Datum: den 30 augusti 01:38
Liebe Marlena
Jetzt ist der Kurs vorueber und - Du wirst staunen - ich habe ihn bestanden. Es gibt ein schoenes Zertifikat des Institutes hier in New York. Allein das ist eine Reise wert. Und wie es nach einem Kurs so ist, alle sind ein bisschen aufgeweicht und versprechen sich ewige Liebe und Freundschaft. Na ja, es hatte ein paar nette Leute, und frueher oder spaeter werde ich mit einigen per Mail Kontakt aufnehmen. Aber ich kann meinen Adressenkreis nicht beliebig erweitern. Meine Kapazitaeten kommen langsam an ihre Grenzen.
Der letzte Tag war gefuellt mit Uebungen. Und es ist interessant, wie man in diese Art von Sprache hineingeraet, die automatisch in die Trance fuehrt. Natuerlich kann man bei diesen Leuten, die hier waren, im Moment mit den Fingern schnalzen, und alle sind weg. Na ja, sie sind nicht weg, sie sind in Trance. Sie sind es so gewohnt. Aber das aendert sich in den naechsten zwei oder drei Wochen.
Heute habe ich irgendwie eine kleine Erkaeltung. Ich weiss nicht, woher sie stammt. Gestern war es keineswegs kalt. Es gab ein MTW Konzert in Rockefeller Center. Und wir haben gesehen, wie die Saenger eingefahren ist. Du weisst sicherlich, wie das ist. Ich kann mich erinnern, dass ich sowas erstmals im den 70er Jahren in England am Fernsehen gesehen habe. Die Stars waren die Beatles und die Rolling Stones. Soviele junge Leute hatte man vorher in der Geschichte wohl niemals gesehen Und das Fernsehen zeigte sie in den Hauptnachrichten, die vielen jungen Maedchen, die kreischten, ausser sich waren, die Fassung verloren und manchmal ohnmaechtig hinsanken. Ich erinnere mich, wie sehr ich sprachlos war, und wie sehr ich auch das Gefuehl hatte, ich gehoere zu dieser Jugend. Es war schoen damals, jung zu sein. Und es gab eine Aufbruchstimmung ueber die Musik, die die alten ueberhaupt nicht verstanden. Es war sozusagen ein Angriff der Jugend von hinten. Aber weil es soviele Leute gab, konnte man nichts sehen. Auch die einzelnen, die ihre Digitalkamera in die Hoehe hielten, um im Display etwas zu sehen, auch das half nichts. So sind wir im Kaufhaus in den 4.Stock gefahren und haben heruntergeschaut. Da konnte man - von weitem - ein bisschen was sehen. Dann sind wir ueber Times Square zurueckgekehrt. Dort sind die Theater, wo die vielen Musicals laufen. Aber ich habe mich nicht entschliessen koennen, in ein Musical zu sitzten. Mit der W bin ich dann zurueckgekehrt und habe nich mein Pensum geschrieben.
Ich habe gestern auch erstmals ein Sandwich gegessen, Corned Beef Sandwich, wenn ich mich nicht irre. Das war eine ganze Platte mit viel Fleisch, oben und unten eine scheue, weisse Brotscheibe, und dazu French Potatoes. Hatten die Amis nicht beschlossen, die French Potatoes umzubenennen? Also wenn sie die Dinger umbenennen, schadet das absolut nichts. Das waren keine Frites, sondern Kartoffelstreifen von der Konsistenz verkochter Pasti. Weich und lahm waren sie. Man haette genauso Pellkartoffeln beigeben koennen, das waere besser gewesen. Aber ich habe mir gesagt, man muss alles probieren, und so habe ich fast den ganzen Teller gegessen. Eine lange Tranche saure Gurke war auch noch drauf. Sie war aber nicht sauer, sondern vor allem salzig. Na ja, es war alles gut gemeint, und ich bin sicher, jeder normale Theaterbesucher haette diesen Teller in hoechstem Masse genossen. Ich habe dem Barmann ein gutes Trinkgeld gegeben, so wie man ueberall in den Touristenfuehrern angewiesen wird. Und er hatte mich angeschaut, als waere er Europaer. Vielleicht Tscheche oder sowas? Es ist schoen, bei diesem milden Klima abends, wenn es dunkel ist, zu Fuss heimzuschlendern. Im Village ist ohnehin noch viel los. Und man sieht soviele Dinge. Aber wiederum habe ich meine Tuere verpasst und bis bis zur 1. Avenue gegangen.
Und heute morgen bin ich via Washington Square zum Kurs gegangen. Auch dort haben sie ein Gaertchen, fuer die Hunde. Und schon morgens frueh - natuerlich vor der Arbeit - sitzen sie dort mit ihren Vierbeinern und lassen sie austoben. Und weiter unten hatte es Tische mit einem eingearbeiteten Schachbrettmuster. Bereits drei Typen sassen da, als ob sie dort uebernachtet hatten, hatten schon die Steine aufgestellt und einer forderte mich in morgenlichem Uebermut auf, mit ihm eine Partie zu machen. Ich glaube, sie machen das gegen Bezahlung. Auch vor der Public Library gab es solche Spieler. Idelerweise melden sich zwei, die spielen wollen. Wenn nur einer kommt, muessen sie den Sparringpartner abgeben. Dort oben hatten sie auch Backgammon gespielt. Hier aber war kurz nach 8h, und kein vernuenftiger Mensch spielt morgens um 8 im Washington Square auf einem kalten und eher etwas schmutzigen Steintisch eine Partie Schach. Ausser vielleicht eines dieser Hoernchen. Die waren schon auf und hatten ihre grosse Zeit. Sie pfluegen sich wirklich zu Dutzenden durch das Gras. Und auf einer anderen Grasflaeche hatte ein Schwarm Tauben ihre Fruehmesse. Sie haten sich getrennt voneinander, die Tiere, denn sie lieben die Ordnung. Und dann kommte ich wieder zu einem hohen Gitter, dreimal so hoch wie jenes, worin die Hunde spielen. Das ist fuer die kleinen Kinder. Dort drin wie in einem Raubtierkaefig stehen die Muetter und sehen zu, wie lange es dauert, bis die kleine Sally genug geschaukelt hat. Der Boden ist geteert, aber dort, wo die Kinder meist herumtollen, ist der Teer mit einer Gummimatte bedeckt. Es sieht einfach komisch aus, die kleinen Kinder hinter diesen grossen Gittern. Man denkt natuerlich - oder vielleicht denken wir Europaer so - das Gitter soll uns vor den Kindern schuetzen. In Wirklichkeit denken die Amerikaner wohl, das Gitter soll die Kinder vor den Homophilen schuetzen. Ich kann mir keinen anderen Grund vorstellen. Hier die kleinen Kinder, dort drueben die Hunde. Einziger Unterschied: beim Hundezwinger gibt es noch eine Schleuse, dh einen kleinen Vorraum, wohl um dem Tier die Leine umzuhaengen oder zu loesen. Das ist aufwendig, aber praktisch gedacht. Wenn du also einen Wunsch hast, in NY, dann waehle Hund und besser nicht Kind zu sein.
Ich ueberquere jeden Tag den Broadway, um zum University Place zu kommen. Allein das ist ein gutes Gefuehl, obwohl der Broadway eigentlich hier eine ganz gewoehnliche Strasse ist. Sie ist sogar ein bisschen enger, hat aber einen gepflegteren Gehsteig.
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Ich bin gerade unterbrochen worden. Ch. ist mit ihrer japanischen Freundin gekommen. Japaner, so habe ich festgestellt, sind sehr nett. Sie machen eine nette Konversation. Das einzige Problem liegt darin, dass man sie schlecht versteht. Sie haben eine Aussprache, die vom Englischen wirklich weit entfernt scheint. So muss ich meist vieles erraten. Aber so genau muss man die Dinge meist auch gar nicht verstehen. In einem small talk genuegen ein paar Stichworte. Darin aehnelt der Small Talk der Trance.
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Jetzt muss ich mir rasch ein Alkaseltzer + Cold holen. Ich fuehle, dass etwas im Anzug ist. Und vielleicht ist es besser vorzubeugen, bevor es richtig einschlaegt und ich im Flugzeug von einer Stewardess individuell gepflegt werden muss.
Ich geh mal schnell zum Deli, um ein Alkasetzer zu holen.
Bis spaeter
Gruss
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