Montag, 16. Dezember 2019
Re: Amerika gibt es doch
Ämne: Re: Amerika gibt es doch
Datum: den 26 augusti 16:22
Lieber ...,
Ich bin soeben nach Hause gekommen. Es ist ein wenig anstrengend so am Anfang. Und die neuen Klassen sind gross. So habe ich sie mit der Digitalkamera fotografiert und werde zu Hause versuchen die Namen der Schüler zu memorieren. Es ist besser, wenn man sie persönlich ansprechen kann.
*
Dein Frühstückstip ist gut. Ich mache wohl ungefähr dasselbe. Lege das hartgekochte Ei in einen kleinen Apparat, der es in schöne Scheiben verteilt. Lege diese auf das Knäckebrot und etwas Kaviar obendrauf. Schmeckt sehr gut. Aber aufgeweichtes Knäckebrot ist ein Greuel..
Muscheln habe ich jede Menge hier zu Hause. Als Anna klein war spielte sie oft damit und ich kaufte immer neue dazu entweder auf dem Jahrmarkt, wo man einen ganzen Korb voll bekam, oder in A auf dem Muschelboot, das dort im Hafen verankert liegt. Dort wählt man sich die schönsten und ungewöhnlichen aus. Ja, du hast recht. Das Leben ist voll von Madeleines. Ich habe einen so grossen Vorrat davon, dass ich mir eigentlich nichts neues besorgen muss. Es reicht, dass ich etwas, an sich ziemlich alltägliches, betrachte und eine ganze Welt aus der Vergangenheit öffnet sich. Manchmal vergisst man, dass es für andere keine Madeleines sind. Nur grauer Alltag, ein Geschehen ohne besonderen Glanz. Ich denke manchmal daran, wenn ich sehe dass Anna nicht so begeistert ist von einigen Dingen wie ich. Ich stelle mir vor, wie es aussieht ohne all die schönen Erinnerungen, die ich damit verknüpfe. So verstehe ich sie besser.
Wie lustig deine Antwort auf die Frage was dich nach Amerika bringt. Sehen ob etwas wirklich existiert oder nur eine Vorstellung ist. Manchmal frage ich mich sogar ob du wirklich bist, oder nur ein Produkt meiner Fantasie. Oder besser gesagt, wie viel an dir nur in meiner Vorstellung existiert.
Dein Kurs scheint gemütlich zu sein und ihr scheint alle davon zu profitieren. Ich glaube sowas würde mir auch gut tun. Wenn ich hier ein bisschen zur Ruhe gekommen bin werde ich mich umsehen.
Am Himmel hängen graue Wolken. Ich muss schnell den Rasen mähen auf der Vorderseite des Hauses, bevor es nass wird.
So lasse ich dich mit einem lieben Gruss,
Marlena
Amerika gibt es doch
Ämne: Amerika gibt es doch
Datum: den 26 augusti
Liebe Marlena
Es ist gleich 8 und meine Gastgeber schlafen noch. So kann ich nicht zuviel Laerm mit der Tastatur machen. Normalerweise schreibe ich sehr schnell. Heute langsam, wie auf einer mittelalterlichen Schreibmaschine. Ich habe Dir ein wunderbares Rezept. Ich druecke die zwei Eier mit einer Gabel klein, gebe etwas Maionnaise dazu und habe so eine Paste, die ich auf das Knaeckebrot streichen kann. Natuerlich noch etwas Salz. Gut waere ein Bisschen Tomate beigeben, aber die habe ich hier nicht. Das macht ein exzellentes und sehr handliches Sandwich. Allerdings wird das Knaeckobrot bis Mittag etwas weich und ist nicht mehr knackig. Trockdem, ich habe meine Erfindung gut genossen. Und ich habe mich an jenen Englandaufenthaltim Gymnasium erinnert. Damals gab es in der Schule in Bournemouth eine kleine Kantine, wo man Sandwich und kleine Dinge kaufen konnte. Der Nachmittag war schulfrei, und so holten wir dort etwas, um an die Beach mitzunehmen. Ich liebte diese Eiersandwiches mit ein bisschen Salat drin. Ich weiss nicht wesshalb, alles war ja ziemlich trocken und staubig, aber ich liebte sie. Une petite madeleine ....
Ein Ei ist aufgequollen, und das Weiss kommt ein bisschen heraus wie aus einer Muschel. Ich liebe Muscheln. Ich habe immer noch eine ganze Schachtel vom Sueden Spaniens. Sie sehen so huebsch aus. Ihre Farbe geht von schneeweiss bis braungebacken. Sie erinnern mich an den Camino. Und eine Muschel ist sogar komplett gebliebn, dh. die beiden Haelften kleben noch zusammen. Das war eine Gluecksmuschel. Ich war immer fruemorgens an den Strand gegangen, zur Kneippkur, wie ich zu sagen pflegte, weil ich barfuss durch das seichte Wasser schlenderte und nach diesen Dingen suchte, die wahrend der Nacht angeschwemmt worden waren. Ich hatte immer irgendwo ein Gefuehl, ich sollte aufhoeren, es sei genug mit Muscheln. Aber jede neue fand ich irgendwie schoen und konnte nicht wiederstehen, sie auch noch in meiner Muetze zu sammeln. Und jetzt habe ich sie immer noch in meiner Bibliothek. Einige habe ich im Buero auf dem Buerchergestell. Sie sind ein Symbol der Pilgerschaft.
Nein, Marlena, diese Art von Trance, die wir hier machen, ist therapeutisch. Die Kunst des Tranceurs (falls es ein Wort wie dieses gibt) ist es, dem Patienten oder Subject (wie sie hier in den Texten schreiben) folgen. Und wenn du in Trance bist, realisiert du das alles. Und du weisst, du koenntest dich weigern, etwas mitzumachen. Aber es ist leichter, es zu tun als sich zu wehren. Es geht alles so entspannt und leicht, dass es ein Vergnuegen ist. Die Taenzerin hat beschrieben, dass si die Trance braucht wahrend sie tanzt. Sie ist dann sehr wach und ihres Koerpers bewusst. Aber viele schauen in Trance etwas daemmerig aus. Das Gesicht ist enspannt. Die Reaktionen sind verlangsamt. Aber man sieht, sie geniessen es. Die leute wollen gar nicht mehr ins normale Wachbewusstsein zurueckkommen, so angenehm ist dieser Zustand.
Es hat also wenig zu tun mit jenen Hypnose Demonstrationen, die man manchmal im Fernsehen sieht. Sie sind autoritaer durchgefuehrt und nutzen das Phaenomen fuer eine Show. Das mag lustig oder gar interessant sein, aber es ist nicht das, was hier passiert. Ich glaube, die Oesterreicher nutzen die Heilhypnose, wie sie sagen, vieel haeufiger als wir hier in der Schweiz. Das kommt vielleicht daher, weil auch Freud von der Hypnose ausgegangen war. Die Psychoanalyse ist sicher sehr verwandt, und ich wuerde behaupten, der patient auf der Couch ist die meiste Zeit in einer Trance.
...
Kennst Du Bichsels Geschichte "Amerika gibt es doch". Gestern hat hier Ben gekocht. Sie hatten einen Japaner eingeladen und wir hatten einen vergnuegten Abend. Ich wurde gefragt, weshalb ich denn nach NY gekommen waere. Und ich wollte es etwas spassig machen und meinte, nun, ich wollte doch endlich testen, ob es dieses Amerika wirklich gaebe. Man werde in Europa den Eindruck nicht los, das ganze sei bloss eine perfekte Holliwood-Produktion. Koennte doch sein, dass das alles nur eine grossangelegte Fernseserie sei, die wir in Europa am Fernsehschirm mitbekommen und naiverweise glauben. Na ja, Bichsels Geschichte hat ja dann noch den Reiz, wie er diese Reise beschreibt, diese Karawanne, die immer laenger wird, weil sie mehr Schiffe, mehr Wagen, und Wagen fuer die Wagen und Schiffe fuer die Schiffe brauchen. Es wird ein zwar globales, aber hoffnungsloses Unterfangen. Aber der erste Gedanke, mit eigenen Augen zu sehen und testen, was ist, der ist doch gut und vielleicht mehr ein amerikanischer als ein europaeischer Gedanke.
Jetzt muss ich aufhoeren. Ich bin immer noch im Pyjama hier am PC. Meine Kaffeetasse ist leer. Und eben hat mein Wecker gelautet. Das heisst, duschen und vorwaerts machen.
Ich wuensche Dir einen schoenen Tag und sende, bevor die ganze Sache abstuerzt.
Mit Kruessen (Gruessen und Kuessen)
...
Sonntag, 15. Dezember 2019
Seit heute Nacht ..
Ämne: Seit heute Nacht..
Datum: den 26 augusti 07:04
Lieber ...,
Es ist noch früh am morgen. Dann ist die Welt am schönsten. Die Felder leuchten golden in der frühen Sonne und der Himmel ist von einem Blau, das ich als Babyfarbe bezeichnen möchte. ;-)
Krüssen klingt wohl nicht allzu verlockend. Süss und klebrig? Wie der Apfelpaj gestern. Der hat an und für sich nach mehr geschmeckt.
Es soll doch keine Kritik sein. Ich liebe es, wenn du die Leute um dich karaktärisierst. Es macht dich irgendwie lebendiger. Setzt dich in einen Zusammenhang. Aber ich möchte nicht dabei sein. Es ist wahr. Leute verändern sich wenn man sie kennenlernt. Aber natürlich gilt auch oft das erste Urteil.
"Il faut de tout pour faire un monde". Das ist um so wichtiger in unserer klonisierenden Welt. Stell dir vor, nur ein Mann, eine Frau, ein Hund, eine Katze u.s.w. Keine Vielfalt mehr. Keine Eigentschaften, die wir bevorzugen können oder über die wir uns ärgern können. Ich weiss nicht auf welchen Weg die Menschheit geraten ist.
*
Du warst sicher gestern ein ausgezeichnetes Opfer. Ich frage mich manchmal wie ich auf Hypnose reagieren würde. Der Bruder des Freundes von meinem Onkel, derjenige der ein riesiges Werk über Daemonologie geschrieben hat, war auch Hyptnotiseur. Und weil ich ganz unbeschwert über dieses Hypnotisieren gelacht habe (ich glaube ich war damals erst 17) so hat er versucht mir seine Kraft zu beweisen. Ich muss zugeben, es gab etwas unheimliches in seinem Blick aber er hatte keinen Erfolg bei mir. Doch ich weiss dass du nicht von solcher Hypnose sprichst sondern von Selbstsuggestion. Oder ist es das immer? Erzähl mir darüber.
*
Schade, dass deine Gastgeber heimgekommen sind. Ich habe mich schon so sehr an die grossen Portionen gewöhnt, dass ich wohl heute in Versuchung kommen werde andere Unnütze Dinge zu verschlingen.
Ja, diese Botteroleute. Es war wie ein lebendes Gemälde von B. Ich hatte alle Zeit das Bild zu studieren. Und dabei habe ich auch festgestellt, dass sie trotz ihres unförmlichen Körpers sehr schöne Hände hatte. Eigentlich waren es die Finger. Und noch dazu wohlgepflegte Nägel. Bei so dicken Leuten erwartet man meist, dass sie ungepflegt sein sollen.
*
Pensionieren lassen? Aber hör mal. Wie kommst du auf den Gedanken? Nein, aber frisch und stark möchte ich sein auch nach meinem Berufsleben, dann wenn ich Zeit habe meine Träume zu verwirklichen, d.h. mich "durch Europa hindurchzuessen". ;-) Erinnerst du dich?
Die Wiener haben wieder etwas schönes gemacht im Sommer, das mir auch sehr gefallen würde. Sie haben mit einem befreundeten Paar auf einem Hausboot gelebt und sind auf der Loire gefahren. Du weisst, das wunderschöne Loiretal mit seinen Schlössern. Und streckenweise sind sie geradelt. Wegen der Wärme sind sie bis an den Atlantik gefahren und haben sich dort abgekühlt. Ich glaube wirklich, dass diese Frau das Leben hat, das ich mir gewünscht hätte. Warum habe ich mich damals nicht in ihren späteren Mann verliebt. Er hat in unserer Familie gewohnt, während er in Schweden ein Praktikum gemacht hat. Dann hätte ich auch auf dem grossen Ball des Jahres meinen Einzug in die wiener Sozietät gemacht. Ich glaube diese Leute leben ziemlich angenehm. :-)
*
Seit heute Nacht ist nicht viel passiert. Weiss nicht einmal was ich geträumt habe. Aber nun sehne ich mich nach einer guten Tasse Kaffee (oder zwei) und dazu werde ich es dir nachmachen und Wasa Knäckebrot essen. Am liebsten mag ich das dunkle Roggenbrot während K das Weizenbrot bevorzugt. Und ein gekochtes Ei dazu gibt, wie du sagst, einen guten Grund für spätere Grosstaten. Zwei Eier könnten bei einem Mann wohl eher gefährlich sein. ;-)
*
So, mein lieber Mausfreund. Ich lasse dich. Je te laisse. Et comme toujours je t'embrasse et te souhaite une très bonne journée,
BB
Marlena
Re: Gemischtes Nichts
Ämne: Re: Gemischtes Nichts
Datum: den 26 augusti
Datum: den 26 augusti
Liebe Marlena
Kruessen, na ja, wenn Du nicht weisst, was das ist, wie soll ich das sagen? Es ist sozusagen eine Sorte Konfituere. Eingemachtes Gemischtes. Darunter kann man sich doch was vorstellen, oder etwa nicht? Klebrig ist es auf jeden Fall. Und suess dazu. Ich meine, das sollte als Erklaerung genuegen. Sonst musst Du im Lexikon nachschauen.
Ja, Deiner war ein merkwueriger Tag. Und die Bottero Leute! Ich weiss erst seit der kolumbianischen Aertztin, dass Bottero ein Kolumbianer ist. Das wusste ich nicht. Hier in Amerika gibt es schon einige dicke Leute, aber doch nicht soviele, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und kuerzlich sah ich einen Film aus England ueber dicke Menschen. Ich haette mir nie vorstellen koennen, dass Englaender so dick werden koennen. Die sind doch von Natur duenn!
Ich bin nicht so streng mit den Leuten, wie du denkst. Meine Aeusserungen sind nur solange moeglich, als ich nicht mit ihnen in Kontakt bin. Sobald ich sie kenne, werde ich sehr tolerant. Du wuerdest bei mir sehr gut abschneiden, kann ich Dir versichern. Ich glaube, Du waerest ein "impressionistisches Bild". Es ist wahr, die erste impressionistische Ausstellung, die ich gesehen hatte, war auch die im Jeu de Paume. Und das war eine solch gute Astmosphaere da drin. Man hatte das Gefuehl, die Bilder wuerden nur fuer dich dort hangen. Als ich sie dann wieder im Gare de xxx gesehen habe, kam mir alles so anonym und gross vor. Ich hatte den Eindruck, es sei ein Verlust. Aber natuerlich war die Situation dort, angesichts der vielen Besucher, unhaltbar geworden.
---
Heute haben wir Uebungen gemacht im Kurs. Es kommt darauf an, die Logik der Technik durchzuhalten. Es ist wie ein Spiel, aber die Spielzuege sollte man einigermassen ueberblicken. Das zu lernen, dazu sind wir da. Ich habe mich vor dem ganzen Kurs als Patient zur Verfuegung gestellt und bin mit hellem Applaus fuer meinen "Mut" belohnt worden. Na ja, es macht schon ein bisschen gespannt, vor so vielen Leuten sich auf sich selbst zu konzentrieren. Aber es hat nicht schlecht gewirkt. Es ist natuerlich immer sehr viel Suggestion mit dabei. Die ganze Uebung soll der Staerkung der Identitaet dienen. Du wirst sehen, wie ich nur noch davon spritze.
Ich muss leider zum Ende kommen. Meine Gastgeber sind heimgekommen. Und Du weisst schon.
Ich wuensche Dir eine gute Zeit.
Liebe Kruesse
...
Gemischtes Nichts..
den 25 augusti 23:01
Gemischtes nichts..
Lieber ...,
Oh, wie bist du hart in deiner Beurteilung von anderen
Menschen. OK, auf einige lässt du ein bisschen Glanz
fallen... aber doch. Ein Glück, dass sie nicht wissen, wie
sie von einem scharfsinnigen Psychologen durchschaut
und einrangiert werden. ;-) Ich kann es nicht seinlassen
mich dabei zu fragen, was du wohl von mir denken würdest
bei einer ersten kurzen Betrachtung.
*
Heute ist absolut nichts passiert. Habe meine Sorgenklasse
gehabt. D.h. einige Schüler sind brav aber leider sehr
unbegabt, andere sind faul und noch welche kommen und
gehen wie es ihnen passt. Diese Klasse habe ich von der
Kollegin, die voriges Jahr den Beruf verlassen hat,
übernommen. Bei manchen Schülern musste man sich
fragen ob sie überhaupt je dieses Fach gehabt hatten (wo
sie es doch schon vier Jahre gelernt hatten). Na ja, sie sind
exceptionell und diejenigen in der Klasse, die normal sind,
tun mir etwas leid. Ihretwegen versuche ich gute Miene
zum bösen Spiel zu machen.
*
M. hat mich aufgesucht nach der Stunde und lange von sich
selbst erzählt. Ich merke, dass sie sich aussprechen muss.
Seit ihr Sohn J. nun das Haus verlassen hat (er hat mit
seinem Freund eine Studentenwohnung in ...) beginnen die
Männer um sie zu schwirren, wie Motten um das Licht.
---
Dann hatte ich einen Termin beim Arzt. Er ist ein Mensch,
dem man nicht seine Sorgen anvertrauen würde. Vielleicht
kann er diagnostizieren.. aber man verlangt etwas mehr von
einem Arzt. Ich war vielleicht etwas früh gekommen, oder
war er verspätet. Ich hatte keine Uhr bei mir. Jedenfalls
habe ich ziemlich lange im Wartezimmer gesessen. Nur
6 Stühle gab es da und daneben einen langen Korridor
mit blank polliertem Fussboden, in dem man sich hätte
spiegeln können. Ab und zu ging ein Arzt oder eine Ärztin
vorbei mit energischen Schritten und Fussrichtigen
Schuhen. Und dabei dachte ich, dass ihr Beruf nicht so
glamourös sein kann, wie ich ihn mir mal vorgestellt habe.
Sie sahen ziemlich erschöpft und irgendwie vernachlässigt
aus. Ich meine, als Lehrer könnte man nicht so vor die
Schüler treten. Sie würden vom blossen Anblick müde
werden.
Neben mir sass ein Junger Einwanderer. Es gibt ziemlich
viele dieser Sorte bei uns. Und dann kam ein Paar und
setzte sich mir gegenüber in die Stühle. Eigentlich war
es eine Bank mit zwei Sitzplätzen. Sie waren jung, vielleicht
so 25 und beide so dick, dass sie die ganze Bank mit ihren
Körpern ausfüllten. Plötzlich sah ich sie wie ein Gemälde
von Bottero und ich wünschte ich hätte sie heimlich foto-
grafieren können. Die Schenkel der jungen Frau waren
so dick wie mein ganzer Körper und sein Gesicht sah aus
wie eine Birne.
Er erinnerte mich an diesen dicken französischen König,
der wie eine Birne aussah. Und doch waren ihre Gesichter
ganz zufrieden, so wie Botteros Menschen eben meist
aussehen. Ich mag diese Welt von Dickusen bei Bottero
aber im RL tun mir die Leute doch leid, denn ihre Figur
muss ihnen einiges im Leben erschweren.
---
Heute abend habe ich in meinen Papieren herumgewühlt.
Nun liegen sie in Haufen um mein Fauteuil im Allzimmer
herum. Ein Glück, dass du das nicht sehen kannst. Es wäre
keine gute Reklame für Marlena. Ich muss endlich mal
aussortieren und einsehen, dass Dinge die ich zehn Jahre
lang nicht gebraucht habe wahrscheinlich auch in Zukunft
nicht Verwendung finden werden.
Am Nachmittag war ich bei Lisa oben. Die Katzenmutter.
Und klein Misty hat mir meine Seele warm geschnurrt.
Ach,wie schön es ist von jemanden so gemocht zu sein.
Lisa hatte mir einen herrlichen Paj gebacken. Er schmeckt
ganz wunderbar, ein bisschen wie Apfelstrudel, und ich
habe ihn eingefroren damit er sich bis zum Wochenende
hält.
*
Für einen Tag, an dem absolut nichts passiert ist, ist es
doch ein ziemlich langes Mail geworden. Lang und
wahrscheinlich auch lang-weilig. Aber so ist das Leben.
Hier jedenfalls.
*
Jetzt hast du wieder ein wenig Gesellschaft um dich herum.
Du wirst bestimmt noch einiges erleben in diesem Kurs.
Ich bin gespannt und neugierig. Und ich freue mich schon
auf dein nächstes Mail. Es ist schön den Tag mit einer Dosis
Harroin zu beginnen. Mein Lebenselixir. :-)
Erkläre mir genau was "krüssen" ist.
Mit einem lieben Gruss und Kuss,
Marlena
Freitag, 13. Dezember 2019
Tag 6 - 1. Kurstag
Ämne: 1. Kurstag
Datum: den 25 augusti
Liebe Marlena
Ja, die Carolina Klueft, ich kenne sie zwar nicht, aber ich glaube, ich habe schon von ihr gehoert. Schoen, wie Du fuer sie Wind machst. Das finde ich echt patriotisch. Wenn ich den Namen hoere, dann stelle ich mir unter einer schwedischen Carolina ein engelhaftes, engelblondes beinahe fliegendes Wesen vor, fuer das es natuerlich keine Sache ist, im Weitsprung noch im letzten Versuch die Hoffnungen der Franzosen zunichte zu machen. Ich finde es immer schoen, wenn Leute von kleinen Nationen gewinnen. Small ist einfach beautiful, nicht wahr.
Ja, heute hat er Kurs angefangen. Wir sind ein internationales Gemisch. Da gibt es eine Tuerkin aus Istambul, sehr gut gekleidet und chique, ein Franzose, der aber in den Staaten lebt, ein Brite, der in London bei einer schweizerischen Bank arbeitet, eine Mexikanerin, die Taenzerin ist und voller Energie dasitzt, eine Venezuelanerin und daneben noch einige Amerikanerinnen und Amerikaner. Einer hat mir schon vorgerechnet, wie seine Vorfahren vor 400 Jahren aus der Schweiz ausgewandert sind. Er heisst Rosenthal. Und die andere Seite seien Russen. Nun habe ich in der Schweiz noch nie einen Rosenthal getroffen. Na ja, vielleicht eben, weil sie ausgewandert sind. Aber vielleicht denkt er auch, die Schweiz sei das suedlichste Bundesland hinter Bayern. Er lebt in Florida. Ich glaube, ich muss ihn naeher kennenlernen, ich wuerde gerne mal nach Florida. Dort haben sie keine Jahreszeiten, die Armen, und wissen nicht, was Schnee ist, die Alleraermsten. Der Brite spricht neben seinem feinen Akzent auch Deutsch und Franzoesisch. Das habe ich bisher nirgendwo gesehen bei einem Briten. Er ist ein bisschen scheu, auch das echt britisch. Die Amerikanerinnen scheinen mir die komischsten Wesen im Kurs. Die eine ist etwas unfoermig, dick aufgepudert. Die zweite wirkt asketisch tantenhaft. Und die dritte ist auch ziemlich rund und schaut grimmig in die Welt. Ich weiss nicht, was die Amis mit ihren Frauen machen. All die anderen, die ich aufgezaehlt habe, sind gut doppelt so sympathisch, wenn man sowas ueberhaupt quantitativ fassen kann. Unter den Maennern sind mindestens drei, vielleicht vier Juden. Einer traegt diese kleine Kappe und sieht ziemlich unappetitlich aus. Die anderen sind passabel, einer ein bisschen vorlaut, aber nicht ohne Witz. Kurz und gut, ich bin hier in eine echt internationale Sauce geraten. Und ich werde versuchen, das Beste draus zu machen, und natuerlich das Ansehen der Schweiz zu mehren, wie Du das ja mit Deiner Carolina auch tust. Ein bisschen Chauvinismus ist doch ganz gut, nicht wahr?
Heute habe ich nach dem Kurs noch rasch eingekauft. Ich habe meinen Gastgebern alle Knaeckebrote und den Kaffee aufgebraucht. So dachte ich, ich muesste Nachschub holen. Das ging ueberraschend gut. Ich habe sogar dieselben Wasa Brote gefunden. Und den Kaffee fuellt man in einen Sack und malt ihn dann an der Maschine. Ich glaube, das gibt es in der Schweiz nicht mehr. Bei uns kauft man bloss noch vakuumverpackten Kaffee. Nur an der Kasse hatte ich ein Foul begangen. Es gab zwei Kassen, und davor eine Schwarze, die wartete. Ich dachte, sie stehe vor der linken Kasse, und sobald die rechte frei war, ging ich hin. Aber Olala. Sie meinte, da gaebe es eine Queu (wie schreibt man das wieder?). Das hat mich doch sehr an England erinnert. Und dann habe ich gewartet, und ein Maedchen hat mich ueberholt, weil ich das System immer noch nicht begriff. Dann hat sie ihr Vater zurueckgepfiffen und mich vorgelassen. Das erinnert mich wirklich an England. Das hatte man uns vor unserem Ferienkurs in Bournemouth sehr eingeschaerft, wie man Schlage stehen soll. Sogar wenn man einziger ist, der wartet, soll man eine Schlange machen. Ich finde das ja auch eine sehr gute und faire Sache. In der Schweiz hat sich diese Gewohnheit etwas abgeschwaecht. Man wartet in Traubenform, also das Darwin-Prinzip. Und das gibt immer ein bisschen ein Gerangel. Und dabei sind die huebschen Frauen schwer im Vorteil. Das ist unfair, wo sie doch schon sonst ueberall Vorteile haben.
Und jetzt sitzte ich vor meinem Columbianischen Kaffee, nachdem jene Aerztin mir versichert hatte, Kolumbien exportiere erstklassigen Kaffee und erstklassige Drogen. Die Drogen versuche ich spaeter mal.
Gerade sind meine Gastgeber heimgekehrt. Wir hatten uns in Flushing Meadows verpasst. Aber das macht nichts. Es gab dort fuer meinen Geschmack zuviele Leute und Kinder. Und es war sehr heiss. Als ich wieder im eiskalten Kuehlschrank der Untergrund sass, war ich ganz erschoepft. Aber auf dem Rueckweg musste ich nicht mehr auf die Stationen achten, um nicht die meine zu verpassen, so konnte ich ein bisschen doesen. Neben mir sass eine suedamerikanische Familie mit einem suessen Maedchen. Die Mutter und ihre Schwester waren sehr breit. Es ist erstaunlich, zu was sich eine solch suesse Kreatur spaeter entwickeln kann. Na ja, die Suedamerikaner neigen etwas zur Korpulenz, zumal sie alle etwas klein sind.
Und jetzt wuensche ich Dir eine schoene Woche. Bei uns ist jetzt erst Sonntag Abend. Ich weiss noch nicht, was ich heute abend tun soll. Vielleicht gehe ich hier nach St. Marks, da ist viel los. Aber es ist eher fuer junge Leute, die sich kennen und treffen, nicht fuer alte Intellektuelle, die bloss zuschauen.
Ich wuensche dir eine gute Zeit
Miet lieben Kruessen
...
Donnerstag, 12. Dezember 2019
5. Tag - 5. Avenue
Ämne: 5. Avenue
Datum: den 24 augusti
Liebe Marlena
Heute habe ich mir die 5. Avenue drangenommen und von der 42. Strasse bis hinauf zum Central Park mit eigener Zunge gewischt. Es war warm. Aber es herrschte auch irgendwie Wochenendstimmung. Die Leute waren besser gekleidet als an Wochentagen. Und die Laeden voll. Ich habe mir ein kleines Kitsch-Souvenir gekauft. Aber ich bin nicht soweit gegangen, jenes zu waehlen in der Glaskugel, das, wenn du schuettelst, Schnee aufwirbelt. Die 5. Avenue ist eine der schickeren Strassen. Es gibt viele Kleiderlaeden, und ich bin sogar - was ich sonst kaum in meinem Leben tue - hineingegangen und habe geschaut, was es so gibt. Es gibt jede Menge Jeans. Und jene, die schon 5 Jahre alt und verbraucht aussehen, die sind die teuersten. Frueher, zu unserer Jugendzeit, hatte man gesagt, man soll die neuen Jeans anziehen und damit in die Badewanne mit Kaltwasser steigen, um sie schliesslich am Koerper wieder trocknen zu lassen. So wuerden sie am besten sitzen, behaupteten Kenner der Materie. Aber was damals "sitzen" hiess, ist wohl heute ziemlich locker.
In einem italienischen Lokal habe ich eine Pizza gegessen, die echt gut war. Na ja, vielleicht hat mein Hunger noch einiges dazu getan. Aber ich hatte wirklich den Eindruck, sie sei ausgezeichnet. Und fuer diese Gegend auch nicht teuer. Wenn ich nochmals in diese Gegend komme, werde ich noch eine versuchen. Sie haben verschiedene Sorten, mit Spinat, Broccoli, Tomate, Pilzen. Und irgendwie schaffen sie es, dass diese Zutaten obendrauf ganz frisch wirken, nicht wirklich ausgebacken und trocken. Das macht es saftig und locker. Also, einfach exzellent. Man koennte dazu "Santa Lucia ... " singen.
Als ich dann um 6 p.m. ungefaehr wieder bei der Central Station war, war ich totmuede. So bin ich in die Empfangshalle des grossen Hyatt Hotells und habe mich in einen dieser weichen Plueschsessel fallen lassen. Man muss einfach etwas cool und gelangweilt in die Welt schauen, dann kann man sowas tun. Ich habe sogar die Fuesse auf das kleine Tischchen gelegt, um echt amerikanisch und etwas ungehalten auszuschauen, eben wie jemand, den man viel zu lange warten laesst. Ich glaube, ich habe ein kleines Nickerchen gemacht in allerbester Atmosphaere. Und dann habe ich eine Ecke der Halle gezeichnet und mein Tagebuch etwas nachgefuehrt. Unterdessen hatte sich rund um mich eine Runde von Schwarzen niedergelassen, die sich fuer den Ausgang verabredet hatten. Sie waren alle nett angezogen und in bester und irgendwie hungriger Stimmung. Ich glaube, man sollte sich diese Hotel-Lobbies einfach im Hinterkopf merken. Man kann dort sehr gut Treffpunkte abmachen, denn sie sind 1. eindeutig, 2. vor allfaelligem Regen geschuetzt, 3. ohne Konsumzwang, 4. gute Adressen, 5. huebsch zurecht gemacht und gepflegt sowie 6. eben fuer solche Dinge wie Treffen und Verabredungen gemacht. Wenn wir uns mal irgendwie und irgendwo im Leben treffen sollten, dann - meine liebe Marlena - wird es in einer Hotel-Lobbz sein, darauf kannst Du Gift nehmen. Es ist einfach kein Vergleich zu einer windigen Strassenecke. Und ich bin ueberzeugt, die Hotels haben absolut nichts dagegen. Sie wuerden sich eher Sorgen machen, wenn ihre Lobbies leer blieben.
Als ich dann wieder etwas Kraft in den Beinen hatte, bin ich noch nach Osten zur UNO gepilgert. Das war ich S. schuldig. Schliesslich hatte sie mal bei dieser Bude gearbeitet, und ebenso ihr Vater. Ich glaube, es war damals im Iran ein erstklassiger Arbeitgeber. S. hatte fuer ihr Alter einen riesigen Lohn. Und eine Rente in Dollars, wie das mein Schwiegervater hatte, und die Schwiegermutter heute noch geniest, das ist bei den Inflationsraten des Rials ein Geschenk des Himmels. Doch das UNO Gebaeude lag im Wochenend-Schlaf. Keine Fahnen, ausser die blaue Unoflagge. Vielleicht haben sie die Fahnen auch zur Trauer zurueckgenommen. Das weiss ich nicht. Das lustigste war, dass ein Bettler, ein Penner, ein homeless - wie sie hier sagen - mit einem Waegelchen und einem riesigen schwarzen Plastiksack ueber die Strasse kam. Du lachst, aber er sah wirklich aus wie Kofi Annan, wenn er morgens noch ungewaschen und ungekaemmt aus dem Bett steigt. Ich musste lachen, als ich den Kerl sah.
Und so habe ich auch meinen 5. Tag hinter mir. Die Zeit fliegt . Aber ich merke auch, dass ich etwas schneller muede werde als am Anfang. Deshalb ist es gut, wenn der Kurs beginnt. So kann ich mich richtig ausruhen. Das hoert sich vielleicht komisch an. Aber Trance-Kurse sind die einzigen, die ich kenne, die so entspannend und beruhigend sind. Deshalb bin ich ja schliesslich - unter anderem - nach N.Y. gejetet. Ich bin gespannt, welche Art von Leuten sich im Kurs zeigen werden. ich weiss nur von der Kollegin aus Genf, die kommen wird. Wir haben uns geschworen, wir wuerden Europa bis auf den letzten Tropfen Blut verteidigen. Und das tun wir fur Euch dort drueben, hinter dem Ozean.
Ich wuensche Dir ein gutes Wochenende. Es freut mich zu hoeren, dass Du wieder im Element bist und das Du es geniesst. So soll Arbeit sein: Spass machen. Na ja, zumindest mehrheitlich.
Mit lieben Gruessen und so
....
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