Dienstag, 5. Dezember 2023

Meine persönliche Theorie


Lieber ...,
Eigentlich brauche ich dich mehr in Zeiten, wenn ich selbst nicht schreiben kann.
Neulich bin ich ganz zufällig auf ein paar Gedanken von dir gestoßen. Was denkst du heute darüber?
Ich wünsche dir alles Liebe und Gute

mit Gs und Ks

Malou


Und wir wissen beide, dass Proust einer der bedeutendsten Gehirnforscher ist. Ich bin sicher, es ist nicht nur die Vergangenheit, für die das Gedächtnis zuständig ist, es ist ebenso für die Zukunft ein wichtiger Mitarbeiter unserer Seele. Man ist ja erstaunt, was alles zum Vorschein kommt. Vieles kommt, wonach man nie und nimmer gesucht hat. Und doch ist es nicht die ganze Wahrheit, sondern nur die eigene. Und es ist ebenso das Gedächtnis, das aus seinen Steinbrüchen eine Zukunft entwirft. Ich glaube, Menschen mit einem starken Willen sind solche, die eine gute Vorstellung entwickeln können. Und die Vorstellung holen sie sich aus der Vergangenheit. Aber das ist meine persönliche Theorie. Braucht nicht zu stimmen. Wenn sie nicht auf die Realität zutrifft? Umso schlimmer für die Realität.


Re:

Ja, wer das geschrieben hat ist genial.
Wer ist es?
Freud persönlich?
Vielleicht Jung?
Ein moderner Hirnphysiologe?
Sag es mir
 
liebe Grüsse
...

Sonntag, 3. Dezember 2023

1. Advent

 

...


Und was treibst du Malou? Bist du an den Weihnachtsvorbereitungen? Das glaube ich mindestens. Du wirst dein Haus auf Hochglanz bringen und alles beleuchten, was beleuchtenswert erscheint, nicht wahr?

Und ich, wie gesagt, mit einem Kerzlein unter der Brücke.
Liebe Gs und Qs und Ks und so


Lieber ...,

"alles beleuchten, was beleuchtenswert erscheint" *smile* Ja doch, das tun wir alle hier in Schweden. Und nicht nur was beleuchtenswert erscheint..
In allen Fenstern siehst du, schon vom 1. Advent an, entweder Sterne oder Leuchter. Früher, als ich noch klein war, gab es diesen schönen aus Papier, der wirklich wie ein richtiger Stern aussah, wenn er angezündet war und ein warmes schönes Licht verbreitete. Ich habe immer noch einen solchen oben bei mir und ich muss sehr vorsichtig damit umgehen beim aufhängen, denn er leidet schon sehr an Altersschwäche. Werde ganz nostalgisch wenn ich ihn leuchten sehe. Doch heutzutage gibt es alle möglichen Sorten. Manche aus dünnem Holz geschnitzt, andere aus goldglänzendem Metall: Ach, es gibt wirklich so viele verschiedene Sterne und immer wieder kommen neue dazu.

(---)

Es freut mich, dass du mit dem Schreiben beginnen willst. Aber Konsalik? Ich kenne den Namen und ich glaube sogar, dass ich eventuell ein Buch hier irgendwo stehen habe, das mir mal Bertelmans Lesering geschickt hatte, als ich vergessen hatte abzubestellen. Ich war, als ich an der Uni Germanistik studiert habe, Mitglied in diesem Lesering.

Ich habe dir sicher schon einmal von dem Programm erzählt, das man eine zeitlang jeden Donnerstag sehen konnte. Man zeigte jeweils einen Schriftsteller und liess ihn/sie über sein Schreiben berichten. Man erfuhr wie, wo und wann sie schrieben und dabei habe ich gestaunt, wie hart sie fast alle ihr Schreiben diszipliniert haben. Fast wie Bürozeiten kam es mir vor. Sie erzählten sehr persönlich und voll Charme. Manche trugen ständig ein kleines Notizbuch bei sich, damit sie, wenn ihnen was Gutes einfiel, es gleich aufzeichnen konnten.
Ich habe mir diese Programme öfters auf Video aufgenommen, um sie später nochmals richtig geniessen zu können. Ich hatte auch den Eindruck, dass sie in ihren kreativen Perioden sich  von der Umwelt zurückzogen, um nicht gestört zu werden. Anfangs hatten sie meistens einen Plan (einen Plot?)  und gewisse Personen bestimmt für ihre Story. Doch oft merkten sie, wie sich diese Personen selbständig machten und sich nicht besonders um die Absichten des Schriftstellers kümmerten. Der Roman schrieb sich sozusagen selbst. :-)

(---)

So verabschiede ich mich wie üblich mit lieben Gs und Ks (wahlfreie Sorte) Qs
Marlena





Donnerstag, 30. November 2023

Donnerstag, 23. November 2023

November ...

 

date 21 November 16:07
subject Fortsetzung..



Lieber ...,
Heute fühle ich mich gestresst. Weiss eigentlich nicht wie das möglich
ist, denn ich verfüge doch selbst über meine Zeit. Gerade jetzt wollte
ich schon unterwegs sein um nicht im Dunkeln fahren zu müssen. Aber
meine Aktivitäten heute haben sich hinausgezogen und erst vor einer
Weile bin ich wieder hier in Annas Bude gelandet, nachdem ich sie bei
der Uni abgesetzt habe.

Anna denkt manchmal, dass es anstrengend ist diese Strecke zu fahren.
Aber das ist grundfalsch. Ich liebe es so im Auto zu sitzen. Man gibt
seinen Gedanken freien Spielraum und kann ihnen eigentlich nicht
entfliehen wie es zu Hause üblich ist, wo man sich immer wieder von
irgendeiner Beschäftigung ablenken lässt. Und diesmal, wie schon so
oft in vergangenen Zeiten, habe ich mich mit dir unterhalten. Und wenn
ich mich dann später an den Computer setze, um dir zu schreiben, habe
ich manchmal den Eindruck ich hätte dir alles schon gesagt.

Ich habe deine Mails nochmals durchgelesen. Wie schön du schreiben
kannst. Und dein Harem scheint ständig zu wachsen. ;-) Sag, beginnen
alle Namen deiner Freundinnen mit M?
Du hast mir von einem Gedicht erzählt, das du in Basler Mundart für
eine Kollegin geschrieben hast. Ach, bitte, lass es mich auch sehen.
Ich liebe in Dialekt geschriebenes sowohl auf Schwedisch, wie auf
Deutsch. Und es ist eigentlich etwas erstaunlich, dass ich mich in
verschiedenen deutschen Mundarten einigernassen gut auskenne. Ich
verstehe, kann aber selbst nicht so reden.. außer vielleicht gewisse
Ausdrücke, die ich gelegentlich verwende um meine Umgebung zu
amüsieren.

Von der Welt außerhalb des Paradieses möchtest du ein wenig erfahren?
Erinnerst du dich wie wir vor langer Zeit über die Förderung begabter
Schüler gesprochen haben. Nun höre ich, dass man in Deutschland 
Universitäten für die Elite einführen will. Dabei hat man 2 aus
München (ich glaube beide mit technischer Einrichtung), und eine aus
Karlsruhe (naturwissenschaftlich) an die Spitze gestellt. Ich glaube
persönlich, dass etwas ähnliches auch in Schweden nicht falsch am
Platz wäre. Hier sind die vielen neugegründeten Unis mehr ein
Verwahrungplatz für arbeitslose Jugend geworden. Du solltest mal
hören, was sie so anbieten an Kursen.

Etwas anderes, was mich an dich denken liess, ist der neue Film über
Robert Kennedy, ein Mix von Spiel- und Dokumentarfilm. Den wirst du
dir doch sicher ansehen wollen.

Heute hat es hier geregnet und er Himmel war ganz dunkel.. ein
deprimierter, weinender Himmel.. dachte ich. Aber das Wetter ändert
sich ständig und so auch das Leben. Man muss nur Geduld haben und
abwarten.

Ich grüsse dich lieb und hoffe, dass wir uns bald mal im Chat sehen,
damit du dein password ändern kannst. Wenn nicht, schicke ich dir die
Instruktionen per Mail.

Bis dahin alles Liebe und Gute,
Deine Mausfreundin
Marlena

Mittwoch, 22. November 2023

Ärger und Freude

(R) 


Lieber ...,

So bin ich nochmals bei dir. N. hat angerufen und ihre Telefongespräche werden manchmal sehr lang. Nun ja, sie muss mit jemanden sprechen über ihre jetzigen Probleme. Ihr Freund (Geliebter?) befindet sich im Moment in einer Saufperiode und sie hat Angst, dass es mit dem Tode enden kann. Und es ist ein Unbeschreibliches hin- und her, das ich dir ersparen möchte. Sie tut mir wirklich sehr leid.

*
Ich bin eigentlich nicht sehr gut gelaunt. Glaube es hat damit zu tun, dass ich eine Weile neben unserem Direktor gesessen habe. (Barbies Ken, wie ich ihn sehe) Nicht, dass etwas gesagt oder passiert wäre, auf das man hinweisen könnte. Im Gegenteil habe ich mich gut mit der jungen Spanischlehrerin (eine junge dunkelhäutige Schönheit aus Südamerika) über den Mittwoch unterhalten, wo wir Gastgeber waren für die Sprachlehrer der Grundschulen der Region.( Mit Grundschule, meine ich hier die drei letzten Jahre vor dem Gymnasium, wo die Schüler 13 - 16 Jahre alt sind, und wo sie mit einer neuen Fremdsprache beginnen.) Wir haben uns gratuliert zu dem Tag, weil er gut ausgefallen ist und unsere Gäste ihn als sehr gut und wichtig bewertet haben. 9,5 auf einer Skala von 1-10.
Und warum ärgere ich mich dann so über diesen Direktor? Weil er ganz unmöglich dumm ist. Weil er sich über Dinge äussert, von denen er keine Ahnung hat ... Oh Gott, ich muss aufhören. Ich glaube du verstehst mich sowieso. G und A haben übrigens auch abgesagt, die Stunden von H zu übernehmen. Denk dir nur: H kommt am Mittwoch nachmittag und sagt zum Direktor, dass er nun 1½ Monate lang mehr mit Politik arbeiten wird und nicht seine Deutschstunden machen kann. Aber es kann dich nicht interessieren. Ich schreibe es ja auch nur um mich ein bisschen abzureagieren. Darf ich das an dir tun??? :-)
*
Ich habe gestern noch das Programm über Georg Klein gesehen. Es war sehr persönlich und ich habe wieder daran gedacht, wie einfach sich die wirklich grossen Leute ausdrücken. Ich meine, es gibt viele halbgebildete, die immer mit Hilfe der Sprache ihr niedriges Niveau zu tarnen versuchen. Besonders im öffentlichen Leben findet man sie. Und man bemerkt dabei auch, wie sie ständig die neuesten Modewörter im Mund tragen. Klugscheisser, glaube ich nennst du sie.

Georg Klein arbeitet mit Forschung und wissenschaftlichen Dingen und als Gegenpol dazu liebt er Poesi und die Natur. Er sprach von seinen jungen Jahren als ungarischer Jude, der in Gefangenschaft geriet und als er einmal bei einem Marsch zur Arbeit fast am umfallen war, kamen ihm plötzlich ein paar Verse aus einem Rilkegedicht in den Sinn. Er zitierte sie auf deutsch.. Und durch diese Zeilen bekam er wieder Kraft weiterzugehen. Er glaubt nicht an Gott. Er ist überzeugter Atheist, der meint dass wir wieder in den Kreislauf eingehen werden, wie alle anderen biologischen Wesen. Manchmal denke ich wie er, aber ich hoffe doch dass ich mich irre.


Ich werde mir nun etwas zu essen machen und dann meine Stunden für morgen vorbereiten.
So sage ich dir guten Abend.. oder auch guten Morgen,
Mit einem lieben Gruss
Marlena




Montag, 20. November 2023

Brigue heute - und damals

 

heute

Liebe Marlena

(...)

 Aber das Bänklein auf dem Bahnhof in Brig habe ich gestern besucht. Ich habe mir wirklich einen Tag frei genommen und bin ins Wallis gefahren. Das war erfrischend und eine gute Abwechslung. Ich habe schon um 6h das Haus verlassen und bin um ca. 9h aus dem Bahnhof von Brig getreten und habe mit kritischem Blick den trüben und fürs Wallis untypisch regnerischen Himmel gemustert. Das Glishorn gegenüber lag bis zur Hälfte im Nebel.Vielleicht weißt Du das als Flachländerin nicht so genau. Berge sind wunderbar und fantasietreibend. Sie gestalten als Panoramas wunderbare Helle, aber auch blaudunkle Schatten. Doch bei Regen und Nebel verwandelt sich die Gebirgslandschaft in eine enge Kartonschachtel. Links eine Wand, rechts eine Wand, vorne eine Wand, hinten eine Wand und oben eben ein nebliger, tropfnasser Deckel über den Schädel. Dann ist es ein wenig wie Kaninchenhaltung im Wallis und die Leute kommen sich noch näher, als sie es bei himmelblauem Wetter schon sind.


Kurz und gut: es war ein trüber, durchschnittlicher Freitag und die Menschen eilten in ihren Angelegenheiten dahin, als ob nichts wäre. Ich hatte meine Kamera mitgenommen, aber bei trübem Wetter ist es wirklich nicht leicht, ansprechende Sujets zu finden. Ich bummelte die Bahnhofstrasse hinauf. Vor einigen Jahren gab es ja in Brig eine riesige Überschwemmung, so dass der halbe Fluss die Bahnhofstrasse heruntergewalzt ist. Nun haben sie viel neu gemacht, die Strasse gepflästert, vom Verkehr mehr oder weniger befreit, die Geschäfte erneuert. Die Katastrophewar ein einziges Wirtschaftsimpulsprogramm für die Oberwalliser Metropole. Und, ich muss sagen, es hat sich zu Brigs Vorteil gewandelt.
Ich kann Dir jetzt nicht erzählen, was alles ich vermisst habe, weil es in meiner Erinnerung immer noch vorhanden ist. Es würde kein Ende nehmen. Und es ist immer ein wenig schmerzhaft und auch verletzend festzustellen, dass sie soviel geändert und verändert haben, ohne mich, den Besitzer der Erinnerungen, vorher zu fragen. Sie setzen mich damit ins Unrecht. Das finde ich einfach rüchsichtslos.

... und damals

Ich bin den ganzen Weg hinaufgegangen bis zur Kirche. Die Bahnhofstrasse endet heute im Stadtplatz, was früher eine blosse Kreuzung war. Dort hat das Hotel Couronne heute eine grosse Gartenwirtschaft. Links ist das Café Ganter, dass damals neu eröffnet hatte. Auf der anderen Seite das Londres, mit der etwas düsteren Bar. Das kleine Gärtchen, wo früher im Sommer Tische standen, fehlt. Sogar den Brunnen vor der Sebastianskapelle zur Erinnerung an Chavez, den ersten Überflieger des Simplons, haben sie verschoben. Er steht heute vor dem neuen Geschäft "Zur Stadt Paris", was es damals noch nicht gegeben hatte.

Überigens ist mir dabei in den Sinn gekommen, wie Christoph, ein anderer Schulkollege, beinahe seine Schulmappe verloren und damit seine Schulkarriere riskiert hatte. Es war wohl einer der Abende, da wir kurzentschlossen ein Käsefondue essen wollten. Christoph dachte, er sei sehr erfinderisch, als er seine Mappe - deren physische Belastung er für ein paar Stunden abschütteln wollte - einfach in der Kapelle deponierte. Nun ja, man hätte doch davon ausgehen können, dass sich der heilige Sebastian ein Stündchen Zeit nimmt und ein Auge auf das Ding hält. Aber er tat es nicht. Am nächsten Morgen, als wir übrigen die Sache längst vergessen hatten, meldete Christoph uns den Verlust seiner Mappe. Wenn ich mich richtig erinnere, machte er sich während einiger Tage erhebliche Sorgen, bis das mittlerweile ausserordentlich wertvolle Ding wieder hervorkam. Wahrscheinlich gab ihm dieses glückliche Ereignis soviel Mut und Zuversicht, dass er später in kürzester Zeit Zahnmedizin studiert und abgeschlossen und geheiratet hat und in die Unsichtbarkeit seiner Praxis verschwunden ist. Und dann bin ich die steilere Burgschaft hinaufgestiegen, eine enge altmodisch gepflästerte Strasse, die einstmals die alte Simplonstrasse war. Der Wegenerplatz, der bei der Katastrophe nicht tangiert war, sieht heute immer noch ziemlich alt und da und dort etwas ungefplegt aus. Ich meine damit natürlich die Häuser rundum, etwa, das Restaurant, wo mein Kollege Werner das Mittagessen einzunehmen pflegte. Doch das Wegenerhaus selbst ist immer noch stattlich und opulent, wie eh und je. Und das Restaurant De la Place, in welches unser künstlerischer Zeichnungslehrer immer gleich auf dem Heimweg von der Schule einbog, um sich für den Rest des Tages eine gute Laune anzutrinken, ist noch immer geöffnet. Nach dem grossen und altehrwürdigen Wegenerplatz kommt ein kleines Plätzchen, fast ein Hof, wo man den Polizeiposten erreichen kann. Er ist noch haargenau wie vor 50 Jahren. Und auch die Vespasienne, das kleine Pissoir, das ich noch nie unter Benutzung gesehen hatte. Ich glaube nicht, dass irgend jemand im Ernst je angenommen hat, man könne dieses komische Ding überhaupt benutzen. Vielleicht von ein paar Trunkebolden mit Überdruck zu fortgeschrittener, nächtlicher Stunde mal abgesehen. Dann kommt rechts das Stockalperschloss, die grosse Sehenswürdigkeit der Stadt. Der Hof hat mich wieder beeindruckt. Er stellt sich dar wie jene Karawanserei in Persien, die heute ein Erstklasshotel beherbergt. Doch das Briger Schloss ist höher gebaut und etwas enger in seinen Ausmassen. Aber es ist ein wunderschöner und imposanter Bau aus der Barockzeit.

Und schliesslich ging ich die letzte Strecke hinauf, vorbei am Marienheim, welches heute restauriert dasteht, vorbei an der Antoniuskapelle, in deren Vorplatz früher eine stattliche Trauerweide gestanden hat. Und dann verzweigt sich der Weg. Geradeaus gingen damals die Mädchen des Pensionates, um in der Klosterkirche der Morgenmesse beizuwohnen. Wir Burschen stiegen links hinauf die letzten Meter zum Kollegium. Heute wird dort oben viel gebaut. Es sieht alles sehr provisorisch und unordentlich aus. Diese Situation habe ich mir nicht allzu genau angeschaut. Das war nichts besonders Schönes. Ich bin dann nach links zur Kirche gegangen, von wo man einen schönen Ausblick auf die Stadt hinunter hat. Man sieht von dort auf das Tal hinunter, zwischen den Türmen des Stockalperschlosses hindurch und direkt auf Visp und die Schlüsselacker, also jenes Rebgelände, welches auf dem Bild, das Du mir gezeigt hast, im Vordergrund liegt. Ach, es war wirklich ein ganz gewöhnlicher, trüber Wochentag und man sieht dabei, wieviel sich verändert, wenn man selbst nicht ständig zum Rechten sieht.
Ich war auch noch in Visp und in Sion. Aber das waren eher kurze Ausflüge. Vier gute Stunden verbrachte ich in Brig. Und es gab einige Personen, die ich gekannt habe, mindestens vom Sehen her.

In der langen Fahrt hin und zurück habe ich mit schönster Regelmässigkeit gewechselt zwischen einem angenehmen, leicht vibrierten Schlummer und der Biografie von Peter Ustinov (eigentlich Peter Alexander, wenn man es genau nimmt). Ich mag ihn sehr und ich finde ihn einen klugen, sehr generalistischen Mann mit vielen Begabungen und einer fantastischen humanistischen Substanz, ganz abgesehen, dass er auch noch in der Schweiz wohnt und unter seinen Ururgrossvätern auch ein Schweizer figurierte. Aber er war etwas pummelig in seiner Jugend - ach was, ist er heute noch - und war sehr unsportlich, was dann natürlich in einem englischen Internat gewissermassen zum Handicap ausartete. Man sieht es seinem Gesicht heute noch an, dass er irgendwie früher gelitten hatte. Aber er hat sich blendend entwickelt, und heute, mit 80 Jahren, ist er ein echter Lebenskünstler geworden. Er hat einen gewissen englischen Touch, obwohl er originally Russe war, allerdings mit einer wirklich weitverzweigten und quer über Europa zersprenkelten Familie. Wenn man seinen Angaben glauben will, hat er seine Substanz von Mutter, einer Enkelin eines russischen Offiziersaus St. Petersburg. Er hat sie sehr bewundert in ihrem Grossmut und ihrer Lebensübersicht. Der arme Kerl war - nota bene - Einzelkind. Ustinov also hat mich die ungefähren 6 Stunden beschäftigt, und ich bin ganz begeistert von seiner Lebensklugheit und seiner Schreibweise. Er macht manchmal etwas lange Sätze, was - wenn der Eisenbahnwagen über Weichen rollt - sehr hinderlich sein kann, weil man dann ständig aus den Buchstabengeleisen des Büchleins springt und drei- oder viermal dieselben Formulierungen liest.

Ich wünsche Dir und Euch allen einen schönen Sonntag.
Mit Liebe
...


Samstag, 18. November 2023

Kleiner Abendgruss!

 



Datum: den 12 november  19:36

Schau mal, Liebling, was ich gefunden habe. :-) Das Portrait von Dürrenmatt von dem du mir erzählt hast (gemalt von deinem Favoriten Varlin). Sehr gut finde ich auch. Ich habe mir auch die Seite von der Ausstellung in Aargau angesehen und darüber gelesen. So komme ich dir durchs Internet ein bisschen näher.


Ämne:  Re:  Jaaa ...  mein Varlin
Datum: den 13 november 17:48

Ja, Marlena, das ist genau von Varlin. Ich denke, er hat mehrere Porträts von Dürrenmatt gemacht. Und anschliessend sind sie in die berühmte Kronenhallte in Zürich essen gegangen. Das ist eine Nobelkantine am Paradeplatz. Ich habe eine lustige Erinnerung. Als Student ging ich mal knapp hinter einem Ehepaar. Sie waren drauf und dran, in den grünen Heinrich zu gehen um ein Kaffee oder so zu trinken. Da sagte die Frau zu ihrem Mann: ach lass uns in die Kronenhalle gehen, wo wir noch so schön braungebrannt sind. Ich habe mich köstlich amüsiert an diesem bürgerlichen Showdenken. Überigens bin ich fast am selben Ort einmal Max Frisch mit seiner jungen Freundin begegnet. Wahrscheinlich habe ich sie beide mit sehr grossen Augen angeglotzt. Und die junge Frau, die mir kaum viel älter schien als ich selber war, lächelte mir zustimmend zu, als ob sie nicht abgeneigt wäre. Aber vielleicht war sie einfach sehr extravertiert, was ja Frisch nicht sosehr war.

Es ist ja köstlich, Marlena, was Du alles im Internet findest. Du holst wirklich die ganze Welt ran. Alles kannst Du irgendwie ausfindig machen. Sogar die Ansicht Visps von den Schlüsseläckern. Diese Ansicht finde ich überigens ziemlich schön. Im Vordergrund liegt noch ein Rebberg im Schnee. Unten sieht man das Schulhaus und die Kirche. Und im Hintergrund das Tal Richtung Brig. In Wirklichkeit ist Visp viel eingeengter in den Bergen. Und im Winter kommt die Sonne erst um 10 Uhr und verschwindet wieder um 15Uhr. Während dieser kurzen Zeit ist halb Visp auf den Beinen, um sich ein paar Strahlen zu schnappen. Wie geht es dem Visper in Südamerika. Ab und zu denke ich an ihn und überlege, ob ich ihn kennen könnte. Ist er älter als ich?
*
Ach, ich habe Dein Mail sosehr genossen und Du warst drauf und dran, es zu löschen und nicht zu schicken. Wie kommt denn sowas. Ich glaube, das war nicht das erste mal. Du schätzt Dich falsch ein, meine Liebe. Ich fand das Mail wirklich grossartig. Wenn ich sowas von Dir lese, dann spüre ich meine Liebe zu Dir wirklich sehr intensiv. Das bewundere ich einfach.
Wenn Du also in Zukunft überlegst, ob Du etwas löschen willst. Ueberlege zweimal. Oder überlege nicht und tue es einfach nicht. Es macht auch nichts, wenn mal ein mail langweilig ist oder merkwürdig. Ich kann alles nehmen von Dir, meine Liebe. Das weißt Du doch. Wir brauchen uns doch gegenseitig nicht zu genieren. Nicht wahr?
*
Im Moment ärgere ich mich, weil ich mit dem dummen PC nicht zuerecht komme. Oft ist er blockiert. Oft funktioniert der Drucker nicht. Und ich weiss nie, liegt es an meiner Bedienung oder am System. Es ist wirklich so ärgerlich, dass ich das Ding hinunter auf den Wasserturmplatz werfen könne. Dem Meistbietenden würde ich ihn zuschmeissen.
*
Hoffentlich ist morgen besser. Ich wünsche Dir einen feinen Abend. Und eine süsse Nacht.
Mit einem lieben Kuss

...