Lieber ...!
Ein bisschen Literatur für den Abend. Es ist ein Text den ich manchmal in der Schule verwende. Vielleicht gefällt er dir auch.
Marlena
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Das schweigsame Fräulein
Sie
war sehr jung, sehr unerfahren und sehr wissbegierig. Er war genau so
wissbegierig, nicht eben unerfahren und fast zwanzig Jahre älter.
Trotzdem hätte er von ihr manches lernen können; denn sie war, wenn auch
ein Mädchen, eine Frau, und er, wenn auch ein Mann, ein Kind. Aber sie
kamen nicht auf diesen naheliegenden Gedanken. Oder scheuten sie sich
darauf zu kommen?
In den Tagen, da sie ihn heimlich besuchte,
damit er ihr schönes Gesicht wieder und wieder zeichne, um den Zauber
ihrer Züge aufzuspüren, sagte er gelegentlich: "Sie dürfen getrost
sprechen, während ich arbeite. Ich will sie ja nicht photographieren.
Reden Sie getrost, mein Kind."
"Ich bin kein Kind", antwortete
sie dann ruhig. Und so redete er statt ihrer, indes sein Blick gespannt
zwischen dem Gesicht und dem Block hin- und herwanderte. Sie schwieg,
schaute ihn unverwandt an und sagte nur manchmal: "Aha." Oder: "Ja, ja."
Oder: "So, so."
*
"Lesen Sie zuweilen Liebesromane?"
fragte er eines Tages. Und als sie, wie gewöhnlich, schwieg, fuhr er
fort: "Lassen Sie's sein. Man kann nichts daraus lernen, mein Kind."
"Ich bin kein Kind", sagte sie ruhig.
"Nirgendwo",
sagte er, "wird so viel niederträchtig geheuchelt, nirgends werden
Wirklichkeit und Wahrheit so kaltblütig unterschlagen wie in den
Liebesromanen. Wenn ein Schriftsteller beschreiben will, wie jemand
jemanden umbringt, oder in kleine Stücke schneidet, oder sich selbst
aufhängt, oder eine Stadt anzündet, oder ein Tier quält, sind seiner
Genauigkeit keine Grenzen gesteckt. Niemand käme auf die Idee, ihm seine
Gründlichkeit zu verübeln. Keine Behörde würde versuchen, sie ihm zu
verbieten. Manche Romane sind wahre Handbücher für angehende Räuber und
Mörder. Unterfängt sich aber ein Dichter, Dinge der Liebe zu schildern,
die ja doch das grösste, wenn nicht das einzige Glück für uns Menschen
bedeutet, ist er so gut wie verloren. Er täte besser, sich umzubringen,
bevor es die anderen tun. Das Scheusslichste darf er entschleiern. Das
Schönste mit Worten auch nur anzudeuten, ist ihm verwehrt. Es dennoch zu
versuchen, wäre Todsünde. Die Grundlagen des Staates, der Kirche und
der Gesellschaft würden sonst wanken. Und die Gebäude, die darauf
errichtet worden sind, müssten einstürzen wie Kartenhäuser. Die Hüter
der Konventionen zittern Tag und Nacht vor der elementaren Gewalt des
Glücks und der Liebe."
Sie sah ihn unverwandt an und murmelte: "Aha."
*
"Im
Grunde", sagte er ein andermal, "ist es zwei Menschen, die sich lieben
oder sich doch zu lieben glauben, völlig unmöglich, einander wahrhaft
nahezukommen. Vermutlich werden Sie diese Behauptung bezweifeln, mein
Kind."
"Ich bin kein Kind", erwiderte sie sanft.
"Ein
französischer Dichter unserer Tage", fuhr er fort, "hat die
Unmöglichkeit, einander vollkommen zu begegnen, in einer recht düsteren
Allegorie zu anschaulichen versucht. Jeder der beiden Liebenden, meint
er, sei wie in einem groben Leinensack eingenäht, so dass er nichts
sehen und sich kaum bewegen könne. In dieser betrüblichen Verfassung
stünden sie sich nun gegenüber, spürten die beglückende Nähe des
anderen, fühlten die Welle der ans schmerzliche grenzenden Zuneigung,
sähen Dunkelheit, Leinwand rühre täppisch an Leinwand, unbeholfen und
unzulänglich, und keiner der beiden wisse eigentlich, wer denn nun und
wie in Wahrheit der andere sei.
- Der Vergleich klingt nicht sehr
poetisch und nicht gerade tröstlich, aber ich befürchte, dass er
zutrifft. Es heisst in der Bibel, dass schon Adam und Eva den Apfel vom
Baume gepflückt und verzehrt hätten. Ich halte das für eine
Falschmeldung. Man hat nur vergessen, sie zu dementieren. Er hängt noch
immer hoch oben im Baum, der geheimnisvolle Apfel, und ist den Menschen
ewig unerreichbar."
Sie schaute ihn unverwandt an und sagte leise: "So, so."
*
"Man
verfällt nur allzu leicht - was man doch längst weiss, vergessend - der
Meinung", sagte er eines schönen Nachmittags, "die hierzulande
offizielle Ächtung der Liebe sei alt wie die Welt. Wie aber verhält es
sich denn wirklich? Wurde die Liebe immer und wird sie etwa überall
versteckt, als sei sie eine Sünde und Schande? Als gehöre sie ins
Gefängnis, und man täte recht, von ihr zu schweigen wie von einer
Verwandten, die silberne Löffel zu stehlen pflegt? Es war nicht immer
so, das weiss jedes Kind."
"Ich bin kein Kind", antwortete sie ruhig.
"Es
war nicht immer so", wiederholte er. "Denken Sie nur an die alten
Griechen, die der leiblichen Schönheit in den Tempeln anbetend
huldigten. Es war und ist nicht überall so. Denken Sie nur an die
indischen Lehrbücher der Liebe. Und vergessen Sie nicht die natürliche,
offenherzige Auffassung des Japaners, die er von Dingen und Vorgängen
hat, die man im heutigen Abendlande in geradezu kindischer Manier
totschweigt oder unappetitlich bekichert. Wie aber, frage ich, kann man
denn aufrichtig vom seelischen, vom himmlischen Anteil der Liebe
sprechen, wenn man die irdische Liebe verachtet, ächtet, und sich ihrer
schämt? So wird nicht nur ein Teil, so wird das ganze zur Lüge."
Sie blickte ihn unverwandt an und sagte: "Ja, ja."
*
So
und ähnlich redete er, während er sie immer und immer wieder zeichnete.
Und so und ähnlich schwieg sie dazu. Bis dann jener Nachmittag nahte,
da er, den Kopf schief haltend, die letzte Zeichnung prüfte, dem Blatt
ein wenig zunickte und sagte:
"Besser kann ich's nicht, mein Kind.
Sie schwieg.
"Es
wäre leichtfertig", fuhr er fort, "Sie weiterhin um Ihre Besuche zu
bitten. Die Zeichnung ist, an meinem Talent gemessen, nicht übel. Wollen
Sie sich das Blatt ansehen, mein Kind?"
Sie stand schweigend auf und trat hinter ihn.
Er räusperte sich. Dann fragte er: "Darf ich's Ihnen schenken - mein Kind?"
"Nein", sagte sie. "Wir hängen es dort drüben übers Sofa."
Er
drehte sich erstaunt zu ihr um. Sie lächelte ein wenig, blickte sinnend
von einem Fenster zum andern und meinte: "Neue Vorhänge sollten wir
besorgen.
Wenn es - dir recht ist."
Er sah sie unverwandt an und murmelte, nach ihrer Hand greifend:
"Oh, ich Kind."