämpft um schliesslich dann diesen Entschluss zu fassen. Und jetzt bin ich froh und denke, dass ich richtig gewählt habe.

Es hat geregnet auf dem Weg hierher und nur ab und zu brechen plötzlich ein paar helle Strahlen durch die schwarzen Gewitterwolken. Ich glaube, wir werden uns jetzt sofort auf den Heimweg machen. Es war schon ziemlich viel Verkehr auf den Strassen. Der Midsommarverkehr kann gefährlich sein. Und am schlimmsten waren alle diese Schnecken, an denen man schwer vorbeikommt. Ich meine Autos mit Wohnwagen. Auch einige deutschregistrierte Autos habe ich schon gesehen. Vielleicht wollen sie den schwedischen Midsommar hier feiern.

So lasse ich dich  wieder.
LGuKuS,
Malou



Kleines Selbstgespräch

 Liebe Malou

Puh, heute habe ich lange geschlafen. Ich habe mir eine Reserve geschaffen für die nächsten 14 Tage. Ich könnte also gut und gern die nächste Zeit nächtelang an Bars und zwielichtigen Orten herumtreiben, bis mein Schlafreservoir aufgebraucht wäre. Aber das ist doch wohl auch nicht die Lösung.
(---)
Hier ist es kühl, bewölkt und regnerisch. Es ist unfreundlich, die Sonne blinzelt zögerlich und verschämt manchmal kurz zwischen den schweren Wolken hindurch. Es ist - alles in allem - nicht das, was man sich von einem anständigen Juni wünschte. Es ist so windig, wie man sich einen kühlen Vormittag an einem nordischen Meeresstrand vorstellt.

Habe ich Dir schon über meine Erfahrungen mit nordischen Meeresstränden erzählt? Na, so viele sind es auch nicht. Aber doch einige. Die wichtigsten stammen aus meiner Studentenzeit in England. Dort hatten wir den gesamten Strand in Bornemouth zur Verfügung. Und das war auch ziemlich in Ordnung. Mindestens an schönen und warmen Tagen. Es gibt doch da dieses Pier, wo man hinausgehen kann. Draussen ist wohl ein Restaurant und ein kleines Casino vielleicht. Ich war nie wirklich dort draussen, denn ich hatte mir immer gedacht, das würde Geld kosten. Und soviel Geld hatte ich nicht zur Verfügung.
Ich trieb mich also mit meinen Kollegen am Strand herum. Nun muss man wissen, dass die Walliser zu jener Zeit von Meer und Wasser und Strand keine blasse Ahnung hatten. Die meisten waren wohl kaum schwimmen gegangen. Ich hatte einige Erfahrung, von unseren Sommerferien in Italien. Und genau dies war es, was meine Erfahrungen hier in England prägten. Verglichen mit einem schönen italienischen Strand mit wunderbarem hellem Sand und klarem seichtem Wasser war der Strand von Bornemouth die pure Geröllhalde. Statt Sand eine mehr oder weniger steinige Fläche. Statt Sonne wiederkehrende Bewölkung mit Wind, so dass diese weissen Schäumchen auf den Wellen erschienen. Statt hübsche lachende Italienerinnen im Bikini etwas sonderliche und klapperige Engländer auf ihren Campingstühlen, unsorgfältig gekleidet in einem flatternden Hemd, Zeitung vor dem Gesicht, auf dem Arm ein Tatoo, leichter Sonnenbrand auf der Stirn. Und auf der Strandstrasse viele Leute in Kleidern, auch viele Rockers damals mit ihren Höllenmaschinen. Kurz und gut: ein englischer Strand war mit einem italienischen überhaupt nicht zu vergleichen. Er war, im Grunde genommen, die totale Enttäuschung. Und dabei habe ich noch nicht geschildert, wie es war, wenn man vorsichtig über diese spitzen Steine für ein paar Minuten ins trübe kalte Wasser gestiegen ist. Es war die reine Rosskur. Ich meine, wenn man alles in Rechnung stellte, so wurde man eher vom Strand vertrieben, als dass er einen hätte anlocken können mit irgendwelchen südlichen und süssen Versprechungen. Ich erinnere mich, dass für einen oder zwei Tage unser Lehrer zu Besuch kam. Er sass den ganzen Tag auf einem Stühlchen am Strand, las irgend einen Schmöker und rauchte seine Pfeife, um unter den Engländern nicht zu sehr aufzufallen. Nein, um ein paar schöne Tage am Strand zu haben, muss man nicht nach England fahren.
Heute würde ich das vielleicht anders sehen. Heute könnte ich wahrscheinlich auch dem Wasser entlang im Wind wandern und die Aussicht übers Meer geniessen. Vor allem die Weite ist ja immer wieder schön, wie wir sie hier in der Schweiz nicht haben. Diese weite Sicht über das Wasser, die sich irgendwo in der Ferne verliert und an keinem fixen Punkt festmachen lässt, ausser vielleicht in einem glücklichen Moment an einem winzigen Schiff, das irgendwo in der Ferne dahin zu dümpeln scheint, diese Sicht ist wunderbar. Ist es nicht so, dass der weite Raum nicht auch den Eindruck von viel Zeit verschafft? Die räumliche Weite schafft auch eine ruhige Zeit. Vielleicht ist es das, was ich so liebe. Ich mag Aussichtspunkte, von wo man in die Weite sieht. Das gibt eine Art philosophische Position vis-à-vis unserer Welt. Alles erscheint dann irgendwie wohl gefügt und in Ordnung. Ich kann mir schon vorstellen, dass der liebe Gott mit seinem Werk zufrieden war. Er hat es sich ja nicht aus der Nähe angeschaut, sondern aus Distanz, mit einem generösen Überblick. Wenn man sich die Details anschaut, dann könnte man schon das eine oder andere bemäkeln, nicht wahr. Aber der ferne Blick des lieben Gottes verschafft ihm sozusagen ein impressionistisches Bild. Ein Bild nämlich, mit dem ein Kurzsichtiger in die Welt blickt. Es schaut alles hübsch und luftig aus, weil er nicht so genau sehen kann. Die Details würden ihn wohl erschrecken.
Vielleicht ist der liebe Gott wirklich ein bisschen kurzsichtig?

Ach, ich bin irgendwie in eine Thematik geraten, von der ich nicht weiss, was ich Dir damit bieten könnte. Alles ist von unserem momentanen windigen Wetter ausgegangen. Und ich glaube, dass Du diese Art des englischen Wetters sehr gut kennst. Aber Du weißt auch, wie es sich am Mittelmeer anfühlt. Seid Ihr in Sorrent auch schwimmen gegangen? Wenn ich mir das Foto anschaue - es hängt, wie Du weißt, immer noch an meiner Wand -, so habe ich den Eindruck, der Ort sei so alt und schick, dass man gar nicht fürs Bad eingerichtet sei. Der Ort stamme nämlich aus einer Zeit, da man noch nicht im Meer zu baden wagte. Die Gäste, alte zitterige Adelige an eleganten Stöcken und aufgetakelte Jungfrauen wandeln in kleinen Schritten durch die engen Strässchen und promenieren auf der Terasse über dem Meer. Aber niemals würden sie sich auch nur einen Zentimeter ihrer Haut in diesem Meer feucht machen. Niemals! Und die Gefahr kann auch gar nicht aufkommen, denn der Ort ist durch eine Felswand vom Wasser getrennt. Man sieht das Wasser aus der Höhe, und niemals ist es blauer und einladender, als aus dieser Perspektive. Aber die Greisinnen und Greise geraten nicht in Versuchung, denn sie stehen oben am Geländer und lassen sich den Wind durch ihr schütteres Haar streichen.

Vielleicht ist das schon die Ferienstimmung, die mich zu solchen Gedanken treibt?

Ich muss mich aber vorläufig noch hier in unseren Breiten zufrieden geben. Vielleicht fahr ich mal, zwischendurch, für einen Tag ins Wallis. Ich möchte mit meiner neuen Kamera ein paar Bilder schiessen. Vielleicht kann ich dann wieder mal malen. Ich muss unbedingt den Einstieg zurück finden jetzt in die Malerei. Unbedingt! Es ist lustig, wie ich bei solchen Unternehmungen immer wieder im Mittelwallis lande. Ich glaube, dort ist das Wallis am schönsten. Oben, im deutschen Teil, ist es steiler und enger, irgendwie karger und härter, eben so, wie die Oberwalliser sind: etwas holperig und eckig, aber so lieb und loyal wie nirgendwo sonst in der Schweiz. Im Mittelwallis wird das Tal dann breit und die Bergrücken mild. Und abends, wenn die Hänge über Siders hinauf bis Montana mit den vielen kleinen Lichtlein zu scheinen beginnen, so ist dieser Lichterteppich so wunderschön und zart ungefähr wie jener, den man von Shemiran herunter erblickt, wenn man in der warmen Nachtluft auf der Terasse einer dieser noblen Villas steht und die Millionenstadt Teheran vor sich betrachtet. Aber natürlich ist der Teheraner-Teppich unendlich weit und in einer Ebene unter einem klaren Sternenhimmel ausgerollt, während jener von Montana mehr oder weniger vor uns und genau genommen ziemlich klein an der Alpenwand hängt. Beide Male geht aber der Lichterteppich ziemlich nahtlos in den Sternenhimmel über.

Es ist so kühl heute, dass ich mir eine grosse Portion Tee gebraut habe, um mich ein wenig aufzuwärmen. Hagebuttentee! Kennst Du ihn, Malou. Er wird von Rosenblüten gemacht und schmeckt ein wenig säuerlich. Ich mag die Säure. Bestimmt kennst Du ihn!

Ich glaube, ich muss dieses kleine Geplätscher beenden. Es gibt nicht wirklich ein Thema, schon gar nicht eine Botschaft, wie man immer sagt. Es ist bloss ein kleines Selbstgespräch, irgendwie.
Ich wünsch Dir einen guten Tag
MLGK

Sonntag, 19. April 2026

Flug nach Teheran

 

Liebe Marlena
Ich wollte dir heute abend ein bisschen von Persien erzählen. Langsam muss ich mich ja doch geistig darauf vorbereiten. Es ist so merkwürdig. Als wir vor ein paar Jahren via Amsterdam mit der Dutch Airline flogen, war alles bestens. Du steigst ein und es ist wie ein Flug von Zürich nach Istanbul oder so. Natürlich hats ein bisschen viele Männer mit schwarzem Haar und dunkeln Schnäuzen. Klar, hat es vielleicht eine überdurchschnittlich hohen Prozentsatz an ausdrucksstarken Frauen mit grossen schönen Augen, eleganter Kleidung und dunklem Teint. Aber sonst ist nichts anders. Die blonden Stewardesses der holländischen Fluggesellschaft heben sich stark davon ab. Aber je näher man im Flug Teheran kommt, desto häufiger verschwindet eine Dame nach der anderen im WC und kommt mit dunkler Kleidung und einem schwarzen Kopftuch wieder heraus. Es wird dunkler und dunkler im Flugzeug. Das ist sehr merkwürdig. Und du merkst sozusagen kilometerweise, wie du dich Teheran näherst. Der Flughafen dann middle-east-chaos, eine Hitze, ein Durcheinander, riesige Schlangen, die überhaupt nicht vorwärts kommen, von Kundenfreundlichkeit der Beamten keine Rede, ich meine, sie sind höflich, aber es ist nichts organisiert. Man hat den Eindruck, sie tun ihre Arbeit heute zum ersten Mal. Und womöglich wollen sie noch alles anschauen und kehren das unterste zuoberst. Sie fühlen sich auch nicht verpflichtet, das alles wieder einzuräumen. Das überlassen sie in nobler Zurückhaltung dir selbst. Man könnte kochen. Man hat den Eindruck, sie haben keine Ahnung von der Welt, absolut keine. Sie fühlen sich hier im Nabel und wohl auf dem Schoss Allahs.
...