
Ämne: Tschechien
Datum: den 2 december 10:20
Liebe Malou
Puh, ein bisschen bin ich immer noch müde. Gestern war wohl mein Schlaf etwas zu kurz. Ich bin dann zwar direkt mit dem Zug nach Basel gefahren und habe die ganze Zeit gedöst. Es ist so schön, irgendwo in einer warmen Ecke einzuschlummern. Aber der Eisenbahnzug war zu schnell in Basel, und bald musste ich wieder an die frische und feuchte Luft. Und heute scheint es ganz ähnlich zu sein. Ich muss sehen, wie ich mich wach kriege.
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Ich glaube nicht, dass ich meine Ente im Katzenlokal gegessen hatte. Es war irgend ein durchschnittliches Lokal und wir haben es ziemlich zufällig gefunden auf der andren Seite der Moldau. Es lag gleich neben einem sehr touristisch ausgerüsteten Lokal. Alexandra hatte es gewählt, aber ich denke, sie hatte sich vorher nicht überlegt, wohin wir zum Essen gehen könnten. Und das war denn auch typisch für den ganzen Tag in Prag. Er war nicht wirklich vorbereitet, und was Alexandras Freundin uns erzählte, das war minimal. Zusammen mit dem schlechten Wetter, der ganzen Beliebigkeit und Zufälligkeit war der Pragaufenthalt bei weitem nicht so gut, wie ich ihn erwartet hatte. Die Stadt war eigentlich enttäuschend nach allem, was ich von Dir und von meinen Töchtern gehört hatte. Bestimmt hat das Wetter einen wichtigen Teil dazu beigetragen. Es war echt regnerisch und trüb und unfreundlich, wie man es sich nicht mal für einen ganzen Tag im Büro wünschte. Ich erinnere mich, wie ich lustlos an meinem Kaugummi herumkaute und nach irgend etwas Interessantem suchte in den Schaufenstern, in den Strassen, an den Hausfassaden ---- nichts. Es gab bloss diese Souvenirläden und unendlich viele Touristen, die wohl mehrheitlich Tschechen waren, wie man aus ihren eher grauen und farblosen Bekleidungen schliessen musste. Nicht mal die hübsch gepflasterten Strassen, die Du mir beschrieben hattest, sind mir dort aufgefallen. Die Karlsbrücke mit den schwarzen Figuren .. na ja, ich war wirklich nicht in Bewunderung. Vielleicht hängt es daran, dass ich überhaupt nicht vorbereitet war. Das heisst, ich hatte mir keinen Reiseführer gekauft, um nachzusehen, was mich alles in dieser Stadt erwartete. Aber es war bestimmt noch mehr diese Führung. Wir kamen etwa um 11.00h an und gingen gleich in ein Restaurant, um ein Bier und einen Brandy zu trinken. Nun, wo tut man so etwas nach einer Reise von einer knappen Stunden, wenn alle erwarten, etwas zu sehen? Ab und zu ist mir Kokoschkas Gemälde durch den Kopf gegangen. Ich glaube, es ist eine Sicht vom Schloss her und hinunter auf die Stadt, und es sieht alles so lebendig und vital aus. Nein, das Prag, das ich gesehen habe, war bloss ein kleiner Abglanz der Ansicht Kokoschkas, knusprige Ente hin oder her!
Na ja, die tschechischen Augen! Sie sind mir bei einigen Leuten aufgefallen, ehrlich gesagt, eher bei Damen. Den Männern schaue ich vielleicht nicht so tief in die Augen. Ich hatte zwar eine lange Diskussion mit einem Arzt, ein Gynäkologe, der in Südböhmen Schwangerschaftsuntersuchungen macht. Er war ein merkwürdiger Kerl, sehr weich, kam mir irgendwie oesterreichisch vor. Ich hatte ihn gefragt, wo er denn sein gutes Deutsch gelernt habe. Und er meinte kurz und bündig, beim ORF, bei oesterreichischen Fernsehen. Er war ein stiller Typ, wie überhaupt in Tschechien die Frauen der aktivere und lebendigere Teil der Bevölkerung zu sein scheint. Na ja, wo ist das nicht so? Er hat etwa 30 Angestellte für seine Fruchtwasser-Untersuchungen und - wenn nötig - Abtreibungen. Er erzählte, seine Frau wäre Psychologin mit eigener Praxis, sein Sohn wiederum Arzt … er käme aus einer echten Arztfamilie, auch schon sein Vater und sein Schwiegervater wären Arzte gewesen. Seine ärztliche Haltung zeigte sich vor allem in der Tatsache, dass er den ganzen Abend Bier ohne Alkohol getrunken hat. Das war wirklich sehr verantwortungsbewusst und Hyppokrates hätte Freude an ihm gehabt. Der Herr Doktor hatte komisches Haar, ungefähr so, wie ein Foxterrier, wenn er frisch getrimmt worden ist. Ich habe mir beim Voressen mit wurstartiger Pastete und Preisselbeeren lange überlegt, ob er ein Toupet trage. Aber ich kam zum Schluss, dass er mit seinem grauen Haar wohl bloss hinaus in den Regen geraten sei. Er sah ein bisschen aufgewärmt aus, wenn man das so sagen kann. Und gegen Ende des langen Essens mit vielen Vorträgen und Wortmeldungen war er müde und musste gegen den Schlaf ankämpfen. Ich glaube, er hätte dann viel darum gegeben, vor dem ORF zu sitzen um ein bisschen zu schlummern. Und das konnte ich ihm nicht verdenken. Es war manchmal wirklich etwas langweilig, wenn meine Kollegen ihre Vorträge machten. Ich hatte keine offizielle Mission, und darüber war ich echt froh. Ich konnte mich auf das Gespräch mit meinen Tischnachbarn konzentrieren. Die Studentin links von mir sprach gut deutsch. Sie hatte einen etwas angespannten Mund und sorgfältig gebundenes Haar. Sie erschien mir sehr wohl erzogen und war wohl diejenige, die am besten Deutsch sprach. Sie hat im Namen ihrer Leute den Club von Budweiser vorgestellt. Und sie fing damit an, dass sie sich entschuldigte, dafür eine schriftliche Unterlage zu brauchen. Das war sehr nobel eingeführt. Sie wirkte dann aber beim Sprechen etwas gehemmt und steif. Aber das wird sie bestimmt noch entwickeln. Sie war 22, wenn ich mich recht erinnere und studiert im 4. Semester Spanisch an der örtlichen Universität. Ich habe ihr ein bisschen von A. erzählt. Offenbar zweifelt sie an ihrer Studienrichtung, doch habe ich fast die ganze Zeit, die ich für die Bearbeitung meines Hauptganges (Hühnchen an Sauce und viel Kartoffelcorquettes) verwendet habe, dafür eingesetzt, sie zu überzeugen, dass man nach dem 4. Semester nicht mehr wechseln sollte. Sie hat ein 8 jähriges Gymnasium mit Latein hinter sich und ich habe meine alte Leier über die Schönheiten des Latein, und was man damit alles anfangen kann … wieder einmal hervorgeholt. Manchmal hatte ich den Eindruck, sie fällt in Trance, wenn sie mir zuhört, und ich brauchte Anstrengung, sie wieder ins diesseitige Leben zurückzubekommen. Und während der ganzen Zeit sass ihre Mama, offenbar eine Heilpädagogin und Professoren-Witwe, schräg rechts gegenüber, schmiegte sich ziemlich an den hübschen Schauspieler, der neben ihr sass, aber ohne die Grenze der guten Manieren je zu übertreten. Er war ein lustiger Kerl, hatte bereits den Oberon in Shakespeares ‚Sommernachtsträume’ gespielt, aber noch nie, wie er mir bestätigte, eine Rolle aus Frisch oder Dürrenmatt. Dürrenmatt sei sehr schwierig, meinte er bedeutungsvoll, denn der Kerl sei überaus philosophisch. Das konnte ich nicht verneinen. Aber das alles erzählte er in knappen Worten und via Übersetzung meiner linksseitigen Studentin, denn er konnte kein Deutsch. Er sprach bloss ein bisschen mit seinen Händen. Rechts von mir sass eine gesetztere Dame mit langem, blondem Haar und einem einladenden, kurzphasigen Lächeln. Sie war etwas altmodisch gekleidet. Schon draussen vor dem Hotel unter den Lauben, mit ihrem Mantel und ihren weiten Hosen aus rotem Vorhangstoff, war sie mir aufgefallen. Bestimmt schneiderte sie ihre Hosen selbst. Sie entpuppte sich als Handleserin und - unverschämt wie ich sein kann - habe ich ihr meine Rechte hingestreckt. Mit einigem Zögern fing sie dann an. Aber wir gaben bald wieder auf, weil ihr, wie sie meinte, die sprachlichen Nuancen fehlten, um wirklich zu erzählen, was mir laut meiner Hände im Leben noch blühen könnte. Literarische oder künstlerische Interessen hatte sie darin gesehen. Darauf nickte ich heftig, um sie zum Weitermachen zu ermuntern. Was mir dabei auffiel, war die Tatsache, dass sie die Hand nicht bloss anschaute, sondern wirklich in die Hände nahm und daran schon fast zärtlich herumtastete und -strich. Das ist natürlich ein exzellentes therapeutisches Instrument, wenn man dem anderen Menschen so nahe treten darf.
Einer meiner Kollegen haben über unseren Club und seine Geschichte gesprochen, vor allem über die Überalterung des Clubs. Das ist zwar richtig, war aber wohl nicht gerade im Zentrum des Interesses jener Leute. Ein anderer hat sehr detailliertes Bild über unsere Sozialaktionen gegeben und bis in Frankenbeträge hinein konkretisiert. Und D. hat über die Stadt Basel referiert. Er war lustig, denn er ist ein tapsiger Kerl der - wie ich feststellen konnte - in jede Pfütze tritt, die Prag zu bieten hatte. Aber die Leute haben das nicht so sehr bemerkt und die hübschen Bilder bestaunt, die er von Basel gezeigt hat.
Ach, wenn ich so anfange, zu erzählen, bemerke ich, dass ich doch einiges erlebt habe. Vorher hatte ich den vagen Eindruck, dass da doch fast nichts gewesen sei. Da sieht man bloss, wie gut es tut, wenn man eine liebe Mausfreundin hat.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben G&K
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