---
Ich erzähle dir auch eine kleine Geschichte, Marlena, die sich mir
selbst zugetragen hat. Hör mal zu meine kleine Patientin: Vor Jahren
hatten wir ein Auto, das nicht mehr das neueste Modell war. Es war schon
über 10 Jahre alt, hatte einen guten Motor und recht viel Platz.
Eigentlich waren wir damit zufrieden. Zudem war dieser Audi silbergrau,
was in jenen Tagen wirklich eine ziemlich aktuelle Farbe war. Dieser
unser Audi hatte nur ein kleines Handicap. Wenn man den Zündschlüssel
hineinsteckte und drehte, so gab es Zeiten, wo der Schlüssel klemmte.
Irgend etwas im Schloss ragte dann so gegen den Schlüsselbart, dass man
nicht drehen und den Motor starten konnte. Anfangs war das weiter nicht
schlimm. Man drehte ein zweites oder ein drittes Mal und dann sprang der
Motor an. Doch dieser Makel verschlimmerte immer mehr. Es konnte jetzt
schon 3 oder gar 5 Minuten dauern, bis es gelang, den Schlüssel zu
drehen. Schon wenn man in den Wagen stieg, spürte man einen leichten
Ärger hochkommen, besonders wenn man in Eile war. Später ging es soweit,
dass man vielleicht 10 Minuten mehr berechnete, weil jeder wusste, dass
der Motor nicht sofort starten würde. Kurz und gut, es wurde immer
schlimmer und ärgerlicher. Und ich ärgerte mich schon, wenn ich nur
daran dachte, das Auto zu nehmen. Ich ärgerte mich sosehr, dass ich
irgend einmal dachte, etwas dagegen unternehmen zu müssen. Den Schlüssel
ölen? Ein neues Zündschloss?
Ein neues Auto?
Irgend
einmal in der Not fing ich an, den Audi zu bitten, doch bitte so gut zu
sein und anzuspringen. Ich begann vorsichtig, seine bisherigen guten
Dienste und seine Zuverlässigkeit zu loben. Ich sprach mit ihm in
beruhigenden und zärtlichen Worten. Und siehe da: der Motor sprang an.
Irgendwie hatte ich die Seele meines Audis getroffen. Und fortan stellte
ich mich von Anbeginn darauf ein, die alte Karre mit Respekt, mit
Ehrfurcht und mit Liebe zu behandeln. Und jedesmal, wenn ich starten
wollte, redete ich ihm zuerst gut zu. Und siehe da, der Motor sprang
meist ziemlich rasch und zuverlässig an. Im Nu hatte dieser Audi seine
schlimmsten Spleens und schlechten Launen verloren. Sicherlich, manchmal
hatte er noch Mühe und zeigte einen Moment des Unwillens. Aber jeder
konnte sehen, dass das nur ein Anflug war, wie man es bei pubertierenden
Jugendlichen manchmal beobachtet, und dass sich dieser alte Audi
wirklich Mühe gab und anzuspringen bereit war, wann immer ich es wollte.
Es wurde eine ziemlich treue Kameradschaft, die wir zusammen hatten.
Plötzlich hatte ich mich mit der Seele dieses alten und teilweise schon
etwas rostigen Wagens verstanden. Und er fühlte sich – so muss ich
annehmen – schlussendlich respektiert.
So haben wir es beständig
mit den Seelen zu tun, mit den unseren und mit den anderen. Und manchmal
fliessen sie ineinander und vollführen einen wahren Seelentanz.
Ich wünsche Dir gute Besserung und viel heissen Tee, und deinem lieben kleinen Manual einen herzlichen Dank.
...