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Liebe Malou
Ja, das klingt gut. Würde ich vielleicht auch lesen. Aber ich glaube nicht, dass ich je ein ganzes Buch in Englisch gelesen habe. Irgendwie würde ich mich dort nicht ganz heimisch fühlen. Aber es ist gut. Ich erinnere mich dabei an mein Onkelchen und die Dinge, die er erzählt hat. Allein die Tatsache, dass es damals ganz eine andere Welt war, allein diese Tatsache macht einen solchen Roman spannend. Wir können uns die Zeit nicht vorstellen. Ich habe eine Erinnerung aus der Zeit, als ich noch nicht zur Schule ging. Wir waren in Zürich und sassen beim Bahnhofplatz auf einer Terrasse. Man sah hinunter auf den riesigen Platz. Es gab einige wenige Tramschienen, vielleicht das Denkmal von Escher, daran erinnere ich mich nicht mehr. Und sonst war der Platz einfach leeeeeeeeeeeeeeeeeeer. Einfach absolut leer, vielleicht einige wenige Personen, Männer mit einem Hut. Frauen mit knöchellangen Röcken.
Ja, vielleicht ist schreiben einfach aus diesem Grunde gut: gegen die Zeit zu schreiben, erzählen, wie es war. Gegen diesen schleichenden Untergang anschreiben, den alles erfasst und der alles mit sich reisst. Ich werde traurig und wütend gleichzeitig, wenn ich davon rede. Du nicht, Malou? Wie das Leben vergeht, ist doch einfach ungeheuerlich, ungerecht, absolut brutal!!! All die Verstorbenen und Vergessenen, stell dir vor, wo sie sind! Es macht mich wahnsinnig, wenn ich daran denke.
Und jetzt trinke ich einen latte macchiato. Das ist die einzige Art von Kaffee, die man mit dem Suppenlöffel einnehmen kann, pflege ich scherzhaft zu sagen. Wenn du zu mir zu Besuch kommst, Malou, dann serviere ich dir einen solchen Latte. Ob du magst oder nicht, ich werde ihn dir an der Bar vor meiner Küche servieren. Die Bar ist ein Schrank, der früher in einer Zahnarztpraxis gestanden haben muss. Er passt blendend in meine 2-Zimmer-Klause. Nur darf man sich nicht zusehr betrinken. Wenn man sich an dieses Möbel lehnt, dann fährt es davon !! Ich werde dir dann ein Foto schicken, Malou, wenn es soweit ist. Das mache ich bestimmt. Ich habe vom Mann der Zügelfirma gehört, dass im Café gegenüber riesengrosse Sandwiches serviert werden. Die seien weitherum bekannt. Seine Männer gehen immer wieder dorthin, weil sie doch beim Zügeln einen respektablen Hunger entwickeln. Ist das nicht eine wundervolle Gegend? Und heute habe ich einen weiteren Band gefunden über die Primaten und Halbaffen. Diese Literatur brauche ich unbedingt in meiner Nähe, wenn ich dann einen Steinwurf vom Affenhaus entfernt wohne. Ich glaube, ich werde regelmässig zu den Affen gehen. Die Tiere haben mich schon immer fasziniert.
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Liebe Grüsse und Küsse und Qs
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