Donnerstag, 23. Oktober 2025

Argumente für Englisch


Liebe Marlena
Vielen lieben Dank für Dein barockes Mail. Sie sind in der Tat wunderschön geworden, Deine Mails in letzter Zeit. Ich geniesse sie wie ein Festschmaus, jedes von ihnen.
*
Ein bisschen unfair bist Du darin, dass Du Dich nicht zwischen mir und meinem Chef entscheiden willst. Du sagst, klar, alle müssen Frühenglisch haben. Aber auch Französisch. Was jetzt nun, beides?? Das ist wohl nicht gut möglich, mit den Grundschülern schon mit zwei Fremdsprachen anzufangen, schliesslich müssen sie auch noch Hochdeutsch lernen, was sie im Alltag ja auch nicht brauchen. Das wären sozusagen drei fremde Sprachen, wie einige behaupten.
Nein, ich glaube, es geht wirklich um die harte Entscheidung: Französisch oder Englisch ab 2. Klasse? Ich bin, wie gesagt, für Englisch. Und ich habe gute Argumente:
Erstens: Englisch bietet, wie Du sagst, Anschluss zur Welt, zur Welt des Kommerzes, des Computers.
Zweitens: Kinder haben mehr Motivation, Englisch zu lernen als Französisch.
Drittens: Englisch ist leichter als Französisch, vor allem in der Anfangsstufe.
Viertens: Schüler auf dem praktischen Bildungsweg erreichen in 7 Jahren eine Kompetenz in Englisch, die ihnen im Beruf nützlich sein kann. In Französisch kommen sie kaum soweit, dass sie praktisch sprechen könnten.
Fünftes: Mein Chef behauptet, Sprache sei mehr als ein Verständigungsinstrument weltweit, mehr als eine lingua franca. Klar, hat er recht, aber auch das moderne Englisch ist Teil einer Kultur, der postmodernen, internationalistischen, übernationalen Kultur. Es ist ja nicht ein Queens-Englisch, das hier zur Diskussion steht, sondern eine Art Strassenvariante in hunderten von Akzenten. Wie nennt man dieses neue Englisch, das man überall spricht, mit einem sehr reduzierten Wortschatz? Es hat doch irgendwie einen Namen, den ich schon gehört habe?
Sechstens: Der Kulturstreit in der Schweiz wird nicht so heiss werden, wie mein Chef prognostiziert, weil auch die Romands Englisch lernen, und dann können wir mit ihnen Englisch reden, wenn es denn sein muss. Das geschieht schon heute gelegentlich im Militär beispielsweise.
Siebtens: Der Kulturstreit könnte sogar gemildert werden dadurch, dass wir uns nicht mehr zwischen Italienisch oder Französisch entscheiden müssen. Es wäre doch denkbar, dass die Tessiner enttäuscht sind, wenn wir Französisch wählten, und dass die Romands enttäuscht sind, wenn wir Italienisch wählen. Mit Englisch sind wir von beiden gleich weit entfernt, oder gleich nah respektive.
Achtens: Und die Romands und Tessiner können sich auch auf die Weltsprache Englisch konzentrieren, und müssen nicht zuerst noch Deutsch lernen, einfach, weil man in der Schweiz ohne Deutsch keine Karriere machen kann. In Zukunft wird man auch in der Schweiz die Karriere in Englisch machen.
Neuntens: Wenn alle Englisch können, wird es wieder geschätzt und exklusiv werden, Französisch auch noch zu können. Dann wird der Wert von Französisch bestimmt wieder steigen, vielleicht nicht für alle, aber für diejenigen, die sich auf Marktlücken vorbereiten.
So:
Findest Du denn nicht, Marlena, mein Chef sei längst k.o.? Seine Argumente sind doch ideologischer Natur, ein wenig nostalgisch. Und unter uns gesagt, ich vermute, dass er selbst kein Englisch kann. Aber das weiss ich nicht. Er ist sonst sehr kompetent und intelligent. Auf jeden Fall muss man doch konstatieren, dass, wenn man ein wenig herumreist, zu aller erst auf das Englische fällt, und kaum je auf Französisch. Sogar mit meiner belle soeur aus Paris spreche ich Englisch, wobei es bei ihr ja sünd und schade ist. Ich könnte nämlich viel von ihr lernen.
Also, meine liebe Marlena, ich hoffe doch sehr, dass Du Deine Pflicht tust und das Match entscheidest Er oder ich, das müssen wir jetzt wissen ;--))
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Nein, wenn ich regressive Trance sage, meine ich nicht, dass ich es bereue. Ich fand bei der Lektüre bloss, es wäre sehr schlecht formuliert, nachlässig und undiszipliniert. Vielleicht so, wie man auf der Couch des Psychiaters spricht? Nein, es ist keine Reue, eher etwas unwohl Dir gegenüber, wo Du doch immer perfekte und korrekte Sätze schreibst.
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Ja, wenn Du Dich richtig erinnerst, habe ich den Begriff Internet-Ehe erfunden und Dich damit ziemlich erschreckt! Kannst Du Dich erinnern? Damals warst Du noch sehr "korrekt" und als ich erzählte, ich träumte, mit Dir in Paris zu sein, hast Du Dich etwas indigniert gewundert, was den meine Frau dazu denke und dass sie sowas bestimmt nicht möge. Du hast mich praktisch zurechtgewiesen. Remember?? Es war köstlich. Es war wohl noch vor Deiner feinen und vorsichtigen Liebeserklärung, die ich immer noch in schönster Erinnerung habe. Und Du warst es, die das Symbol des Turmes erkannt und thematisiert hast. Das fand ich auch sehr schön, nun ja, ist es immer noch.

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Mittwoch, 22. Oktober 2025

FELICI FAUSTOQ(UE) INGRESSUI

  

Subject: FELICI FAUSTOQ(UE) INGRESSUI
Date: Sun, 03 Sep 09:00

Liebe Marlena
Alle Lehrbücher teilen die Geschichte Roms nach einem schlichten kulinarischen Prinzip ein:

Als Suppe wird die Zeit der Könige (753-510v.Chr.) gereicht.

Als Braten folgt die römische Republik (510-30v.Chr.) und füllt den Bauch mit endlosen gerechten Kriegen, die natürlich alle Verteidigungskriege waren, auch wenn Rom jedesmal einen fetten Brocken Land dazuerobert hatte. Das wird dekoriert mit süssen vaterländischen Sätzen wie DULCE ET DECORUM PRO PATRIA MORI. Da das Verschlingen ganzer Länder mit der Zeit bürgerkriegsartige Magenschmerzen bereitet, folgt darauf:

Das Dessert, die Epoche des Kaisertums (30v.Chr. – 476n.Chr), die je nach Geschmack als goldenes Friedenskompott aufgetischt wird, als nerosüsses Sündenpfuhlsoufflé oder als sadomsochistisches Christenverfolgiúngssorbet au Marc Aurèle.



Am 15. Januar ist Sant’Antonio Abate, das Fest des heiligen Anton. Es ist aber nicht der Heilige von Padua. Hier ist ein Einsiedler gemeint, der von 251 bis 356 n.Chr. gelebt haben soll, also 105 Jahre, und dabei vielen fleischlichen Versuchen widerstanden hat. Er ist der Schutzheilige der Haustiere, und sein Bild mit Bart und Kutte, Schwein und T-förmigem Antoniuskreuz darf in keinem Stall fehlen.
Schon am frühen Morgen werden die Tiere zur BENEDIZIONE, zur Segnung vor dem Portal von Santa Maria della Rosa getrieben. Bis vor Jahren war das wie ein Viehmarkt. Heute begnügen sich die frommen Bauern damit, ausgewählte Tiere zu delegieren, vor allem Pferde, meist mit einem Wagen voller Zicklein, Lämmer, Verkel, Kaninchen, Hühner, Enten, Truten Tauben und sogar Pfauen – alles sehr zur Freude der Kinder.
Früher gab es in der Festa del Sant’Antonio Abate Spiele wie Baumklettern, Pferderennen, Gänsehauet und auch das gioco della padella. Dabei wurden Münzen auf den Boden einer russverschmierten Pfanne geklebt, die Teilnehmer, denen die Hände auf denn Rücken gefesselt waren, mussten versuchen, möglichst viele davon mit Zähnen und Lippen abzureissen. Heute sieht man Miniröcke mit Spitzenvolants, Anzüge von Armani, Pelze wie man sie sonst an Opernprmieren erblickt.
Früher bestand der Höhepunkt des Antoniusfestes darin, dass die Grossfrundbesitzer ihren Hirten ein gewaltiges Essen offerierten. Heute reiten die BUTTERI, die Cowboys der Maremma, nach der kirchlichen Zeremonie auf ihren geschmückten Pferden durch die Gassen der Altstadt zum gemeinsamen Umtrunk. Am Nachmittag versammelt sich die ganze Stadt auf der Piazza Basile, wo in einer Eisenpfanne mit den Ausmassen eines kleinen Swimmingpools Hunderte Liter Öl sieden. Sechs schwitzende Köche bereiten Berge köstlicher FRITELLE: Stücke von Blumenkohl werden in Teig getaucht, schwimmend gebacken und dann mit Zucker bestreut. Mädchen verteilen das knusprige Gebäck.

Ach, Marlena, du siehst, ich habe ein wenig ein Durcheinander in meinem Zettelkasten. Das macht aber wohl nichts. In Rom ist das Durcheinander noch viel grösser. Ich versuche einfach, irgendwo anzufangen und mich langsam hineinzubewegen. Heute gehe ich noch rasch nach Basel. Ich möchte wieder einmal den wunderbaren Sarkophag ansehen, der die Sage Medeas zeigt. Du hast mal angedeutet, das diese Geschichte dich sehr beeindruckt hat. Aber du hast mir nie näher erzählt, weshalb. Der Sarkophag ist eine römische Meisterleistung aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n.Chr., so glaube ich. Er ist einfach fantastisch gearbeitet, und jedesmal bin ich von Neuem fasziniert. Wenn du mal nach Basel kommst, werden wir ihn zusammen anschauen.
*
Es ist hier regnerisch, wie es zum Herbst gehört. Aber die Temperatur ist dennoch ziemlich mild. Ich fahr jetzt los.
Mit einem lieben Gruss und einem echten Kamel-Kuss

...

Montag, 20. Oktober 2025

Mildernde Umstände ...

 

Ämne: mildernde Umstände des Winterschlafs
Datum: den 17 oktober  07:43

Liebste Marlena
Ach, ein paar Monate zusammengerollt mit Dir, der grossen weisen Bärin, das würde mir doch zusagen, in einer dunkeln, aber geschützten Höhle. Und dazu die Stille, so dass man nur das leise Liebesgeflüster hört. Das wäre doch wunderbar.
Es war ganz lustig gestern. Ich meine, der geschäftliche Teil ging einigermassen gut über die Bühne. Sie haben zwar wieder mal intensiv über Geld diskutiert, die Herren Direktoren und Bosse und Chefs. Aber die Beschlüsse waren dann ganz vernünftig. Und der neue Präsident hat eine kurze Antrittsrede gehalten und sein Dreipunkteprogramm vorgestellt. Weißt Du, welches sein erstes Ziel ist: dass keiner aus dem Club austritt. Ein reines Negativprogramm. Aber er meint es nicht so. Er ist ein Kunstmaler und ein ziemlich origineller Kopf. Es wird ihm in diesem Jahr schon was lustiges einfallen.



Und dann gab es ein essen. Und ich hatte zwei interessante Tischnachbarn. Beide waren mehrere Jahre in Schweden gewesen und waren begeistert. Und ich glaube, bei beiden ging die Liebe zu Schweden über schwedische Frauen. Der eine, heute ein älterer Gentrleman, immer sehr schick gekleidet, Modejournalist, erzählte mir von seiner schwedischen Freundin, eine Adelige, mit der er in Sörland oder so ähnlich gelebt hatte. Er konnte sogar aus der schwedischen Literatur zitieren und die ersten Takte eines Liedes singen. Och, er hat richtig geschwärmt von den Schweden, ihrer Naturmystik, ihrer Liebe zur Geschichte und zur Literatur. Aber zwischen den Zeilen konntest Du sehen, dass er immer noch an seine adelige Liebe denkt. Und er meinte, sie hätten bloss nicht heiraten können, weil sie keinen Bürgerlichen heiraten konnte.
Und der andere Kollege, ein Klavierbauer, und sonst eigentlich ein stiller Typ hatte ganz leuchtende Augen, als er von den schwedischen Mädchen erzählte. Wenn er abends von der Arbeit nach Hause gekommen sei, hätten sie schon zu mehreren auf der Treppe gesessen und auf ihn gewartet. Als Ausländer hätte er auch an der Bar Alkohol bekommen können. Und wenn man den Mädchen eine Flasche zeigte, dann wären sie überall hin mitgekommen. Oder an einem Fest hätte er immer gefragt, woher die Mädchen kommen, und sich dann mit derjenigen beschäftigt, die 50km weit hergekommen ist, um sie anschliessend mit dem Auto wieder heimzubringen.
Du siehst, Marlena, die schwedischen Frauen haben einen Ruf, der durch ganz Europa weht. Man weiss ja nie so genau, was man davon halten kann, denn wir haben auch ziemlich Wein getrunken gestern Abend. Aber eines ist sicher: beide waren von den schwedischen Frauen tief beeindruckt. Und sie haben die intensiven Erlebnisse auch in Zusammenhang gebracht mit der langen Dunkelheit im Jahr, und der kurzen und intensiven Vegetationszeit. Es hat so geklungen, als ob man die paar sommerlichen Monate bis zur kürzesten Sekunde auskosten muss, weil sie bald vorüber sind.
Und José, der Journalist, hat von den roten Preisselbeeren geschwärmt und wie die Landschaft zur einer bestimmten Zeit einfach total rot sei von diesen Sträuchern. Ist das nicht das, was Du mir auch geschildert hast? Auf jeden Fall waren diese Preisselbeeren der initiale Punkt, weshalb wir überhaupt auf Schweden zu sprechen kamen. Und du kannst Dir vorstellen, dass ich natürlich immer weiter gefragt habe und mehr und mehr wissen wollte, was denn dort oben so besonders sei. Und so sind die beiden älteren Knaben noch einmal richtig ins Schwärmen gekommen. Das war doch eigentlich recht köstlich, ganz abgesehen von den schmackhaften Preisselbeeren auf dem Fleisch.
*
Du klingst ein wenig erschöpft, meine Liebe. Ich würde Dir gerne in der Höhle den Rücken massieren und Dir neue Energie geben. Aber die länge meiner Arme reicht nicht ganz. Weshalb gehst Du nicht in die Sauna, oder vielleicht in ein Solarium. Ich glaube, dass das fehlende Licht auf das Gemüt schlägt. Ich jedenfalls habe in den letzten Jahren bemerkt, wie ich im Herbst gewöhnlich etwas mehr melancholisch werde. Das heisst, ich habe es nicht mal selbst realisiert, sondern S hat mich darauf aufmerksam gemacht. Und ich glaube, sie hat recht. Ich habe immer Weihnachten bis Neujahr eine Art Baisse, so dass ich die Zeit und das Fest gar nicht richtig geniessen kann. Bisher hatte ich es immer mit der Tatsache des Jahresende in Zusammenhang gebracht. Es ist aber schon möglich, dass ein Sonnenenergiemangel auch eine Rolle spielt. So lass mich denn Deine Sonne spielen, Marlena.
Ich wünsche Dir einen sonnigen Tag
...


Iran ist megasonnig, nebeibei gesagt. Deshalb haben dort alle lachende Gemüter.




Re: Mildernde Umstände


lingon  

Ämne: Abendgruss
Datum: den 18 oktober  22:29

Lieber ...

Es war wie ich geglaubt hatte und nun sitze ich hier warm eingehüllt mit einem heissen Tee neben mir und versuche mich zu kurieren. Gerade habe ich noch einmal dein schönes Mail durchgelesen, was mich gleich ein bisschen wohler zumute macht. 

Am Montagabend habe ich  sehr an dich gedacht. Als hätte ich gespürt, dass du mit deinen Gedanken in Schweden bist. Allzu gern hätte ich deinen Tischnachbarn zugehört, als sie von Schweden erzählten. Und du, chéri? Es muss doch ein komisches Gefühl gewesen sein, nicht auch von hier sprechen zu können. Du hast Fragen gestellt und vielleicht hat man doch gemerkt, dass du nicht ganz fremd bist in diesem Land. Oder hast du ihnen auch erzählt von einer Schwedin, die in dich vernarrt ist seit einem halben Jahr? Du weißt doch, mein Liebling, dass wir diese Woche ein halbes Jahr gemailt haben? Ich wundere mich manchmal dass es nicht schon länger ist. Wir haben uns unendlich viel geschrieben in dieser Zeit. Und doch bin ich immer noch hungrig nach deinen Worten. Ich kann nie genug von dir hören. Du beschreibst alles so genau und so schön .. z.B. von den Eiszapfen im Wallis. Ich hatte mein Leben lang nicht mehr an Eiszapfen gedacht und plötzlich sah ich sie wieder vor mir, ich fühlte sie und ich erinnerte mich sogar, wie sie riechen und schmecken ;-)

Als ich die schwärmerischen Berichte deiner Clubfreunde über Schweden las, wurde ich fast melancholisch. Sie haben recht.. es ist etwas besonderes mit diesem Land.. etwas, das mit den Jahreszeiten und der Natur zu tun hat. Ich bin froh, dass mich meine Mutter damals wieder hierher geschickt hat. Aber der Journalist hat natürlich ein bisschen übertrieben. Nicht ganz Schweden leuchtet von "lingon". Sie wachsen an bestimmten Stellen im Wald und man muss schon wissen wo, bevor man sie leuchten sieht. Es ist möglich, dass sie in Südschweden etwas offener wachsen als hier bei uns. Oben in Norrland haben wir sie auf dem Hof hinterm Haus. Aber schade, dass wir nicht dort sein können, wenn sie reif sind.
Du weisst, es ist eine sehr nützliche Beere. Sie konserviert dich von innen, sodass du nicht älter wirst ;-) Ein Geheimnis, das ich dir hiermit verraten habe.
*
Bei uns ist es zur Zeit schon stockdunkel. Aber ende des Monats stellen wir dann unsere Uhr eine Stunde zurück. Man sollte sich nicht beschweren. Ich war mal im Dezember oben in Luleå, um bei meinem Schwiegervater 
Weihnachten zu feiern . Der Tag dauerte ungefähr eine Stunde und bestand aus einem rosa Streifen über dem Waldrand.

Eigentlich glaube ich nicht, dass ich zu den Menschen gehöre, die leicht vom Wetter beeinflusst werden.. Wenn ich mich wohl fühle aus anderen Gründen, dann kann mich das Wetter kaum stören. Du bist lieb, dass du meine Sonne spielen willst. Ja, tu es Liebling. Denn diese Art von Sonne kann ich schon sehr vermissen. :-)
*
Ich liebe es, in die Sauna zu gehen und dazwischen ein paar Längen zu schwimmen. Zu Hause in Uppsala hatten wir unsere eigene Sauna in der Villa und ich vermisse es sehr. Hier fehlt mir leider oft die Zeit dazu, aber ich werde doch versuchen ab und zu hinzugehen. Wir haben übrigens seit kurzem freien Zugang zum "Gym". Brauche mir nur den Schlüssel zu holen. Das ist doch eigentlich fantastisch. Daneben liegen das Solarium, das Schwimmbecken und die Sauna. Und alles nur knapp 100 Meter von meinem Arbeitsplatz. Da staunst du wohl, Chéri.
Wie ist es bei dir? Gehst du auch in die Sauna? Ich bin manchmal eifersüchtig auf meinen Bruder, der sich nachher noch ganz durchmassieren lässt. Diese Möglichkeit haben wir leider nicht hier bei uns (obwohl mein Kollege Å, der eine Masseurausbildung hat, mir öfters seine Dienste anbietet) ;-))
Nun, chéri, ich werde mit deinen guten Ratschlägen und lieben Briefen schon noch die dunkle Jahreszeit überleben.

Wenn ich so zum Ende eines Mails komme, muss ich mich immer ein wenig zurückhalten, dass ich dir nichts Unpassendes schreibe.. Mein Wunsch dich einmal so ganz glücklich zu sehen ...
Oh, nein Schatz.. Ich sage dir nun gute Nacht.
Bitte lass mich nicht verhungern
Marlena

In Eile ..

 

Ämne: In Eile..
Datum: den 14 oktober 11:02


Hello love,
Gestern kam ich nicht an den PC ran weil A und K ihr neues Program ausprobieren. Ich glaube beide werden in Zukunft viel hier am PC zu tun haben mit ihren Websites. Aber das gilt ja nur am Wochenende.
...

So viele Illusionen hast du gehabt, dass du einen ganzen Karren dafür brauchtest? ;-) Ja, das Leben eines Menschen ist meist etwas anders, als es die Umwelt sieht. In den Augen meiner Umgebung gelte ich als stark, selbstbewusst, stolz, offen und glücklich (vielleicht auch als etwas abenteuerlich :-) ... 

Und dir mein Schatz sage ich, wie mein Leben wirklich ist.. wie ich es erlebe.. meine Gefühle und Gedanken. Es ist schön, einen Menschen zu kennen, dem man das sagen möchte.

Ich muss schon weg. Schreib mir doch bitte noch ein Mail, falls du Zeit dazu findest. Es macht mein Leben so schön.. .
Ich umarme dich, mon chéri
Marlena



Illusionen??

 


Ämne: die Illusionen auf dem Kartoffelkarren


Liebe Marlena

Wo ich meine Illusionen verloren habe? Illusionen über die Menschen?
Na ja, das ist wie wenn Du mit einem Karren voller Kartoffeln über einen holperigen Weg rollst. Sie fallen ja nicht gleich alle zusammen vom Karren, sondern springen einzeln da und dort herunter.
Aber ich habe nicht ein schlechtes Bild von den Menschen. Das bestimmt nicht. Und ich habe im Leben wirklich eine Menge Menschen kennengelernt.
Weißt Du Marlena, ich habe den Eindruck, dass es sehr von der Distanz abhängt, wie man Menschen wahrnimmt. Kennt man sie nur aus Entfernung, oder kennt man sie in einem sehr persönlichen Rahmen. Das ist die Frage. Es gibt doch auch diesen merkürdigen Riss durch die Welt, den jeder von uns selbst erleben kann, diese unüberbrückbare Diskontinuität zwischen meiner Innenwelt und der Aussenwelt. Man könnte grob sagen, das eine sei die private, das andere die öffentliche Welt. Aber es stimmt hier auch nicht ganz. Die Sprache, nota bene, wie Wittgenstein nachweist, ist eine durch und durch öffentliche Angelegenheit. Es gibt nicht die Privatsprache, nur für mich selbst, so, wie sie Bichsel in der Kindergeschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" vorgeführt hat. Das ist keine Sprache mehr.
Ich habe in den letzten Jahren einige Biographien gelesen und ein wenig studiert. Am liebsten hatte ich die Lebensgeschichten von Malern, die auch illustriert waren mit ihren eigenen Gemälden. So konnte ich irgendwie die Werke mit dem Leben des Malers in eine Verbindung bringen. Kunstgeschichtlich ist ja das Leben des Malers ziemlich irrelevant. Aber psychologisch ist es interessant. Und wenn man dann diese Lebensläufe, diese Krisen und Stürme und Liebschaften und Katastrophen und Höhepunkte und Seligkeiten sich anhört, und daneben die öffentliche Rolle sieht, die sie gespielt haben und die mit Gemälden belegt ist, dann gibt es doch sehr erstaunliche Phänomene.
Schau mal Dali an, dessen Biographie ich gerade auf meinem Nachttischchen habe! Er war ein armer Wurm. Er hatte soviele Ängste und Unsicherheiten. Er war ganz und gar von seiner Frau Gala abhängig, die ja auch in seinen Bildern immer wieder auftaucht, eine Russin, die ein sehr extravagantes Sexualleben geführt haben soll, während von Dali gesagt wird, er wäre ein Autoerot gewesen. Das heisst wohl, er hat sich meist selbst mit sich selbst befriedigt. Das ist ja doch schon eine echte Kunst, würde ich sagen. Und er muss seiner Gala echt hörig gewesen sein. Sie haben viele Bilder gemeinsam signiert, obwohl er sie gemalt hat, er im engeren Sinne sozusagen. So ist der arme Kerl stets am Trichterrand zur Psychose gewandelt, hat diese Tatsache genutzt für seine Bilder. Aber ich bin sicher, das war nicht das reine Vergnügen. Er war ein echter Spinner und hat sich mit seinem Vater schwer verkracht und hat offenbar auch enorm darunter gelitten.
Und wenn man bloss Dalis öffentliches Leben anschaut, hat man den Eindruck, er wäre ein berühmter Maler gewesen, der sein Leben geschäftstüchtig inszeniert hat, jede Menge vor dem Publikum der Oeffentlichkeit Theater gespielt, aber alles in allem ein genialer Held, der diese fantastischen und eindrücklichen Bilder gemalt hat, die jeder im Gedächtnis hat. Man denkt, er sei der grossartige und selbstbewusste Schöpfer dieser Ikonen des frühen 20. Jahrhunderts.
Was jetzt nun, ein genialer Held oder ein armer Wurm? Ist eben eine Frage der Distanz der Wahrnehmung. Und in der Oeffentlichkeit verzerren vielleicht die öffentlichen Vorurteile und Legenden unseren Blick und im Privaten sind es dann wohl unsere persönlichen Gefühle und überwertigen Ideen und familiären Neurosen, die das Bild trüben.
Ich habe kein schlechtes Bild von den Menschen. Und ich bin immer wieder berührt und beeindruckt von der Liebe der Mütter zu ihren Kindern. Ich glaube, das ist die stärkste Kraft auf unserer Welt. Bei Vätern merkt man gelegentlich auch viel Liebe, aber nicht so oft wie bei den Müttern. Und wenn diese Mutterliebe nicht wäre! Stell Dir die Welt vor. Es wäre der wahre Dschungel und Krieg und Egoismus! Die Menschen hätten kein Feingefühl und keinen Respekt und auch keinen Zusammenhang. Es sind bestimmt die Frauen, die dieses Positivum in der Welt vertreten und unterstützen und pflegen. Und es ist wohl in allen Kulturen so. Die Leistungen der Frauen für den Bestand unserer Welt sind bei weitem höher einzuschätzen als diejenigen der Männer. Wenn man das mal so auf eine einfache Buchhaltung reduzieren will. Und es ist, nach all dem, was wir hier unten wahrnehmen, überhaupt nicht einzusehen, weshalb der liebe Gott denn nun unbedingt so etwas wie ein Mann sein sollte.
Wir haben in unserem Dienst vor Jahren mal eine Fortbildung gemacht mit einer Feministin. Und sie hat erzählt, dass sie mit ihrer kleinen Tochter abends "zur Göttin" betet. Fand ich lustig, instruktiv und auch mutig.
*
Kurz und gut, meine Illusionen liegen an den Rändern meines Lebensweges wie Kartoffeln, die vom Karren heruntergekollert sind. Aber ein paar sind wohl immer noch oben geblieben. Und das spricht doch auch für den Karren, oder nicht?
Ich küsse Dich innig, meine barocke Mausfreundin
...

PS: wollen wir doch keinen Indizienprozess beginnen, wer wem zuerst die Liebe angedeutet habe. Es geht mir da wie den alten Römern, die in ihren Zitaten immer sehr ungenau waren, einfach weil sie die Mühe scheuten, ihre Pergamentrollen aufzurollen und das Zitat wörtlich zu suchen und nachzulesen. Es ist einfach schön, sich zu erinnern, wie das ganz zart und sachte entsteht, und wie man auf jede Geste und Wendung achtet, die auf ein Mehr hindeuten könnte. Und wenn solche Ahnungen und Gefühle entstehen, ist man ganz zufrieden und hell. Aber es ist doch nicht Geschichte, Marlena! Es ist die nackte Gegenwart, bloss ein paar Monate her. Ich küsse dich nochmals.

Sonntag, 19. Oktober 2025

Nur ganz kurz ...

 

Ämne: Nur ganz kurz..
Datum: den 12 oktober 

Lieber...
Ach ,  es ist so spät geworden heute und ich finde nicht die Zeit, ein längeres Mail zu schreiben. Aber einen kleinen "Gutenachgruss" möchte ich dir trotzdem schnell senden.
Danke für dein schönes, langes Mail. Ich bin ganz auf deiner Seite was Englisch betrifft. Aber später, wenn die Schüler älter sind, sollten sie auch Französisch lernen.. aber nur die, die eben eine gute theoretische Ausbildung haben wollen. Klingt das fair?

Morgen ist Freitag der 13. Viele meinen, das ist ein spezieller Tag. Man muss etwas aufpassen :-)
Ich habe heute ein wenig nach dem Mail gesucht, wo ich dir eine Liebeserklärung gemacht haben soll.. aber im März gab es noch keine. ;-) Doch man merkt,  dass ich schon nach ein paar Wochen "Harroinsüchtig" gewesen bin..
Nicht ich.. sondern du, hast das erste Mal von Liebe gesprochen.. :-) Erinnerst du dich? Damals wollte ich schnell die Feuerwehr holen.. Wir reden manchmal, als wäre alles schon Geschichte.. Ist das so?

Jetzt muss ich noch etwas arbeiten, aber morgen werde ich dir hoffentlich mehr schreiben können.
Wünsche dir alles gute
Marlena

Wo hast du deine Illusionen verloren? Erzählst du mir davon?

Zu dem Wort "barock" sagt mein Duden: "seltsam, verschroben"...