Freitag, 13. September 2024

Re: still sadurday


Liebe Marlena

Ach, so ein langer Witz! Er ist gut. Ich habe ihn auch verstanden, was nicht immer selbstverständlich ist. ;--))
Heute war ich nochmals an der 5. Avenue. Samstagsstimmung wie vor einer Woche. Aber diesmal war etwas bewölkt. Bei Tiffany bin ich nicht mehr hineingegangen, sonst wäre ich herausgekommen wie der hired farmer. Oben beim Central Parc ist die 5. sehr elegant. Je weiter man runter kommt, desto gefährlicher wird sie. Ich bin von oben bis unten bis ins East Village heimgewandert. Wahrscheinlich hatte ich zu wenig Energie, eine U-Bahnstation zu suchen. 

Meine Erkältung ist ein bisschen besser, aber noch nicht 100%. Aber es wird schon gehen. Ich habe soeben eine knappe Stunde geschlafen. Im Union Square gab es einen Markt, ähnlich wie auf dem grossen Platz in Basel. Sie verkaufen Gemüse und Früchte, Blumen, auch selbstgemachtes Brot und Kuchen. Auch Käse gab es, hübsche kleine Käslein. Ich habe mir ein paar Zwetschgen gekauft. Sie sehen wirklich robust und gross aus, dunkelblau, mit diesem hellen Schimmer oben drauf, den man abreibt, bevor man hineinbeisst. Früchte sind hier ziemlich teuer. Wenigstens jene, die hier in der Nähe angebaut werden. Und die amerikanischen Masse, das wäre ein eigenes Kapitel. Ein lb ist ein Pfund, und ein Pfund ist etwas mehr als 400 Gramm. Das ist wirklich noch altertümlich, was die Amis hier aufbewahrt haben. Heute morgen habe ich mir schon hier im Village zwei Orangen gekauft, um zu etwas Vitamin C zu kommen. Man kauft sie als Einzelstücke, so teuer sind sie. Na ja, es ist eigentlich jetzt nicht gerade Orangenzeit.

Am Morgen kam ich bei St. Marks vorbei. Da waren einige Schwarze vor der Kirche, alle in bester Kleidung. Ich setzte mich auf die Bank, einerseits, weil ich ein bisschen schwach war, andererseits wollte ich die Gelegenheit wahrnehmen, die Situation zu beobachten. Die Gesellschaft war quietschvergnügt. Sie hatten auf der Strasse einen riesenlangen Wagen stehen, so eine Prominentenkutsche, ganz in weiss. Neben mir sass ein alter Ami, etwas ärmlich gekleidet, mit seiner Frau - so nehme ich an - die im Rollstuhl eher vor sich hindämmerte. Er sagte zu ihr, die wirklich nicht mehr ganz wach schien :"I thought it's a wedding .. but there is no groom .. so can't be a wedding". Und dann ist er mit seinem Rollstuhl abgezockt.
Die schwarzen Frauen trugen die knalligsten Farben und die originellsten Schnitte. Ich glaube, sie nähen das selbst. Man sieht das an den Säumen, wie Du sicherlich weisst. Und die Kleider passen ihnen nur ungefähr. Aber die Knallfarben passen gut zu ihren ausdrucksstarken Gesichtern. Die Männer waren dagegen eher ausdruckslos in schwarz. Einer hatte ein seidenes Revers und Hosen mit einem Seidenband an der Seite. Und einen aufgestellten weissen Kragen. Er hat sich wirklich in die Schale gestürzt, sah aus wie ein alter Jazzmusiker. Dazu trug er einen schwarzen Schirm, obwohl die Sonne schien, mit dem er sich in Pose werfen konnte. Er sah gut aus, auch wenn die Hose etwas zu lang war. So standen sie eine Weile herum, liessen sich von Passanten begaffen, plauderten hier und dort und verzogen sich dann allmählich. Ich habe auch keine Braut und keinen Bräutigam gesehen. Vielleicht gibt es hier in Amerika Hochzeiten ohne Hochzeitspaar??

An der 5. Avenue gibt es auch ein Kirchlein. Es ist gebaut wie eine gotische Kapelle. Auch in der Nähe des Institutes gab es eine und unten in der Stadt ist nochmal eine, ich weiss nicht mehr, wie sie heisst. Diese gotischen Schmuckkästlein wirken so zierlich und sakral zwischen den riesigen Gebäuden, dass man sie irgendwie ins Herz schliesst. Vielleicht sind sie ja auch ein bisschen grösser, als sie scheinen, und wirken nur so neben ihren riesigen Nachbarn. Letzten Samstag, so erinnere ich mich, begannen abends die Kirchenglocken zu läuten. Ich hatte zwar den Verdacht, das ganze sei ein Tonband. Es war so laut und deutlich zwischen den Wolkenkratzern. Aber es schuf eine heimatliche und irgendwie feierliche Stimmung.
Also, bei der Kirche an der 5. Avenue war auch eine Gesellschaft. Ich glaube, das waren Philippinen. Sie waren ziemlich gut angezogen und wirkten recht smart. Sie verschwanden dann in der Kirche. Bei einigen Frauen quoll das Fleisch unter den Armen aus den Kleidern. Sie waren alle wohl nur um 160 gross.
Und als ich dann auf diesem Markt in Union Square herumging und Vitamine suchte, da fing es an zu regnen. Das ist neu für mein NY. Die meisten schienen das nicht erwartet zu haben, und die Menge lichtete sich merkbar. Es war ein warmer Regen, und seine Nässe war schwer zu unterscheiden vom Schweiss auf dem Rücken. Ich hatte sogar einen Schirm dabei, von der Schweiz herübergebracht, und war froh darum.

Und dann bin ich die letzten Meter auch noch zu Fuss heim. Ich glaube, so habe ich den ganzen unteren Teil der 5. Avenue gemacht. Ach nein, der letzte Teil war Broadway. Die 5. endet beim Washington Square Park, also bei der Universität NY. Aber ich bin doch ein gutes Stück zu Fuss gegangen. Ich wollte S. ein kleines Geschenk kaufen von der mondänen 5. Avenue und bin in verschiedene Geschäfte gegangen, wo ich mir natürlich eher etwas verloren vorgekommen bin. Irgendwo hat mich eine Verkäuferin angesprochen, eine Mulattin. Sie warf mir ein fröhliches und gedehntes "hey" zu, als ob sie einen Flirt im Sinn hätte. Dann fragte sie mich, wie es mir gehe, aber sie hielt sich irgendwie entfernt, so dass alles ziemlich spielerisch wirkte. Und später fragte sie, ob sie mir helfen könne. Sie schien sehr vergnügt, so vergnügt, dass sich bei einem Schweizer schon fast ein bisschen Misstrauen regt. Ich erklärte, ich wolle nur so herumschauen. Ob ich etwas Spezielles suche. Ich sagte, nein, ich wisse nicht genau, was. Sie lachte wie ein Kind, welches das Osterei gefunden hat, und meinte laut heraus "a present, right?" Es war eine süsse Situation, und alles spielte sich so zwischen Tablaren und Gestellen mit Blusen und Röcken und Strümpfen ab, also eigentlich in einem Territorium, wo man sich als Mann eher in einem Auswärtsspiel empfindet.
Ich habe dann in einem anderen Geschäft einen Hut für S. gefunden. Es war ein italienisches Modell, ganz einfach, ein Sommerhut aus Leinen in einem schönen Rot. Na ja, das beste dran ist, dass er von der 5. Avenue stammt. Ich glaube, sowas gefällt S. Eigentlich alle Dinge, die ich näher anschaute, kamen aus Italien. Das ist mir aufgefallen. Das ist wohl am Geschäft gelegen. Ich habe mir speziell noch eine Business/Card geben lassen, um S. zu zeigen, woher er stammt. Unter uns gesagt, Marlena, er war nicht so teuer. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, es war ein Ausverkauf. Aber das erzähle ich S. nicht. S. hat ein bisschen die Einstellung, dass alles Gute auch teuer sei. Nach ja, nicht immer, aber im Zweifelsfall schon. Also bitte nicht weitererzählen!

Und jetzt sitze ich hier zuhause. Ich wollte nicht mit zur Party. Es ist noch etwas zu früh, und ich bin sicher, sie kommen nicht vor 3 am heim. Das kann ein alter Mann wie ich nicht mehr durchstehen.
Ich schicke das, bevor es alles abstürzt.
Mit lieben Grüssen
...


.. um dich aufzumuntern :-)

 

Ämne: Hier noch ein kleiner Witz
Datum: den 30 augusti 22:22

um dich etwas aufzumuntern. :-)

A successful rancher died and left everything to his devoted wife. She was a very good looking woman, and determined to keep the ranch, but knew very little about ranching, so she decided to place an ad in the newspaper for a ranch hand.

Two men applied for the job. One was gay and the other a drunk.

She thought long and hard about it, and when no one else applied, she decided to hire the gay guy, figuring it would be safer to have him around the house than the drunk.

He proved to be a hard worker who put in long hours every day and knew a lot about ranching.

For weeks, the two of them worked, and the ranch was doing very well.
Then one day, the rancher's widow said to the hired hand, "You have done a really good job and the ranch looks great. You should go into town and kick up your heels." The hired hand readily agreed and went into town one Saturday night.

However one o'clock came and he didn't return. Two o'clock and no hired hand. He returned around two-thirty and upon entering the room, he found the rancher's widow sitting by the fireplace with a glass of wine waiting for him.

She quietly called him over to her. "Unbutton my blouse and take it off," she said.

Trembling, he did as she directed.

"Now take off my boots." He did as she asked, ever so slowly. "Now take off my socks." He removed each gently and placed them neatly by her boots.
"Now take off my skirt." He slowly unbuttoned it, constantly watching her eyes in the fire light.

"Now take off my bra." Again with trembling hands he did as he was told and dropped it to the floor.
"Now," she said, "take off my panties." By the light of the fire, he slowly
pulled them down and off.

Then she looked at him and said,

"If you ever wear my clothes into town again, I'll fire you on the spot."



.

Mittwoch, 11. September 2024

Saturday night story..





Ämne: Saturday night story..
Datum: den 30 augusti 21:47

Lieber ...,
Manchmal kommt es anders als man geplant hat aber trotzdem ist es ein schöner Tag gewesen.
Heute morgen haben wir was lustiges beobachtet hier hinten auf den Feldern. Die beiden alten Junggesellen von Bauern waren mit ihren riesigen Maschinen dort. Der eine hat bei der Arbeit ein Reh und ihr Kitz aufgescheucht und man sah sie wild in hohen Sprüngen durch das Getreide fliehen. Und plötzlich begann der andere mit seiner Maschine wie ein Rennfahrer über das schon gemähte Feld auf dieser Seite des Grabens zu fahren. Es sah ganz komisch aus. Hätte mir nie vorstellen können, dass man mit solch grossen Maschinen eine so hohe Geschwindigkeit erreichen könnte. Und dann sahen wir, warum er so schnell drauf losfuhr. Vor ihm sprang ein grosser Fuchs. K meint der Bauer wollte ihn wegjagen um das Rehkitz zu retten. Ein bisschen sympathischer sind sie schon geworden in meinen Augen, die beiden Kerle.
Ich denke dies steht in starkem Kontrast zu deinen städtischen Erlebnissen. Aber vielleicht auch nicht. Wenn du die Hunde betrachtest und die Möwen, ist es wohl etwas ähnlich.
Ich hoffe, dass es dir inzwischen wieder besser geht und dass du noch die letzten Stunden dort gut ausnutzen kannst. Auf die Nachbarin zu spionieren ist wohl auch eine nicht zu verachtende Aktivität. Ach, wenn sie ahnen könnte, wen sie da vor sich hat, der sie so freundlich begrüsst. ;-)

Später heute hat es dann angefangen zu regnen und K hat sich nicht so 100%-ig wohl gefühlt. Eine Erkältung, meinte er, aber ich glaube eher an einen schweren Kater. Da Anna auch etwas erkältet war, haben wir uns dann entschlossen, heute ein anderes Gericht als die Krebse zu servieren. Ich hatte Hühnerfilet gekauft und habe ein neues Rezept probiert, das ich dir empfehlen könnte. Es hat ganz einmalig geschmeckt. Sogar K war ganz begeistert davon, was nicht allzu häufig vorkommt. Na ja, er ist ja meistens der Koch hier am Wochenende. Ich glaube, solch proteinreiches Essen ist gut und stärkend, wenn man an einer Infektion leidet.
Sonst haben wir uns nur ausgeruht und Annas Besuch genossen. Es ist so schön, sie wieder einmal hier zu sehen. Zwar hockt sie schon wieder über einem riesigen englischen Buch über etwas für mich ziemlich unbegreifliches, aber es ist doch eine schöne, warme Atmosphäre, wenn sie da ist. Im Moment habe ich sie vor einem Western installiert. Ein alter Klassiker mit John Wayne. Alles nur, um dir in Ruhe ein kleines Mail schreiben zu können.

Du denkst an deinen Grabstein. Das sollte wohl eher ich tun. Fast alle Frauen in meiner Verwandschaft sind ziemlich jung gestorben. Grossmutter 53, Mutter 65, ihre Schwester 53. Man sagt dass Frauen ihre Lebenslänge erben. So denke ich manchmal, dass ich nun bald "Überzeit" mache. Jedenfalls bin ich mir bewusst, dass es ein Ende gibt. Und gern würde ich auch etwas von Rilke wählen, wenn ich überhaupt einen Stein haben werde. Vielleicht: "wenn wir uns mitten im Leben meinen.." Kennst du es?
So klein und so schön:

Gross ist der Tod,
wir sind die Seinen,
wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen,
mitten in uns.

Ach, warum schreibe ich so traurige Dinge. Aber Rilke ist und bleibt mein Lieblingspoet. Und irgendwie betrachte ich ihn fast als unseren Schutzpatron. Er hat uns zusammengebracht, glaube ich. Davon weiss er aber wahrscheinlich nichts, dort oben in seinem Himmel.
*
Lisa, die Katzenmutter, hatte mir einen ganz wunderbaren Apfelpaj gebacken und immer wieder müssen wir ein Stück davon nehmen. Er ist geradezu "habit-forming", genau wie die Konfitüre in dem Film Chocolat. Den habe ich mir heute nochmals angeschaut zusammen mit Anna. Sie hatte ihn noch nicht gesehen und brauchte ein wenig Erholung von ihrer Arbeit. Ich liebe  diesen Film. Du solltest ihn dir ansehen.
*
Euer Trancekurs muss sehr effektiv gewesen sein und es freut mich auch, dass du nette Leute gefunden hast, die dir sympathisch sind. Es ist doch so, was zu guter letzt immer übrig bleibt von einer Reise, sind die Erinnerungen an menschliche Kontakte, die man gemacht hat und die Dinge, die man mit anderen gesehen hat. Meinst du nicht auch?

Hamburg ist eine langweilige Stadt, sagt man. Das würden wir natürlich ändern, wir beide, wenn wir Lust hätten. Du wirst lachen, aber bei mir liegt im Moment ein Reiseführer über Wien auf dem Nachttisch. Eigentlich auf dem Bett neben meinem. Es ist bequem in einem Doppelbett zu schlafen. Man kann darin rotieren, was manchmal hilft, wenn man aufwacht und Schwierigkeiten hat, sofort wieder einzuschlafen. Und es ist frisch und kühl..

Ich muss nun schliessen. So wünsche ich dir einen schönen Tag und dass du wieder gesund bist.
Mit lieben Grüssen.
Marlena





Re: Samstags

 

Ämne: Re: samstags
Datum: den 30 augusti  17:03

Liebe Marlena
Im Moment kämpfe ich immer noch mit meiner Erkältung. Ich habe gestern 4 Tabletten Alka Seltzer plus Cold mit Wasser hinuntergespielt. Und immerhin 12 Stunden geschlafen. Im Moment schwitze ich wie ein Pferd. Aber es ist ein bisschen besser. Ich bin am Abend zuhause geblieben, während meine Freunde an den Brooklyn Carneval gegangen sind. Es scheint, dass dies ein Ereignis ist, auf das sie ein ganzes Jahr warten. Sie waren ganz elektrisiert. Und offenbar gibt es Millionen anderer Menschen, die dorthin gehen, um die karibische Musik zu hören und den Umzug zu sehen.

Am Abend konnte ich der Flurnachbarin im Fenster zuschauen, wie sie am Küchenlavabo ihre Haare wäscht. Sie lebt dort wirklich in einfachen Verhältnissen. Aber offenbar pflegt sie sich ein bisschen auf das Wochenende hin. Das ist doch ein gutes Zeichen. Ich glaube nicht, dass sie oft ihre Räume verlässt. Gestern, als ich heimkam, habe ich durch die offene Türe gesehen, wie sie am Tisch sass, das Telefon zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt. Sie hat irgendwas genestelt und gleichzeitig telefoniert. Die Amis sind überhaupt Weltmeister darin, Dinge gleichzeitig zu tun. Multitasking würde das in der Computersprache heissen. Im Kurs ist mir immer wieder aufgefallen, wie die Leute gleichzeitig essen und zuhören, trinken mitten im Kurs. Auf der Strasse haben sie ihre Kartonbecher in der Hand und trinken ihren Kaffee, während sie gehen. Ich weiss nicht, ich mag das nicht so besonders. Es wirkt so kindlich. Und morgens sieht man jede Menge Frauen, die ins Büro gehen - so nehme ich an - und schon einen Becher und irgendwas eingewickelt mit sich tragen. Offensichtlich nehmen sie das Frühstück mit ins Büro. Aber sie rennen nicht so wie wir Schweizer. Sie haben einen gemächlich speditiven Gang. Auch der Verkehr ist ruhig und korrekt, und niemand scheint gereizt zu sein. Das wirkt ein bisschen englisch auf mich, so ähnlich wie das korrekte Schlangestehen im Lebensmittelladen.

C, die Ärztin, hat mir erzählt, dass sie im Empire State Building gewesen sei. Man musste offenbar ungefähr eine Stunde dafür reservieren. Sie war auch in der Freiheitsstatue. Sie war wirklich voll auf Trab, wie wir sagen, und abends ging sie in Musicals und Cabarets. Am lustigsten fand ich, dass sie die Inlineskates mitgenommen hatte und damit den Central Park auf Rädern angeschaut hat. Auch sie hat bestätigt, dass ihr alle Leute davon abgeraten hatten, sie mitzunehmen. So war es ja auch bei mir gewesen. Na ja, sie ist auch ein paar Jährchen jünger als ich. Aber ich muss sagen, man könnte wirklich den ganzen Broadway herunterfahren auf diesen Rollschuhen. Es waere möglich. Nur Times Square wäre etwas umständlich, weil dort viel Verkehr zusammenkommt. Aber man sollte kein blutiger Anfänger sein, für ein solch gewagtes Unternehmen. Und wenn man einen Unfall verursacht, ist man in Amerika bestimmt ein armer Mann. Sie gehen hier ja konsequent und hart nach dem Verursacherprinzip. Ich habe in der U-Bahnstation Union Square eine kleine Szene gesehen. Eine junge Frau war in Eile und rannte irgendwo in Richtung eines Gehsteiges. Und so trat sie in ihrem Tempo einer anderen, auch jüngeren Frau, hinten auf eine Sandale. Viele tragen hier diese Plastiksandalen, die wir bloss an die Beach mitnehmen, die einzig zwischen grosser und zweiter Zehe fixiert sind. Und so war offenbar diese Fixierung gerissen. Die Verursacherin, eine hübsche junge Frau, schaute ganz schuldbewusst in die Welt und nahm, nach einer kurzen Diskussion, ihren Geldbeutel hervor und hat der anderen offenbar für den Schaden bezahlt. Das fand ich doch bemerkenswert. In der Schweiz würde man mit einem solchen Schaden allein gelassen. Na ja, die Leute würden denken, dass du bessere Schuhe tragen solltest. Oder sie würden sagen, das sei eben Pech gewesen. Das ist doch eine bemerkenswerte Szene und ein Zeichen, dass die Leute ihre Verantwortung übernehmen.
Und jetzt muss ich doch aufhören. Ich muss zusehen, ob ich irgendwie meinen Flug bestätigen kann. Und dann werde ich = Erkaeltung hin oder her = mich noch ein bisschen auf die Socken machen.
Ich wünsche Dir ein schönes Fest heute und ein gutes Wochenende
Mit lieben Gruessen
...

Samstag - zu früher Morgenstund..


Ämne: Samstag zu früher Morgenstund..
Datum: den 30 augusti  06:46

Lieber ,.. ,
Schau dir das mal an. Die Uhrzeit meine ich. Schon um 6 Uhr früh bin ich aufgestanden um nach einem Mail von dir zu schauen. Und natürlich habe ich auch gehofft, dass ich dir schnell ein paar Zeilen schreiben kann.
Ach, wie schade, dass du eine Erkältung hast. In Gedanken eile ich zu deinem Bett mit einem warmen Tee mit Honig und auch etwas Cognac drin. Hoffentlich hast du auch selbst etwas vorbeugen können. Ist ja doch gut, dass es nicht am Anfang deiner NY-Zeit passiert ist. Du hast die Tage sehr gut ausgenützt und mit viel Erlebnissen gefüllt. Ich glaube sogar, du hattest dir das ganze vorher nicht so fantastisch vorgestellt, wie es war. Und ich geniesse wieder in vollen Züge deine Schilderungen. Ein Fremdenführer, voll mit kleinen persönlichen Betrachtungen, die das ganze so lebendig machen, dass ich ganz dabei sein kann. Es ist ganz einfach herrlich!
*
Ja doch, unser kleiner "nimmt sich" wie wir hier sagen würden.
-1.7 47.8 47.9 ABB Ltd 47.8 Er ist tüchtig gewachsen seit ich für 39 gekauft habe. Mehr als 20 %. Und ich habe sie nur wegen dir gekauft. Sende dir einen dankbaren Gedanken.
*
Heute um 11.00 Uhr hole ich Anna vom Bahnhof ab. Es ist das erste mal seit mehreren Wochen, dass ich sie habe nach Hause locken können. Sie ist froh, denn sie hat die Prüfungen neulich gut bestanden. Mit so viel Willen und Energie schafft man auch das Unmögliche, scheint es mir.

Heute abend werden wir ein kleines Krebsfest hier machen. Und K hat sich schon eine Menge gute Speisen ausgedacht mit denen er sie verwöhnen und mästen wird. Ich habe einige eingefroren, die sie dann mitnehmen kann.

Es ist bewölkt.. Hoffentlich regnet es nicht heute. Wir wollten auch eine kleine Tour in den Wald machen um noch ein wenig lingon (Preiselbeeren) zu pflücken. Du weisst schon, diese wertvollen Beeren, die dich von innen konservieren und jung halten. *s* Wird bald notwendig..

Ich schicke dies nun ab, denn man hört sicher dass ich hier schreibe.

Ich umarme dich und küsse dich, mein geliebter Mausfreund.
Werd bald wieder ganz gesund.
Marlena



Dienstag, 10. September 2024

2. Service

 

Ämne:  2. Service
Datum: den 30 augusti  03:55

Liebe Marlena
hast Du bemerkt, wie unser ABBaby in diesen 14 Tagen gewachsen ist. Ist ja irre. Ich habe jetzt lange nicht mehr in die Kursliste geschaut. Normalerweise schaue ich morgens rasch via NZZ. Ich hoffe, der kleine wird nicht adipös, ich meine auf Deutsch "zu dick". Das mag ich nicht. Aber normalerweise schnellen die Kurse hinauf und sinken dann wieder. Das geschieht, soviel ich verstehe, durch die grössen Händler, die nicht an der Aktie, sondern nur am Gewinn interessiert sind. Sie kaufen viel aufs Mal, lassen die Aktie steigen, und springen dann nach ein paar Prozent wieder ab. Du siehst, es ist gefährlich, die Aktien sosehr als Baby zu personalisieren. Vielleicht bringst Du es dann nicht im rechten Moment übers Herz, sie wieder abzustossen. Wäre ja purer Kindsmord.
Aber Du must zugeben, sie sind tüchtig gesprungen in den letzten Tagen. Und auch die anderen laufen nicht so schlecht.
Morgen werde ich wieder mal in die Zeitung hineinschauen. Ich habe nur heute rasch von einem grossen Bombenanschlag in Nadjaf gehört. Das ist vielleicht der irakische Widerstand, der die Leute gegen die Amerikaner aufhetzen will? Diese Brutalität wäre ihm zuzutrauen. In diesem Durcheinander versteht keiner mehr, was los ist.
Jetzt gehe ich ins Bett. Ich muss meine beginnende Erkältung kurieren. Sonst bin ich bis Sonntag Abend hier zuhause. Das wäre schade.
Ich wünsche Dir einen schönen Samstag.
Mit lieben Grüssen und Küssen

...



Kurs vorüber ...

 


Ämne: guten Morgen
Datum: den 30 augusti  01:38  ( 29 aug 20:38 ?)

Liebe Marlena
Jetzt ist der Kurs vorüber und - Du wirst staunen - ich habe ihn bestanden. Es gibt ein schönes Zertifikat des Institutes hier in New York. Allein das ist eine Reise wert. Und wie es nach einem Kurs so ist, alle sind ein bisschen aufgeweicht und versprechen sich ewige Liebe und Freundschaft. Na ja, es hatte ein paar nette Leute, und früher oder später werde ich mit einigen per Mail Kontakt aufnehmen. Aber ich kann meinen Adressenkreis nicht beliebig erweitern. Meine Kapazitäten kommen langsam an ihre Grenzen.
Der letzte Tag war gefüllt mit Übungen. Und es ist interessant, wie man in diese Art von Sprache hineingerät, die automatisch in die Trance führt. Natürlich kann man bei diesen Leuten, die hier waren, im Moment mit den Fingern schnalzen, und alle sind weg. Na ja, sie sind nicht weg, sie sind in Trance. Sie sind es so gewohnt. Aber das ändert sich in den nächsten zwei oder drei Wochen.

Heute habe ich irgendwie eine kleine Erkältung. Ich weiss nicht, woher sie stammt. Gestern war es keineswegs kalt. Es gab ein MTW Konzert in Rockefeller Center. Und wir haben gesehen, wie die Sänger eingefahren ist. Du weisst sicherlich, wie das ist. Ich kann mich erinnern, dass ich sowas erstmals im den 70er Jahren in England am Fernsehen gesehen habe. Die Stars waren die Beatles und die Rolling Stones. Soviele junge Leute hatte man vorher in der Geschichte wohl niemals gesehen Und das Fernsehen zeigte sie in den Hauptnachrichten, die vielen jungen Mädchen, die kreischten, ausser sich waren, die Fassung verloren und manchmal ohnmächtig hinsanken. Ich erinnere mich, wie sehr ich sprachlos war, und wie sehr ich auch das Gefühl hatte, ich gehöre zu dieser Jugend. Es war schön damals, jung zu sein. Und es gab eine Aufbruchstimmung über die Musik, die die alten überhaupt nicht verstanden. Es war sozusagen ein Angriff der Jugend von hinten. Aber weil es soviele Leute gab, konnte man nichts sehen. Auch die einzelnen, die ihre Digitalkamera in die Höhe hielten, um im Display etwas zu sehen, auch das half nichts. So sind wir im Kaufhaus in den 4.Stock gefahren und haben heruntergeschaut. Da konnte man - von weitem - ein bisschen was sehen. Dann sind wir über Times Square zurückgekehrt. Dort sind die Theater, wo die vielen Musicals laufen. Aber ich habe mich nicht entschliessen können, in ein Musical zu sitzten. Mit der W bin ich dann zurückgekehrt und habe mein Pensum geschrieben.
Ich habe gestern auch erstmals ein Sandwich gegessen, Corned Beef Sandwich, wenn ich mich nicht irre. Das war eine ganze Platte mit viel Fleisch, oben und unten eine scheue, weisse Brotscheibe, und dazu French Potatoes. Hatten die Amis nicht beschlossen, die French Potatoes umzubenennen? Also wenn sie die Dinger umbenennen, schadet das absolut nichts. Das waren keine Frites, sondern Kartoffelstreifen von der Konsistenz verkochter Pasti. Weich und lahm waren sie. Man hätte genauso Pellkartoffeln beigeben können, das wäre besser gewesen. Aber ich habe mir gesagt, man muss alles probieren, und so habe ich fast den ganzen Teller gegessen. Eine lange Tranche saure Gurke war auch noch drauf. Sie war aber nicht sauer, sondern vor allem salzig. Na ja, es war alles gut gemeint, und ich bin sicher, jeder normale Theaterbesucher hätte diesen Teller in höchstem Masse genossen. Ich habe dem Barmann ein gutes Trinkgeld gegeben, so wie man überall in den Touristenführern angewiesen wird. Und er hatte mich angeschaut, als wäre er Europäer. Vielleicht Tscheche oder sowas? Es ist schön, bei diesem milden Klima abends, wenn es dunkel ist, zu Fuss heimzuschlendern. Im Village ist ohnehin noch viel los. Und man sieht soviele Dinge. Aber wiederum habe ich meine Türe verpasst und bin bis zur 1. Avenue gegangen.

Und heute morgen bin ich via Washington Square zum Kurs gegangen. Auch dort haben sie ein Gärtchen, für die Hunde. Und schon morgens früh - natürlich vor der Arbeit - sitzen sie dort mit ihren Vierbeinern und lassen sie austoben. Und weiter unten hatte es Tische mit einem eingearbeiteten Schachbrettmuster. Bereits drei Typen sassen da, als ob sie dort übernachtet hatten, hatten schon die Steine aufgestellt und einer forderte mich in morgenlichem Übermut auf, mit ihm eine Partie zu machen. Ich glaube, sie machen das gegen Bezahlung. Auch vor der Public Library gab es solche Spieler. Idelerweise melden sich zwei, die spielen wollen. Wenn nur einer kommt, müssen sie den Sparringpartner abgeben. Dort oben hatten sie auch Backgammon gespielt. Hier aber war kurz nach 8h, und kein vernünftiger Mensch spielt morgens um 8 im Washington Square auf einem kalten und eher etwas schmutzigen Steintisch eine Partie Schach. Ausser vielleicht eines dieser Hörnchen. Die waren schon auf und hatten ihre grosse Zeit. Sie pflügen sich wirklich zu Dutzenden durch das Gras. Und auf einer anderen Grasfläche hatte ein Schwarm Tauben ihre Frühmesse. Sie hatten sich getrennt voneinander, die Tiere, denn sie lieben die Ordnung. Und dann kam ich wieder zu einem hohen Gitter, dreimal so hoch wie jenes, worin die Hunde spielen. Das ist für die kleinen Kinder. Dort drin wie in einem Raubtierkäfig stehen die Mütter und sehen zu, wie lange es dauert, bis die kleine Sally genug geschaukelt hat. Der Boden ist geteert, aber dort, wo die Kinder meist herumtollen, ist der Teer mit einer Gummimatte bedeckt. Es sieht einfach komisch aus, die kleinen Kinder hinter diesen grossen Gittern. Man denkt natürlich - oder vielleicht denken wir Europäer so - das Gitter soll uns vor den Kindern schützen. In Wirklichkeit denken die Amerikaner wohl, das Gitter soll die Kinder vor den Homophilen schützen. Ich kann mir keinen anderen Grund vorstellen. Hier die kleinen Kinder, dort drüben die Hunde. Einziger Unterschied: beim Hundezwinger gibt es noch eine Schleuse, dh einen kleinen Vorraum, wohl um dem Tier die Leine umzuhängen oder zu lösen. Das ist aufwendig, aber praktisch gedacht. Wenn du also einen Wunsch hast, in NY, dann wähle Hund und besser nicht Kind zu sein.
Ich überquere jeden Tag den Broadway, um zum University Place zu kommen. Allein das ist ein gutes Gefühl, obwohl der Broadway eigentlich hier eine ganz gewöhnliche Strasse ist. Sie ist sogar ein bisschen enger, hat aber einen gepflegteren Gehsteig.
*
Ich bin gerade unterbrochen worden. Ch. ist mit ihrer japanischen Freundin gekommen. Japaner, so habe ich festgestellt, sind sehr nett. Sie machen eine nette Konversation. Das einzige Problem liegt darin, dass man sie schlecht versteht. Sie haben eine Aussprache, die vom Englischen wirklich weit entfernt scheint. So muss ich meist vieles erraten. Aber so genau muss man die Dinge meist auch gar nicht verstehen. In einem small talk genügen ein paar Stichworte. Darin ähnelt der Small Talk der Trance.
*
Jetzt muss ich mir rasch ein Alkaseltzer + Cold holen. Ich fühle, dass etwas im Anzug ist. Und vielleicht ist es besser vorzubeugen, bevor es richtig einschlägt und ich im Flugzeug von einer Stewardess individuell gepflegt werden muss.

Ich geh mal schnell zum Deli, um ein Alkaseltzer zu holen.
Bis später
Gruss

...