Montag, 14. Oktober 2024

Kolibri?

 



Subject: Kolibri?
Date: Thu, 27 May 14:28


Lieber ...,
Ich bin in der Lunchpause nach Hause gefahren. Teils, weil schwarze Gewitterwolken in Richtung zu Hause am Himmel standen.. ich wollte Dinge. die ich hinausgestellt hatte retten... und dann war ich auch neugierig, ob das kleine Vögelchen nun ausgeflogen ist. Aber keineswegs. Und es macht mir Spass, die Bemühungen der Eltern zu sehen. Habe mir nie vorstellen können, wie viele pädagogische Kniffe sie verwenden, um dem Kleinen zu zeigen, was er tun soll (warum eigentlich ER?) und dass es nicht gefährlich ist. Ich habe versucht, ein Bild zu machen. Du siehst, wie der Vogel wie ein Kolibri in der Luft steht und mit Futter lockt. Manchmal setzt er sich aufs Dach und zeigt dann, dass man von dort aus fliegen kann... Ach, es ist rührend zuzusehen.


Und wieder hast du so viele Bücher mitgenommen? Das finde ich eigentlich schrecklich. Gewiss, manchmal kann man in einem kleinen Stück sehen, ob es gut ist oder nicht. Aber in einem Roman gelten auch andere Regeln. Z.B. die Story am Ende hinzukriegen.. eine gute Auflösung eines Dramas zu finden.. u.s.w. Mein Kriterium für ein gutes Buch ist, dass ich beim Lesen vergesse, dass ich lese. Und wenn es schlecht geschrieben ist, dann merke ich das und frage mich, ob ich damit Zeit vergeuden soll.
Manchmal versuche ich meine Mails nicht zu lang zu machen, weil du sie dann wahrscheinlich nur "überfliegst". Das mag ich nicht, denn jeder Satz ist, wenn nicht gerade interessant und formal gut, so doch für dich geschrieben.

Meinst du die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi? Sie wohnt doch immer noch im Iran, oder?
Oder gibt es mehrere mit demselben Namen? Sie ist Iranierin und Islamistin. Vielleicht ist Iranistin ironisch gemeint. ;-)

Ich muss nun wieder an die Arbeit gehen. Schreibst du mir noch ein paar Zeilen? Ich meine, weil du es heute nicht so streng hast, findest du vielleicht Zeit dazu.

Mit viel S und einem lieben UK,
Malou



Sonntag, 13. Oktober 2024

Domoineile

27 maj 08:16

Lieber ...,
Während ich dein mail lese halte ich ein Auge auf den Nistkasten. Dort ist es nun dramatisch. Ein kleines (ich glaube es muss das letzte sein) hat noch nicht den Sprung in die Welt getraut. Die Eltern tun ihr bestes indem sie sich zurückbeugen und das Futter weit von ihm halten. Manchmal ist sein kleines Körperchen mehr draussen als drinnen - und dann kommt er mir wieder vor, wie ein Kind, das auf dem Sprungbrett steht und nicht den Sprung ins kalte Wasser wagt.
Ich war gerade eine Weile draussen, um zu sehen, ob da eine Elster im Gebüsch lauert. Und dabei habe ich entdeckt, dass es ein himmlisch schöner Morgen ist. Ganz windstill und laue Luft. Auch herrlich barfuss über das taufrische Gras zu gehen.

So ich muss mich leider beeilen. Um 10.00 Uhr muss ich am Arbeitsplatz sein. Einige Klassen haben nun schon ihre letzte Stunde gehabt in diesem Schuljahr, aber manche habe ich noch so 2 Wochen.

Ich komme später nochmals vorbei.

Wünsche dir einen herrlichen Tag,
Mit lieben Gs und Ks,
Malou



Domosolala

 

Ämne: Domosolala (klingt wie Domodossola, schöner Name, nicht?)
Datum: den 27 maj 


Liebe Malou

(---)

Heute ist es regnerisch. Nachdem ich gestern Abend noch rasch ein Protokoll geschrieben habe, bin ich heute ein bisschen freier. Aber es gibt noch Vieles auf dem Programm. Ich bin ein Weltmeister darin, diese kleinen Dinge zu vergessen. Manchmal kann es passieren, dass - wenn mich einer nach 3 oder 4 Tagen auf etwas aufmerksam macht - ich keine Ahnung mehr habe, was ich da oder dort mal machen wollte. Nun, es sind auch 1000 kleine Dinge, die mich im Grunde nicht interessieren, die zu tun wären. Das ist die monotone Spannung.

Ich habe letzte Woche 40 (vierzig) Bücher geholt, die ich rezensieren will. Das sind meine kleinen Eskapaden. Im Moment ist es eine kleine Biographie von Walter Benjamin, die ich lese. Oder muss ich sagen ‚überfliege’. Ich lese die meisten Bücher nicht durchgehend, sondern verschaffe mir einen Eindruck von Inhalt, Stil, Machart, graphische Darstellung etc. Dazu muss man nicht alles lesen, obwohl natürlich gewisse Romane ihren Reiz erst gewinnen, wenn man sie durchgehend und zu Ende liest. Aber vor allem auch Lexika, Sachbücher, Anthologien kann man sehr gut nach dem Prinzip ‚PARS PRO TOTO’ lesen. Ich habe eine zweite Biographie gefunden, jene über Schirin Ebadi. Allerdings hatte ich sie mir früher schon gekauft und habe sie auch gelesen. Aber ich werde sie nochmals anschauen. Die Autorin ist eine offenbar in Deutschland lebende Perserin, ‚Iranistin’, wie es heisst. Was ist eine Iranistin? Gibt es auch Schweizisten? Bist Du eine Schwedistin?

Nein, wir wollen uns das Leben nicht mit schwierigen Fragen versauern!

Ich wünsche Dir einen feinen Tag
Mit lG+hK


.

Dienstag, 8. Oktober 2024

Wetter und Liebe in Juan-les-Pins

 Ämne: Re: Wieder da..

Lieber ... ,
Was immer das Thema auch sei, so verstehst du es ein kleines Kunststück daraus zu machen. Deine Gedanken über die Wettervorhersagen sind köstlich. Und da wir ja nun gerade wieder bei dem Thema gelandet sind muss ich dir sagen, dass auch wir im grossen Teil vom Lande sehr trockenes Wetter gehabt haben. Das staatliche "Vattenfall" droht schon jetzt damit ihre bereits riesigen Elektrizitätspreise nochmals zu erhöhen. Auch von Waldbränden sind wir nicht verschont geblieben. Aber hast du von Südfrankreich gehört? Ich habe gerade einen meiner Schüler in Antibes -Juan les Pins und er wird sicher viel zu erzählen haben.

In Antibes war ich mal bei einem Kurs für Französischlehrer und die Nachmittage haben wir meist am Strand in Juan les Pins verbracht. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Hotel und den schönen Park mit Palmen und wo Zitronen und Orangen an den Bäumen leuchteten. In der Nacht, wenn man durch die stillen dunklen Gassen nach Hause ging, hörte man Laute, die ich sonst nur in einem afrikanischen Djungel erwartet hätte. Und die Nächte waren lau und die Sterne leuchteten über dem Meer. Und einer der französischen Assitenten war etwas verliebt in mich und um mit mir ausgehen zu können musste er auch die anderen Frauen in meiner Gesellschaft akzeptieren. Er war gesprächig und auch sprituell und man sah, dass sich die Damen freuten über diese männliche Eskorte.
Es war eine schöne Zeit.
...

Samstag, 5. Oktober 2024

Kafka's Soup

 

Lieber Mausfreund,
...
Heute habe ich auch von einem neuen Buch gehört:


Kafka's Soup:
A Complete History of World Literature in 14 Recipes 
,
das auch in schwedischer Übersetzung erschienen ist.

Publisher Comments:
I needed a table at Maxim's, a hundred bucks, and a gorgeous blonde; what I had was a leg of lamb and no clues. I took hold of the joint. It felt cold and damp, like a coroner's handshake. I took out a knife and cut the lamb into pieces. Feeling the blade in my hand I sliced an onion, and before I knew what I was doing a carrot lay in pieces on the slab. None of them moved.

—from
"LAMB WITH DILL SAUCE À LA RAYMOND CHANDLER"
Na, du siehst so ungefähr den Stil... und dazu ganz wunderbare Fotos. Denn der Autor ist ein Londoner Fotograf.

Ich glaube ich muss mir dieses Buch besorgen, denn ich bin neugierig geworden, wie man Kafkas Lieblingsspeise beschreiben wird. ;-)







Freitag, 4. Oktober 2024

Erich Kästner

 


das junge Paar


Liebe Marlena
Ach, das war eine Geschichte von Erich Kästner! An ihn hätte ich jetzt wirklich nicht gedacht. Kästner war nun ja in der Tat einer, der viele heimliche und unheimliche Geliebten hatte. Zu Kästner, respektive zu seinem Sohn, kann ich dir eine kleine Anekdote erzählen.
Wir waren vor etlichen Jahren zur Hochzeit von Stefan Kästner eingeladen. Seine Braut war die Tochter einer Freundin meiner Frau, und weil die Hochzeitsfeier in der Nähe von Zürich stattfand, luden sie uns dazu ein. Kästner selbst war ja nun schon lange tot. Aber seine Frau, respektive Freundin, also die Mutter des Bräutigams war natürlich zugegen. Wir haben dem jungen Paar damals ein Bild geschenkt, das ich selbst gemalt hatte. Ich glaube zwar nicht, dass sie dieses Bild heute noch in ihrer Wohnung hängen haben. Aber immerhin haben sie damals gute Miene zu diesem etwas subjektiven Geschenk gemacht. Nun hat S's Freundin, also die Brautmutter uns erzählt, wie die ganze Familie vor dem Hochzeitstag auf Nägeln gesessen ist und in Angst und Spannung der Dinge harrten, die da kommen sollten. Denn alle fürchteten, dass Stefan Kästner im letzten Moment einen Rückzug machen würde, weil er sich vor einer wirklichen Bindung fürchtete. Er hat es dann offensichtlich nicht getan und das Paar bezog dann eine gemeinsame Wohnung in München. Der junge Käster arbeitete dort damals als Pianist. Seine Frau war eine hübsche Jüdin mit schwarzen Haaren, dunkeln Augen und einem Teint. Der Bräutigam glich überigens seinem Vater ziemlich stark. Vor allem die starken Augenbrauen, wie ich fand, waren wie die seines berühmten Vaters. Und er war scheu und war auch etwas klein, wohl wie es sein Vater gewesen sein musste.
Erich Kästner, den ich im Übrigen sehr schätze, hatte nun bestimmt seine Probleme mit den Frauen. Es ist bekannt - und sicherlich weißt du das auch Marlena - dass er einen echten Mutterkomplex hatte. Man kann das ja in seinen Kinderbüchern nachlesen, wie der Mustersohn sich um seine tüchtige und sich aufopfernde Mutter bemüht. Kästners Mutter, das muss seine unheimliche Geliebte gewesen sein. Noch in fortgeschrittenem Alter hat er ihr täglich geschrieben, täglich, meine Liebe, und hat ihr seine schmutzige Wäsche geschickt und über all seine Liebschaften offenherzig erzählt. Er konnte wunderhübsche, charmante Briefe schreiben, unser Erich Kästner. Und so hat er sein Leben lang nicht geheiratet. Ich habe mal ein Büchlein rezensiert, in welchem seine Freundin Kästners Briefe an sie und ihren Sohn aus dem Tessin veröffentlicht hat. Kästner hatte Alkoholprobleme und war im Tessin zur Kur. Allerdings hat er sich dort regelmässig den Whisky im Teeglas servieren lassen.
Diese Briefe, so kann ich mich erinnern, waren sympathisch und lebendig, wie man sich Kästner nun mal vorstellt. Aber eines hat mich gestört. Er hat seiner Freundin und Mutter seines Sohnes immer wieder Geld geschickt in kleinsten Portionen und hat immer wieder von diesem Geld gesprochen. Das fand ich echt kleinbürgerlich und irgendwie knauserig. Er war doch damals kein armer Mann mehr! Aber sonst ist er schon ok, unser Kästner, ein grosser Humanist und ein guter Pädagoge.
Es gibt eine eindrückliche Stelle in seinem biographischen Buch "Als ich ein kleiner Junge war", wo er beschreibt, wie für ihn das Weihnachtsfest stets eine Marter war. Die Mutter hatte Geschenke für ihn und der Vater hatte Geschenke für ihn. Und er als sensibles Kind hatte den Hochseilakt zu bestehen, seine Dankbarkeit und seine Aufmerksamkeit auf beide Elternteile gleichmässig zu verteile, um nicht den einen vor dem anderen zu vernachlässigen. Er muss das gewesen sein, was wir in der Familientherapie ein drianguliertes Kind nennen, also ein Kind im Dreieck mit seinen Eltern, parentifiziert und schwer mit Erwachsenenproblemen belastet. Es gibt ja heute noch die Hypothese, dass er vielleicht ein unehelicher Sohn, das Kind mit dem Hausarzt der Familie, gewesen sein könnte, dass also sein Vater, ein einfacher Handwerker, nicht wirklich sein Vater gewesen wäre. Aber, das wollen wir diesem guten Erich Kästner lassen, er hat das beste daraus gemacht. Seine Jugendbücher sind heute noch wundervoll zu lesen. Kürzlich gab es eine Fernsehsendung, in der einige ehemalige Geliebte Kästners zu Wort kamen. Sie sind heute alle Damen in hohem Alter und sehen nicht mehr allzu blühend aus. Aber alle haben über ihn mit viel Respekt und Begeisterung gesprochen, keine schien mir irgendwie enttäuscht oder beleidigt gewesen zu sein. Er muss sie wirklich verwöhnt haben und muss ein charmanter Liebhaber gewesen sein. Er wäre darin wirklich ein gutes Vorbild für mich.
Dass sich also Kästner in seiner Geschichte als Künstler mit einer deutlich jüngeren Frau beschäftigt, ist durch sein Leben gut motiviert. Ich denke, die Frauen waren ihm insgesamt etwas unheimlich und überwältigend. Und so ein junges hübsches Fräulein war leichter zu "apprivoiser", zu einem Teil seiner selbst zu machen. Er gibt seinem schweigsamen Fräulein zum Schluss der Geschichte unendlich viel Macht. Je weniger sie sagt, desto mehr ist er ihr ausgeliefert und mit ihr verstrickt.
Was sagen denn deine Schüler zu dieser Geschichte? Was sagen die emanzipierten jungen Schwedinnen und jungen Schweden zu einer solch ungleichen Paarung? Man kann die "Szenen einer Ehe"(das ist der deutsche Titel von Bergmans Film) schon im voraus riechen, die aus dieser Paarung entstehen werden, nicht wahr?
Und die Moral der Geschichte? Soll ich mich hüten, mich in Zukunft zu sehr in Texten, Gedanken und Erzählungen zu verausgaben? Vielleicht muss ich mich mehr zurückhalten, mich mehr auf die Zeichnung konzentrieren, und die grossen Worte beiseite lassen. Doch irgend einmal wird die Zeichnung zu Ende sein. Und dann werden wir sie über dem Sofa aufhängen. Über welchem Sofa, das wird dann die grosse Frage sein!

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Nichts Persönliches - oder doch?

 

Subject: Nichts Persönliches - oder doch?

Lieber ... !
Ein bisschen Literatur für den Abend. Es ist ein Text den ich manchmal in der Schule verwende. Vielleicht gefällt er dir auch.
À bientôt
Marlena

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Das schweigsame Fräulein

Sie war sehr jung, sehr unerfahren und sehr wissbegierig. Er war genau so wissbegierig, nicht eben unerfahren und fast zwanzig Jahre älter. Trotzdem hätte er von ihr manches lernen können; denn sie war, wenn auch ein Mädchen, eine Frau, und er, wenn auch ein Mann, ein Kind. Aber sie kamen nicht auf diesen naheliegenden Gedanken. Oder scheuten sie sich darauf zu kommen?
In den Tagen, da sie ihn heimlich besuchte, damit er ihr schönes Gesicht wieder und wieder zeichne, um den Zauber ihrer Züge aufzuspüren, sagte er gelegentlich: "Sie dürfen getrost sprechen, während ich arbeite. Ich will sie ja nicht photographieren. Reden Sie getrost, mein Kind."
"Ich bin kein Kind", antwortete sie dann ruhig. Und so redete er statt ihrer, indes sein Blick gespannt zwischen dem Gesicht und dem Block hin- und herwanderte. Sie schwieg, schaute ihn unverwandt an und sagte nur manchmal: "Aha." Oder: "Ja, ja." Oder: "So, so."
*
"Lesen Sie zuweilen Liebesromane?" fragte er eines Tages. Und als sie, wie gewöhnlich, schwieg, fuhr er fort: "Lassen Sie's sein. Man kann nichts daraus lernen, mein Kind."
"Ich bin kein Kind", sagte sie ruhig.

"Nirgendwo", sagte er, "wird so viel niederträchtig geheuchelt, nirgends werden Wirklichkeit und Wahrheit so kaltblütig unterschlagen wie in den Liebesromanen. Wenn ein Schriftsteller beschreiben will, wie jemand jemanden umbringt, oder in kleine Stücke schneidet, oder sich selbst aufhängt, oder eine Stadt anzündet, oder ein Tier quält, sind seiner Genauigkeit keine Grenzen gesteckt. Niemand käme auf die Idee, ihm seine Gründlichkeit zu verübeln. Keine Behörde würde versuchen, sie ihm zu verbieten. Manche Romane sind wahre Handbücher für angehende Räuber und Mörder. Unterfängt sich aber ein Dichter, Dinge der Liebe zu schildern, die ja doch das grösste, wenn nicht das einzige Glück für uns Menschen bedeutet, ist er so gut wie verloren. Er täte besser, sich umzubringen, bevor es die anderen tun. Das Scheusslichste darf er entschleiern. Das Schönste mit Worten auch nur anzudeuten, ist ihm verwehrt. Es dennoch zu versuchen, wäre Todsünde. Die Grundlagen des Staates, der Kirche und der Gesellschaft würden sonst wanken. Und die Gebäude, die darauf errichtet worden sind, müssten einstürzen wie Kartenhäuser. Die Hüter der Konventionen zittern Tag und Nacht vor der elementaren Gewalt des Glücks und der Liebe."
Sie sah ihn unverwandt an und murmelte: "Aha."
*
"Im Grunde", sagte er ein andermal, "ist es zwei Menschen, die sich lieben oder sich doch zu lieben glauben, völlig unmöglich, einander wahrhaft nahezukommen. Vermutlich werden Sie diese Behauptung bezweifeln, mein Kind."
"Ich bin kein Kind", erwiderte sie sanft.

"Ein französischer Dichter unserer Tage", fuhr er fort, "hat die Unmöglichkeit, einander vollkommen zu begegnen, in einer recht düsteren Allegorie zu anschaulichen versucht. Jeder der beiden Liebenden, meint er, sei wie in einem groben Leinensack eingenäht, so dass er nichts sehen und sich kaum bewegen könne. In dieser betrüblichen Verfassung stünden sie sich nun gegenüber, spürten die beglückende Nähe des anderen, fühlten die Welle der ans schmerzliche grenzenden Zuneigung, sähen Dunkelheit, Leinwand rühre täppisch an Leinwand, unbeholfen und unzulänglich, und keiner der beiden wisse eigentlich, wer denn nun und wie in Wahrheit der andere sei.

- Der Vergleich klingt nicht sehr poetisch und nicht gerade tröstlich, aber ich befürchte, dass er zutrifft. Es heisst in der Bibel, dass schon Adam und Eva den Apfel vom Baume gepflückt und verzehrt hätten. Ich halte das für eine Falschmeldung. Man hat nur vergessen, sie zu dementieren. Er hängt noch immer hoch oben im Baum, der geheimnisvolle Apfel, und ist den Menschen ewig unerreichbar."
Sie schaute ihn unverwandt an und sagte leise: "So, so."

*
"Man verfällt nur allzu leicht - was man doch längst weiss, vergessend - der Meinung", sagte er eines schönen Nachmittags, "die hierzulande offizielle Ächtung der Liebe sei alt wie die Welt. Wie aber verhält es sich denn wirklich? Wurde die Liebe immer und wird sie etwa überall versteckt, als sei sie eine Sünde und Schande? Als gehöre sie ins Gefängnis, und man täte recht, von ihr zu schweigen wie von einer Verwandten, die silberne Löffel zu stehlen pflegt? Es war nicht immer so, das weiss jedes Kind."

"Ich bin kein Kind", antwortete sie ruhig.

"Es war nicht immer so", wiederholte er. "Denken Sie nur an die alten Griechen, die der leiblichen Schönheit in den Tempeln anbetend huldigten. Es war und ist nicht überall so. Denken Sie nur an die indischen Lehrbücher der Liebe. Und vergessen Sie nicht die natürliche, offenherzige Auffassung des Japaners, die er von Dingen und Vorgängen hat, die man im heutigen Abendlande in geradezu kindischer Manier totschweigt oder unappetitlich bekichert. Wie aber, frage ich, kann man denn aufrichtig vom seelischen, vom himmlischen Anteil der Liebe sprechen, wenn man die irdische Liebe verachtet, ächtet, und sich ihrer schämt? So wird nicht nur ein Teil, so wird das ganze zur Lüge."
Sie blickte ihn unverwandt an und sagte: "Ja, ja."

*
So und ähnlich redete er, während er sie immer und immer wieder zeichnete. Und so und ähnlich schwieg sie dazu. Bis dann jener Nachmittag nahte, da er, den Kopf schief haltend, die letzte Zeichnung prüfte, dem Blatt ein wenig zunickte und sagte:
"Besser kann ich's nicht, mein Kind."
Sie schwieg.

"Es wäre leichtfertig", fuhr er fort, "Sie weiterhin um Ihre Besuche zu bitten. Die Zeichnung ist, an meinem Talent gemessen, nicht übel. Wollen Sie sich das Blatt ansehen, mein Kind?"

Sie stand schweigend auf und trat hinter ihn.

Er räusperte sich. Dann fragte er: "Darf ich's Ihnen schenken - mein Kind?"

"Nein", sagte sie. "Wir hängen es dort drüben übers Sofa."


Er drehte sich erstaunt zu ihr um. Sie lächelte ein wenig, blickte sinnend von einem Fenster zum andern und meinte: "Neue Vorhänge sollten wir besorgen.

Wenn es - dir recht ist."

Er sah sie unverwandt an und murmelte, nach ihrer Hand greifend:

"Oh, ich Kind."



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