Samstag, 23. Mai 2020

"Ein Mausleben" - real life?




Mein lieber Mausfreund!

Vielleicht wartest du auf ein langes Mail von mir und weisst nicht dass ich mich schon seit Stunden mit dir unterhalte in meinen Gedanken. Ich spreche mit dir, erzähle dir alles Mögliche, stelle dir Fragen (die man nur einem Mausfreund stellen kann) und nun endlich sehe ich ein, dass du davon nichts wissen kannst wenn ich mich nicht wirklich an den PC setze. Diese kleine Geste aus dem realen Leben braucht es doch um ein Mausleben führen zu können
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Deine Mails sind so schön! Ich kann nicht genug kriegen davon. Immer wieder suche ich nach neuen, und manchmal komme ich mir vor wie eine Harroinsüchtige die fiebrig auf die nächste Droge wartet. Ich weiss, du hattest mich gewarnt..
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Es ist erstaunlich welche Macht Wörter haben. So bin ich dir z.B. dankbar dass du das Wort "Mausfreund/in" erfunden hast. Ein Mausleben kann doch nichts anderes als schön, leicht, unkompliziert und erlaubt sein.. Es ist wie ein Lieblingsbuch auf dem Nachttisch. Man kann hineinschlüpfen und den Alltag für eine Weile vergessen. Man kann ein Kapitel darin lesen und nachher gestärkt in das "real-life" zurückkehren. Ist es so auch für dich? 

Aber sag mir. Was ist mein wahres Leben? Wenn ich z.B. wäsche bügle und dabei in Gedanken mit dir die Champs-Elysées runtergehe, wer könnte dann behaupten mein Leben sei langweilig? Welche von den beiden Aktivitäten gilt?
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Liebe sonnige Grüsse
Marlena

     
     

Donnerstag, 21. Mai 2020

ABB - ein schwedisch-schweizerischer Tango


Liebe Marlena
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Na ja, vielleicht waren es nicht nur die Schweden, die unsere gute alte ABB zugrunde geritten haben. Aber gestern Abend habe ich doch bei Onkelchen eine ganze Zeitungsseite voller Infos über dieses Unternehmen gefunden. Du musst wissen, dass Lenzburg im gleichen Kanton liegt wie Baden, wo die ABB stationiert ist. Und natürlich nehmen die dortigen Regionalzeitungen regen Anteil am Schicksal dieses Unternehmens. Wenn man also die letzten Jahre überblückt, so waren es nur unaussprechlich schwedische Namen, die dieses Unternehmen geführt hatten und einige davon zum Schluss noch Millionen in 3-stelliger Höhe sozusagen als Pension mitgenommen haben. Ich kenne die Geschichte ja nicht so genau. Vielleicht haben sie die Schweizer bloss nicht genannt. In der Zeitung war nur einer genannt, nämlich Leutwiler, der offenbar damals die Fusion mit dem schwedischen Unternehmen initiiert hatte. Es war nun ja auch eine Regionalzeitung, und es ist sehr gut möglich, dass diese Perspektive nicht sehr objektiv, oder sagen wir gelassen war. Trotzdem musst Du mir erklären, was ein Kohlsäufer ist. Das scheint ja doch ein sehr hässliches Wort zu sein.

Aber ich hoffe, dass dieser schwedisch-schweizerische Tango in Zukunft etwas Musik und Rhythmus bekommen wird und aufwärts geht. Dass ich an meinem Geburtstag diese Aktien gekauft habe, berechtigt noch nicht, mich zu den Kapitalisten zu zählen, wo ich doch für die ABB eher einen äusserst barmherzigen Samariter darstelle. Ich bin im Grunde ein wohltätiger Idealist, was als soviel wie ein Antipode des Kapitalisten betrachtet werden sollte. Aber nun können wir ja gemeinsam auf die Himmelfahrt unserer Aktien warten. Ich habe dabei nicht so viel riskiert, während Du wohl schon einiges Geld verloren hast. Ich hoffe nicht, dass Du deswegen gleich Deine gesamten Pensionspläne in Südamerika aufgeben musst ;--)) Vielleicht kann ich Dir dann etwas aushelfen? Ich werde Dir jeden morgen um halb zehn einen kurzen Kaffee in der Dorfpinte am Rio Plata spendieren. Wenn man alt ist, geht nichts über einen regelmässigen Morgenkaffee mit viel warmer Milch, der zwar heiss, aber nicht zu früh in den Morgenstunden serviert werden sollte. Und wenn dazu noch etwas Tangomusik erklingt, umso besser.

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Ach ...





Ach, mein lieber lustiger Mausfreund!

Da finde ich wieder ein so humoristisches Mail, das mir den Tag verschönert. Na ja, nicht nur humoristisch sondern auch ein wenig lästerlich. Aber wie du ja weisst, vertrage ich ziemlich gut auch Spass über solche Dinge (schon von K daran gewöhnt ;-)

So so, du steckst sie wirklich ins Gefrierfach, deine heissen Briefe.. und nachher legst du sie wohl in die Microwelle? Ich schliesse meine ein, in ein kleines Schmuckkästchen, das ich in mir trage. Dort sind sie gut geschützt gegen alle Angriffe der Zeit. Der Inhalt bleibt intakt. Klingt das nicht schön? Eine Liebe die nie verdirbt?

Ja, wir haben schon wieder Feiertage. K kommt heute nach Hause. Wenn das Wetter etwas besser wird, werden wir uns im Garten zu tun machen. Sonst haben wir nichts Besonderes vor.
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Ich muss mich jetzt ein wenig hier beschäftigen. Wenn mir Zeit übrig bleibt, schicke ich dir noch ein paar Zeilen.

Bis dahin alles Liebe,
Malou









Mittwoch, 20. Mai 2020

Gespräch mit - einem Auto


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Ich erzähle dir auch eine kleine Geschichte, Marlena, die sich mir selbst zugetragen hat. Hör mal zu meine kleine Patientin: Vor Jahren hatten wir ein Auto, das nicht mehr das neueste Modell war. Es war schon über 10 Jahre alt, hatte einen guten Motor und recht viel Platz. Eigentlich waren wir damit zufrieden. Zudem war dieser Audi silbergrau, was in jenen Tagen wirklich eine ziemlich aktuelle Farbe war. Dieser unser Audi hatte nur ein kleines Handicap. Wenn man den Zündschlüssel hineinsteckte und drehte, so gab es Zeiten, wo der Schlüssel klemmte. Irgend etwas im Schloss ragte dann so gegen den Schlüsselbart, dass man nicht drehen und den Motor starten konnte. Anfangs war das weiter nicht schlimm. Man drehte ein zweites oder ein drittes Mal und dann sprang der Motor an. Doch dieser Makel verschlimmerte immer mehr. Es konnte jetzt schon 3 oder gar 5 Minuten dauern, bis es gelang, den Schlüssel zu drehen. Schon wenn man in den Wagen stieg, spürte man einen leichten Ärger hochkommen, besonders wenn man in Eile war. Später ging es soweit, dass man vielleicht 10 Minuten mehr berechnete, weil jeder wusste, dass der Motor nicht sofort starten würde. Kurz und gut, es wurde immer schlimmer und ärgerlicher. Und ich ärgerte mich schon, wenn ich nur daran dachte, das Auto zu nehmen. Ich ärgerte mich sosehr, dass ich irgend einmal dachte, etwas dagegen unternehmen zu müssen. Den Schlüssel ölen? Ein neues Zündschloss?
Ein neues Auto?

Irgend einmal in der Not fing ich an, den Audi zu bitten, doch bitte so gut zu sein und anzuspringen. Ich begann vorsichtig, seine bisherigen guten Dienste und seine Zuverlässigkeit zu loben. Ich sprach mit ihm in beruhigenden und zärtlichen Worten. Und siehe da: der Motor sprang an. Irgendwie hatte ich die Seele meines Audis getroffen. Und fortan stellte ich mich von Anbeginn darauf ein, die alte Karre mit Respekt, mit Ehrfurcht und mit Liebe zu behandeln. Und jedesmal, wenn ich starten wollte, redete ich ihm zuerst gut zu. Und siehe da, der Motor sprang meist ziemlich rasch und zuverlässig an. Im Nu hatte dieser Audi seine schlimmsten Spleens und schlechten Launen verloren. Sicherlich, manchmal hatte er noch Mühe und zeigte einen Moment des Unwillens. Aber jeder konnte sehen, dass das nur ein Anflug war, wie man es bei pubertierenden Jugendlichen manchmal beobachtet, und dass sich dieser alte Audi wirklich Mühe gab und anzuspringen bereit war, wann immer ich es wollte. Es wurde eine ziemlich treue Kameradschaft, die wir zusammen hatten. Plötzlich hatte ich mich mit der Seele dieses alten und teilweise schon etwas rostigen Wagens verstanden. Und er fühlte sich – so muss ich annehmen – schlussendlich respektiert.

So haben wir es beständig mit den Seelen zu tun, mit den unseren und mit den anderen. Und manchmal fliessen sie ineinander und vollführen einen wahren Seelentanz.

Ich wünsche Dir gute Besserung und viel heissen Tee, und deinem lieben kleinen Manual einen herzlichen Dank.


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Sonntag, 17. Mai 2020

Auf der Suche nach ...


Liebe Marlena,
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Ich bin wieder mal mit einem Buch beschäftigt. Es gibt eine Neuerscheinung des "Buches der Unruhe" von Fernando Pessoa. Du erinnerst Dich, ich habe den portugiesischen Autoren längst empfohlen. Das Buch stammt aus seinem Nachlass, aus einer riesigen Truhe voller Notizen. Man sagt, es wäre eine Biographie ohne Fakten und alles in allem in einer heiteren Melancholie geschrieben. Ich bin nahe dran, diesen dicken Schmöker zu kaufen, aber ich weiss, dass ich ein "Buch der Unruhe" in Taschenausgabe bereits habe. Es enthält eine Auswahl von denselben Notizen, vielleicht nicht so viele, aber immerhin. Ich wollte darin ein bisschen lesen. Aber ich finde das Büchlein zur Zeit nicht. Ich weiss einfach nicht, wo es zu suchen wäre. Ich habe schon Walter bedrängt, er solle mir das Ausgeleihte endlich wieder zurückgeben. Er schwört, er hätte es nicht. Ich knie Norma auf der Seele, weshalb sie mir das Buch nicht endlich zurückgibt. Sie wird hysterisch und weiss von keinem solchen Buch. Kurt lacht bloss und sagt, er lese seit zwei Jahren wieder in der Bibel. Corinne frage ich nicht, sie liest kaum. Aber Yasmin ist eine emsige Leserin. Aber ich könnte mich nicht erinnern, ihr mal ein Buch geliehen zu haben. Und wenn ich Maya eines gebe, dann schreibe ich es mir auf ein Kärtchen auf. Das habe ich mindestens bisher so gehalten. Natürlich mit Ausnahmen, Du weisst ja, wie inkonsequent ich sein kann. Auch Albert beteuert, von einem Pessoa nie etwas gehört zu haben. Kurz und gut, ich weiss nicht, wo ich mein Buch der Unruhe finden kann, und das macht mich unruhig. Es ist nämlich wirklich wundervoll geschrieben und voller Lebensphilosophie. Und dazu muss man sich immer dieses warme Lissabon vorstellen, diese Perle am Atlantik, wo die kühlen Bisen herblasen. Deshalb habe ich das Büchlein von Tabucchi sosehr genossen. Es hat mich an Pessoa erinnert. Man könnte Pessoa mit Kafka vergleichen. Es sind ähnlich kryptische, vielleicht ein bisschen lebensuntüchtige Persönlichkeiten, und sie schreiben mit ähnlichem Tiefsinn. Das Buch ist ein Fundamentstein im Ursumpf, das etwas Halt geben kann. Lies es, Marlena, wenn Du kannst.
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Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
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Donnerstag, 14. Mai 2020

Freitag, 8. Mai 2020

Du - mein Uneigentum


Liebster Mausfreund,
Schau was ich gefunden (und für dich ausgewählt) habe.
Mit einem lieben Wochenendgruss,
Malou


Zueignung

O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.

[...]
Um jeden Gegenstand
nach dem ich griff, war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.

 
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.



Aus: Weihnachten 1914 (ein Fragment)
(1914)