Montag, 24. Februar 2020

Vom Flüstern der Tauben ...



... zum Liebesschrei der Primaten. So könnte man
vielleicht die gigantische Veränderung in deinem
Leben bezeichnen.

Ja, ich vermisse sie, die harmonischen stillen Tage,
die wir einst miteinenader verbracht haben. Aber ich
glaube nicht, dass du dein Schreibtalent jetzt verloren
hast, wie ich schon befürchtet hatte. Deine letzten,
zwar kurzen aber doch spirituellen mails trösten mich,
dass es nicht so ist.
So warte ich geduldig auf deinen Bericht von den
Ereignissen, die du angedeutet hast.

Ich wünsche dir ein ganz wunderbares Wochenende.
Mit lieben Gs und Ks und Qs
Marlena









Zügelei und Wetter


25 January  20:55
subject: Das Liebesgeschrei der Primaten !


Liebe Malou

Ich weiss, ich bin sehr absorbiert. Und das ist nicht nur
wegen des Schnees, der gestern gefallen ist. Ich bin schwer
beschäftigt. Als du mich letzthin gescholten hast, dass ich
meine Zügelei so in die Länge ziehe, habe ich heute eine
Firma angerufen, um die Sache an die hand zu nehmen.
Ich kann das schon rascher machen, es bleibt dann einfach
ziemlich viel Unordnung hinter mir zurück. Und das wollte
ich irgendwie vermeiden. Aber einen gewissen Zeitdruck
durch einen Termin kann ich  - so glaube ich - gut gebrau-
chen. Kürzlich hat mich eine Bekannte angerufen, die ich
in R getroffen hatte. Als sie hörte, dass ich noch zuhause
sei, hat sie gelacht und gedacht, ich würde das nie schaffen.
Ich wäre noch zu sehr verknüpft mit S. Aber das glaube ich
nicht. Mein Problem ist wirklich die Zügelei. Ich wünschte
mir alles wäre hinter mir und ich würde dort in der Nähe
Affenhaus leben und nachts das Liebesgeschrei der
Primaten hören.
So wird es Ende dieses oder anfangs nächsten Monats sein.
Ab Mitte Februar kannst du mich besuchen Malou. Dann
ist alles bereit. ...
Und wenn du hier alles gesehen hast, wirst du ganz froh
und zufrieden zurück in dein schönes Einfamilienhaus
kehren. Und wirst vielleicht bloss mehr das Affengeschrei
vermissen.

Ja, du glaubst es kaum. Hier hat es ca. 10 bis 15cm
geschneit. Es sieht alles aus wie ein Weltwunder. Und man
fragt sich, wie sich der Himmel selbst überlistet hat, um uns
eine solche Pracht zu bescheren. Es ist wirklich lange her,
seit er das zum letzten Mal gemacht hat. Nur euch dort oben
berücksichtigt er bevorzugt. Aber hier lässt er bald Wüsten
entstehen.  Ich hoffe doch sehr, dass sich das ändern
wird..

Am Wochenende bin ich sehr beschäftigt. Ich erzähle dir
später davon.

Ich wünsche dir einen feinen Abend.
Mit lieben Grüssen und Küssen in Qs

...



Wann ist später?

Lieber ...,

Immer wieder deutest du Dinge an, die du vor dir hast und
beendest das ganze mit den Worten:
"Ich erzähle dir später davon".

Ich schreibe dir auch bald wieder ein anständiges Mail.

Bis dahin sei herzlich gegrüsst
nicht ohne Ks und Qs   

Marlena



"Tassen im Schrank"



Liebe Malou

Gestern habe ich schon mal ein bisschen Geschirr gezügelt.
Ich habe mir gedacht, dass ich mir dabei viel Packerei
erspare, wenn ich die Tassen und Gläser wie Pralinen ins
Köfferchen beige und so hintrage. Na ja, es ist ja nicht zu
Fuss zu machen, ca. 20 Minuten mit der S-Bahn. Aber jetzt
habe ich dort doch einige "Tassen im Schrank"..
Kennst du den Ausdruck Malou? Ich könnte dir jetzt ohne
weiteres einen Kaffee servieren. Es ist alles da: Tasse,
Untertasse, Löffelchen .... na ja, die Kaffeebohnen fehlen
noch. Eine Kleinigkeit! Und dazu serviere ich 2 Cantuccini.
Kennst du diese Mandelgebäcke. Passt gut zum Kaffee.

Und zuhause verlese ich immer noch Bücher. Ach, ich
weiss wirklich nicht genau, wohin damit. Es sind zuviele.
Und diejenigen, die ich zurücklasse, die liegen dann einfach
so herum. Und wenn ich eins suche, dann weiss ich niemals,
wo ich suchen sollte, in Basel oder hier.
Das Leben ist echt anspruchsvoll Malou, meinst du nicht?

---

Samstag, 22. Februar 2020

Meine neue Strasse


Liebe Malou
Du bist süss, mein Beichtmütterchen. Aber es ist wahr, ich habe wohl in den letzten Jahren mit dir das meiste aus meinem Leben besprochen, was hier sonst niemand weiss.

(---)

Vielleicht denkst du Malou, dass ich bereits gezügelt sei. Das trifft nicht zu. Ich bin erst daran, in der neuen Wohnung die Küche zu putzen und das Büchergestell anzuschrauben. Und natürlich schiebe ich in Gedanken Möbel hin und her, versuche mir den Gesamteffekt vorzustellen etc. Das ist ein gutes Gefühl.  Ich werde - als Anti-Alkoholiker - auch eine kleine Bar einrichten. Von unseren Tessiner Freunden haben wir ein altes Zahnarztmöbel. Es hat viele Schubladen, reicht in der Höhe etwa bis zu den Ellenbogen und ist wasserdicht. Und darüber hinaus steht es auch noch auf Rädern. Man kann es also bei Nichtgebrauch zur Seite schieben. Einzig für einen Fall kann man sich Nachteile ausdenken. Wenn einer der Trinker, vielleicht nach dem 7. Glas Fendant, sich leutselig an den Tresen lehnt, dann wird ihm dieser sanft davonfahren und der arme Beschwipste wird am Boden landen. Ich freue mich schon und erwäge Wetten, wer denn dieser erste sein könnte.

Habe ich dir geschrieben, dass es in meiner neuen Strasse einige ganz nette Geschäfte gibt. Da ist einmal der Italiener. Dort werde ich mir meine Cantalucci besorgen, diese Mandelsüssig- keiten, die zum Kaffee so gut schmecken. Aber er hat auch Gemüse und wunderschönen Salami. Ich glaube, es ist eine echte Italienerfamilie, die das Geschäft führt. Dann gibt es gleich daneben einen Bäcker mit frischem Brot und Croissants. Vielleicht am Wochenende werde ich mir sowas leisten. Sonst schlägt es allzu leicht auf die Linie. Und ein paar Schritte weiter ist diese Buchandlung, die durch die Frau Jennis geführt wird. Jenni hat die Basler Buchmesse aufgebaut. Seine Tochter ist eine international bekannte, noch junge Schriftstellerin. Und diese Buchandlung hat ein sehr schönes Sortiment, wie ich mich schon vor einiger Zeit versichern konnte. Dann gibt es in Reichweite eines Katzensprungs zwei Couffeure, ein Reisebüro, eine chemische Reinigung, ein Fitnes-Center, ein Thai-Restaurant, ein mediteranes Restaurant namens Oliv, zwei Cafés (eines davon ziemlich trendy namens Templum).
Du siehst Malou, ich bin dort in bester Gesellschaft. Aber natürlich werde ich auch etwas auf die Kosten achten und nicht ständig auswärts essen und beim Italiener die exklusivsten Südfrüchte posten. ;--)

Das ganze ist ziemlich abenteuerlich. Und ich glaube, das wird mir für die nächsten 3 jahre twas Energie geben. Und dann sehen wir weiter.
Ich werde dir meine Texte zum Korrekturlesen schicken Malou, und dann können wir uns die Tantiemen teilen! Das sind doch gute Aussichten. Und wenn du nach Basel kommst und  die alten Rheinhäfen anschauen willst, dann überlasse ich dir die Wohnung und ziehe mich bei Walo zurück. Klingt das nicht alles sehr vielversprechend? Ach ja, und dann kaufe ich noch so einen Milchschäumer, damit ich einen anständigen Latte macchiato servieren kann.
Liebe Gs und Ks



Mittwoch, 19. Februar 2020

aufs Geratewohl



Lieber ..,

Neben dem PC liegt das Rilkebuch. Und ich denke ich
schlage aufs Geratewohl irgendeine Seite auf und schicke
dir was ich da finde.

Und schau hier:


*
Gerüchte gehn, die dich vermuten,
und Zweifel gehn, die dich verwischen
Die Trägen und die Träumerischen
misstrauen ihren eignen Gluten
und wollen, dass die Berge Bluten,
denn eher glauben sie dich nicht.


*
Nichts geht über Rilke..

Mit einem lieben Abendgruss
Marlena

Dienstag, 18. Februar 2020

Kästner und Rilke




das junge Paar


Liebe Marlena
Ach, das war eine Geschichte von Erich Kästner! An ihn hätte ich jetzt wirklich nicht gedacht. Kästner war nun ja in der Tat einer, der viele heimliche und unheimliche Geliebten hatte. Zu Kästner, respektive zu seinem Sohn, kann ich dir eine kleine Anekdote erzählen.
Wir waren vor etlichen Jahren zur Hochzeit von Stefan Kästner eingeladen. Seine Braut war die Tochter einer Freundin meiner Frau, und weil die Hochzeitsfeier in der Nähe von Zürich stattfand, luden sie uns dazu ein. Kästner selbst war ja nun schon lange tot. Aber seine Frau, respektive Freundin, also die Mutter des Bräutigams war natürlich zugegen. Wir haben dem jungen Paar damals ein Bild geschenkt, das ich selbst gemalt hatte. Ich glaube zwar nicht, dass sie dieses Bild heute noch in ihrer Wohnung hängen haben. Aber immerhin haben sie damals gute Miene zu diesem etwas subjektiven Geschenk gemacht. Nun hat S's Freundin, also die Brautmutter uns erzählt, wie die ganze Familie vor dem Hochzeitstag auf Nägeln gesessen ist und in Angst und Spannung der Dinge harrten, die da kommen sollten. Denn alle fürchteten, dass Stefan Kästner im letzten Moment einen Rückzug machen würde, weil er sich vor einer wirklichen Bindung fürchtete. Er hat es dann offensichtlich nicht getan und das Paar bezog dann eine gemeinsame Wohnung in München. Der junge Käster arbeitete dort damals als Pianist. Seine Frau war eine hübsche Jüdin mit schwarzen Haaren, dunkeln Augen und einem Teint. Der Bräutigam glich überigens seinem Vater ziemlich stark. Vor allem die starken Augenbrauen, wie ich fand, waren wie die seines berühmten Vaters. Und er war scheu und war auch etwas klein, wohl wie es sein Vater gewesen sein musste.
Erich Kästner, den ich im Übrigen sehr schätze, hatte nun bestimmt seine Probleme mit den Frauen. Es ist bekannt - und sicherlich weißt du das auch Marlena - dass er einen echten Mutterkomplex hatte. Man kann das ja in seinen Kinderbüchern nachlesen, wie der Mustersohn sich um seine tüchtige und sich aufopfernde Mutter bemüht. Kästners Mutter, das muss seine unheimliche Geliebte gewesen sein. Noch in fortgeschrittenem Alter hat er ihr täglich geschrieben, täglich, meine Liebe, und hat ihr seine schmutzige Wäsche geschickt und über all seine Liebschaften offenherzig erzählt. Er konnte wunderhübsche, charmante Briefe schreiben, unser Erich Kästner. Und so hat er sein Leben lang nicht geheiratet. Ich habe mal ein Büchlein rezensiert, in welchem seine Freundin Kästners Briefe an sie und ihren Sohn aus dem Tessin veröffentlicht hat. Kästner hatte Alkoholprobleme und war im Tessin zur Kur. Allerdings hat er sich dort regelmässig den Whisky im Teeglas servieren lassen.
Diese Briefe, so kann ich mich erinnern, waren sympathisch und lebendig, wie man sich Kästner nun mal vorstellt. Aber eines hat mich gestört. Er hat seiner Freundin und Mutter seines Sohnes immer wieder Geld geschickt in kleinsten Portionen und hat immer wieder von diesem Geld gesprochen. Das fand ich echt kleinbürgerlich und irgendwie knauserig. Er war doch damals kein armer Mann mehr! Aber sonst ist er schon ok, unser Kästner, ein grosser Humanist und ein guter Pädagoge.
Es gibt eine eindrückliche Stelle in seinem biographischen Buch "Als ich ein kleiner Junge war", wo er beschreibt, wie für ihn das Weihnachtsfest stets eine Marter war. Die Mutter hatte Geschenke für ihn und der Vater hatte Geschenke für ihn. Und er als sensibles Kind hatte den Hochseilakt zu bestehen, seine Dankbarkeit und seine Aufmerksamkeit auf beide Elternteile gleichmässig zu verteile, um nicht den einen vor dem anderen zu vernachlässigen. Er muss das gewesen sein, was wir in der Familientherapie ein drianguliertes Kind nennen, also ein Kind im Dreieck mit seinen Eltern, parentifiziert und schwer mit Erwachsenenproblemen belastet. Es gibt ja heute noch die Hypothese, dass er vielleicht ein unehelicher Sohn, das Kind mit dem Hausarzt der Familie, gewesen sein könnte, dass also sein Vater, ein einfacher Handwerker, nicht wirklich sein Vater gewesen wäre. Aber, das wollen wir diesem guten Erich Kästner lassen, er hat das beste daraus gemacht. Seine Jugendbücher sind heute noch wundervoll zu lesen. Kürzlich gab es eine Fernsehsendung, in der einige ehemalige Geliebte Kästners zu Wort kamen. Sie sind heute alle Damen in hohem Alter und sehen nicht mehr allzu blühend aus. Aber alle haben über ihn mit viel Respekt und Begeisterung gesprochen, keine schien mir irgendwie enttäuscht oder beleidigt gewesen zu sein. Er muss sie wirklich verwöhnt haben und muss ein charmanter Liebhaber gewesen sein. Er wäre darin wirklich ein gutes Vorbild für mich.
Dass sich also Kästner in seiner Geschichte als Künstler mit einer deutlich jüngeren Frau beschäftigt, ist durch sein Leben gut motiviert. Ich denke, die Frauen waren ihm insgesamt etwas unheimlich und überwältigend. Und so ein junges hübsches Fräulein war leichter zu "apprivoiser", zu einem Teil seiner selbst zu machen. Er gibt seinem schweigsamen Fräulein zum Schluss der Geschichte unendlich viel Macht. Je weniger sie sagt, desto mehr ist er ihr ausgeliefert und mit ihr verstrickt.
Was sagen denn deine Schüler zu dieser Geschichte? Was sagen die emanzipierten jungen Schwedinnen und jungen Schweden zu einer solch ungleichen Paarung? Man kann die "Szenen einer Ehe"(das ist der deutsche Titel von Bergmans Film) schon im voraus riechen, die aus dieser Paarung entstehen werden, nicht wahr?
Und die Moral der Geschichte? Soll ich mich hüten, mich in Zukunft zu sehr in Texten, Gedanken und Erzählungen zu verausgaben? Vielleicht muss ich mich mehr zurückhalten, mich mehr auf die Zeichnung konzentrieren, und die grossen Worte beiseite lassen. Doch irgend einmal wird die Zeichnung zu Ende sein. Und dann werden wir sie über dem Sofa aufhängen. Über welchem Sofa, das wird dann die grosse Frage sein!
Weißt du, warum ich Zeichnen und Malen sosehr mag? Weil man dabei einen sogenannten "Flow" erleben kann. Ich vergesse die Zeit, ich kann so vertieft sein in das, was ich tue, dass ich in einen paradiesischen Zustand gerate. Es ist wie eine Ekstase, ein Art von Somnambulismus, oder wie kann man das nennen? Das gelingt nachtürlich nicht jedesmal. Manchmal bin ich auch sehr unzufrieden und verärgert, wenn mir das Werk nicht gelingen will. Das geschieht vielleicht noch häufiger als dieser Flow. Doch letzeres ist eine Art Jungbrunnen. Du fühlst dich nachher so, wie du dich nach der Sauna fühlst, oder nach einem Autogenen Training oder einer Akupunktursitzung. Du fühlst die ganze Leichtigkeit des Seins.
*
Rilkes Liebesgedicht aus Capri kenne ich, wenn vielleicht auch nicht so eingehend. Weißt du, was mir bei Rilke schon in meinen jungen Jahren stets gefallen hat, das ist dieses Ajambement. Ich glaube so nennt man das, diese poetische Gewohnheit Rilkes, den Hiatus in die Mitte der Zeile zu setzen, so dass dann die Sprache über den Reim hinwegfliesst. Das war Rilkes Spezialität. Für mein Gefühl erreicht er damit diese geschmeidige Kombination von Reim und Sprachfluss. Wenn der Reim und der Hiatus (nennt man das so, dieser kleine Unterbruch in der Zeile, dieses kurze Innehalten um Luft zu holen oder so??) zusammenfallen, dann gibt es so einen mechanischen und monotonen Rhythmus, wie bei Liliencron. Ich vermute, die so schwebende Sprachmelodie bei Rilke kommt daher. Lass mich dir auch ein Rilkegedicht zitieren, das mir sehr gefällt, weil ich dabei immer an meine beiden Töchter denken muss. Es geht so:

Die Schwestern
Sieh, wie sie dieselben Möglichkeiten
Anders an sich tragen und verstehen,
so als sähe man verschiedne Zeiten
durch zwei gleiche Zimmer geh n.

Jede meint, die andere zu stützen,
während sie doch müde an ihr ruht;
und sie können nicht einander nützen,
denn sie legen Blut auf Blut,
wenn sie sich wie früher sanft berühren
und versuchen, die Allee entlang
sich geführt zu fühlen und zu führen:
Ach, sie haben nicht denselben Gang.

Dazu muss ich sagen: Das letzte Wort des ersten Abschnitts schreibe ich geh n, weil mein Schreibprogramm das Wort stets korrigiert und "gehen" daraus machen will. Diese Computerprogramme sind echt stur und naiv, muss ich schon sagen! Offensichtlich haben sie nie was von Poesie gehört!!!
"die Allee entlang sich geführt zu fühlen und zu führen", dieses feminine üüüüü finde ich so zart schwebend und fein, dass es mich rührt, zusammen mit diesem bei Rilke häufigen Bild der Allee, des Weges an sich. Und dann diesen Schlusssatz, der alles wieder öffnet. Wenn man schon meint, man hätte die Wahrnehmung der Geschwisterlichkeit erfasst, so ist doch plötzlich alles wieder offen und überraschend und das Leben bricht herein.
Auch schön und festgefügt die Symmetrie der ersten und der letzten Zeile: Sieh, wie sie, .........Ach, sie haben .... Ich bin ja nun kein Literat und kann nicht erklären, was denn daran so genial ist. Es berührt mich einfach, und manchmal werde ich wirklich neidisch, wenn ich höre, wie er das sagen kann. Obwohl ich bei Rilke nicht wirklich höchst neidisch werde. Er ist dann doch etwas feminin. Aber beispielsweise bei John Updike (er muss Holland stämmig sein, wie ich annehme, und litt früher sehr an Neurodermitis, wie ich in einem Interview gelesen habe) oder in jüngeren Jahren gelegentlich bei Günter Grass (unser neuer deutscher Nobelpreisträger) konnte mich der blanke Neid überfallen, weil ich einen Gedanken, eine Beobachtung mitsamt ihrer Formulierung einfach genial und einmalig und unwiederholbar fand. Updike ist ja nun wirklich ein begnadeter Erzähler mit einem Charme und einer Eloquenz, die man nur beneiden kann. Grass ist dagegen etwas gröber und eckiger, wie die Deutschen nun eben mal sind.
Damit muss ich nun unser literarisches Kolloquium definitiv beenden. Es ist schon spät, aber nicht abends, wie bei dir meist, sondern morgens, und die Arbeit wartet ungeduldig auf mich.
Ich wünsche Dir alles Schöne, meine liebe Marlena
Gruss
...

PS Du hast es auch mitbekommen, dass wir eine wahre Marlene-Renaissance haben, mit der Verfilmung der Dietrich. Ist ein schöner Name "Marlena" (obwohl ich hier auf dem Laptop im Tempo und auf Anhieb immer Malrena schreibe), bei uns in der Schweiz praktisch nicht zu finden. In Deutschland wohl eher?

Sonntag, 16. Februar 2020

Fachgespräch? ;-)


Subject: Mein Vollmondblues
Date: Wed, 17 May  14:54

Liebste Marlena

Du bist eine echte Lehrerin. Du bist kommunikativ sehr bewusst und kontrolliert. Du weißt, worüber du sprechen sollst und worüber sich besser schweigen lässt. Dessen muss man sich im Unterricht wohl immer ziemlich genau bewusst sein. Man kann nicht halbwegs über etwas sprechen und dann die Diskussion wieder abbrechen. Ich glaube, du hast darin die weit klarere Linie als ich sie habe. Ich bin gewohnt, private Gespräche zu machen. Da gibt es viele Zwischentöne und angefangene Sätze und Versprecher und Fragezeichen. Da macht man Kurven und Schlingen und Stops. Zwei oder drei Personen sind leicht zu steuern. Aber eine ganze Klasse, das ist wie ein Hochseedampfer; der hat einen sehr langen Bremsweg. Man muss weit in die Ferne sehen und wie ein Kapitän vorausdenken und mit feiner Hand steuern.

Und du bist Oberstudienrätin, das habe ich indirekt von dir vernommen! Das hast du mir anfangs nicht gesagt, du hast bloss Studienrätin gesagt. Ist das vor allem eine Frage der Erfahrung, wann man von der Studienrätin zur Oberstudienrätin avanciert? Oder muss man dazu vom Vorgesetzten vorgeschlagen werden? Meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind lohnmässig gleich gestellt wie Studienräte, dh. wie Gymnasiallehrkräfte. Ich selbst und meine zwei Leiter sind ein bisschen höher angesetzt, so dass sich unsere grossen Sorgen auch ein bisschen auszahlen.

Und noch etwas würde mich aus deiner Schule sehr interessieren. (ich muss ja wohl ein paar Fragen zur Schule stellen, wenn ich später behaupten werde, ich hätte in der Arbeitszeit mit einer schwedischen Schule Fachgespräche geführt). Ich behaupte immer wieder, wir hätten in der Schweiz die besten Schulen der Welt! Ich behaupte das einfach in die blaue Luft hinaus, weil hier in der Schweiz die Schule von allen Seiten kritisiert wird. Jeder meint, er könnte es besser machen. Ich bin auch der Meinung, dass man vieles besser oder anders machen könnte. Aber man muss sich immer bewusst sein, in welcher sportlichen Liga man diskutiert. Und wir sind in der Liga der Weltspitze. Und Schweden ist es sicherlich auch. A. war in Spanien - Andalusien, in Ungarn und in Südamerika zur Schule gegangen. Und wenn ich mir das anhöre, wie Schule dort funktioniert, dann muss ich sagen, wir sind meilenweit davon entfernt. Ungarische Schüler sind zwar sehr fleissig. Sie lernen aber auch noch viel auswendig, wie sie erzählt hat. Und die spanischsprechenden Schulen sind mit den unseren kaum zu vergleichen.

Seid ihr im Schulsystem ähnlich wie Deutschland, oder England, oder Amerika? Wie läuft es bei euch in Schweden, Marlena? Habt ihr einen grossen Prozentsatz pro Jahrgang, der ins Gymnasium übertritt? In der Schweiz sind es wenige, ich glaube bei 15 -20%, bin aber nicht sicher. Und es gibt Stimmen, die laut behaupten, dass die zukünftige Dienstleistungsgesellschaft mehr AkademikerInnen brauchen wird.

Was ist die Stärke des Schwedischen Bildungssystems? Habt ihr auch das duale System der Lehre, der praktischen Berufsbildung, dh. Schule einerseits, praktische Arbeit andererseits?

Du hast mir gesagt, dass euer König ein schwerer Legastheniker sei. Habt ihr spezielle Therapien in der Schule für Kinder mit legasthenischen Problemen? Gibt es am Gymnasium auch Legastheniker, so dass ihr zum Beispiel dann die Noten in der Rechtschreibung weniger gewichten würdet?

Es sind viele Fragen, Marlena. Ich habe sie gestellt, damit ich behaupten kann, ich hätte sie gestellt. Wenn du keine Lust hast, sie zu beantworten, dann sag mir was Liebes. Das höre ich noch viel lieber von dir als irgend etwas anderes!

Und hast du mir nicht vor 400 Jahren versprochen, du würdest mir von deinem Studium in Uppsala erzählen, hast du das nicht?

*

Zur Tatsache, dass man ...