Januar
Februar
... und in Gedanken schon ...
Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es
ist ja fast ein bisschen zuviel, einen solch schönen Brief und dazu noch
dieses Bild. Dieses Bild, das ist wirklich meine Jugend. Ich hatte im
Haus meiner Eltern unter den 3 Dachzimmern das schönste und das grösste.
Und aus dem Fenster hatte ich genau diese Sicht in die Berge, die du
mir hier zeigst. Das berührt mich sehr, dass eine Mausfreundin aus
Schweden, 3000km entfernt, mir meine eigene Landschaft zeigt.
Diese
Berge habe ich angeschaut, wenn ich morgens erwacht bin. Manchmal im
Winter war es sehr kalt, weil ich immer bei offenem Fenster geschlafen
habe. Einmal war der Ofen eingefroren und damit gesprengt. Oder die
Fenster waren voller Eisblumen, wenn sie tagsüber geschlossen waren. Im
Sommer konnte man morgens früh schon die goldnen Gipfel mit dem ewigen
Schnee sehen, die ich immer als eine Art Luxus angesehen habe. Oder
aber, ich erinnere mich auch, wie ich an Samstag Abenden, bei Vollmond,
in diese markanten Berge hinausgeschaut habe, in diese Landschaft im
bleichen Mondlicht, und wie ich von der weiten Welt geträumt habe. Ich
wusste damals noch nicht, was aus mir werden würde. Ich hatte noch keine
Ahnung von meiner Studien- oder Berufswahl. Ich wusste nicht, ob ich
einmal eine Familie, dh. eine Frau haben würde. Alles war noch offen,
noch solcherart voller Möglichkeiten, die junge Menschen auch etwas
unsicher machen.
Es ist wirklich MEIN Panorama, was du mir hier
geschickt hast. Das frühere Foto, mit dem stumpfen Berg am Ende des
Tales, das ist auch sehr schön. Aber dieses hier ist das Bild in meinem
Fenster, das war sozusagen das Gemälde an meiner Wand. Der Blick geht in
Richtung Zermatt, wo das berühmte Matterhorn steht, und dahinter ist
dann bald einmal Italien. Ich danke dir, meine Marlena, du hast mich auf
meinem sentimentalen Bein erwischt. Ich hatte hier wirklich ein schönes
Zimmer mit Blick auf die Hauptstrasse (das war in jenem Alter auch
nicht unwichtig, zu sehen, wer gerade vorbeiging). Ich hatte einen
grossen Tisch (jener mit Druckknopf unter der Tischplatte, der früher
einmal in Florenz gestanden hatte), einen Kleiderschrank, ein kleines
Büchergestell und das Bett, das für den Tag von der Putzfrau wie ein
Coach arrangiert wurde. Meine Schulhefte und -bücher hatte ich in einem
Wandschrank liegen, der unter der Dachschräge eingerichtet war. Das war
eine riesige Abstellfläche (remember?) und sehr bequem, ich konnte für
jedes Fach eine eigene Beige errichten. Und dazu - nicht unwichtig -
hatte ich einen Transistorradio, den ich mir in jenen jungen Jahren
selbst verdient hatte. Er kostete etwa 220.- ( ich erinnere mich
ziemlich genau, obwohl es über 30 Jahre her sein muss), was heute ein
ungeheurer Preis wäre. Der Händler in Visp hatte noch Mitgefühl und
gewährte mir eine kleine Ermässigung. Meistens hörte ich damals den
Sender France Intère (oder wie schreibt man das eigentlich?), also
französische und nicht englische Sender, wie unsere Jungen dies heute
tun. Am schönsten war jeweils der Samstag Nachmittag. Wir hatten
anfangs am Gymnasium samstags noch Schule bis etwa 1630h. Stell dir das
vor, wenn man den heutigen Schülern den freien Samstag wegnehmen würde!!
Diese lange Arbeitswoche war offenbar unentbehrlich für das Internat,
denn die Schule und ihre Verantwortlichen (in Sutanen) hätten Probleme
gehabt, ihre internen Schüler über zwei volle Tage zu beschäftigen und
vom Unsinn abzuhalten. Deshalb hatten wir nur Mittwoch nachmittags frei,
sonst gar nie. Später wurde noch der Samstag Nachmittag frei. Das war
schon ein riesiger Luxus. Da bereitete unsere Mutter jeweils nach dem
Mittagessen einen Dessert mit einem schwarzen Kaffee, und es gab
Diskussionen in der Familienrunde. Fand ich sehr schön. Mein Vater
verschwand dann irgendwann, denn er hatte noch eine Kaffeerunde mit
seinen Rotary-Kollegen. Und anschliessend pflegte ich am Kiosk beim
Bahnhof die Zeitung zu kaufen, und in meinem Zimmer die Weltwoche zu
lesen und dazu Radio zu hören. Manchmal kamen wohl noch etwas
Hausaufgaben für die Schule dazu. Wenn ich aber auf dem Weg zum Bahnhof
einen Kollegen angetroffen hatte, dann wurde wohl aus der
Zeitungslektüre nichts. Wir diskutierten dann auf der Strasse,
schlenderten herum, schauten den Mädchen nach und tranken vielleicht
irgendwo ein Bier und waren die Faulenzer im Dienst. Wir lebten damals
sehr bescheiden und ohne grosse Ansprüche. Das war einerseits die
damalige Zeit, andererseits lag es auch an diesem eher armen Bergkanton
Wallis, wo alle Leute noch heute ziemlich bescheiden sind. Und wir
vertrödelten als Jugendliche unendlich viel Zeit, das muss ich auch
sagen, wenn ich es mit meinen beiden Töchtern vergleiche.
(---)
Ach,
es tut gut, von der Jugend zu erzählen! Erzählen an sich ist gut, und
mit der Jugend kommt auch die jugendliche Energie und Kraft zurück. Das
ist wie eine Therapie, das ist reculer pour mieux sauter!
Ich danke dir und umarme dich
...
Lieber ...!
Ich habe dich heute im Swisstalk
verpasst - vielleicht nur mit Sekunden. Aber es macht nichts denn
eigentlich hätte ich nur eine ganz kleine Weile mit dir chatten können.
Ich liege auch mit meiner Arbeit nach... aber das ist eher
normal. In diesem Beruf kann man immer noch etwas tun und es kommt
vielleicht ein bisschen auf das Ambitionsniveau an. Die sehr heterogenen
Klassen machen dass man immerzu selbst extra Material herstellen muss
um die Studien zu erleichtern. Natürlich könnte ich nur 80 % arbeiten,
aber wahrscheinlich würde ich genauso viel Zeit darauf legen aber mit
nur 80 % Lohn. Deswegen zögere ich.
Aber genug davon jetzt.
Ich
war eigentlich etwas erstaunt als ich sah dass Erich Kästner die
Geschichte von dem schweigsamen Fräulein geschrieben hatte. (Sie steht
in einer kleinen schon veralterten Anthologie, zusammengestellt für das
Gymnasium). Eine andere kleine Geschichte aus demselben Buch ist "Ein
alter Mann stirbt" von Luise Rinser. Sie ist traurig und schön und zeigt
wie kompliziert das Verhältnis zwischen Eheleuten sein kann. Sie endet
mit den Worten:
"Altersschwäche", schrieb der Arzt auf den
Totenschein. Ich aber begriff, woran sie gestorben war, und mich
schauderte davor, zu sehen, was für unheimliche Formen die Liebe
annehmen kann."
Damit wäre ich wieder ganz unwillkürlich bei meinem Lieblingsthema gelandet ;-)
Heute
werde ich einen stillen Abend im Kreis der Familie verbringen. Das wäre
fast unmöglich gewesen bei meinen Eltern... Immer war etwas los und das
Haus voller Gäste wenn wir nicht selbst wo eingeladen waren. Mein Onkel
liebte es Menschen um sich zu haben, je origineller desto besser.
Schauspieler, Sänger, Künstler und Weltenbummler ohne eigentlichen Beruf
mengten sich zu unseren nahen Freunden. Es wurde gelacht, getanzt und
gesungen bis in die späte Nacht. Ich hatte an solchen Abenden oft eine
Kusine in meinem alter zu Besuch und wir schlichen leise die Treppe
hinunter um einen flüchtigen Blick (?) von diesem heimlichen Leben der
Erwachsenen zu bekommen.
Es ist komisch wie du mich wieder an Sachen
denken lässt die ich glaubte längst vergessen zu habe. Manchmal kommt es
mir vor als hättest du die Schleusen zu meiner Vergangenheit geöffnet
und nun quellen die Erinnerungen nur so hervor.
Ich glaube nicht du sondern ich liege auf der Couch und ich erkenne die Gefahren dabei. :-)
Du meinst 2000 Km schützen uns gegen unerwünschte (?) Gefahren... Wir werden sehen..
Es
ist inzwischen Sonntag geworden. Ich höre mein Lieblingsprogramm im
Radio. Redakteure einiger der grössten Zeitungen unterhalten sich in
amüsanter Form über die grossen Ereignisse der Woche. Man hat Leichen in
der politischen Garderobe gefunden. Die U-bootkränkungen sind auf dem
Weg ihre natürliche Erklärung zu erhalten. Das schwedische Militär hat
nämlich heimlich (ohne das Wissen der Regierung?) mit der Nato
zusammengearbeitet und die vermuteten russischen U-boote waren
wahrscheinlich meistens amerikanische die also die geheime Erlaubnis
hatten dort zu operieren. Welch ein Doppelspiel des Militärs! Man musste
ja sogar tun als ob man sie suchte und bekämpfte.
Norwegen hat
eine neue Regierung gebildet, mit dem jüngsten und schönsten
Staatminister je. Er ist erst 41 Jahre alt und nach einer Rundfrage hat
es sich gezeigt dass fast alle Frauen ihn sehr gern als den Vater ihrer
Kinder oder als ihren heimlichen Liebhaber sehen würden.
Man
spricht auch viel von unserer Alkoholpolitik. Die EU will dass sich
Schweden dabei dem übrigen Europa anpassen soll. Wir haben sehr hohe
Steuern und der Staat würde viel Geld verlieren wenn wir die Möglichkeit
hätten diese Getränke im Ausland zu kaufen.
Thema "unheimliche
Geliebte".. Diese Woche haben wir die Erlaubnis erhalten unsere
Schokolade als Schokolade bezeichnen zu dürfen (obwohl sie nicht den
Qualitäts-forderungen der EU entspricht). Freue dich also dass du bei
dir das beste geniessen kannst.
Und schliesslich diskutiert man
die Arbeitszeit. Während andere Länder diese reduzieren, ist sie bei uns
in den letzten Jahren gestiegen. Auch in meinem Beruf merkt man davon.
Früher hatte man 6-7 Klassen, heute 9 - 11.
Zu Goethes Faust
möchte ich dir sagen dass ich die Gründgens-Inszenierung des
Düsseldorfer Schauspielhauses ( Deutsche Grammophongesellschaft,
Literarisches Archiv) besitze. Wenn du das einmal gehört hättest würde
dir der Faust auch gefallen. Es ist mit Schauspielern wie Paul Hartman,
Gustaf Gründgens und schliesslich Käthe Gold als Gretchen. Es ist ganz
einfach einmalig. Ich habe übrigens die Universität mit dieser Vertönung
bereichert (sicher zu grosser Freude aller Deutschstudierenden). Denn
es nur zu lesen kann nie dasselbe sein.
Was könnte ich dir sonst
noch erzählen? Mein Leben ist zeitweise ziemlich uninteressant und
manchmal träume ich davon es radikal zu ändern. Möchte eine Zeit in die
Welt hinaus, neue Milieus erleben... aber ich habe einen "husband"
(dieses komische Wort :-), der mich ans Haus bindet und so werde ich
wohl alle diese Träume weiterhin nur in meiner Fantasie ausleben können.
Manchmal stelle ich mir einen Tag mit dir in Paris vor und was wir
alles tun würden. Natürlich gehen wir auf derselben Strassenseite. Du
legst sogar dabei deinen Arm um meine Schulter (vielleicht nur weil du
von dem vielen Wandern müde geworden bist und mich als Stütze benutzen
willst ;-) Aber es ist trotzdem schön und du erzählst mir so viel von
dem ich noch nichts gewusst habe. Ich werde fast krank vor Sehnsucht
wenn ich daran denke....
Ich liebe Paris. Es ist mit meiner Jugend verbunden genau wie das Wallis mit deiner.
Du
sprichst von Musik. Ich glaube Musik spielt in meinem Leben dieselbe
Rolle wie die Malerei in deinem. Sie tröstet mich, begeistert mich und
ich hole Kraft daraus. Ob ich selbst ein Instrument spiele? So möchte
ich es nicht nennen :-) Aber Klavier und Gitarre habe ich gelernt. Mein
Onkel, der Geige spielte, wollte dass ich auch dieses Instrument lernen
sollte, aber es gibt Grenzen ;-) Gitarre habe ich gelernt um mich selbst
beim Singen zu begleiten. Sicher sind einige der Chansons von denen du
sprichst auch auf meinem Repertoire gewesen. In meiner Jugend bin ich
manchmal aufgetreten und in der Schule musste ich immer solo singen bei
verschiedenen Anlässen. Leider auch zu Hause in der Familie. Dabei
fühlte ich mich meistens wie ein dressierter Affe ;-) und zum Schluss
weigerte ich mich es zu tun.
Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle, ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag
.....
Das werde ich nun auch tun.
Lass es dir gut geh'n
Love
Marlena