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Sie hat sie alle überlebt, ihre Dichter und Musiker, auch die meisten
ihrer Liebhaber. Heute feirt Juliette Gréco als lebende Legende des
französischen Chansons ihren 80. Geburtstag (7. Februar 07)
Nein, Juliette Gréco bereut nichts, "rien de rien, non je ne regrette
rien", wie Edith Piaf, ihre "Rivalin" in den Konzertsälen 1960 sang.
Doch im Unterschied zum "Spatz von Paris" war die Gréco nie der
Schwarm der kleinen Leute. Sie war die Muse der verrufenen Poeten und
der Intellektuellen der Pariser "Rive gauche": wobei dieses linke Ufer
nicht nur die Seine meinte, sondern auch das politische Engagement.
Niemand verköprerpte wie sie das Paris dieser nachkriegszeit und vor
allem das Quartier latin von Saint-Germain-des-Prés, in dem sich die
Dichter, Philosophen, Weltverbesserer und verkrachten Existenzen in
Jazz-Kellern und verrauchten Lokalen wie dem Tabou-Club an der Rue
Dauphine trafen.
Dieses Quartier war nach dem krieg ihre Heimat und ihre Familie
geworden. Ihren Vater, ein aus Korsika stammender Polizist an der Côte
d'Azur, hatte sie nach ihrer geburt am 7. bruar 1927 in Montpellier
kaum je gesehen. Ihre Mutter engagierte sich während des Kriegs und
der Besatzung Frankreichs in der Widerstandsbewegung und wurde mit
Juliettes grösserer Schwester Charlotte von der Gestapo deportiert.
Auch Juliette, die damals noch nicht einmal 16 war, wurde
vorübergehend wegen Aktivitäten für die Résistance im berüchtigten
Gefängnis von Fresnes eingesperrt.
Noch bevor sie selber wirklich zu einem internationalen Star des
Chansons und des Films wurde, inspirierte sie berühmte Leute wie Boris
Vian, Simone de Beauvoir, François Mauriac, oder sie entdeckte Talente
wie Jacques Brel, Léo Ferré und Serge Gainsbourg. Auch Jean-Paul
Sartre schwärmte von ihr und ihrer unverwechselbaren Stimme: "Sie hat
Millionen in der Kehle, Millionen von ungeschriebenen Gedichten, von
denen ich einige schreiben werde. (...) Ihr zuliebe, und damit aus
meinen Worten Edelsteine werden, habe ich Chansons geschrieben." Auch
der andere grosse Existenzialist, Albert Camus, schrieb für sie Texte.
Und jean Cocteau gab ihr eine Rolle in seinem Film "Orphée". Später
reiste sie in die USA und machte in Hollywood in Filmen von John
Houston, Hentry King und Richard Fleischer sowie als Filmpartnerin von
Orson Wells Karriere. Der amerikanische Jazz-Trompeter Miles Davis
erlag auf einer Reise nach Paris ihrem Charme und wurde ihr Liebhaber.
Der damals noch fast unbekannte Komponist und Sänger Serge Gainsbourg
kam mit einer Rose und grossem Respekt zu ihr zu Besuch. Der Chanson
"La Javanaise", das er ihr mitgebracht hatte, wurde für beide ein
Riesenerfolg.
Grécos Foto zierte damals die Titelseiten von Magazinen. Zwei immens
grosse Augen unter frechen nachtdunkeln Fransen und ein sinnlicher
Mund in einem Gesicht, das durch die ewig schwarzen Kleider noch
bleicher und theatralischer wirkte. Sie prägte damit einen "Look", wie
man heute sagen würde. Und sie wurde mit ihrer Art, sich Freiheiten zu
nehmen, noch vor der "sexuellen Revolution" nach dem Mai 68 zum
Vorbild einer Generation junger Frauen. "Ich war immer skandalös",
sagte sie im letzten jahr am Radio, als sie eine CD mit Neuaufnahmen
ihrer Interpretationen bekannter Chansons herausbrachte. "Ich habe nie
das Leben einer wohlerzogenen Dame geführt. . Ich bin Immer höflich,
aber ich habe immer mit meinem Körper gemacht, was ich wollte." Nun
ist sie 80 und kein bisschen braver und konformistischer. Obwohl sie
vor sechs Jahren während eines Rezitals in Montpellier wegen einer
Herzschwäche zusammengebrochen ist, lässt sie ihr Publikum nicht im
Stich. Nächste Woche steht sie, ganz in schwarz, vor ihren
unersättlichen Fans wieder in Paris auf der Bühne, denn niemand
versteht es wie sie, auf tausend Arten zu sagen und zu singen "Je
t'aime". Wer von Paris als der Stadt der Liebe spricht, muss bestimmt
an Juliette Gréco denken.
Liebe Malou, ich werde heute abend die CD spielen, die du mir geschickt hast.
Gruss