Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es
ist ja fast ein bisschen zuviel, einen solch schönen Brief und dazu noch
dieses Bild. Dieses Bild, das ist wirklich meine Jugend. Ich hatte im
Haus meiner Eltern unter den 3 Dachzimmern das schönste und das grösste.
Und aus dem Fenster hatte ich genau diese Sicht in die Berge, die du
mir hier zeigst. Das berührt mich sehr, dass eine Mausfreundin aus
Schweden, 3000km entfernt, mir meine eigene Landschaft zeigt.
Diese
Berge habe ich angeschaut, wenn ich morgens erwacht bin. Manchmal im
Winter war es sehr kalt, weil ich immer bei offenem Fenster geschlafen
habe. Einmal war der Ofen eingefroren und damit gesprengt. Oder die
Fenster waren voller Eisblumen, wenn sie tagsüber geschlossen waren. Im
Sommer konnte man morgens früh schon die goldnen Gipfel mit dem ewigen
Schnee sehen, die ich immer als eine Art Luxus angesehen habe. Oder
aber, ich erinnere mich auch, wie ich an Samstag Abenden, bei Vollmond,
in diese markanten Berge hinausgeschaut habe, in diese Landschaft im
bleichen Mondlicht, und wie ich von der weiten Welt geträumt habe. Ich
wusste damals noch nicht, was aus mir werden würde. Ich hatte noch keine
Ahnung von meiner Studien- oder Berufswahl. Ich wusste nicht, ob ich
einmal eine Familie, dh. eine Frau haben würde. Alles war noch offen,
noch solcherart voller Möglichkeiten, die junge Menschen auch etwas
unsicher machen.
Es ist wirklich MEIN Panorama, was du mir hier
geschickt hast. Das frühere Foto, mit dem stumpfen Berg am Ende des
Tales, das ist auch sehr schön. Aber dieses hier ist das Bild in meinem
Fenster, das war sozusagen das Gemälde an meiner Wand. Der Blick geht in
Richtung Zermatt, wo das berühmte Matterhorn steht, und dahinter ist
dann bald einmal Italien. Ich danke dir, meine Marlena, du hast mich auf
meinem sentimentalen Bein erwischt. Ich hatte hier wirklich ein schönes
Zimmer mit Blick auf die Hauptstrasse (das war in jenem Alter auch
nicht unwichtig, zu sehen, wer gerade vorbeiging). Ich hatte einen
grossen Tisch (jener mit Druckknopf unter der Tischplatte, der früher
einmal in Florenz gestanden hatte), einen Kleiderschrank, ein kleines
Büchergestell und das Bett, das für den Tag von der Putzfrau wie ein
Coach arrangiert wurde. Meine Schulhefte und -bücher hatte ich in einem
Wandschrank liegen, der unter der Dachschräge eingerichtet war. Das war
eine riesige Abstellfläche (remember?) und sehr bequem, ich konnte für
jedes Fach eine eigene Beige errichten. Und dazu - nicht unwichtig -
hatte ich einen Transistorradio, den ich mir in jenen jungen Jahren
selbst verdient hatte. Er kostete etwa 220.- ( ich erinnere mich
ziemlich genau, obwohl es über 30 Jahre her sein muss), was heute ein
ungeheurer Preis wäre. Der Händler in Visp hatte noch Mitgefühl und
gewährte mir eine kleine Ermässigung. Meistens hörte ich damals den
Sender France Intère (oder wie schreibt man das eigentlich?), also
französische und nicht englische Sender, wie unsere Jungen dies heute
tun. Am schönsten war jeweils der Samstag Nachmittag. Wir hatten
anfangs am Gymnasium samstags noch Schule bis etwa 1630h. Stell dir das
vor, wenn man den heutigen Schülern den freien Samstag wegnehmen würde!!
Diese lange Arbeitswoche war offenbar unentbehrlich für das Internat,
denn die Schule und ihre Verantwortlichen (in Sutanen) hätten Probleme
gehabt, ihre internen Schüler über zwei volle Tage zu beschäftigen und
vom Unsinn abzuhalten. Deshalb hatten wir nur Mittwoch nachmittags frei,
sonst gar nie. Später wurde noch der Samstag Nachmittag frei. Das war
schon ein riesiger Luxus. Da bereitete unsere Mutter jeweils nach dem
Mittagessen einen Dessert mit einem schwarzen Kaffee, und es gab
Diskussionen in der Familienrunde. Fand ich sehr schön. Mein Vater
verschwand dann irgendwann, denn er hatte noch eine Kaffeerunde mit
seinen Rotary-Kollegen. Und anschliessend pflegte ich am Kiosk beim
Bahnhof die Zeitung zu kaufen, und in meinem Zimmer die Weltwoche zu
lesen und dazu Radio zu hören. Manchmal kamen wohl noch etwas
Hausaufgaben für die Schule dazu. Wenn ich aber auf dem Weg zum Bahnhof
einen Kollegen angetroffen hatte, dann wurde wohl aus der
Zeitungslektüre nichts. Wir diskutierten dann auf der Strasse,
schlenderten herum, schauten den Mädchen nach und tranken vielleicht
irgendwo ein Bier und waren die Faulenzer im Dienst. Wir lebten damals
sehr bescheiden und ohne grosse Ansprüche. Das war einerseits die
damalige Zeit, andererseits lag es auch an diesem eher armen Bergkanton
Wallis, wo alle Leute noch heute ziemlich bescheiden sind. Und wir
vertrödelten als Jugendliche unendlich viel Zeit, das muss ich auch
sagen, wenn ich es mit meinen beiden Töchtern vergleiche.
(---)
Ach,
es tut gut, von der Jugend zu erzählen! Erzählen an sich ist gut, und
mit der Jugend kommt auch die jugendliche Energie und Kraft zurück. Das
ist wie eine Therapie, das ist reculer pour mieux sauter!
Ich danke dir und umarme dich
...

