Midsommar
Das ist für dich Marlena, ... Es ist für mich das
Sinngedicht unserer Freundschaft.
"Wer seines Lebens viele Widersinne
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der drängt die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.
Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,
die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit."
Rilke Berlin-Schmargendorf 1899
Liebe Marlena
...
Letzte Woche habe ich einen Bildband über Pieter Bruegel erstanden, du erinnerst dich, den Bauern Bruegel, oder der Drollige Bruegel, wie man ihn heisst, Pieter Bruegel der Ältere. Es gibt ja dann noch den Jüngeren und es gibt noch Jan, den Blumen Bruegel, der etwas feiner gemalt hat und zB auch mit Rubens zusammengearbeitet hat. Ich erinnere mich an ein Bild, das sie zusammen gestaltet haben, ich meine, soweit Rubens seine Bilder überhaupt selbst gemalt hat. Er hatte ja eine wahre Fabrik, sagen wir Manufaktur, das klingt etwas höflicher. Er war ein guter Geschäftsmann gewesen, dieser Rubens. Heute wäre er wahrscheinlich ein grosser Video-Produzent, der mit seiner Arbeit steinreich geworden ist. Er hatte eine Nase für die Moden und Vorlieben seiner Zeit, und er hat sie voll genutzt. Aber zurück zum alten Bruegel. Er hat dieses wunderschöne Bild des Turmes zu Babel gemacht, dieses zugleich schöne wie bedrohliche und unheilversprechende Bild. Wie wäre es jetzt schön, dieses Buch zusammen anzuschauen? Hättest du überhaupt Zeit für solchen Luxus? Bruegel ist wohl mit Bosch der originellste Maler des 15. Jahrhunderts, köstlich und flandrisch und witzig, verspielt und mit einer Bauernschläue, wie nur noch der alte Cato bei den Römern. Nein, Cato war nicht verspielt, der war eher tierisch ernst und stockkonservativ. Bruegels Turm ist ja zur Ikone geworden. Und das ist eine grosse Leistung für eine einzige kleine Existenz im 15. Jahrhundert Flanderns.
Ich habe immer geliebt, wie die Holländer ihre Maler lieben und mit ihnen leben. Jedes Kind kennt sie. Und es gibt diesen schönen Begriff eines „Jan Steen Haushaltes". Kennst du die Bilder Steens? Er hat viele Interieurs gemalt und immer sehen sie zwar sehr malerisch, aber eigentlich äusserst unordentlich bis chaotisch aus. Mein Büro ist gelegentlich ein Jan Steen Haushalt, echt, es fehlen nur noch ein paar Hühner und in der Ecke eine Stoffdrapierung. Dann wäre ich ein Jan Steen Hausherr (es ärgert mich, mein Computer macht aus Steen immer Stehen. Er ist wirklich dumm und unverbesserlich starrköpfig, sofern er überhaupt einen Kopf hat!).
*
Subject: über die Verrücktheit!
Date: Sat, 19 Feb 09:01
Liebe Marlena
Hurrah, ich hab es gefunden. Im artchive, wie du mir es angegeben hast, habe ich das Bild von Rubens gefunden. Es heisst dort „Allegory on the blessings of peace", ist 1629-30 entstanden und hängt in der National Gallery in London. Du kannst es Dir anschauen und Dir vorstellen, Du würdest mitten in unserem Wohnzimmer stehen. Dazu kann ich Dir sagen, dass unser Wohnzimmer sehr gross ist. Wir haben eine alte Scheune umgebaut und das Wohnzimmer nimmt die ganze Grundfläche ein. Es ist vielleicht 10 x 15 m, ich weiss es nicht so genau. Auf jeden Fall kann ich, wenn ich ein Problem zu lösen habe, eine halbe Nacht lang diagonal in diesem Wohnzimmer (dh. vielleicht 12 m eine Länge) auf und ab gehen und so viele Kilometer zurückzulegen, dass es gut und gerne einmal rund um den Erdball reichen würde. - - Allerdings ist die Küche auch ins Wohnzimmer hinein gebaut, so dass es aussieht wie eine Theke. Das ist einerseits gut, weil meine Frau dann nicht isoliert in der Küche stehen muss. Auf der anderen Seite hat es den Nachteil, dass die Gäste bis in die Pfanne hinein sehen, und auch, dass es manchmal Lärm macht oder nach irgendwelchen Gewürzen riecht. Aber insgesamt hat es wahrscheinlich mehr Vorteile.
Also, in diesem grossen Raum hängt meine Rubens-Kopie über einem Glasschrank und in einem dicken, barocken Goldrahmen. Und darüber hängt ein anderes Bild, das ich selbst entworfen habe, aber auch etwas rubens-ähnlich ist. Es gleicht dem „Höllensturz" von Rubens. Vielleicht kennst du das Bild, worauf die vielen nackten Menschen hinunter in die glühende und brennende Hölle fallen. Es sieht aus wie eine barocke Grill Party. Meine Variante ist natürlich nicht soooo dramatisch und sooooo perfekt wie die von Rubens. Aber in die Nähe komme ich schon damit. Es ist ein grosses Bild, etwa 1.5 x 2 m. Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Gefühle man hat, wenn man vor einer weissen Leinwand mit den Massen 1.5 x 2 m steht. Das Herz fällt dir in die Halsgrube, wie du in schwedisch zu sagen scheinst. Man hat einfach Angst, den ersten Pinselstrich zu machen und man verschiebt ihn immer wieder, indem man noch einen Schluck Wein trinkt oder eine neue Pfeife stopft.
Manchmal denke ich, ich hätte nicht studieren und heiraten und Kinder haben und ein bürgerliches Leben führen sollen. Ich hätte besser Maler werden können. Das wäre ein Ding! In meinem Alter wäre ich jetzt sicherlich bekannt, vielleicht berühmt. Ich hätte ein freies Leben und könnte Nächte lang vor der Leinwand stehen und gegen sie Krieg führen. Ich könnte die Leute beleidigen und meine Leber mit Alkohol ruinieren. Ich könnte immer noch Gauloises rauchen und bei Parties mit einen leeren Whiskyglas in der Hand auf den Tischen tanzen. Natürlich hätte ich eine bildhübsche, gutproportionierte Freundin mit unwiderstehlichen Lippen und einem sensationellen Haarschopf als inspirative Muse, als inspirierende Modell und als konspirative Geliebte. Und ich würde nach Belieben in der Welt umher reisen und mal im Atelier in New York, und dann wieder in jenem in Basel arbeiten, oder vielleicht doch besser in Berlin? Leider nicht so schnell in Paris, denn Paris ist zur Zeit nicht mehr die Weltmetropole der Kunst. Das war es im 19. Jahrhundert zur Zeit der Impressionisten. Aber natürlich ist das eine sehr romantische Vorstellung des Künstlers. Die modernen Künstler sind nicht mehr romantisch. Sie arbeiten mit Video und hochtechnischen Installationen und sie verkaufen sich der Wirtschaft und machen Werbung. Sie sind nicht mehr die wirtschaftskritischen Künstler, die es noch in unserer Jugendzeit gegeben hatte.
In unserem Haus habe ich einen Raum, so etwas wie ein Atelier. Dort habe ich meine Staffelei und die Farben. Ich habe schon ziemlich lange zwei grosse Leinwandformate, wo ich meine beiden Töchter porträtieren will. Die Grösse der Leinwände ist wie die einer normalen Zimmertüre. Und ich möchte, wenn sie gelingen, nebeneinander aufhängen. Aber ich bin noch nicht dazu gekommen. Ich habe noch keinen Pinselstrich angefangen! Wie gesagt, es braucht ziemlich Mut. Beim ersten Pinselstrich fühlt man die Verantwortung der totalen Freiheit. Und je mehr Striche man macht, desto enger wird es, desto unfreier wird man, und am Schluss ist man Gefangener seines eigenen Bildes, absolut verstrickt in die eigenen visuellen Konstruktionen. Das ist ein echtes Abenteuer, ein ästhetisches natürlich, ich sag es Dir. Und die Mädchen sagen mir andererseits, sie hätten absolut keine Zeit, mir Modell zu stehen, absolut keine!
Ich gebe es ja zu, ich bin ein bisschen verrückt!
Verzeih mir und schreib mir, Marlena
Gruss und Kuss
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Ämne: Plaudertasche ? ;-)
Lieber ...,
Ich sehe, dass du absolut nicht zu beneiden bist im Moment. "Nicht zu weit schaun... " sagst du, und das ist was ich auch versuche, um nicht Panik zu bekommen. Und doch möchte ich mich manchmal hinsetzen und das tun, was einem in vielen "Antistressartikeln" empfohlen wird: eine Liste machen mit all dem was ich tun muss und dann versuchen zu priorisieren. Eins nach dem anderen bemeistern und mich freuen, dass wenigstens das geschafft ist. Aber bei uns kommen ja ständig neue, oft ganz unerwartete Dinge dazu, die uns dann unsere Planung verderben. So z.B. wollte der Direktor plötzlich letzten Freitag vor neun Uhr wissen, was ein Schüler in einem Fach (bei mir also Deutsch) im nächsten Jahr kosten wird. Die andere Direktorin hatte versucht, diese Aufgabe selbst zu lösen, aber unserer lässt uns Lehrer auch seine Arbeit tun.
In solchen Zeiten muss mein Privatleben zurückstehen, obwohl ich weiss dass diese kleinen Pausen, in denen ich ein wenig sozial bin, mir so viel Energie geben, dass ich die "verlorene" Zeit schnell wieder einhole. Aber vieles bleibt eben liegen. Staub, Rechnungen und Bücherbestellungen oder besser gesagt Ab-bestellungen. So habe ich wieder ein teures Buch erhalten von dem ich noch nichts anderes weiss als dass es "eines der besten..." ist. Aber was ich sagen wollte: Mit diesem Buch erhielt ich auch ein kleines extra Büchlein. Der englische Titel ist "Clear your Clutter with Feng Shui" von Karen Kingston. Das solltest du lesen!! Wahrscheinlich würdest du lachen, dann staunen und zum Schluss eine riesige, momentane Lust bekommen, in deinen Ecken Ordnung zu schaffen. Wer will nicht mit ein paar Handgriffen sein Liebesleben verbessern? ;-)) Es steht u.a. von "bagua". Du teilst dein Zimmer (oder dein Haus) in ein Karomuster auf wo die verschiedenen Sektionen an spezifische Aspekte deines Lebens geknüpft sind. (Warum muss Deutsch so schwer sein???) Und wenn du zur Tür reinschaust siehst du hinten rechts die Ecke, die mit Relationen, Liebe und Ehe zu tun hat. Und als ich in diese Ecke guckte (es war die Küche), erschrak ich und sah sofort ein, warum mein Leben auf diesem Gebiet eine solche Katastrophe ist. ;-))) Was sah ich? Leere Weinflaschen, leere Milchtüten (sie kommen nicht in den Müll, sondern werden zu speziellen Containern gebracht), ein wenig Küchenabfall, der in den Kompost im Garten sollte und noch einiges. Und was habe ich getan? .. Genau das.. und als ich fertig war, ging ich zufrieden an den PC und fand ein lange ersehntes Mail. Aus Spass habe ich dies neulich in der Kantine erzählt und wir haben alle herzlich gelacht und die Frauen wollten das Büchlein natürlich sofort leihen.
Ach, chéri, ich bin heute eine Plaudertasche (das Wort ist von dir :-) Aber du bist ja ein schneller Leser...
Du hast natürlich nicht solche Unordnung bei dir zu Hause .. übrigens mitten im Zimmer findest du die Sektion, die mit Gesundheit zu tun hat.. Also immer schön den Tisch abräumen.. ;-)
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Lieber ...,
Liebe ist Gefühle und Wissenschaft ist Vernunft, und nie treffen sich die beiden. Oder?
Falsch.
Die Tatsache ist, dass das Wissen über das Gefühlsleben des Menschen, inkl. der Liebe, in den letzten Jahren dramatisch zugenommen hat. Der Grund sind vor allem die enormen Fortschritte in der Gehirnforschung, die dazu geführt haben, dass ein Gefühl heutzutage neben der Psychologie auch medizinisch und biologisch erklärt werden kann.
So beginnt der Artikel von dem ich dir berichtet habe. Man hat ihn geschrieben anlässlich eines internationalen Wissenschaftfestivals, der am Sonntag in Göteborg abgeschlossen wurde und der als übergreifendes Thema gerade die Liebe hatte. Professoren in Molekularbiologi, Psychologen, Anthropologen, Zoologen, Nahrungsexperten und Sexologen, alle sprachen sie über dieses Thema. Und am weitesten ist diese Forschung gekommen, was die "flüchtige Natur der passionierten Liebe" betrifft.
Als Experte auf dem Gebiet (von R.S. dazu ernannt) muss ich doch etwas protestieren gegen die Zeitrahmen, die man dafür aufstellt. ;-)) Ich kenne Leute, die diese Grenze weit überschritten haben. Oder ist es so, dass die Leidenschaft ewig anhält, wenn das Objekt nicht zu haben ist?
Ja doch, ich würde dir gern eine gute Dosis von Fenyletylamin senden. Schickst du mir ja auch in fast allen deinen Mails. ;-) Und wenn ich nun in einem halben Jahr wirklich dagegen immun werden sollte, wie es die neue Wissenschaft behauptet, so werde ich mich in Zukunft mit Oxytocin begnügen. Das scheint mir eine etwas erträglichere Droge zu sein. Gewohnheit bildend, oder habit-forming, wie sie es nennen. Und beruhigend.
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Der Vortrag heute Vormittag war ganz gut. Es war der Rektor von KTH (Königliche Technische Hochschule) in Stockholm, Physikprofessor, der über das Bildungswesen sprach. Über die Zukunft, die Globalisierung u.a. Er war ein guter Redner und ein Mann mit viel Pondus, der oft den Machthabern behilflich ist. Das hat er so ein bisschen vorsichtig erwähnt, ohne dass es eigentlich gestört hat. Früher war er auch Rektor in Linköping. Die Zeit verging ziemlich schnell. Am Nachmittag waren wir dann in Gruppen versammelt und haben über unsere Arbeit diskutiert. Wir haben viel geredet und nichts gescheites gesagt. P, der Lateinlehrer, hat das Protokoll geschrieben. Er kann sowas vortrefflich. Und er hat ein paar Papiere mit schönen Worten gefüllt. Jemanden werden sie sicher düpieren.
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Übrigens enthält Schokolade Fenyletylamin. Wenn du 15 Kilo davon isst, wirst du schwer verliebt sein. *s* Ein Mail von dir und ein wenig Kakao tut es auch :-)
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag.
Marlena
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