Samstag, 15. Juni 2024

Soulagement

 

Lieber..

Ja, .., ich weiss schon. Du bist etwas asozial hinter der Fassade. Sind wir ja beide sonst würden wir uns nicht schreiben. Und dieses wertvolle Foto von dir, dieses einmalige habe ich nicht genug gelobt. Also muss ich es wohl nochmals versuchen. Vielleicht geht es ohne S und M einzumischen.

Erstens siehst du auf dem Bild sportlich aus. Du könntest sehr gut einer dieser hormonstrozenden Harros sein, die man im heutigen ST finden kann. Vielleicht ist es das T-shirt das es macht. Dann liebe ich dein Kinn. Es sieht sehr männlich aus. Ich habe schon immer eine Schwäche für diese Art von Kinn gehabt. Darüber deine schön geformten weichen Lippen. ...(Zensur)... Deine Nase ist fotogenique. Und deine Augen. Es hat mich etwas überrascht dass sie so hell sind. Ich würde sie gern live sehen. Und wenn ich dir so in die Augen schaue dann bin ich mir bewusst dass ich das im real life kaum wagen würde. Und dann versuche ich das Bild von dir, das ich in mir trage, mit dem auf dem Foto in Einklang zu bringen. Ich weiss doch dass du aus Fleisch und Blut bist aber trotzdem kann ich es nicht richtig fassen, dass du wirklich bist. Es ist fast als hätte ich vergessen dass hinter den Mails ein richtiger Mensch steht.. Übrigens siehst du auch poetisch aus und wenn ich nicht wüsste, dass es sich um eine Magenverstimmung handelt hätte ich glatt geglaubt du leidest an Weltenschmerz. ;-)

Schau mal zu was du mich mit deiner kleinen ironischen Bemerkung verlockt hast. Aber natürlich fühle ich mich geehrt dieses "Einzelstück" von Foto zu besitzen. Das letzte sozusagen das du nun auch verschenkt hast. ;-) Oder besitzen die übrigen 59 Mailpartnerinnen auch dieses Bild???


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RE:

Liebe Marlena 

Trotz des tristen Wetters und Deiner nach Eukalyptus lechzenden Erkältung kannst Du solch ein Mail schreiben! (ein!)   Manchmal muss man Dich wirklich etwas kitzeln, damit Du aus Dir rausgehst und Deine Genialität in der Sonne zu gleissen geruhst!! (zwei!!) Es ist schon länger her, dass ich über eines Deiner Mails so sehr geschmunzelt habe. Und das hängt nicht bloss daran, dass Du Dir dieses Mal meine Nase vorgenommen hast!!! (drei!!!) 

Es ist eigentlich mehr, WIE Du schreibst. Und Du kannst es meisterhaft. Die Gedanken und Dinge nach Deiner Art in überraschende Zusammenhänge zu bringen, das ist echt zum Schmunzeln. Und manchmal klingt es ein wenig mammahaft! Auch das hat Charme.  Zumindest hat es meinen baudelairschen Weltschmerz etwas aufgehellt.

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Klar, ich hätte auch mit einer der 59 Frauenzimmer (oder muss ich sagen Adressen) abgehauen sein können! Nach einem unendlich langen und qualvollen Würfelprozess, welche denn Opfer dieses romantischen Anfalls sein dürfe. Und nach diesen dämlichen Qualifikations- und Selektionsprozessen hätte ich die Schönste am Handgelenk genommen und wäre hinunter nach Ronda durchgebrannt. Hemingway meint, Ronda eigne sich für ein solches Unternehmen besonders. Ronda also hätten wir uns geleistet und wären im Hotel gleich neben der tiefen Schlucht abgestiegen, dort wo man vom ehemaligen Strassenräubernest in die waldige und hügelige Landschaft hinunter sieht. Und wir hätten zum spanischen Wein diese riesengrossen und etwas groben Plätzchen gegessen, die sie in Spanien den Stieren praktisch lebendigen Leibes aus den Lenden schneiden. Inkognito wären wir auf Rondas Flaniermeile Arm in Arm auf und ab gegangen, hätten auf die Welt und ihren unglücklichen Lauf gepfiffen und stattdessen in der wunderhübschen kleinen Arena ein paar blutig-schöne Corridas besucht.

Und zwischendurch hätte ich mit meiner schönsten Rothaarigen im Hotelzimmer die Decken aufgewühlt und Bettgestelle flachgelegt. Ein bisschen barock alles, zugegeben. Ungefähr so wie ein gute Flasche Malvoisie, prickelnd, komplex und lebenslustig.

Doch, meine liebe Marlena, wie kann ich erklären, dass ich nach drei Tagen bereits wieder zurück bin?? Der romantische Anfall berücksichtigt nur den explosiven Entschluss, die hastige Abfahrt, den brennenden Wunsch, wegzukommen. Doch wie kommt man wieder zurück? Reuigen Herzens? Asche auf dem Haupt? Triste und voller Schuldgefühle? Oder einfach so, indem man morgens wieder im Büro sitzt und die aufgelaufenen Pendenzen angeht? Die Rückkehr ist ziemlich heikel, nicht wahr? Die Romantik denkt nicht an Rückkehr, wenn sie denn überhaupt denkt! Sie denkt nämlich auch nicht daran, lebenslänglich in Ronda auf und ab zu gehen. Man müsste dann ja gelegentlich mit der nächsten der 59 zum nächsten Ort abhauen. Vielleicht nach Rom mit einer Blonden, nach Paris brunette und Casa Blanca schwarz?

Ich bin also von Ronda zurück!

Mit einem lieben Gruss 

...

Freitag, 14. Juni 2024

Ravitaillement - kleiner Picknickkorb

 

Ronda

Ämne : Ravitaillement... 

Lieber ...,
Eigentlich hätte ich dir ein langes Mail senden wollen. Das versuche ich immer am Donnerstag, weil ich nicht weiss wann ich demnächst ungestört schreiben kann. Es soll sozusagen ein kleiner Picknickkorb sein um deinen ärgsten Hunger zu stillen. Aber vielleicht hast du garnicht mehr so grossen Appetit dass es nötig ist - oder (was noch schlimmer ist) du wirst von anderen gefüttert. Nun ja, von S erwarte ich es ja - es ist doch die Pflicht einer guten Ehefrau ihren Mann zu pflegen, aber nun dachte ich eben an die anderen. Die rothaarige und die Brunette. Obwohl ich glaube dass du Spass machst kann ich es doch nicht verhindern dass ich ein wenig eifersüchtig werde dabei. Ich möchte dich mit allen teilen und gleichzeitig für mich allein beanspruchen. Du siehst mein Dilemma. ;-)

Du schreibst wieder so schön von Ronda und wenn ich noch einmal eine Liebesaffaire haben werde, werde ich wahrscheinlich diesen Ort dafür wählen. Aber vielleicht doch nicht, denn ich will nicht meine grosse Liebe betrügen: Rom.
Siehst du, nun bist du so klug geworden dass du auch die Gefahren sehen kannst. Und du hast sie sehr gut beschrieben. Man kann nicht ewig Hand in Hand herumspazieren... und das Gefühl nachher, wenn man es nicht mehr kann. Wie wäre unsere Relation jetzt wenn wir Rom hinter uns hätten? Ach, das Leben ist wirklich nicht nur ein Fest. Würde man sowas überhaupt aushalten? Wir würden uns wahrscheinlich vergessen.. ups ich meine veressen. Aber auch da bin ich nicht richtig sicher. Was dich betrifft bin ich nie richtig sicher was und wie...
Nur eines weiss ich mit 100%iger Sicherheit. Du machst mein Leben schön mit deinen Mails und wenn ich mich wegen irgendetwas glücklich fühle so hat es immer auch mir dir zu tun.
Sieht es wieder aus wie eine Art Liebeserklärung? Ach, ich bin doch nur aufrichtig.
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Heute haben wir (WIR, wie das klingt!) den Nobelpreis in Literatur verliehen. Und du weisst ja schon an wen. Man fragt sich ob das irgendwie politisch begründet sein könnte und ob man vielleicht heute nicht jemand anderen hätte wählen sollen. Aber es freut mich dass man einmal nicht eine völlig ungelesene Person irgenwo ausgegraben hat sondern einen Schriftsteller gewählt hat dessen Werk von einem grossen Publikum geschätzt wird. Und der Mann scheint etwas scheu zu sein. Als er die Nachricht erfuhr versteckte er sich in einer Ecke seines Gartens und man hat bis jetzt noch keinen Kommentar aus seinem Mund gehört.
Ich werde mir ein Buch von ihm besorgen. Das versuche ich meistens zu tun mit Preisträgern die ich noch nicht gelesen habe. So kam es auch dass ich damals Singer las. Und sein Buch hat mein Bild von Amerka, das ich bis dahin hatte, sehr verändert.
*
Man hört so viel Elend in allen Medien und ich denke wie eine Schülerin heute sagte: man muss sich ein wenig abschirmen um es überhaupt ertragen zu können. Vor einer Weile habe ich "al Jazira" angesehen, das arabische Gegenstück zu CNN. Es war interessant. Kennst du das Programm?
*
Eigentlich geht es mir nicht allzu gut im Moment und ich hoffe dass ich es nicht werde büssen müssen dass ich zur Arbeit gegangen bin. Es schmerzt im Hals und in der Brust (Luftröhre und Lunge) und ausserdem höre ich kaum. Das ist wirklich kein Vorteil für einen Sprachlehrer. Oder vielleicht doch? ;-)
*
So, nun habe ich den Korb gepackt. Fehlt nur noch eine kleine Süssigkeit als Nachspeise. Vielleicht ein paar von den italienischen "bachis", du weisst die mit einem Spruch auf dem Papier. Ja, die magst du sicher gern.
Ich wünsche dir eine gute Nacht und einen schönen Freitag.
Love
Marlena

Altes Tagebuchblatt

 


Wandteppich


Lieber ...,
Ich kenne es nur allzu gut dieses Gefühl. Man hat ein paar Tage vor sich auf die man sich riesig freut und man weiss genau was man damit tun wird.. und dann sind sie da und plötzlich ist es ganz anders als man es sich vorgestellt hatte und die kostbare Zeit rast nur so dahin und ist bald vorbei ohne dass man sie richtig geniessen konnte. Ich denke manchmal ”diesen Tag würde ich gern an ein Second-Handgeschäft verschenken”. Es gibt Tage die wirklich nur Transportstrecken sind.. wohin fragt man sich..
Du tust mir leid, chéri. Sogar auf ein schönes Fest musst du verzichten. Aber du wirst sehen, bald bist du wieder der alte ... voller Energie und Pläne für die Zukunft. Und sicher freust du dich schon auf die Reise in den Iran. Dann kommen Tage an denen du doppelt und dreifach leben wirst. :-) Wolltest du mich denn nicht auch ein wenig einweihen und mir dein Programm zeigen? Ich würde mich sehr darüber freuen.
Wir haben einen stillen Familienabend, d.h. so still wie er eben bei uns sein kann. K und A diskutieren laut und ich denke wie wenig Respekt die Kinder heute vor ihren Eltern haben. So hätte ich nie mit meinen reden können. Und dann dröhnt die Musik von unten herauf und ich kann mich nicht wehren. Die Geräuschschützer (?), die ich mir zu Weihnachten gewünscht habe, habe ich immer noch nicht erhalten. Aber ich will nicht allzu viel klagen. Die meiste Musik die K spielt gefällt mir sehr gut. Gerade war es Leonard Cohen. Kennst du ihn?
Und gestern nachmittag kam eine totmüde Anna nach Hause von dem verregneten Ausflug. Sie hatte kaum eine Stunde geschlafen und um drei Uhr morgens waren sie noch über einen See gerudert um eine Biberhüte (heisst es so?) die sie am Tag vorher entdeckt hatten zu besichtigen. Trotz des Regens haben sich alle sehr gut amüsiert. Und nun sitzen sie sicher alle zu Hause (einige ziemlich erkältet) und bereiten sich vor auf die grosse nationelle Probe in Mathematik die Anfang nächste Woche stattfindet.
Spätestens Montag muss ich alle Noten der Abiturienten abgeben und dann folgen noch ein paar Abschlussprüfungen für die 17-jährigen. Ach, wenn ich denke wieviel ich in kurzer Zeit noch tun muss dann werde ich ganz müde. Übrigens, wenn ich von müde rede: Anna hat sich gestern nachmittag um vier hingelegt und bis 7 Uhr heute morgen durchgeschlafen. :-)
*
Ich muss ein wenig schmunzeln wenn ich lese was du zu dem Bild vom Esstisch schreibst. Ordnung und bürgerlich und was es noch war .. und ich lasse dich gern in dieser schönen Vorstellung weiterleben. ;-) Weisst du, wir hatten schon ein Heim eingerichtet bevor ich hierher zog. Damals liess ich alle Möbel in der alten Wohnung stehen die K übernahm. Und was ich Anfangs für meine Wohnung hier kaufte war immer nur für eine kurze Zeit gedacht bis wir die beiden Wohnungen zusammenschlagen würden. Und dann haben wir diese Villa gekauft und da wir eingesehen haben dass wir getrennt weiterleben würden haben wir eben dieses Haus weiter in dem hellen Möbelstil eingerichtet.. ist ja auch typisch schwedisch. Mir gefällt es jedenfalls.. und mein lieber Schwiegervater machte mir immer Komplimente für die schönen Farben ..
Übrigens, der Wandteppich oder wie man es nennen soll ist etwas Typisches für den hohen Norden. Nur sieht man sie gewöhnlich in sehr starken Farben die hier zu dominant gewesen wären.. Als wir beim Begräbnis meines Schwiegervaters waren leuchtete der Abendhimmel in all diesen Farben - rosa, orange und lila - und ich kann noch die schwarzen Silhuetten der Bäume sehen die keine Blätter mehr trugen. Nachher gingen K und ich durch die Stadt und in einem Schaufenster sah ich diesen Himmel wieder auf dem Wandschoner und wir kauften ihn als Erinnerung an die vielen schönen Sommer die wir bei ihm in Luleå verbracht hatten.
Und daneben das Bild von Anna. Es ist wirklich so ausdrucksvoll dass es mich stark berührt wenn ich es betrachte. Das kleine Aquarell mit der Karlsbrücke in Prag, auch im Abendlicht, erinnert mich an so viel. Ach es war so schön dort. Ich glaube ich muss noch einmal hinfahren.

M. gefällt es sehr gut an der Uni. Er arbeitet ein Zehntel von dem was er hier tun musste und verdient mehr. Auch das Arbeitsklima ist ganz anders mit netten Kollegen die zusammanhalten. Er versucht mich immer noch zu überreden auch hinzukommen.
*
Sicher ist es ein interessantes Buch das du liesst über Oscar Wilde. Ich kannte schon seine Geschichte und habe auch einen Film darüber gesehen vor langer Zeit. Jetzt habe ich aber trotzdem nochmal nachgeschaut. Wir haben ein sehr altes Nachschlagewerk, ”Nordisk familjebok”, (ein Erbstück ;-) und da die ersten Bände schon Anfang 1900 herauskamen ist es wirklich interessant darin zu lesen. Alles ist sehr eingehend beschrieben und oft auf eine Weise wie es heute undenkbar wäre. Jedenfalls wird über Oscar Wilde gesagt dass er vor allem ein sehr spiritueller Redner war und die Leute mit seinem französischen Esprit fesselte. Oder wie du es so schön ausgedrückt hast: ”ein Genie in seiner Fähigkeit, eine verbale Realität heraufzubeschwören.” Gerade diese Eigenschaft ist es, die mich so sehr an dir fasziniert und süchtig macht nach deinen Worten. :-) Weiter steht dass er sich äusserst elegant kleidete, in einem etwas veralteten Stil und er soll sehr schön gewesen sein (was ich nicht verstehe wenn ich sein Bild betrachte).
*
Es ist Samstagmorgen. Ich habe viel vor und somit wird es sicher ein ”lebenswerter” Tag werden. Aber du hast recht. Einige Tage würde man gern ”einkochen” so wie es deine Mutter wahrscheinlich mit Fleisch und ähnlichen Dingen getan hat und wie ich es mit den Multbeeren und Heidelbeeren mache. Meistens werden es 15 - 20 Liter, die wir von Norrland mit nach Hause bringen. Dann haben wir Vitamine und gute Nachspeisen fürs ganze Jahr und auch etwas zu verschenken. Die Multbeeren gibt es ja nicht hier im Süden und sind sehr gefragt. Es kommt auch vor, dass K einen Liter davon gegen südländische Spezialitäten eintauscht, die seine Freunde von ihren Auslandsreisen mitgebracht haben. Ich werde dir einmal eine kleine Kostprobe senden müssen.

Ich hoffe dass es dir inzwischen wieder ein wenig besser geht und sende dies nun ab damit du es heute Abend siehst wenn du allein zu Hause bist. Oder ist A. schon wieder zu Hause? Wie geht es B.? Gefällt es ihr gut in Südamerika? Hast du nicht Angst um sie? Aber vielleicht weisst du dass sie in guten Händen ist.
Schreib mir bald wieder. Ich bin wirklich ein wenig süchtig geworden und ohne eine Dose Harroin komme ich kaum aus. ;-)
Und ich sende Dir viele liebe Grüsse
Marlena

PS Kennst du das Buch von Alain de Botton ”Trost bei 6 Philosophen” oder so ähnlich? (Es ist neulich ins schwedische übersetzt worden.) Und Nietsche mag er ganz besonders. Ich glaube ich würde mich von Schopenhauer trösten lassen. ;-) Leider hat man keinen Philosphen gefunden den man gegen Teknologiestress nehmen könnte. Alain ist z.B. überzeugt davon dass Sokrates das Internet geliebt hätte und alle aufgefordert hätte in Chaträume zu gehen.
Wusstest du dass Alain in der Schweiz geboren ist und erst als 8-jähriger ”sehr schüchterner Junge der nicht physische Aktivitäten liebte” nach England kam?

Ach ...

 


Blauer Geiger Marc Chagall


LIEBESLIED

(Capri 1907)

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich
der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süsses Lied.




.

Montag, 10. Juni 2024

Noch ein paar Minuten..


...bis meine Freundin hier erscheinen wird.

Liebster Mausfreund
Heute ist Neustart in unserem Italienischkurs.. von mir geleitet, wie mir scheint. Weiss nicht wie es kommt, aber alle scheinen immer auf meine Initiative zu warten. Auch bin ich es, die den Kurs leitet.. S. ist sozusagen meine Schülerin. Naja, ich kann es ja.. ;-))


Lieber ...

(---)

Am Dienstag Morgen hat S  angerufen. Ich kann schon an ihrer Stimme hören, dass sie wieder mal faul gewesen ist und nicht ihre Aufgaben geschafft hat. (Das ist im Spass gesagt) Und wenn sie dann so ganz vorsichtig andeutet, dass es vielleicht besser wäre, wenn wir unseren Termin ein oder zwei Tage verschieben, bin ich sofort bereit dies zu tun. Das ist nämlich das herrliche in diesem Leben, das ich mir nicht gern nehmen lasse: Die Lust bestimmen zu lassen, ob und wann man etwas tut.
---
Also ist S  gestern gekommen, und ihre ersten Worte waren: "Hast du einen Spaten?" In einem Plastikbeutel hatte sie - soll ich dir gleich verraten was? Sie hatte eine Pfingstrose die sie aus ihrem Garten ausgegraben hatte. Wohl ein Teil von ihrer eigenen. Ach, war ich freudig überrascht! Aber auch etwas überrümpelt. Denn seit Jahren träume ich davon eine zu pflanzen und ich hatte mir schon Anweisungen aus dem Internet geholt, wie und wann man sowas tun soll. Du kannst dir garnicht vorstellen wie kompliziert das alles klang. Das Loch sollte so und so tief sein. Dann sollte man es mit verschiedenen Schichten von Humus, Düngemitteln und weiss Gott was noch füllen und die Pflanze sollte so und so tief gesetzt werden und in einer besonderen Lage stehen u.a. gegen die frühe Morgensonne geschützt... Ich denke du kannst gut verstehen, dass mich all das etwas abgeschreckt hat.
Und nun gestern stand Siv plötzlich da mit dieser Pflanze, die wir sofort in den Boden bringen mussten. So habe ich mit dem Spaten ein Loch gemacht.. ein minimales im Vergleich zu den Anweisungen, und das Ding hineingedrückt. Ein bisschen Wasser darauf und fertig war es. Und jetzt steht sie dort und ich werde täglich sehen, wie sie sich entwickelt. Es soll eine von dieser rosa Sorte sein, die ich besonders mag. Und wie Siv meinte: Wenn es nicht gut geht dann bringe ich dir eine Neue.

Hah, so viel Worte über eine kleine Pflanze. Aber ich weiss, dass auch du sie sehr magst, diese Pfingstrosen.. Und ich werde dich auf dem laufenden halten. Wieder wie ein neues Baby.. ;-)) Diesmal ist es eine Sie.
Ja doch, ich sehe, dass unser ABBaby gut gedeiht. Ich meine mit solchen Eltern.. wie könnte es anders sein? Vielleicht kaufe ich noch welche dazu, da du mir ja so grossen Gewinn versprichst.

Ich glaube ich muss nun hinaus in die herrliche Sonne. Ich schreibe dir mehr später.
Wünsche auch dir einen schönen Frühlingstag,

MlG
Malou



Mittwoch, 5. Juni 2024

Schulabschluss und alternative Leben


Ämne: saturdaymorningintheoffice


Liebe Malou
Ach, gestern war ein hektischer Tag. Von allen Seiten kamen die Anforderungen und Bedürfnisse. Jeder wollte etwas. Und am liebsten sofort. Nein, das mag ich nicht, solche Situationen, in denen man total vom Hand in den Mund lebt. Es gibt Typen, die das lieben, diese Krisensituation, dieses Notfallsyndrom. Ich glaube, es hängt damit zusammen, was jener Journalist in Italien über den Chaotismo geäussert hat. Das ist der Moment, da man sich als Deus ex machina fühlen kann. Und das ist es, was sie wünschen. Ich hingegen bin so sehr bescheiden, dass ich das nicht mag.

Der Regen hat sich gelegt. In den letzten Tagen hat es echt gekübelt. Und die Natur sollte jetzt wieder für 2 oder 3 Wochen satt sein und sich zufrieden geben. Die Temperatur ist ziemlich zurück gegangen. Aber nächste Woche soll sie wieder steigen. Und dann wird der Sommer wohl endgültig angekommen sein?

Ihr habt den Abschluss des Schuljahres und die Abitur-Feier? Das ist schön. Es ist das Fest der Jugend, und es erinnert gleichzeitig an eigene und die damaligen Feste der eigenen Kinder. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich selbst an jene Feier, die es ja auch bei uns gibt, nicht mehr genau erinnern kann. Nun, die Verhältnisse an der Schule in Brig waren einfach. Feiern fanden jeweils im Theatersaal statt. Ein Theatersaal war kein Luxus, denn das Theater gehört zur jesuitischen Ausbildung. Das gehört sozusagen zum Barock der Gegenreformation, während dessen auch die Oper entwickelt worden ist. Ich habe eine merkwürdige Erinnerung. Stets an diesen Gelegenheiten, Festen, Feiern, speziellen Gelegenheiten, hatte ich ein Auge für jene Wandskulptur, die unser Zeichnungslehrer an die Wand des Theatersaales geschaffen hatte. Während des Alltages schaute ich kaum dort hinauf an die Wand, wo diese merkwürdige, etwas verkürzte Figur herunterschaute. Sie sah aus wie ein Engel. Mindestens, so glaube ich, war es eine religiöse Figur, eine Figur aus dem biblischen Kontext. Unser Zeichnungslehrer war im Wallis ziemlich bekannt, hat viele Skulpturen, Brunnen, Gedenksteine geschaffen. Aber er war auch ein stiller Mann. Im Unterricht hat er uns kaum etwas erzählt und uns kaum etwas Neues beigebracht. Bei einem anderen Lehrer wäre ich vielleicht Künstler geworden. Denk Dir mal so was, Malou! Ich würde jetzt in einem dunkeln Atelier im Kreis 4 Zürichs unter Huren und Türken dahinvegetieren, würde mich notdürftig von Büchsenbohnen und kalten Buffets an Vernissagen ernähren, und mich an letzteren auch gelegentlich wieder mal richtig besaufen. Ich hätte vielleicht 2 oder 3 heisse Freundinnen, eine blonde, eine brunette und eine schwarze, wie ich wohl annehme, und ich würde mein kleines Harem notdürftig pflegen und zufrieden stellen mit viel Scherereien, zugegeben, und Streitigkeiten. Und daneben hätte ich in meinem Alter all meine Illusionen verloren über Kunst und den Idealismus. Ich würde mit Misstrauen beobachten, wie die junge Künstler von den Behörden grosse Auftrage zugewiesen bekommen, und wie sie sich dann bei jenen bourgeoisen Ärschen noch mehr anbiedern und einschleimen. Widerlich! Vielleicht würde ich im Stillen immer noch nach meinem grossen Jahrhundertwerk gieren, jenem Bild, oder jener Statue, jenem Meisterwerk, welches endlich allen Menschen die Augen öffnen kann. Und von diesem zehrenden Leben wäre ich mit diesem Alter bereits heruntergekommen. Ich hätte meine Anfälle, meine Magenkämpfe oder so, und trotzdem würde ich regelmässig meinen Dôle trinken und dazu Gitanes rauchen. Ach, ich würde mich langsam zugrunde richten und würde das alles noch geniessen. Ich wäre wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt.

Ist es nicht schön, sich alternative Leben auszudenken? Frisch hat sich in der ‚Biographie’ mit diesen Fragen beschäftigt. Man kann sich damit sehr glücklich, oder aber - zweifellos - auch unglücklich machen. Ich selbst bin darüber eher glücklich. Ich meine, ich erlebe dabei die Weite des Lebens. Ich empfinde, wie gross die Möglichkeiten der Existenz eigentlich wären, und wie viel anders mein Lebenslauf auch hätte ausgehen können. Ich glaube, es macht irgendwie zufriedener mit dem, was man hat. Man fühlt sich dann so ordentlich und zufrieden in der Mitte all dieser wilden und abenteuerlichen Spuren und Wegzeichen in der weiten Landschaft. Man weiss sich auf einem ordentlichen, gesicherten Wanderweg, der zwar nicht wirklich irgendwo hin führt, aber zumindest sich nicht allzu gefährlich ausgibt. Und dazu trifft man auf dieser kleinen, gut ausgebauten Avenue jede Menge netter Menschen, die auch unterwegs zu sein scheinen, die aber auch nicht wirklich wissen, wohin der Weg führt. Das ist der wesentliche Unterschied: bei den Menschen auf dem Weg entscheidet der Weg über die Gehrichtung. Bei jenen, die eigenmächtig durch die wilde Natur gehen, entscheidet jeder selbst. Das macht ihn wohl wacher für die Situation. Vielleicht kommt er nicht wirklich an einem selbst gewählten Ziel an, aber mindestens er hat seinen Weg selbst gewählt. Er fühlt sich heroisch, denn er hat immer wieder den Eindruck, in einer Krisensituation zu sein, in einer Situation, die über Tod und Leben entscheidet. Und gerade das macht, dass er sich so lebendig fühlt. Wir hingegen wandern ruhig auf dem Strässchen wie auf einem Sonntagnachmittagspaziergang. Und jedes Kind weiss doch, wie langweilig Sonntagnachmittagspaziergänge sein können!! Und so ist es nicht erstaunlich, dass wir ein bisschen schläfrig dahin gehen und nicht wirklich wach zu sein brauchen. Das einzige, was wir benötigen, ist die Motorik der Beine. Und sie arbeitet bekanntlich routinemässig und völlig automatisch. Wir brauchen bloss zusehen, dass sich an den Füssen keine Blasen entwickeln!!

Ich muss jetzt zurück auf mein langweiliges Strässchen und die Sitzung für Montag vorbereiten. Dann fahre ich nach Basel.
MlGuKusw
...




Montag, 3. Juni 2024

Early morning

 (R)


Lieber ...,
Eigentlich schon vorbei.. ich meine der "early morning". Doch ich war schon um 5.30 auf und klein Pojki hat mich vorwurfsvoll angesehen, weil er neues Futter brauchte. Er ist ganz still bis man das Radio anstellt. Dann beginnt er zu singen und zu schwatzen.

Und im Radio hört man die sensationelle Nachricht, dass man nun in Schweden schon in der 7. Klasse Zeugnisse einführen will. Jetzt bekommt man sie erst in der 8. Klasse. Da man in Schweden mit 7 Jahren die Schule beginnt bedeutet das, dass man erst als 15- jähriger seine ersten Zugnisse erhält. Bisher war es sogar verboten für einen Lehrer sich in den "Elterngesprächen" so zu äussern, dass es an Zeugnisse erinnern könnte. Kein Wunder, dass schwedische Schüler in allem absacken und in grossen Untersuchungen schon ganz unten liegen. Ausserdem will man, höre und staune, schon in der 5. Klasse gewisse Ziele aufstellen in Mathematik und Schwedisch. Unglaublich! Womit hat man sich denn bisher beschäftigt???
*
Ach, so viel Adrenalin schon am frühen Morgen. Der Himmel ist grau, aber noch regnet es nicht. Zum Glück habe ich gestern das Gras gemäht und so dürfen ruhig ein paar Tropfen vom Himmel fallen. Doch Anna hat heute einen ganztägigen biologischen Ausflug in irgendeinem peripheren Fach, das sie dazugewählt hat. Sie ist wirklich allseitig, die Kleine. Am meisten sticht natürlich ihr Lyrikkurs ab von ihren technisch-mathematischen Studien. Doch wie es scheint "gibt" er ihr sehr viel, sogar logisches Denken. Das finde ich etwas lustig, denn nie habe ich Lyrik mit Logik verknüpft.

(---)

Ich schick dir das nun ab.. damit du es gleich bekommst, wenn du deinen Computer anstellst.
Wünsche dir einen schönen Tag,
mit lG,
Malou