Liebe Marlena
Lass mich dir noch eine kleine Geschichte zitieren. Sie hat mit dem
Vorhergehenden nichts zu tun. Sie stammt von einem Italiener. Ich gebe
dir hier die biographischen Daten: Giorgio Manganelli, der zu den
bedeutendsten zeitgenössischen Autoren der italienischen Literatur
zählt, wurde 1922 in Mailand geboren. Er studierte englische Litertur
und lebte in Rom, wo er 1990 starb. Die "Irrläufe" sind das heiterste
und charakteristischste Buch Manganellis. Hundert höchst unterhaltsame
Mini-Romane erzählen von Mord und Totschlag, Liebe und Eifersucht, Lug
und Trug - so wie es sich für Romane gehört.
In einer Art künstlerischem Zirkus wird mit hunderterlei
Darstellungsweisen jongliert, und selbstverständlich ist das auftretende
Personal recht unterschiedlich: Damen und Herren, Drachen und
Dinosaurier, Himmelskörper und Astrologen, schwarze Schwäne und
Architekten, Gespenster, Schatten und Schreie. Manganelli hat ein
unbegrenztes Reich möglicher Kombinationen geschaffen. Schon eine
"Pille" genügt, den Leser in den Rausch der fortspinnenden Phantasie zu
versetzen.
Geschichte 53: Es handelt sich nicht um einen eigentlich menschlichen Ort
- in dem Sinne, dass seine Bewohner keine menschlichen Wesen sind und
von Menschenwesen nur unbestimmte, durch alte Fabulisten überlieferte
oder von Kaufleuten, Geographen und Fotografienfälschern erfundene
Kenntnisse besitzen. Viele, die einen relativ hohen Bildungsgrad
erreicht haben, glauben nicht mehr an die Existenz menschlicher Wesen.
Sie sagen, dass es sich um einen alten und ziemlich törichten
Aberglauben handle und dass die Überzeugung, sie seien existent, in
Wirklichkeit hauptsächlich in den unteren Schichten verbreitet sei. Auch
die Kinder glauben an die Existenz menschlicher Wesen, was zu einer
reichen Märchendichtung geführt hat, deren Hauptfiguren die Menschen
sind. In diesen Märchen tun die Menschen lustige und doch auf ihre Weise
unheimliche Dinge; sie spinnen unsinnige und sinnvolle Ränke. Aber die
eigenartigste und regste Industrie, die sich rings um die Tradition der
Menschenwesen herum entfaltet hat, ist die der Masken und Marionetten.
Das sie wertvolle Objekte darstellen, werden sie nicht nur zum Vergnügen
der Kinder hersgestellt und verkauft, sondern gleichzeitig als
Schmuckgegenstände in Wohnungen und Häusern verwendet, auch von solchen,
die studiert haben, und deshalb nicht an die Existenz von Menschen
glauben.. Natürlich können diese Masken und Marionetten nicht die
Gesichtszüge menschlicher Wesen tragen, die ja niemand je gesehen hat
und die es womöglich gar nicht gibt. Man stützt sich deshalb auf die
Traditionen, auf alte und absurde illustrierte Bücher und schliesslich
auf die eigene Fantasie. So haben die Gesichter der menschlichen Wesen
stets Löcher zum Sehen, im allgemeinen zwei, aber an irgendeiner Stelle,
eins ganz oben und eins an den Füssen oder auch in der Mitte, sozusagen
im Bauch. Die Menschen haben ein rundes oder quadratisches Oberteil, an
dem bisweilen noch ein weiteres Teil hängt, und unten haben sie
Glieder, die zum Greifen und Gehen dienen. Von irgendeinem Teil her
stossen sie Laute aus - und hier lassen die Künstler ihrer Phantasie
meist freien lauf; so zeichnen sie etwa Trompeten, die ganz oben in
Büscheln emporwachsen, oder kleine Löcher wie bei Flöten und Okarinen.
Zum Hören haben sie eine Art von Knorpeltrichter, der irgendwo
eingesetzt wird. Besonders beliebt sind Marionetten, die "kranke"
Menschenwesen darstellen - obwohl es schwierig ist, sich eingebildete
Krankheiten auszudenken. Manche werden über und über mit Pusteln oder
Wunden versehen und sondern Lebenssäfte ab. Sie haben Öffnungen, aus
denen sie nicht sehen; Flöten, die abgebrochen sind und nicht klingen;
Glieder, die nicht tasten, nicht greifen und nicht gehen. Trotzdem
halten manche die Menschenwesen für unsterblich; sie bringen jenen
Masken Ehrerbietung entgegen; und jene, welche sie für unvollkommen und
unehrerbietig erachten, werden von ihnen barmherzig verbrannt.
Soweit Manganelli, er ist modern in seiner virtuellen Welt, noch fast virtueller als unsere Mails.