Ämne: momo
Liebe Marlena
Gestern war ich nahe daran, meine Geschichte zu schreiben. Na Du weißt, die Geschichte für die Gemeinde Sils-Maria. Es ist wirklich merkwürdig, wieviel man sich rund um eine solche Geschichte überlegen kann. Und es ist das erste mal in meinem Leben, dass ich das tue. Natürlich beobachte ich auch in allen kurzen Texten von Updike, von Bichsel, Moser und vielen anderen, wie sie es denn angepackt haben und worin das Spezielle ihrer Schreibart liegen könnte
Das Entscheidende ist wohl so etwas wie die Kamera-führung. Wo ist der Ort des Erzählens, wo ist das Hirn und der Mund und das Auge? Ist es ein allmächtiger, alleswissender und allesüberblickender auktorialer Übermensch, ein Superbrain, das alles sieht, jederzeit und überall, das sogar im Innern der Menschen herumschnüffelt und sich dort - wie ein besonders Neugieriger - einmischt. Ich glaube, Updike macht das häufig so. Oder erzählt man aus der Sicht einer Figur, die in der Geschichte selbst herumläuft? Dann haben wir eine gänzlich verschiedene Erzählperspektive, kennen nur das Innenleben des Erzählers, nicht aber dasjenige aller anderen Pesonen. So vielleicht sieht das Leben in Wirklichkeit am ehesten aus. Diese Perspektive führt ja dann auch zu diesen Situationserlebnissen, die sich absolut im Präsens abspielen. Man liest, was der Ich-Erzähler gerade sieht, hört und denkt. Man hört seine Dialoge mit irgendwelchen Personen. Und der Schock, der ihn trifft, wenn er die Leiche entdeckt, der trifft auch uns. Denn wir stehen ja gleich hinter ihm und haben den Geruch in der Nase.
Ich glaube, diese auktoriale Perspektive ist für mich leichter. Sie enthält viele zusammenfassende, überblickende Schilderungen, weniger Dialoge, Momentanereignisse gleich im Vollzug. Ich glaube, es ist schwierig, diese momentanen Dinge auszuwählen, so dass sie nicht allzu zufällig wirken, sondern für eine ganze Geschichte, für das Leben im Ganzen sprechen. Diese Wahl erfordert eine geschickte Hand, und ich bin nicht sicher, dass ich sie habe.
Du siehst meine Probleme. Nie hätte ich geglaubt, dass das schriftstellerische Leben so kompliziert sein kann. Immer war es meine Vorstellung, dass die Schreibenden sich, sobald die Lust kommt, an den Tisch setzen und begeistert anfangen zu schreiben. Und im Übrigen bleibt ihre Arbeit ja darin, zu leben, alles zu erkunden, alles zu geniessen, das heisst Leben in höchster Intensität. Was könnte man sich Schöneres vorstellen? Wir normalen Menschen dürfen gelegentlich geniessen, in speziellen Momenten, die Schriftsteller müssen es permanent, 8 Stunden täglich. Erst dann, wenn sie zum Feierabend ihre Feder beiseite legen, ist ihnen erlaubt, die Lanweilig-keit des Alltages über sich ergehen zu lassen, träge vor dem Fernseher herumzuhängen, böse bei der Ehefrau in der Küche herumzunörgeln, überdrüssig den Leitartikel in der Tageszeitung zu kritisieren, um sich dann schlaflos im Bett zu drehen und Wolkenschäflein zu zählen, Stunden und Stunden, bis morgens um 8 Uhr, nach einem totlangweiligen Frühstück mit lauwarmem Kaffee, das spannende Schriftstellerarbeit wieder anfängt. Na ja, ich habe natürlich gehört von Blockaden, von Schreibhemmungen, von Krisen, die Schriftsteller haben können. Es soll sogar Suizide geben. Ich weiss auch, dass sie nur allzu gerne mit etwas Alkohol nachhelfen. Böll hatte immer eine Thermosflasche mit Kaffee in der Nähe. Und rauchte wie ein Kamin, beim Schreiben und ohne Schreiben.
Ich finde, Schreiben sei wie eine leichte Psychose. Man muss sich mit einer kleinen Anstrengung in diesen leichten Wahn hineinsteigern, der einen dann trägt und schreiben lässt. Die grösste Schwierigkeit vielleicht liegt darin, dass man nicht für eine bestimmte Person schreibt. Zu beneiden jener Schreiber, der eine Muse hat, für die er schreiben kann.
Ich glaube, dass gute Schreiber eine ziemlich lebendige Fantasie über ihren Leser haben, wie er auf die Zeilen reagieren kann und vielleicht reagieren wird. So wäre Schreiben immer eine Fortsetzung des Briefe-Schreibens.
Jean Paul hat mal gesagt (oder vielleicht doch eher geschrieben ...), Bücher seien im Grunde genommen dicke Briefe an gute Freunde. Natürlich hat er es schöner gesagt. Aber sinngemäss war es so.
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Dieses Mail ist für Dich vielleicht ein bisschen langweilig. All diese Gedanken zum Schreiben und Lesen und so weiter. Aber es ist ja auch erst Montag. Und die Woche kann noch besser werden! Kopf hoch also, Marlena, es ist noch nichts verloren.
Mit einem Montagmorgengrüsslein
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RE:
Lieber ...
Ich wünschte, du könntest den Film sehen, der gerade hier im Fernsehen gezeigt wird.
Kompliziert - genau wie dein Text. ;-)
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